Lazarettes. Dienstagmittag liefe der furchtbare Kanonen- donner nach, und die Verwundeten-Äutomobile blieben aus. So hatten auch wir Zeit, unsere Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen.
Bald glich Laon einer deutschen Feststadt, die ihre Häuser mit Laub und Fahnen schmückt. Viele Fenster trugen grüne Girlanden und bunte Lamvions. Alle Kasernen und öffentliche Gebäude waren bekränzt. Den Glanzpunkt bildete das Rathaus, mit seiner schlichten und doch so vornehmen Fassade. Ans seinen Fenstern winkten die Fähnchen aller unserer Bundesstaaten. In geraden Linien brannten unzählige Jlluminationsflämmchen bis unter dem Dache. Ein mächtiger Adler leuchtete über einem W- TI. Der weite, bell erleuchtete Rathausplatz war rund herum mit hohen Fahnenmasten geziert und diese. wieder mit Girlanden umkränzt und mit sich verbunden. Eine unglaubliche Menschenmasse durchflutete die Strafeen, meist freilich unsere Feldgrauen, die aus allen Nachbarorten zusammengeströmt waren, aber auch viele Einwohner der Stadt. Ein überraschend prächtiges Bild war eS. das das Auge erfreute, als wir diesen Festpkatz betraten. Im Viereck den ganzen Platz umstehend, waren die Truppen, die Sanitäter und Krankenpfleger in Paradestellung, der Platz tageS- helk. der Himmel voll von goldenen Sternen. Die weit- geöffnet und hell erleuchteten Fenster des großen Festsaales ausgefüllt von den uns allen so lieb gewordenen Schwestern. Alle Gesichter leuchteten in Frohsinn und Freude. Kaum hatten wir die für uns bestimmten Plätze in der Mitte der grofeen Freitreppe eingenommen, da erklang schon die allen Deutschen wohlbekannt« Weise deS Zapfenstreichs. Durch die Rue de Cbatelaine kam in festem Tritt heranmarschiert die Ebrenkompagnie, geführt von ihrem berittenen Hauptmann, voran die wackere Kapelle unserer Wer. daS Ganze eingerahmt von Fackelträgern und viel Volk, genau wie wir es im Frieden zu Hause gewohnt find. Mehrere Konzertstücke und Vorträge de» bereits meisterhaft eingeschulten KriegSgesangvereinS der Sanitäter (unter Prof. Steins Leitung! bereiteten dann auf den Glanzpunkt des Abends, das große Locken und daS Schlußgebet, vor: Heilig war dis Stille, heilig feder Gedrnke, feucht manches Auges
Ties ergriffen verharrten die Tausenden von Menschen noch längere Zeit in lautloser Stille, dann ertönte das feste Kommando zum Abmarsch, und mit klingendem Spiel zog die Kompagnie zu den großen Lazaretten, um den hier mit wohl zu verstehender Sehnsucht wartenden Kranken und Verwundeten die gleiche weihevolle Freude zu bereiten.
Ein Intermezzo möchte ich nicht unerwähnt lassen, weil eS wesentlich dazu beitrug, da» Kriegsbild in den Vordergrund zu stellen. Mitten im Konzert ertönten plötzlich Kommandorufe, die Menge teilte fich, und von berittenen Husaren geleitet, marschierten 480. am Tage vorher bei Eraonne gefangene Franzosen auf, die von Bruytzres kommend, zum Bbtransvort nach Deutschland geführt wurden. Mit großem Interesse folgten fie den Vorträgen. Biele machten recht dumme Gesichter, da sie wohl nicht geglaubt hatten, daß es so bei uns direkt hinter der Front zugehen könnte. Ob fie wohl ihr altes Laon und den Rathausplatz wieder erkannt haben?
Noch war eS früh am Morgen, als flotte Militärmusik die Schläfer an di« Fenster rief. ES war das große Wecken, das unS alten und jungen Soldaten sagen sollte, daß der oberste Kriegsherr, unser geliebter Kaiser und König, zur Einleitung seines Geburtstags fich mit seiner Familie und mit ganz Deutschland rüstet, vor Gott hinzutreten und ibn im Gebete anzuflehen um weiteren gnädigen Schutz und baldigen herrlichen Sieg. Hatte der gestrige Abend schon einen schönen Tag erhoffen lassen, so war heute ein Kaiserwetter, wie man es schöner liicht ausdenkeii staun. Ein leichter Frost hatte alle Dächer, Bäuine und Zweige mit Ranhreif überzogen, die ganze Natur lachte bei' hellem Sonnenschein und tiefblauem Himmel im weißen Festgewande. Bon überwältigender Schönheit war der Anblick, den das stolze Laon selbst gewährte, unbeschreiblich großartig der Ausblick in die weite, leicht wellige, von kleinen Wäldern und Dörfern unterbrochene Ebene. Dazu das eben wieder stark einsetzende Donnern und Brüllen der Kanonen. Es hätte zu der ganzen Stimmung heute nichts fehlen dürfen. Auf den Straßen wogte bald wieder eine große Menschenmenge im Festkleids mit Helm und Waffenschmuck. Etwas früher als sonst wurde der StationSdienft versehen, damit auch unsere Kranken, soweit als möglich, an den Festlichkeiten teilnehmen konnten.
Da kurz vor 9 Uhr riefen uns ungewohnte Klänge an dt« Fenster und auf die Straßen. Daö wundervolle und weitberühmte Glockengeläute unserer schönen Kathedrale wurde an» gestimmt, und bald verkündeten sämtliche Glocken, die auf da» sorgfältigste aufeinander eingestimmt find, begleitet von den nicht minder schönen, schweren Glocken der naben St. Martin- Kirche die Bedeuttnig des Tages mit mächtiger Stimme weit in? Land und riefen uns zur Kirche. Auf 12 Uhr war der Glanzpunkt des Festtages festgesetzt, die große Parole. Wieder wie gestern waren unsere alten Lcmdstürmer mit der RegimentSmusik .89 angerückt und hatten vor dem RathauS Ausstellung genommen. Daneben alle übrigen Mannschaften, Sanitäter ustv. Auf den Plätzen links und rechts von der großen Freittepve hatte das Offtzierkorvs sich aufgestellt, dessen größere Hälfte die Ärzte unseres Lazarette» bildeten. Da, genau 12 Ubr. erschallte das Kommando ..Präsentieren", und unter den Klängen des Präsentiermarsches erschien unser Heerführer und schritt grüßend mit glänzender Suite die ganze Front ab. Auch mächtiger Kanonendonner in der Front setzte ein, die Franzosen schienen unserem Kaiser auch ihrerseits einen Salut darbringen zu wollen.
Dann ergriff Se. Exzellenz da» Wort. Lautlose Stille herrschte. Mit weithin vernehmbarer Stimme gedacht« er de» TageS, den wir mitten in Feindesland feiern dürsten, und gab der Hoffnung Raum, daß nun ein glänzender und dauernder Friede der schweren Zeit, die unserem Friedens» kaiser aufgenötigt wurde, folge» dürfte. Ein mit höchster Begeisterung auSgebrachteS „Hurra" beschloß die glänzenden Worte. Während nun Se Exzellenz an 30 iunge Soldaten und Unteroffiziere das Eiserne Kreuz verteilt, hörte man plötzlich da» Konimando „Halt!" und 40 Franzosen, die in der Nacht aus Gräben und Wäldern noch herausgeholt und auch auf dem Wege zum Bahnhof waren, wurden herangc- fübrt und wohnten Yj Stunde dem Konzerte bei. Gut gekleidet und auch gut genährt waren die Leute, teils alte Männer, teil» recht junge Burschen Auf meine Frage gaben mehrere die Antwort, daß sie da» Leben im Schützengraben recht satt hätten und sich nach Ruhe sehnten. — Nur zw schnell war die feierliche Stunde vorüber, und die Musik zog ab. um den Lazaretten noch ein Ständchen zu bringen. — Während wir noch unter dem tiefen Eindruck, den diese selten erhebende Feier unseren Herzen für alle Zeit eingeprägt hatte, zusammenstande». und unsere Empfindungen, die einer herzlichen Verbrüderung gleich kam. austauschten, per- langten plötzlich laute Huppentöne. daß einem schweren Auto Platz zu machen sei-; eine unserer so gefürchteten Ballonabwehrkanonen fuhr vorüber, um auf kürzestem Wege zun Front zurückzueilen. Bald erfuhren wir. daß unsere an alle» denkende Heeresleitung einen feindlichen Fliegerüberfall während der Feier für wahrscheinlich gehalten hatte und deshalb die Kanone bei der Zitadelle hatte auffahren lassen, um aus Kommando eines hoch in einem Turm der Kathedrale Wache haltenden Offiziers, dem Telegraphisten und Tele» phonisten zur Seite standen, eherne Grüße dem losen Vogek entgegen zu senden und dadurch eine schwere Gefahr für die nach Tausenden zählende Masse abzuwenden.
Ungetrübt aber sollte das Fest verlaufen und wurde abends, nachdem die Nachmittagsstunden durch unsere ernste Berufsarbeit ausgefüllt waren, in kleineren Kreisen festlich beendigt, da größere Feiern nach Lage der Dinge verboten waren. Ein Wunsch aber wurde hier in aller Herzen laut: Möchte eS uns vergönnt sein, den nächsten Geburtstag unsere» gelieLten Kaiser» wieder daheim in althergebrachter Weife feiern zu können, um dann mehr von dem unvergeßlichen 27 firm mir 1915 in Laon mündlich berichten zu können.
= Bunte wett. s
Aus der ttriegszeit.
Warte nur. baldo . . .
(Sehr frei nach Goethe!)
Auf allen Wogen Ist Ruh'.
Bon allen „U"S Spürest du Keinerlei Rauch! —
Jetzt England — mache dein Saldo,
Warte nux, baldo.
Ruhest Du auch! — «. Dato*
