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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, r »^— ■ )

Nr. 41

Donnerstag, 18. Februar.

INS.

(18. Fortsetzung.) (£1)C QCflflt (TCtlU ÜQQC« Nachdruck verboten.

Roman von

Jetzt war es zu spät, sie selbst hatte alle Fäden ge- waltsam zerrissen. Uttf> dann, wer weiß, ob sie über­haupt das Bedürfnis nach Versöhnung hatte, sie, die er in der Wohnung des Geliebten gefunden. Viel­leicht war ihre Anwesenheit an seinem Lager in dieser Nacht ntir ein Ausfluß der Reue.darüber, daß sie sein Löben gefährdet. Der Gedanke quälte ihn so sehr, daß er eine unruhige Bewegung machte. Magda fuhr auf, warf einen scheuen Blick auf ihn, der die Augen wieder geschlossen hatte, und flüchtete.

Vierzehn Tage nach seiner Verwundung durfte Stephan das Bett verlassen. Er fühlte sich eigentlich schon ganz wohl, bis auf ein bißchen Mattigkeit, die eine Folge des starken Blutverlustes war.

Magda war der Worte eingedenk, die er ihr ain Tage vor dein Duell gesagt hatte. Es galt nun die Trennung einzuleiten. Sie war zu müde, um noch zu kämpfen. Ein Verhängnis lag über ihr und um­strickte sie mit seinen Maschen, sie hatte nicht mehr die Kraft, sich ans seinen Umschlingungen zu lösen.

Als Stephan so weit genesen war, daß er sein ge­wohntes Leben wieder aufnehmen konnte, hielt Magda den Zeitpunkt für gekommen, wo sie von ihrer Reise sprechen mußte. Die Mutter sah sie, als sie beim Tee eine diesbezügliche Bemerkung machte, ungläubig an, Stephan aber dachte in seiner blinden Bitterkeit nur: Sie will keinen Augenblick versäumen, um nur so schnell wie möglich mit den. Geliebteil vereinigt zu sein! Bis jetzt konnte sie anstandshalber nicht geheil, jetzt ergreift sie die erstbeste Gelegenheit.

Und er sagte mit einer Stimme, die fest und unbe­wegt klang wie immer: „Gewiß, Magda. Wohin

wüilschost du zu fahren?"

Ihre Augen waren mit einenl sehnsüchtigen Blick in die Ferne gerichtet. Wohin, war ihr ganz gleich, nur fort aus dieser Atmosphäre, die sie zu ersticken drohte, fort von dieseiil Menschen, neben dem sie sich verzehrte und der in all ihrer Qual nicht ein Wort für sie hatte, der sie so tief verachtete, daß er ihr nicht einmal Ge­legenheit gab, den schimpflichen Verdacht von sich abzn- streifen.

Ernst und traurig sah die Mutter von einem zum anderen. Sie fühlte, ohile Einzelheiten au kennen, wohl, daß die Kluft immer tiefer und unüberbrückbarer geworden war, die sich zwischen deil beiden Gatten auf­getan, aber hier konnte kein dritter helfen. Mail mußte die Dinge sich entwickeln lassen, zum Guten oder zlim Bösen. Stephan war keine Natur, der man Lösungen irgendwelcher Art anszwingen konnte.

Auch Fred litt darunter, daß er den Bruder in einen Konflikt verwickelt fühlte, aber er nahm in seiner wie- dererwachenden Lebensfreude diese Dinge nicht mehr so ernst, wie er es früher vielleicht getan hätte. Seit Signe ihm ihre philosophische Weltanschauung, deren ^untessenz war: „Alles geht vorüber", mitgeteilt hatte,

8. llarlsen.

betrachtete er die Dinge nur noch als Episoden von längerer oder kürzerer Dauer.

„Vielleicht gehst du an die See?" nahm Stephan das unterbrochene Gespräch wieder auf.

Magda starrte gedankenversunken vor sich hin» und mehr wie im Selbstgespräch kam es über ihre Lippen, aber nicht leise genug, daß es Stephan nicht hörte: „Irgend wohin außerhalb der Welt möcht' ich!"

„Das könnte feine Nachteile haben, liebe Magda. An solch unsicherer Station ist man schwer erreichbar fiir Korrespondenzen oder . . . liebe Besuche . . ."

Sie wollte etwas erwidern, aber sagte schließlich nichts, wozu auch! Den anderen war Rede und Wider­rede unverständlich geblieben. Stephan biß sich auf die Lippen, er empfand, wie unedel er eben gewesen war, und das ittachte ihn unzufrieden mit sich.

Gleich nach dem Tee ging er in sein Zimmer zurück, setzte sich an den Schreibtisch und versuchte zu arbeiten, aber es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren. Immer wieder kehrte derselbe quälende Gedanke zurück. In wenigen Tagen würde ihn Magda verlassen haben, zu vorübergehendem Aufenthalt an der See. wie sie sagte, tatsächlich aber, um nie wieder zurückzukehren. Wie er «das ertragen würde, er wußte es nicht, aber es mußt« ja fcim

Er stützte den Kopf in die Haird. Auch seine eiserne Energie gab nach. Alles, was er die ganze Zeit unter der Maske der Gleichgültigkeit verborgen, sprengte jetzt seine Kerker und stieg -herauf ans Tageslicht. 'Selbst- täusch,,ng toat cs gewesen, daß er geglaubt hatte, sein Leben ohne sie gestalten zu können. Selbsttäuschung, daß er mit der Kenntnis ihrer Schuld seine Liebe ge­storben wähnte.

In dem grenzenlosen Elend, das ihn überkam bei denl Gedanken, sie zu verlieren, sah er, daß es Dinge gab, die mit der bloßen Willenskraft nicht abgetan waren. Er wußte, daß sein Leben leer sein würde von jetzt an, daß jeder Tag sich gleichen würde in seinem hoffnungslosen Anfang, seinem öden Ende, und hier, so ganz allein, fern von lauschenden Ohren und be­obachtenden Augen, tat es wohl, die Maske fallen zu lassen und seine Züge nicht beherrschen zu müssen. Er fühlte, daß er nicht mit den. Dingen gespielt, wie er glaubte, sondern daß er selbst ein Spielball gewesen war in der Hand der mächtigsten, der Mächte.

Cr hatte ein leises Klopsen überhört. Die Tür ging auf. „„hörbar glitt ein Diener herein und brachte auf einem silbernen Tablett einen Brief. Er erkannte zu seinem Erstaunen Jngeborgs Schrift. Was konnte sie von ihm wollen? Er war jetzt nicht in der Stim» innng für sentimentale Reminiszenzen. Dann aber ge- Hot ihm irgendeine tut Unterbewußtsein wirkende Kraft, den Brief zu öffnen. Er las:

„Zirm Bösewicht muß man geboren fein, eine Regung in einer verlorenen Stunde genügt noch nicht.