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Nr. 49.

Samstag» 27. Februar.

191b.

(6. Fortsetzung.)

Dore.

Roman von CE. Krickeberg.

Rachdruck verboten.

Mit deni Scharfblick der Liebe hatte Dore von An­fang an Liddys Taktik durchschaut: als Schwächling sollte sie Heinz erscheinen, dem alles Marklose so zu­wider war. Und sie fügte sich unbedingt in dre rhr aufgezwungene Rolle. Sie sah Heinz' wachsendes In­teresse für seine Cousine, und sie hatte kein anderes Be­streben mehr, als ihm das Loskommen von ihr und seinen eingebildeten Pflichten zu erleichtern. Dazwischen gab es freilich Augenblicke, in denen sie der Zweifel plagte, ob sie recht daran tue, den beiden den Weg zur Bereinigung ebnen zu helfen. Ob Heinz im Besitz der koketten, oberflächlichen, ränkesüchtigen Cousine glück­lich werden würde? Aber vielleicht hatten nur dre widrigen Verhältnisse in ihrem Elternhause die Ent­wicklung der guten Eigenschaften Liddys verhindert. Bon Zeit zu Zeit suchte Liddy diekleine Gärtnerin auf. Das war die größte Qual für Dore, denn wah­rend die Augen des gnädigen Fräuleins mit schein- baveur Interesse die Kohlbeete und Georginenstauden inspizierten, floß ihr Mund von boshaften Liebens- Würdigkeiten und aufhetzenden Dertraulichkeften über.

Es ist bewunderungswürdig, was Sie in so kurzer Zeit geschaffen haben! Aber warum quälen Sie sich o? Es ist das größte Glück meiner Verwandten, Ihnen ieistehen zu können, und Sie dürfen das doch auch mit Zug und Recht annehmen. Wenn Heinz eigentlich nur n dem Gedanken lebt, Ihnen zu dienen, so ist das ein- Fad) seine Pflicht und Schuldigkeit nach dem, was Sw »urch ihn gelitten haben. Sie würden sein Gewissen erleichtern, wenn Sie seine Hilfe annehmen wollten. Sie müssen doch auch selber sehen, daß er seine Schuld nicht einen Augenblick vergißt und in ewiger Angst schwebt, er könnte eine Pflicht gegen Sie vernach­lässigen. Er opfert sich auf für Sie! Wenn Sre es wünschen, würde er keinen Augenblick zögern, Sie zu seiner kleinen Frau zu machen. Warum fassen Sie lricht zn? Sie lieben ihn doch, nicht wahr? Nun, me- yiand würde eS Ihnen verdenken, am allerwenigsten ich, wenn Sie Frau von Grening würden." So schwatzte sie, Dore nicht einen Moment Zeit lassend, ein Wort einzuwersen, und mit dem Schein einer so ehrlichen Teilnahme, daß eS unmöglich tvar. ihr einfach den Rücken zu kehren., ^

Nach einem solchen Besuch fühlte sich Dore stets elend. Ein wahrer Ekel packte sie. und sie kam sich wie ein bejammernswürdiger Bettler vor, dem Mitleid der ganzen Welt preisgegeben. Eine wirksamere Ab- schreck»,igstheorie hätte für sie nicht erfunden werden können.

Häufig toar der Gärtner bei Dore, wenn Lrddy rhre Besuche im ehemaligen Müllergarten machte. Er ging scheinbar ruhig seiner Beschäftigung nach, aber er ach­tete dabei scharf auf das, was um ihn herum vorgrng.

8 in und wieder fing er auch ein paar Worte aus der nterhaltlmg der beiden Damen auf. und aus ihnen und Dores niedergedrückter Stimmung nach diesen Be­suchen erriet er die ganze Intrige.

Er hatte sofort gemerkt, -daß das Birkeichainer gnä­dige Fräulein darauf ausging, Majoratsherrin von Luisenwerder zu werden, und er sah. wie sie von Tag zu Tag der Verwirklichung ihres Planes einen Schritt näher kam. Früher hatte er gemeint, -daß Heinz Fräu- lein Werlich heiraten würde, und das hatte ihm inanche schwere Stunde bereitet, denn im verschwiegensten Win­kel des eigenen Herzens lebte eine tiefe Zuneigung für feine Schülerin. Wenn Heinz also die Birkenhainer zu seiner Frau machte, so war Dore frei. Trotzdem bereitete ihm dieser Gedanke nicht ein frohe Sekunde. Dore würde ihm dennoch niemals gehören, nicht weil er ihr, der Anspruchslosen, in seiner jetzigen bescheide- nen Stellung zu gering war, sondern weil sie ihn nicht liebte. Er sah scharf, denn er sah mit dem Herzen, und da konnte ihm Dores leidenschaftliche Anhänglichkeit für den Jugendfreund nicht verborgen bleiben. Nun, wenn es ihm selber nicht vergönnt war, sie glücklich zu machen, so wollte er sie doch wenigstens glücklich sehen. Außerdem war Klaus Nittmeier eine viel zu vornehm veranlagte Natur, als daß er die Pflichten der Dank­barkeit gegen die Familie Grening je hätte vergessen können. Wo es sich um das Glück eines Grening han­delte, mußte das seine selbstverständlich zuriicktreten, und was er dazu beitragen konnte, jenes begründen zu helfen, sollte ohne Zaudern geschehen. Heinz von Grenings Glück aber lag bei Dore und nicht bei Liddy.

Mit ihrem feinen Jnsünkt witterte Liddy in dem Gärtner ihren geheimen Widersacher: seine erzwungen pflichtgemäßen Höflichkeiten, die inquisitorischen Blicke, auf denen sie ihn zuweilen ertappte, rieten ihr, sich vor ihm in acht zu nehmen. Sie lachte verächtlich, warf den Kopf in den Nacken und rächte sich an ihm, indem sie ihn zwang, ihr widerwillig dienstbar zu sein. Hun­derterlei Gefälligkeiten verlangte sie von ihm: bald

mußte er sie über die Eigenart einer Pflanze belehren, bald ließ sie ihn von einer dringenden Arbeit holen, da­mit er ihr ein Warmhaus öffne; dann wieder verlangte sie eine seltene Blüte, die ihm besonders wert war, crb- geschnitten zu erhalten, oder sie nahm Fräulein Werlich in Beschlag, während er bei ihr war, um mit ihr in ihrem Garten zu arbeften. Die bereits fertigen An­lagen zum Frühjahr im Schloßpark mußten auf ihr Betreiben, weil sie sie geschmacklos gefunden und Heinz irgend eine neue Idee suggeriert hatte, noch einmal völlig umgearbeftet werden, und dann wieder gingen infolge der Nachtkühle eine ganze Anzahl wertvoller Treibhausgewächse ein. weil unbegveiflicherweise ein halbes Dutzend Scheiben im Warmhaus entzwei- geschlagen waren.

Es war ein unfreundlicher Herbsttag. Feucht» Nebel hingen in der Luft, und ein scharfer, unange­nehmer Wind wehte, aber Liddy hatte sich vorgenom- men, die Dohnensteige abzugehen, um die gefangen«« Vögel einzusammeln.

«Die kleine Gärtnerin geht gewiß mit!"