Der Roman.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
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Nr. 34.
Mittwoch» 10. Sebruar.
1915.
(11. Fortsetzung.)
Vit Ehe der Herrn Terbrügg«.
Roman von A. Carlsen.
Nachdruck verboten.
Magd« hatte alle Hände voll zu tun, um die Zimmer instand zu setzen, die Frau Terbrügge und Fred bewohnen sollten, denn auf die dringende Aufforderung Stephans, doch schon jetzt zu kommen, war ein Telegramm eingetroffen, das die bereits erfolgte Abreise berichtete. Da aber des leidenden Zustandes Areds wegen in Etappen gereist werden mußte, so war Ähre Ankunft doch erst in einigen Tagen zu erwarten.
Magda >var rastlos. Immer wieder trug sie etwas, von dem sie glaubte, daß es die schönheitsdurstigen Augen des Kranken erfreuen konnte, aus ihren Zimmern hinüber in die seinen, und alles, was sie anord- uete, war von so tadellosem künstlerischen Geschmack, daß es Stephan oft überraschte. Signe Hallareen aber, die jetzt öfter Herüberkain, sagte lächelnd, als Magda mit geröteten Wangen und glänzenden Augen von Fred sprach und wie sie ihn mit zärtlicher Fürsorge und Liebe umgeben wolle: „Das ist verdrängte Mütter- ltchkeit!"
Und endlich kam der Tag, wo Fred und seine Mutter eintrafen.
Magda erschrak, als sie den Kranken sah; die paar Wochen hatten eine große Veränderung bewirkt. Die Augen lagen tiefer, die Wangen waren blasser und durchsichtiger geworden, aber ein strahlendes Lächeln erhellte das Gesicht, als er die Heimat wiedersah. Sie hatten sich alle so vor dem Eindruck gefürchtet, den die Stadt auf ihn machen würde, die er als blühender Jüngling verlassen und die er als hilfloser Krüppel wieder erblickte, aber sie hatten sich getäuscht: das Froh- gefühl, zu Hause zu sein, überwog und. erstickte alle anderen Empfindungen.
Als Signe das erstemal an das Lager Freds trat, weiteten sich seine Augen in Staunen. Die Dis- Harmonie, die zwischen dem idealen Kopf und dem verkrüppelten Körper lag, ließ ihm ihren Anblick mit seiner durch die Krankheit verstärkten Feinfühligkeit wie einen körperlichen Schmerz empfinden.
Signe hatte ein feines Lächeln um die Lippen, als sie die beherrschte Verwunderung in seinen Zügen mehr ahnte als sah. Sie sagte, nachdem die Phrase, die nun einmal das Bekanntwerden zweier Menschen begleitet, erledigt war: „Laß mich sitzen, liebe Magda, ich nehme mich viel ästhetischer aus, wenn meine Män- gel int Ruhestand sind. Körperliche Gebrechen vertragen die Bewegung nichts"
„So soll ich am Ende meine Unbeweglichkeit noch als eine besondere Gunst des Schicksals empfinden?" sagte Fred bitter.
,£d) wollte Ihnen nicht weh tun, lieber Herr Ter- brügae, aber ich habe an mir erprobt, daß «S immer Sine Erleichterung ist, wenn man von sich sprechen lernt, wie von einem Objekt, das man aus einer gewissen Entfernung betrachtet. ES ist sehr schwer im Anfang, aber rnan gewöhnt stch und schöpft Trostmöglichkeiten Daraus, daß man von keiner von außen kommenden
Böinerfilng verletzt werden kann. Wenn ich mein«» Hocker selbst konstatiere und das Verlangen aufgebe, ihn zu verhüllen oder mit schonenden Worten bedeckt zu sehen, dann können mich die Blicke der Leute nicht mehr schmerzen oder, richtiger gesagt, die Leute können dann rE so bücken, daß es mich schmerzt."
„Es. list etwas Wahres in dem, was Sie sagen, aber
snL fl fA 0r *- e L n * öasrr, die wir armen, jung«»
Menschenknrder kaum haben können", meinte Fred nachdenklich.
, „Übung gehört dazu, Trainings &» ist wie Ml einer Kaliwasserkur, wo man gewisse Kältegrade erst langsam und nach und nach errmchen kann. Ubrigen-L eine Konzession mache auch ich meiner Eitelkeit. Ich habe m meinem Schlafzimmer einen Spiegel, -er so $» ich, vor ihm stehend, nur mein Gesicht ldarrn sehen kann. In Stunden, wo ich schwerer ?? olS fonft, stelle ich mich vor ihn hin,
schalt«, so sehr ich kann, das B«oußtsetn meiner Gebrechen aus und freue mich an meinem Kopf, bis ich wieder Kraft genug habe, um mich mit allem Wrigen abzufmden!"
_ JB» Freude wirkte das Gespräch mit Gigue
sichtlich anregend auf Fred, wie sie eS vorauSgesshen hatte, aber auch Signe war interessiert. Sie fand hi« wieder jemand, dem ste auS der Fülle ihrer eigenartt- gen Gaben schenken konnte, und das beglückte sie immer.
Bon da ab war Signe ein häufiger Gast im Hause Terbrügge. Zwischen Fred und chr war bald ein Freundschaftsbündnis entstanden, das in einer innigen Vertraulichkeit gipfelte. Da ungewöhnliche Verhältnisse ungewöhnlich betrachtet werden müssen, so fand auch kein Mensch im Hause etwas dabei, daß sie sich bald duzten und bei den Vornamen nannten. Sie standen beide' jenseits der Konvention und genossen dieses Vorrecht mit vollem Bewußtsein. Fred lebte zwischen Signe und Magda auf. Er sah gut auS, seine physische Stimmung war froher, als sie je gewesen, er erwachte mit dem Gefühle, daß der Tag ihm etwas zu geben habe, und Frau Terbrügge kannte zum erstenmal Stunden relativer Seelenruhe und Freudigkeit.
Stephan aber beobachtete Magda, ohne daß sie es merkte. Keine Note ihres Wesens, kein Blick entging ihm. Er ließ sie unbeirrt ihren Weg gehen, aber er beurteilte sie anders als vorher. Der starke, gesunde Kern, der^n ihr war, befreite sich allmählich von allen Schlacken, die das Leben in einer banalen Umgebung darum gehüllt, und wenn er auch seine Gefühle ins Innerste seiner Seele zurückgewiesen hatte, er sah lang- sam ein, daß er ihr mit seinem herben Urteil doch unrecht getan. Er zog sich nicht so ausschließlich zurück und kam oft zur Teezeit von seinem Bureau herüber. Magda schob das auf Rechnung des Umstandes, daß der
S ee in der Gesellschaft der Mutter und Freds in deren immern eingenommen wurde. Sie war nicht unglücklich, sie lebte den Anforderungen, die der Dag an
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