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Donnerstag» N. Februar 1915 .
Morgen - Ausgabe.
Nr. 69. ♦ 63. Jahrgang.
Dte Lage im Osten.
In der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht General der Infanterie z. D. v. Blume eine Betrachtung über den Fortgang des Weltkriegs im ^anuar 1915. Über die Lage im Osten entnehmen wir chr die nachstehenden bemerkenswerten Auslassungen:
„Der Hoffnung aus Entlastung durch eine großzügige russische Offensive, die Misere westlichen Gegner in ihrer mehr und mehr peinlich g^ wordenen Lage längere Zeit gehegt haben, sehen sie sich heute beraubt. Diese Offensive wurde bekannffich von der gesamten verfügbaren Heeresmacht des russischen Reiches in der Mitte des Monats Oktober er- öffnet, indem die aus vier Armeen bestehende Hauptmacht die Weichsel bei Nowo-Georgiewsk, Warschau und Jwangorod überschritt, während eine Armee in gleicher Höhe längs und nördlich der Weichsel in der Richtung auf Thorn vorrückte, eine andere an der Südostgrenze der Provinz Ostpreußen zum Angriff schritt und in Galizien die sehr starken Kräfte, die dort zuvor bereits über Wrsloca vorgedrungen, dann aber bis an und über den San zurückgedrängt waren, die Offensive in der Richtung auf K r a k a u wieder mrsnahmen.
In Polen stieß die russische Hauptmacht unmittelbar nach ihrem Übergang über die Weichsel auf die Hindenburgsche Armee und eine österreichisch-ungarische Heeresgruppe, die in genreinsam unternommener Offensive bis nahe an den Strom bei Warschau, Jwangorod und südlich dieser Festung gelangt waren., Angesichts der gewaltigen Übermacht des Feindes zogen sich die Verbündeten anfangs unter mehrtägigen heftigen Kämpfen, dann sich vom Feinde loslösend und alle Verkehrswege hinter sich nachhaltig zerstörend, gegen die Grenze von Oberfchlesien, in Galizien auf Krakau zurück. Die Russen vermochten nur l a n g- sam zu folgen. Erst gegen den 10. November erreichten sie die Linie Kolo-Sieradz-Noworadomsk-Pinffchow.
Me Verbündeten aber benützten die dadurch gewonnene Zeit zu einer veränderten Gruppierung ihrer Streitkräfte, um demnächst die Offensive nach einem neuen Plan wieder aufzunchmen. Eine starke Gruppe wurde Es österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen in der Gegend von Krakau und an der o b e r s ch l e s i s ch e n Grenze gebildet, eine starke, nur aus deutschen Truppen bestehende Armee unter Befchl des Generals v. Mackensen zwischen W r e s ch e n und Thorn versammelt. Der letztgedachten Armee wurde die Aufgabe gestellt, den rechten Flügel der russischen Hauptmacht aus dem linken Weichselufer umfassend anzugreifen, während die anderen Teile der feindlichen Front von der Südgruppe der Verbündeten zunächst nur gefesselt werden sollten. Zum Schutze West Preußens wurde ein Truppenkorps in der Gegend Strasburg und Soldau zusammengezogen.
Die in dieser Werse vorbereitete Offensive, deren Beginn am 12. November zeitlich mit der Wiederaufnahme des Vormarsches der Russen von der Warthe zusammentraf, hatte anfangs glänzenden Erfolg. Nach siegreichen Gefechten bei Lipno, Wloclawec, Plock und Kutno, in denen die Russen schwere Verluste erlitten, gelang es der Armee Mackensen, die beiden rechten Flügelarmeen der russischen Hauptmacht bei Lodz ans engem Raum derart einzuschließen, daß sie schwerlich der Vernichtung entgangen sein würden, wenn ihnen nicht kurz vor Eintritt der drohenden Katastrophe Hilfe von außen gekommen wäre. Von Osten und Südosten nahende Entsatztruppen nötigten die auf der Ost- und Südseite von Lodz bereits vorge> schobenen deuffchen Truppen, die Einschließung auf die sen Seiten wieder aufzugeben. Dabei kamen sie selbst in schwere Gefahr, aus der sie sich nur durch Helden wütige Tat zu befreien vermochten (in der Nacht vom 24. auf den 25. November). Seitdem haben die der Armee Mackensen gegenüberstehenden russischen Streit kräfde sich durch fortgesetzten Zuzug mit der Eisenbahn über Warschau, insbesondere durch das Ern treffen der anfangs auf dem rechten Weichselufer in der Richtung auf Tborn vorgegangenen ersten Armee derart verstärkt, daß die deuffchen Truppen, obgleich auch sie nicht unbeträchtliche Verstärkungen er halten haben, nur noch Schritt vor Schritt in der Richtung auf Warschau vorwärts gekommen sind. Die Kriegslage hat dort eine ganz ähnliche Gestalt wie im Westen angenommen: auf beiden Seften reiht sich Schützengraben an Schützengraben und hinter den vordersten Linien, in denen sich die Gegner oft auf wenige hundert Meter gegenüberstehen. stößig der Angreifer immer wieder auf neue gleichartige Stellungen. So kommt es, daß unsere Truppen seit der Ein nähme von Lodz (6. Dezember) unter beständigen Angriffen und Gegenangriffen bis heute erst etwa zwei Drittel des Weges von dort bis Warschau durückgelegt haben. Sie stehen gegenwärtig im Kampfe
zwischen Rawa- und Suchaabschnitt. Die russische Verteidigungsstellung aber reicht nördlich bis zur Weichsel, ihre Gesamtlänge beträgt zirka achtzig Kilometer.
Die Südgruppe der Verbündeten hat inzwischen die ihr gegenüber befindlichen beiden Armeen der russischen .Hauptmacht in Polen unter gleichfalls vielfachen Kämpfen bis über das Gebiet der Pili ca, im südlichen Polen über die Ni da zurückgedrängt und sie namentlich an einem Eingreifen in die Kämpfe der beiderseitigen Nordgruppen verhindert.
Sehr lebhaft waren und sind auch die Kampfe m Galizien. Dort haben österreichisch-ungarische und deuffche Truppen, wie überall, in innigster Waffenbrüderschaft miteinander verschmolzen, die Russen aus der Nähe von Krakau bis in das Gebiet des Dunafec zurückgeworfen, wo nun auch schon seit einiger Zeit der Kampf hin und her wogt.
Erfreuliche Nachrichten hat der Telegraph in den letzten Tagen aus den Karpathen gebracht. Dort sind die Russen aus den Tälern, in denen sie in un- garisches Gebiet vorgsdrungen waren, durch starke, von Süden vorgehende Kräfte unter heftigen Kämpfen über den GebirgSkamm zurückgeworfen und dre von ihnen stark befestigten Pässe znrückerobert worden. Ob und welche weiteren Wstchten diesem Unternehmen zugrunde liegen, läßt sich zurzeit noch nicht übersehen. Auch aus der südlichen Bukowina wird neuerdings erfolgreiches Vordringen österreichisch-ungarischer Streitkräste gemeldet. r ., m
Die mehrfachen Angriffe, die dre Russen soft Be- ginn ihrer großen Offensive gegen O st p r e u ß e n und in dem angrenzenden deutschen Gebiet unternommen hoben, sind stets an den nicht wett von der Grenze eingerichteten Verteidigungslinien, wenn nicht schon früher, gescheitert. So in den letzten Tagen wieder an der Front Lötzen, östlich und nördlich Gumbinnen.
Der österreichisch - unoarisSie Tagesbericht.
Die Befreiung der Bukowina.
W. T.-B. Wien, 10. gebt. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart vom 10. Februar: Die allgemeine Lage in
Polen und Westgalizicn ist unverändert. Die Kümpfe in den Karpathen dauern an.
Die Bukowina ist bis zur Sczusawa vom Feinde gesäubert, der stellenweise fluchtartig zurückweicht. Mit unbeschreiblicher Freude begrüßt die Bevölkerung unsere vorrückendcn Truppen.
Der stellvertretende Chef des GeneralstabS: v. Hofer, Fcldmarschalleutuaut.
Der Vormarsch in der Bukowina.
W. T.-B. Budapest, 10. Febr. (Nichtamtlich.) Der „Pester Lloyd" schreibt: Unter dem unbeschreiblichen. Jubel der Bevölkerung zogen gestern unsere Vortrup- pen und Honvedhusaren in S z u s a w a ein. Die Stadt trug Flaggenschmuck. Um 2 Uhr erfolgte der Einzug der Nachtruppen. Die Soldaten wurden auf der Straße von der Bevölkerung umarmt und geküßt. Die Russen haben sich vollständig gegen Czernowitz zurückgezogen. In Rad nutz ließen sie 200 mohammedanische Soldaten, in Hatua 30 Tscherkessen zurück. Die Städte Kimpoulung, Gurahumore und Szusawa sind in unserem festen Besitz. Eine nachmittags hier aus Czernowitz eingetroffene Person berichtet, daß sich der russische Gouverneur Ewreinow samt seinem Stabe und der ganzen Garnison nach Nowosielitza zurückzog. Unsere Truppen mar schieren nach Czernowitz.
Die deuffche Verwaltung ig Polen.
Nach Bekanntgabe des Oberbefehlshabers Ost ist in folgenden Kreisen des eroberten Gebietes in Russisch- Polen die deuffche Verwaltung in Kraft getreten: Nieszava, Wlozlawek, Gostynin, Kutno, Ssuwza, Kanin, Kolo, Kalisch, Sieradz, Turek, Lentzya, Lodz, La.sk, Czenstochau und Bendzin. Der Sitz der Verwab tung des eroberten Gebietes ist, der „Voss. Ztg." zn folge, bis auf weiteres in Pose n, Friedrichstr. 7a, im Landeshause. Chef der Verwaltung ist Exzellenz von Branden sie in. Schreiben an die Zivilverwaltung sind zu adressieren: An den Chef der Zivilverwaltung für Russisch-Polen.
Reichstagsabgeordneter Dooe in die deutsche Verwaltung Polens berufen.
»»-. Berlin, 10. Febr. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) In die deutsche Verwaltung für die besetzten Gebiete des König reichs Polen ist neuerdings auch der Vizepräsident des Reichs, tags. Geh. Justizrat Dovc, berusen worden.
Eine befürchtete Folge der Besetzung Galiziens.
Ein vor einigen Tagen aus Lemberg entflohener Ukrainer erzählt u. a. in dem ukrainischen „Dilo" in Wien: Die russischen Soldaten und Offiziere ukrainischer Nationalität sielen sehr leicht unter den Einslutz ihrer österreichischen Volksgenossen. Das Verlangen nach ukrainischen Büchern ist bei ihnen schr groß. Einige Offiziere zahlten für die Lew-
berger (zensurfteie) Ausgabe des größten ukrainischen Dichters Schewtschenko — 100 Kr. pro Band, dessen regulärer Preis 1,50 Kr. war. Die russischen Behörden beginnen zu -ürchten, daß der galizische Feldzug, durch dessen Vermittlung Hunderttausende von ukrainischen Untertanen des Zaren die nationale Freiheit der österreichischen Ukrainer mit eigenen Augen sahen und schätzen lernten, ganz unvorhergesehene Folgen für Rußland nach sich ziehen wird.
Wie viel Russen gibt es in der Ukraine?
IIP. Die Russen und Russenfreunde nennen bekanntlich die Ukraine „Kleinrutzland" zum Beweis, daß dieses Land ein echt russisches Land, ivie z. B. Moskau oder Tioer, ist. Nachstehende Ziffern werden genügen, um sich ein klares Bild zu schaffen, inwieweit diese „russische" Provinz wirklich russisch ist. Es zählte nach der russischen offiziellen Stattsttk 1897 (die sogenannte Steppenukraine nicht mitgerechnet) Gouvernement Tschernyhiw 1526 072 Ukrainer, 495 963 Russen, 113 787 Juden (insgesamt 2 247 854); Gouvernement Charkow: 2 009 411 Ukrainer, 451194 Russen (insgesamt 2 492 316); Gouvernement Poltowa: 2 583 133 Ukrainer,
79 285 Russen, 110352 Juden (insgesamt 2 778151); Gouvernement Podolien: 2 442 819 Ukrainer, 99 818 Russen, 69 156 Polen, 369 306 Juden (insgesamt 3 018 299); Gouvernement Wolhynien: 2 095 579 Ukrainer, 108 683 Russen, 184161
Polen, 171 331 Deutsche, 304 774 Juden (insgesamt 2 989 482); Gouvernement Kiew: 2 819145 Ukrainer, 215 816 Russen. 68 791 Polen, 430 489 Juden (insgesamt 3 559 229). Die Russen sind also in dem einen Gouvernement (Wolhynien) nicht einmal so stark vertreten wie die Polen oder sogar die Deutschen, in fünf nicht einmal so stark wie die Inden. Die Gesamtzahl der Russen auf der Ukraine des linken Ufers betrug 13 Prozent der ganzen Bevölkerung, auf der des rechten Ufers bloß 4 Prozent! Und all das, ttotzdcm sie bereits einige Jahrhunderte das Land im Besitz haben und zu dieser Russifizierung alle Mittel der Staatsgewalt anwenden.
Der Rattoualstolz der Deuffchen in Rußland.
Bon der russischen Grenze, 9. Febr. Von den vielen in Rußland angestrengten Prozessen gegen Deutsche, russischer wie deutscher Staatsangehörigkeit, wegen ihrer Spenden für den Deutschen Flottenverein ist dieser Tage einer in Riga zur Verhandlung gekommen. Sechs Angeklagte wurden mit den strengsten gesetzlich zulässigen Strafen in diesem Falle, mit einem Jahr Festungshaft, bestraft. Zwei minderjährige Angeklagte erhielten acht Monate Festung. „Rußkoje Slowo", die das berichtet, glossiert die Gerichtsverhandlung und erklärt, daß die Angeklagten, die des Russischen kundig waren, es verschmäht hätten, sich auf Russisch zu verteidigen ; sie hätten sich durch einen Dolmetsch vernehmen lassen. Dasselbe Blatt kritisiert den deutschen Eigendünkel und tadelt das Benehmen der nach Sibirien aus den Osffee- provinzen verschickten Deutschen, die sich auf der Durchreise auf dem Moskauer Bahnhof der größten Anmaßung befleißigt hätten, kein Wort hätten Russisch sprechen wollen und eine Geringschätzung alles Russischen bekundet hätten.
Neue Ausfuhrverbote in Österreich.
W. T.-B. Wien, 10. Febr. (Nichtamtlich.) Die „Wiener Zeitung" veröffentlicht ein Ausfuhr- und Durchfuhrveckot für zahlreiche Artikel, insbesondere Rübenzucker, Getreide, Mchl, Roheisen mild Stahl.
Oie Eröffnungssitzung der Duma.
Die Ueden des vumapräftdenlen, des Ministerpräsidenten und des Ministers des sleutzern.
Schamlose Lügen über Deutschland und seine Verbündeten-
W. T.-B. Petersburg, 10. Febr. (Nichtamtlich)
Präsident Rodzianko
erklärte zu Anfang seiner Rede, daß Rußland, welches sich bei dem Aufruf des Zaren mit Millionen von Bajonetten bewaffnet habe, nach sechs Kriegsmonaten immer noch auftecht, stark und uncrschüttert dastehe, beseelt von einem emzigen und ungeteilten Willen. Rußland mache die Absichten und Anstrengungen seines mächtigen verschlagenen Feindes zuschanden. Gleich einem Felsen im brüllenden Meere, so halte die russische Armee stand, während die tapfere Flotte ohne Aufhebens an dem großen Werk der Verteidigung des Vaterlandes tätig sei. Der Präsident sagte: Gott wollte unser Geschlecht zum Zeugen des größten Weltkampfes machen zwischen zwei entgegengesetzten Grundsätzen, dem des Friedens der Völker und des Rechts aus der einen Seite und dem des g i e r i g e n M t k i t a r i s m u 3 und der groben Gewalt auf der anderen Seite. Rußland tvollte und suchte diesen Krieg nicht, aber nachdem dieser Kamps nun einmal eingesetzt hat, sollen die Feinde wissen, daß wir vor keinen Opfern zurückschrecken. Wir sichen nicht allein in dem großen Kampfe, Serbien und Montenegro kämpfen mit uns; sie geben einen Beweis für den Triumph des Geistes über grobe Kraft. (Beifall.) Das tchffere belgische Volk ist als efftes in den Kamps einqetreten, indem es sich nicht um den Ruin gekümmert hat and unerhorw Leiden aushielt. Belgien setzt den Kampf auch heute noch fort.
