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Der Roman.
äi Morgen-öeilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 37.
(14. Fortsetzung.)
Samstag, 13. Zebruar.
1915.
DK Ehe der Herrn Terbrügge.
Roman von 8r. Carlsen.
Nachdruck verboten.
Magda lachte. „Solche Meinung haben Sie also von uns armen Geschöpfen, Herr Doktor?"
„Ich führe die ganz großen Dramen der.Geschichte auf solche Äußerlichkeiten zurück, soweit Frauen darin handelnd eingriffen. Judith war nicht allein durch Holofernes, sondern durch den roten Vorhang eines Schlafgemaches gereizt. Charlotte Corday empörte sich an der unästhetischen Umgebung Dantons, an diesem nackten, scheußlichen Badezimmer. Glauben Sie, eine Frau kann morden, wenn sie einen Pompadourstoff mit milden, zarten Rosenbuketts vor Augen hat?"
„Sie sind ein unverbesserlicher Spötter, lieber Doktor! Haben Sie übrigens unsere Freundin Signe in der letzten Zeit gesehen?"
„Nur flüchtig! Sie ist ja jetzt ganz Samariterin, seit Ihr Schwager wieder zurück ist. Dort treffe ich sie noch ab und zu. Da haben Sie wieder einmal einen Fall, wo ein scharfer Intellekt von dem Ewigweiblichen bezwungen wird. Wir alle, Ihr ergebener Diener ungewerbsmäßiger Psychologe an der Spitze, glaubten, Signe Hallgreen habe in ihrem, abstrakten Gütern geweihten Leben ein Surrogat für gewisse Einpfindungen gefunden und sich mit unserer bewährten Freundschaft zufrieden gegeben, und da kommt von ungefähr ein hübscher, blonder, gelähmter Adonis, und alle philosophische Resignation geht zum Teufel. Wir sind nicht mehr Verstand und Intellekt, wir werden Weibchen wie her erste beste bezopfte Backfisch mit der Musikmappe auf dem Rücken."
Mag.da sah ihn empört an.
„Wirklich Doktor, Sie verscherzen sich ernstlich meine Sympathie. Signe ist engelhaft zu Fred. Sie hat ihn mit dem Aufgebot aller ihrer Kräfte aus einer Melancholie herausgerrssen, die ihn früher zu vernichten drohte als sein Leiden, hat mit grenzenloser Selbstverleugnung ihre Gewohnheiten umgestoßen, um unserem Kranken zu leben, und da wagen Sie so häßliche Worte und Vergleiche?"
„Meine liebe Frau Magda", sagte Dr. Schlessing gelassen — die Strafpredigt schien ihm gar nicht zu Herzen zu gehen —, „wenn ich nicht wüßte, daß Sie eine verheiratete Frau sind, würde ich Sie für ein schneeweißes Lämmchen mit einem rosenroten Bändchen halten! Glauben Sie, ich fteue mich nicht, daß die Sorge und Pflege für Ihren Schwager ein Element in ihr Leben trägt, das sie bei ganz gesund und normal organisierten Männern nicht finden konnte und durfte? Ich verehre über alles die Natur und lausche ihr ehrfurchtsvoll, denn sie macht alles besser als wir, und sollte .nun eine Btaßregel tadeln, die sie in ihrer Weisheit ergrfff. um die hirnverbrannte Idee ad absurdum zu führen, daß ein weibliches Wesen, das unter fünfzig ist, sich durch irgend etwas anderes ausfiillen ließe als durch die persönliche Beziehung zum Mann! Sie sei nun körperlich oder seelisch, in jedem Fall wird sie über die rein philosophische den Sieg davontragen. Womit Ich Sie verlasse, meine Gnädigste, denn ein paar tat
sächliche Patienten harren der Erleichterung, die ihnen nur meine geschätzte Nähe zu geben vermag."
Er stand auf und wollte sich mit einem Händedruck verabschieden. Magda hielt ihn zurück: „Sie, der Sie Freds Zustand genau kennen, sagen Sie mir, ob Sie ihn für vollständig hoffnungslos halten?"
„Wenn Sie unter hoffnungslos verstehen, daß er niemals wieder den Gebrauch seiner Füße erlangen wird, so muß ich Ihre Frage leider bejahen. Sonst aber ist die Prognose bei der jetzigen Verfassung des Kranken nicht ungünstig. Er kann jahrelang im relativen Wohlbefinden, das vielleicht hier unid da durch Schmerzperioden unterbrochen sein wird, weiterleben. Es hängt also hauptsächlich davon ab, daß ihm dieses Leben wünschenswert gemacht wird, und das scheint ja jetzt der Fall zu sein. Ich sehe Fred seit seiner Rückkehr täglich, und der Umschwung in seinem Befinden ist in den letzten Wochen geradezu überraschend."
Als der Doktor gegangen war, kam Frau Terbrügge. Sie brachte gute Nachrichten von drüben, mußte aber gleich wieder gehen, weil Fred nmgebettet werden sollte, was sie immer überwachte.
Um 12 Uhr kam Stephan. Er trat erstaunt in das Schlafzimmer, denn er hatte durch einen Zufall inr Bureau erfahren, daß Dr. Schlessing zu Magda geholt worden war.
Mit ein paar höflichen Worten fragte er nach der Ursache ihrer plötzlichen Unpäßlichkeit und setzte sich dann auf ein Tabouret, das zu Füßen des Bettes stand. Nach wenigen gezwungenen Sätzen verstummte das Gespräch. Magda hatte sich in die Kissen zurück- gelehnt und schloß die Augen. Stephan ließ unwillkürlich seinen Blick auf ihr ruhen und sah, wie unter den gesenkten Lidern plötzlich die Tränen hervorquollen. Erstaunt erhob er sich und beugte sich über sie: „Was ist dir, Magda?"
Eine ungewohnte Weichheit war in seiner Stimme. Er strich ihr sanft über die Stirn. Sie fuhr zusammen, wie von einem glühenden Eisen berührt, und Stephan zog sofort seine Hand zurück.
„Verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken", sagte er kühl.
Sie begriff, daß er ihr jähes Zusammenfahren nnß- verstanden habe, aber sie brachte es nicht über die Lippen, ihn aufzuklären. „
„Dein Unwohlsein ist wohl nicht nur phymcher Natur? Ich habe schon in der letzten Zeit gemerkt, daß du dein Gleichgewicht verloren zu haben scheinst. Auch Schlessing sprach mir von einer nervösen Depression. Willst du mir nicht sagen, was ihr zugrunde liegt, ob dich etwas quält? Wenn ich Abhilfe schaffen kann, so soll es gewiß geschehen!"
Sie schüttelte leise den Kopf, konnte aber nicht ver- hindern, daß eine dunkle Röte ihr Gesicht uberfloß. Er betrachtete sie forschend, eine Wolke glitt über seine Stirn.
