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i» "»> morgen=Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i»:--—=■)
Nr 47.
Donnerstag» 25. Kebruar.
1915.
(4. Fortsetzung.)
Dore.
Roman von E. Krickebrrg.
Nachdruck verboten.
Über Nacht schlug das Wetter um. Ein kalter Wind fuhr am Morgen die öden Dorfstraßen entlang und streifte mit rauher Hand die dürren Blätter vonBäumen und Sträuchern. Die roten Vogelbeeren hingen wie blutige Tränen über vergangene Herrlichkeit an den schon kahlen Asten der Ebereschenbäume. In den Kelchen der Astern in Dores Garten schimmerten die Tautropfen schneeig weiß wie Reifperlen, und das Georginenlaub hatte braune Spitzen bekommen, — das Zeichen des ersten Nachtfrostes.
Dore stand an einem Levkojenbeet und sammelte die Samenrispen ein, während der Gärtner vom Schloß in einiger Entfernung mit dem Herrichten der Hyazinthen- und Tulpenbeete für das nächste Frühjahr veschäftigt war. Sie hatte nur einen leichten Kragen um die Schultern gelegt, und ungehindert zauste der Wind-in ihrem vollen dunklen Haar, das sich zu einer schlichten Flechtenkrone über ihrer Stirn türmte. Ihr Antlitz war blaß, ihre Lippen lagen fest geschlossen übereinander, und das Auge blickte müde und glanzlos.
Es klinkte jemand die Gartentür auf, und trotzdem sie ihr den Rücken zugewandt hielt, wußte ,sie doch so- fort, daß Heinz eingetreten war, sie hätte seinen Schritt unter Hunderten erkannt. In herzklopfender Erwartung lauschte sie seinem gewöhnlichen, übermütig lusti- gen Morgengruß entgegen, aber er trat mit einer merkwürdigen Gelassenheit an sie heran, und das „Guten Morgen. Dore!" klang ganz anders wie sonst. Eine gewisse Befangenheit iprach aus seinem Wesen, aber in den Augen war heller Sonnenschein. Es zuckte schmerzhaft in ihrem Innern, und sie mußte sich Gewalt antun, daß er nicht merkte, wie verstört sie war.
„Du hast gestern abend vergebens auf dich warten
lassen, Dore." . , „ „
„Es war doch selbstverständlich, daß rch nicht störte —, und ihr habt mich wohl kaum vermißt."
„Als ob du uns jemals stören könntest! Freilich, versäumt hast du nichts, die alten Geschichten wurden aufgewärmt, und so etwas ist immer peinlich. Es ist hauptsächlich Liddys Takt und diplomatischem Geschick zuzuschreiben, daß sich die unangenehme Angelegenheit nun wohl destnitiv be'legen wird. , Aber was du vom Vermissen sagst! Natürlich habe ich dich vermißt —, sehr —, ich bin so gespannt, was du zu Liddy sagen wirst. Du wirst doch heut kommen, ja? Liddy freut sich auch, dich wiederzusehen. Sie weiß, daß deine Fürbitte die Einladung veranlaßt hat, und möchte dir gern danken." . . t
„Fräulein von Grenings Besuch wird mrr jederzeit angenehm sein."
Er sah sie betroffen an. „Auf einen solchen förm- lichen Standpunkt willst du dich ihr gegenüber stellen? Ich dachte, ihr solltet Freundinnen werden."
„Meinst du. daß es einer Freundschaft hinderlich fein könnte, wenn mir Fräulein von Grening der Sft'e gemäß ihren Besuch macht?" fragte sie mit h.si'. r.n Lächeln. •
„Hu! Wie pedantisch!" machte er, die Schultern hochziehend. „Das ist sonst gar nicht deine Art, Dore. Sda, also Liddy wird pflichtschuldigst zuerst kommen, dir wirst ihr ebenso pflichtschuldigst einen Gegenbesuch machen, und danach haben hoffentlich die Förmlichkeiten ihr Ende erreicht, und die Geiniitlichkeit beginnt.
— Doch, kommt da nicht Liddy? Richtig! Zu einer so unvorschriftsmäßig frühen Zeit", neckte er, „und nicht einmal Handschuhe hat sie angezogen."
Vielleicht hält sie es nicht für nötig, mußte Dore denken, aber gleich darauf schämte sie sich, von einem Menschen, der ihr völlig fremd tvar und von dem sie eigentlich nur Gutes gehört, so vorurteilsvoll zu denken. Liddy stand am Zaun. „Darf ich eintreten?" fragte sie lächelnd herüber. Sie mußte mit der Hand ihren kleinen englischen Hut -vor dem Winde festhalten. Ihre tiefdunklen Augen blitzten glutvoll ans dem fein- geschnittenen weißen Gesicht heraus, aber ihre Stimme klang merkwürdig kühl, hell und metallisch, wie der Ton einer Glocke — eine Stimme, die Dore sofort aus die Nerven fiel.
„Komm nur herein!" rief Heinz, „ich habe dir schon Absolution erwirkt." Er eilte ihr entgegen, während sich Dore mit ihren Füßen fest auf den Boden stellen mußte, um einen Schwächeanfall zu überwinden.
Der Gärtner war aufmerksam geworden. Flüchtig blickte er zu den Ankommenden hinüber, sah dann aber plötzlich noch einmal schärfer hin mit einein Ausdruck, als ob er sich vergewissern wollte, daß er sich nicht täusche. Dabei verfinsterte sich seine Stirn, irnd tu seinen Blick trat ein merkwürdig frostiger Ausdruck. Als die Herrschaften an ihm vorüberkamen, arbeitete er ruhig weiter, wie es sich für den Untergebenen schickte.
Heinz und Liddy traten gemeinsam zu Dore, Seite an Seite, beide hohe, schlanke, wunderbar elastische Gestalten, sie nur eben einen Fingerbreit kleiner als er.
— ein herrliches Paar. Beide hatten sie das Greningsche Gesicht mit den schmalen aristokratischen Zügen, der scharf geschnittenen Nase und der freien Stirn, nur daß der Mann blond und das Mädchen dunkel war. Aber trotz der großen Ähnlichkeit zwischen beiden machten sie doch einen grundverschiedenen Eindruck. Dore meinte bei sich, er erscheine stolz, sie hochmütig, trotzdem Liddy von bezaubernder Liebenswürdigkeit war.
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung für mein Eindringen, verehrtes Fräulein, aber Dante sagte mir, daß Heinz ein- für allemal bei Ihnen zu suchen sei, wenn man nicht wisse, wo er stecke. Sie erinnern sich doch meiner? Wissen Sie, Sie aaben mir immer daS schönste Obst und die seltensten Blumen damals, — und Sie waren überhaupt so rührend anhänglich und gutherzig. Sind Sie das noch? Doch das mußt du besser wissen, Heinz, ist sie daS noch, die kleine Dore?"
„O, sie kann manchmal furchtbar widerspenstig sein", neckte Heinz.
