Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i«==ii
Nr 46. Mittwoch» 24. Zebruar.
(8. Fortsetzung.)
Dore.
Roman von (S. Krickeberg.
Nachdruck verboten.
./Solange man eine nützliche Stelle im Leben auszufüllen hat, ist man nicht unglücklich, Heinz I Die Schuld an dein schlimmen Ereignis liegt viel mehr auf meiner Seite als auf deiner, — warum sprang ich so sinnlos in bas Messer? Außerdem ist mir jener unheilvolle Augenblick eine Quelle von so viel tiefinnerlichem Glück geworden, daß ich schon oft gemeint habe, Gott für den Verlust des Auges danken zu müssen, wenn es nicht frevelhaft wäre. Du hast also keine Verpflichtung mir gegenüber, Heinz, und es hieße deine aufopferungsvolle Freundschaft für mich schlecht lohnen, wenn ich mich als Bleigewicht an dich hängen wollte. Ich weiß, daß deine Mutter unter den Töchtern der alten Familien Umschau nach einer passenden Frau fiir dich hält. Du bist der letzte des Hauptstammes der Grenings, — glaubst du wirklich, daß deine Eltern die Einwilligung zu ' einer Ehe ihres einzigen Sohnes mit einer namen- und besitzlosen Waise geben würden? Wir müssen uns darüber doch einmal klar werden, Heinz!"
„Also daher dein verändertes Wesen? Meine Mutter sucht eine Frau für mich!" Er lächelte jetzt frei und heiter: „O, Dore, wie sollte auch Mutter an eine Ehe zwischen uns denken, die wir immer nur ge- schwisterlich vor ihren Augen miteinander verkehrt haben! Laß sie nur erst wissen, daß ihr Einziger keine andre Frau wie die kleine Dore lieben kann . . ,
„Eine Liebe, die dem Pflichtbewußtsein entspringt utrd auf Gewöhnung beruht?"
„Eine Liebe, die mit mir groß geworden und untrennbar verwachsen ist! Genügt dir die nicht? Kennst du eine bessere Liebe?"
„Eine bessere?" — sie zuckte nervös die Schultern — „ich .weiß nicht! Eine andre muß es aber doch Wohl geben, — wenigstens singen die Dichter von einer solchen."
„Die du aber selbst nicht kennst, wie du zugibst. Nun, Dore, ich meine, wir können es getrost mit der unfern wagen; die andre, die du meinst, diese himmelhochjauchzend — zum Tode betrübte, die flößt mir Verdacht ein; sie ist sicher nicht so tief und rein und unvergänglich wie die unsre."
,Mber vielleicht desto gebieterischer und ungestümer'. Hältst du dich gefeit gegen sie?"
„Ja, wenn ich dich zur Seite habe!" Und nun lachte er gerade heraus. „Dore, Dore, sträube dich nicht erst, es nützt doch alles nichts, meine Frau wirst du ja doch. Ich bin jetzt dreiundztvanzig. du einundzwanzig, — in zwei Jahren können wir heiraten."
Sie ging auf seinen Ton nicht ein, energisch, beinahe trotzig hob sie den Kopf, und ein Zug innerlichen Zornes lag in ihrem Gesicht. Er sprach nur immer von sich, von seiner Absicht, sie zu heiraten, als ob er nur die Hand nach ihr auszustrecken brauchte. Daß sie einen eigenen Willen habe, schien er nicht zu wissen oder nicht gelten lassen zu wollen.
„Wenn ich aber „nein" sage!" warf sie hin.
Er sah sie maßlos erstaunt an. „Du würdest mich allen Ernstes ausschlagen können?" Unter seinem durchdringenden Blick wurde sie unsicher, sie senkte den Kopf und schob nervös mit der Fußspitze die Kiesel- steinchen auf dem Wege zusammen. Er lächelte nun wieder.
„Das glaube ich dir nicht, kleine Dore! Warum auch? Da du als meine Frau dein Leben genau so nach deinem Gefallen wirst einrichten können wie jetzt, wird die Ehe kaum eine nennenswerte Veränderung für dich sein —"
„Ich könnte ja überhaupt nicht heiraten wollen!" stieß sie hervor.
„Das wäre eine Torheit, die ich nicht leiden würde, und die mit dem Tode deiner Tante und meiner Eltern ohnehin aufhören müßte, wir könnten danach als „unbeschützte" junge Leute doch unmöglich so nebeneinander weiterleben wie jetzt."
Es ließ sich ihm nicht beikommen, er schlug sie auf allen Linien, und die ruhig überlegene Art, mit der es geschah, bewies ihr am besten, wie wenig sein innerstes Herz dabei beteiligt war. Ihr graute vor seiner Vernunft, seiner Logik. Sie nahm alle Standhaftigkeit zusammen und spielte noch einen letzten Trumpf aus. „Wenn ich nun — einen andern heiraten wollte?"
Sein Blick glitt zornig erstaunt über sie dahin, dann bohrte sich sein Auge init einem mißtrauisch forschenden Ausdruck in ihr Gesicht. Er ivar blaß geworden, nagte die Lippen, und es dauerte eine Weile, ehe er begann: „Ich weiß nicht, ob das nur so eine vage Bemerkung ist, aber vielleicht ist dies ganze Bestreben in einer ganz bestimmten Absicht in Szene gesetzt, — vielleicht willst du mich vorbereiten auf eine Überraschung von deiner Seite."
„O, Heinz!" Sie schüttelte heftig den Kopf.
„Nun, ich wüßte auch nicht, wie unsere alte Freundschaft bei solch einem Versteckenspiel auf ihre Rechnung kommen sollte. Aber wie dem auch sei, froh könnte mich die Aussicht deiner Verheiratung mit — cinenr anderen niemals machen, selbst wenn ich genau wüßte, daß du deinen Eerwählten mit jener „anderen" Liebe liebtest."
Er hatte niit tiefer Bewegung gesprochen, und sie mußte sich abwenden, mit verstohlen die Tränen zu trocknen, die er nicht sehen durfte. Schweigend gingen sie zusammen bis zum Hause, dann verabschiedete er sich voll ihr, — er sei nicht aufgelegt zum Plaudern.
An demselben Nachmittag noch, als Heinz ausgeritten war, schritt sie zum Schloß hinüber, um mit Frau von Grcning wegen Liddy Rücksprache zu nehmen»
Den Birkenhainer Grenings ging es nicht sonderlich gut. Der Oberst hatte in jungen Jahren Schulden gemacht, die er nur mit großen Opfern hatte tilgen können, und sein ältester Sohn war, um das Gut über- nehmen und die Auszahlungen leisten zu können, ge- zwungen gewesen, sich Knall und Fall mit einer reichen.
