Ibr bestes Kind.
Skizze von Ilse Vors Tanner.
tau iliato Kattnieß bantienc hurtig,wie es ihre Art war, in der Rüche umher. Die Arbeit flog ihr nur so von der Hand, und daß sie recht geräuschvoll war und die Töpfe, Tiegel und Kellen klirrten, war jedermann an ihr gewohnt und wunderte niemand — groß und stark und energisch wie sie war. Und wie die Gegenstände sich von ihrer großen, kräftigen Hand schieben und stoßen ließen, wohin sie wollte, so auch ihre fünf Rinder; sie machte nicht viel Zederlesens mit ihnen, und das schien auch bei den derben, rotbäckigen Blondköpfen nicht angebracht; sie sahen aus, als könnten sie einen Puff vertragen. Gute Worte hörten sie selten, und Zärtlichkeiten kannten sie gar nicht von der Mutter, aber ihre Band saß sehr locker, und es gab Tage, an denen es „Ratzenköpfe" nur so regnete.
Der blasse, schmalschultrige Herr Fritz Rallnieß, Dors- schneider seines Zeichens, ordnete sich in jeder Beziehung der überlegenen Energie seiner Frau unter. Er war froh, daß die Rinder nach ihr geschlagen waren, daß er vor hältnismäßig sorgenlos auf eigenem, kleinem Besitz seinem Beruf nachgehen konnte und daß jene schlimme Zeit, da junger und Not vor seiner Tür gestanden hatten, durch Tatkraft seiner Frau längst überwunden war.
Ab und zu kamen Tage, an denen Frau Male in ein dumpfes Brüten versank. Über ihrer Nasenwurzel stand eine senkrechte, tiefe Falte, der Ausdruck ihrer Augen bekam etwas Stieres, und wenn man sie anredete, wachte sie auf wie aus tiefem Traum. Die Zhren wußten dann: „Mutter denkt wieder d a r a n", und Mann und Rinder gingen ihr so viel wie inöglich aus deni Wege, und nur Leute, die nichts wußten von den inneren Geschehnissen in der Familie Rallnieß, meinten: „Die Rallnießen glubscht all wieder."
Als Herr Rallnieß die Rüche betrat, sah er sofort, daß seine Frau wieder ihren Tag hatte. Zn sein Gesicht kam ein ängstlich verlegener Ausdruck, und er innßte sich erst räuspern, ehe er schüchtern fragte:
„was hat dir der Herr Bndgereit gesagt, ivann er den Rock haben muß?"
Frau Male fuhr zusamnien und sah ihn verständnislos an, und er nrußte seine Frage noch eimnal wiederholen, ehe sie kurz erwiderte:
„heute über acht Tage will er ihn haben."
Herr Rallnieß räusperte sich noch einmal. „Matchen, trautstes, nurßt all wieder dran denken?" fragte er sanft vorwurfsvoll
(Nachdruck verboten.)
Ls kam wie ein Ausstöhnen von den Lippen der großen, starken Frau:
„Ls wird mich noch verrückt machen, halb dwatsch bin ich schon." Sie schob mit energischem Ruck den Tops, den sie gerade in der Hand hielt, aufs Brett, trocknete flüchtig die Hände an der Schürze und ging dann zum Schrank, dessen oberstem Fach ganz hinten aus der Ecke sie eine Raffeebüchse entnahm, in der es bei der Bewegung heftig klapperte. Sie stellte sie aus den Tisch, nahm den Deckel ab und winkte ihren Mann heran.
„Bis obenhin voll mit Taler». Die Hab' ich mir abgespart. Nichts Neues Hab' ich mir gekauft in all den Zähren, wenn die Leute auch gemeint haben, ich sei gnietschig und trüg' immer imr die alten Roddern. Das reicht zur Reise —• ich will hin und will ihn sehen. Zch halt's nicht mehr aus, ich muß wissen, was aus ihm geworden ist, und ob's ihin auch gut geht, meinem goldenen Zungen, meinem trautsten Ernstchen." Sie fiel plötzlich ans einen Stuhl, schlug die Schürze vors Gesicht und sing bitterlich und haltlos an zu schluchzen.
Herr Rallnieß stand einen Augenblick ratlos, er hatte feine Frau seit vielen Zähren nicht weinen sehen — seit zwölf Zähren nicht, so lange war es her, daß — — — Er mochte nicht gern an jenen Tag denken, an dem sie ihren Drittgeborenen, ihren Ernst, ftir Geld fortgegeben hatten an die vornehmen, reichen Fremden. Es kam ihm manchmal vor, wie eine schwere Schuld, die seine Schultern herabdrückte und wie ein Alp sich oft in schlaflosen Nächten auf seine Brust legte.
Und die Not war doch so groß gewesen zu jener Zeit. Wenn er die 800 Mark nicht hätte in drei Tagen zahlen können, wäre er obdachlos gewesen mit seiner Frau und den fünf kleinen Rindern, von denen das älteste sieben Zahre war — das sechste sollte in wenigen Wochen geboren werden. Die 3000 Mark, die sie damals erhalten, hatten allen Sorgen ein Ende geinacht, sie gehörten jetzt zu den wohlhabendsten Leuten im Dorfe, trotz der fünf Rinder, und seit sein Ältester, sein Zoseph, ihm so fleißig half, hätte er sich können zur Ruhe setzen, ivenn's ihm be liebte.
Und damals war's doch die Frau gewesen, die den ganzen Handel eingefädelt, die ihm alle seine Bedenken ausgeredet hatte. Und daß die Fremden gerade hatte» den dreijährigen Ernst haben wollen, der etwas feiner, etwas zarter aussah als seine derbbäuerischen Geschwister und auch inehr Wartung beanspruchte, war ihr gerade recht gewesen. Ein paar Tränen hatte der Abschied frei lich gekostet, aber er hatte sich damals selbst gewundert, daß er ibr verhältnismäßig so leicht fiel
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