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waren recht wenig junge Leute zu sehen. Verschiedene Krr^ tiker von Ruf wurden durch ihre Gattinnen vertreten; einige trugen Uniformen, und der Uniform gegenüber spielten die spärlichen GesellschastSanzüge natürlich eine höchst bescheidene Roll«, Die Damen erschienen in sehr einfachen Toiletten, und dieses ungewohnte Auftreten vor einem Tbeatervorhang diente gewiß nicht dazu, ihre Behaglichkeit zu erhöhen. Aber immerhin, e3 war eine Generalprobe, und so konnte man sich ernreden. Saß man allmählich zu normalen Zuständen auch im Pariser Theaterleben zurückkehre ... Die Vorstellung fand im Icheater Antoine unter der Leitung von Gönner statt. Zur Aufführung gelangte eine Kriegsrevue. Ihr TitelDie Hunnen und die andern" sagt eigentlich schon genug über ihren Charakter. Inhalt der Szene war die patriotische Er- Hebung am Vorabend des Krieges und in den darauffolgenden Wochen. Eine Szene schildert z. B. die Eindrücke, die das Publikum während eines Besuches derTauben" hat. Unter den Opfern des Krieges, über die die Verfasser herziehen, be­findet sich ein Hausbesitzer, dem niemand die Miete zahlt und der daher zum Betteln gezwungen ist. Die Mitwirkem­den waren sämtlich Schauspieler von Ruf. So stellte sich Gönner, der Leiter des Ganzen, in der Uniform des Generals Cambronne vor. der sich bitter darüber beschwert, daß er n-ur durch seine allzu bekannte grobe Antwort bei Waterloo und nicht durch seine sonstigen Taten auf die Nachwelt gekommen ist. Aber in diesen Zeiten der Freundschaft mit England mußte natürlich etwas Besonderes geschehen, wenn man an jene Zeiten vor IN» Jahren erinnern wollte, in denen die Engländer und Franzosen nicht ganz so brüderlich vereint waren. Cambronne versöhnt sich also in dieser Revue mit dem Herzog von Wellington, und der Schatten Napoleons wird höchstselbst bemüht, um zu diesem Bündnis seinen Segen 8 u geben! De Max erscheint in verschiedenen Rollen, so auch ,n der einesHaarmenschen", der in allem Schmutz und Staub frisch aus dem Schützengraben zwischen zwei Sturm- angriffen kommt es gehören wirklich Pariser dazu, um diese Inszenierung des Schützengrabens auf der Bühne er. tragen zu können, während nicht gar zu weit vor ihren Toren noch immer die Wirklichkeit Tag für Tag ihre blutigen Opfer fordert. Natürlich darf auch Joffre in dieser Revue nicht fehlen; er erscheint und schreitet über die Bühne, während die Soldaten schlafen, aber er spricht kein einziges Wort ttotzdem erhält er seinen donnernden Applaus, ebenso wie König Albert, der selbstverständlich auch in dieser Revue auftritt.

Das Leben in Warschau.Es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Den ganzen Abend haben wir nu,l bei dem PrächtigenKivaß" gesessen und den träumerischen Klängen der Zigeunermusik gelauscht, die einen erregt und ein» schläfert, ähnlich wie Opium. Es ist wie der dritte Akt in einer modernen Operette: das glänzend erleuchtete Restaurant, die funkelnden Uniformen der Offiziere, die sich harmonisch mit den schönen Kleidern reizender Polmnen zu einer Farbensinfonie vermählen; hie und da Gelächter und Singen kurz, was man so einelusttge Nacht" nennt." So schil­dert der engliscl>e Berichterstatter Ferdinand Tuchh seine Warschauer Abende, die er im elegantesten Hotel mit den russischen Offizieren verbracht.Ich weiß, was der Mann im Zuschauerraum zu solch einer Szene sagt:Das ist eben das Unnatürliche an solchen Bühnenbildern. Die Burschen wür­den sich ganz anders benehmein, wenn sie wirklich am nächsten Morgen in die Schlacht müßten!" Nun, wir treten hinaus aus dem richterfüllten, von Lärm und Musik durchdröhntcn Lokal. Keine 40 Kilometer entfernt, die breite Straße zu «unserer Rechten immer entlang, da ist Rußland und Deutsch­land tu einem der blutigsten Kämpfe begriffen, die die Welt kennt. Die Offiziere, die wir in dem Restaurant sahen, haben nur für ein oder zwei Stunden die Schützengräben verlassen. Wennausgelöscht" wird, daun springen sie in ihre Automobile und kehren zurück an die Ufer der Rawka und der Bzura." Rauschende Vergnügungen» ein lustiges und frivoles Leben herrscht in den befferen Restaurants und Hotel» der polnischen Hauptstadt; der englische Beobachter findet hier dieselben Szenen, die im ruflisch-japanischen Krieg hinter der russischen Front vor sich gingen. Der Offizier des Zaren will sich ruslebsn", bevor er dem Tode inS Angesicht schaut. Girre überschäumende Lebenslust schlägt hier ihre hoben Wellen ganz dicht neben dem Reich des Tode» und der ewigen

Nacht. Warschau ist nicht dunkel und düster wie London» sondern alle Bogenlampen funkeln im blendenden Licht, der Engländer kommt zu dem Schluß,daß je näher die Leut« an der Feuerlinie leben, desto leichtsinniger sind sie, desto weniger bedrückt von dem Schrecken deS Krieges. Wir wissen sehr gut, daß täglich ein paar Tausend Verluste zu verzeich­nen sind, denn wir sehen die Verwundeten auf den Straßen der Stadt und in den vorbeikommenden Eisenbahnzügen; wir wißen, daß das Gespenst eines nahen Todes über jedem lauert, nicht nur, weil es viele Krankheiten im Warschau gibt, sondern weil täglich deutsche Tauben über uns schweben und todbringende Bomben niederfchleudern. Aber obwohl ste daS alles wißen, haben sie sich doch ihr Lachen bewahrt, umb eS ist ein lustiges Warschau mit Puccini in der Oper und einer tollen Posse im Nowoski-Theater, so wie es die Soldaten auf kurzem Urlaub lieben und brauchen. Man hat sich in Warschau an alles gewöhnt, an die Schlachten, die ringsherum toben, an die täglichen Fliegerangriffe der Deutschen, und an di« Stelle der wilden Angst ist die Gleichgültigkeit getreten, ein ausgelassener Galgenhumor uitd eine verzweifelte Lustigkeit, die zu Englands trübem Ernst «und dem frostig langweiligen Leben in London in einem starken Gegensatz steht."

Pariser Kriegsjahrmarkt. Zwischen der Chaussee d'Antln und der Rue du Havre ist der Boulevard Haußman fast völlig eingerahmt von zwei großen Warenhäusern, die von Jahr zu Jahr ihre Fassaden weiter ausdehnen und die noch übrig- gebliebenen Privathäuser verschlingen. ' Von zwei bis fünf Uhr nachmittags ist der Bürgersteig vor diesen beiden Waren- Häusern der belebteste von ganz Paris: elegante und etn-

facbere Frauen drängen sich hier; es wimmelt von Menschen. Gegenüber diesen riesigen Verkaufsläden auf dem Streifen zwischen Bürgersteig und Straße sind nun plötzlich neue Ver- kaufsstände ansgewachsen; Straßenverkäufer haben sich hier niedergelaßen, und fliegende Händler treiben ihr lautes Ge- schüft zwischen dem Menschenstrom. Ein Kriegsjahrmarkt hat sich entwickelt, auf dem allerlei Kleinigkeiten, Aktualitäten vom Tage, feilgeboten werden, und die Pariser Blätter ent­werfen ein buntes Bild von diesem merkwürdigen Leben. Bis auf den Bürgersteig schieben sich die kleinen Gefährte, dle mit allerlei Waren beladen sind. Tische auf ivackligen Deinen und kleine Budiken; die Leute bleiben stehen und drängen sich dicht um eine abenteuerliche Gestalt, die mit unermüd­lichem Redeschwall das Allerneueste anpreist. Man ahnt gar nicht ivas für tausenderlei Dinge eS auf diesem Frelluftmarkt zu kaufen gibt: Veilchen Papier, Feldpostkarten, Feuerzeug«, Pfeifen, Lorgnetten, Brillen, Medaillen, Amulette, die Glück bringen, Pasteten u. a. M. Patriotische Schmucksachen wer- den in überfülle angeboten; sehr bettebt ist z. B.sein Käppi", eine kleine Metallbrosche, die mit einer Nadel an der Taille angesteckt wird und von der der Ausrufer sagt« Welches Andenken ist wohl persönlicher, zarter und schöner? Sein Käppi paßt zu jeder Mutter, zu jeder Schwester m jeder Gattin, zu jeder Freundin." Ein Händler verkauft Bügel für die eleganten Taschen, die augenblicklich von den Damen so viel getragen werden. Im Warenhaus nebenan kann man für solch einen hübsch ausgeführten Bügel 10 Fr. und mehr zahlen: er gibt ste Stück für Stück zu 1.25 Fr., und man kann sich auswählen, was man für einen will. Gold oder Silber, und auch die allergrößten kosten nicht mehr. Sein Nachbar bietet einen Gegenstand an, dem er den merkwür­digen Namendie Göttin" verliehen hat. Es ist eine Art Kamm in Verbindung mit einer Schnur, wodurch das Flechten dos Zopfes sehr erleichtert werden soll. Der Erfinder führt sein Patent an einem falschen Zopf mit großer Behendigkeit vor und hält den Vorübergehenden die Haare unrer die Nase, wobei er ruft:Statt sich mit den Haarnadeln ins Bett zu lagen die in den Kopf stechen, ist hundertmal besser, sich schnell die Haare zusammenzu flechten!" Eine Frau schreie Eukalyptus ausgegen den Schnupfen, gegen die Gicht und gegen Herzweh": ein Pastetenbäcker empfiehlt feinebelgt- scheu Kuckten", die so nahrhaft sind, daßein einziger eine Berliner Familie 14 Tage lang ernähren kann." Die neuesten musikalischen Schlager werden fetlgebvten, Gaßenhcnter neben patriotischen Liedern: da steht man dieKaiserlich russische Hywite" mit dem Wappen deS Zaren auf dem Vorderblatt und hört Kriegslieder singen wieDi« 75er gehören unöl" ufw. Man kann auch Nachthemden kaufen. Korsettschoner ober Unterbeinkleider, die den stolzen NamenIdeal" führen. Eine Wahrsagerin lehrt gegen ein Geringe» jeden»selbst au» den Karten die Zukunft zu lesen", eine Kunst, die von sehr vielen begehrt wird. Eine andere Händlerin bietetechte irische Spitzen" an. da» Meter zu 25 Centime». Der geschmacklosen Dchergartikel gibt e» unzählige. . . .

Dersmwvnlich für die S&ttfttoiuttQ: 8 #.

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