Einzelbild herunterladen
 

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,

Nr 55. Dienstag, 9. Februar. 1915.

(10. Fortsetzung.)

Die Ehe der Herrn Terbrügge.

Roman von ft. Carlsrn.

Nachdruck verboten.

Es war ungefähr zlvei Uhr morgens, als Magda an ihren Mann herantrat und sagte: „Wollen wir nicht nach Hause fahren?"

„Bist dir deiner Triumphe schon müde? Was wer­den deine Tänzer sagen, wenn du ihnen vor dem Kotillon durchgehst?"

„Daran liegt mir herzlich wenig. Ich dachte mir, daß es für dich unsagbar langweilig sein müsse, so un­beteiligt und von banalen Gesprächen angeödet die Nacht zu verbringen?"

„Ich strenge mich nicht sehr an, wie du siehst. Meiner Verpflichtungen habe ich mich entledigt, meine Tischdame gut untergebracht, sie hat alle Ursache, mit dem Tausch zufrieden zu sein, und ich bin hier ebenso allein wie in meinem Zimmer!"

„Hast du nie getanzt?"

„Aber wo denkst du hin? Du vergibt, daß ich Diplomat lvar und also in ähnlichen geistlosen Künsten wohlbewandert bin. Ich mache nur keinen Gebrauch davon!"

Magda sah ihn mit einem liebenswürdigen Lächeln an.

„Und wenn ich dich um den nächsten Walzer bitten würde?"

„Es wird mir selbstverständlich eine Freude sein, aber glaubst du wirklich, daß du an mich die Anstren­gung dieser paar Minuten verschwenden sollst, die du einem deiner ergebenen neuen Trabanten entziehst?"

„Das laß meine Sorge sein! Also es bleibt dabei!"

Der nächste Tanz war eine Quadrille, die Magda mit dem Leutnant Melgers tanzte, einem Kameraden von Dialtitz, den sie aus ihrer ersten Brautzeit sehr gut kannte und schätzte. Sie wußte, er toar in ein junges Mädchen. Olga Lindorn, die Tochter eines Rechts­anwalts, verliebt, und hatte es so einzurichten gewußt, daß sie diese und ihren Partner, einen langweiligen, -aber steinreichen Kaufmannssohn, zum Visavis hatten. Nach der Quadrille gab es eine Pause, und dann spielte das Orchester den Walzer aus der „Geschiedenen Frau". Sie wartete, ob Stephan sein Versprechen wahr machen oder sich unter irgendeiner Ausrede der lästigen Ver­pflichtung entziehen würde. Aber ehe sie ihren Gedan­ken zu Ende gedacht hatte, stand er vor ihr und ver- beugte sich stumm und zeremoniell, wie ein Fremder. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und glitt im nächsten Augenblick init ihm über das Parkett.

So hatte sie noch nie getanzt, nie so den Zauber der Musik empfunden, wie in Stephans Armen. Er hielt sie fest, fester, als sie es einem anderen Tänzer gestattet hätte, und ihr Körper folgte jeder seiner Bewegungen, als wäre er mit ihm verwachsen. Sie fühlte keine Er- wattung, nur ein wonniges Sinken und Dahinfließen, und lieb sich tragen, bis das Orchester verstummte und

L sie mit einem leisen Zögern endlich losließ. Sie melte und er mußte sie stutzen.

„Es toar doch zuviel für dich! Wie töricht von mirl Aber du tanztest so wundervoll, und da ich gar keine Ermüdung bei dir nierkte, so konnte ich mich nickst ent- schlreben, aufzuhören!"

bin auch gar nicht müde. Nur einen Augen­blick schwindelig lvar ich, aber das ist vorbei. Ich könnte gleich wieder anfangen! Ach, Stephan, du tanzt ja tausendmal bester als Graf Fürech, der Vortänzcr, von den anderen gar nicht zu reden!"

Da kam Olgan Lindorn herangeeilt. Sie legte ohne weiteres die Hand auf Stephans Arm rind sagte: „Jetzt werden Sie gleich niit mir einen Walzer tanzen. Solche Exkliisivitäten gibt es nicht! Die gnädige Frau er- laubt es gewiß!"

„Ich habe nichts zu erlauben oder zu verbieten, Fräulein Olga. Übrigens war der Tanz ein Geschenk, das ich mir ausgebeten hatte, und ich kann doch nicht wissen, ob Stephan zu weiteren Gnadenbeweisen auf- gelegt ist!"

„Ich bin untröstlich, Ihren schmeichelhaften Wunsch nicht erfüllen zu können, aber wir fahren gleich nach Hause, denn meine Frau hat rnir soeben verraten, daß sie müde ist und Kopfschiuerzen hat. Kann ich zwischen Pflicht und Vergnügen schwanken? Auf dem nächsten Ball, auf dem wir uns begegnen, soll -nn-eiu erster Walzer Ihnen gehören!" .

„Dann fangen Sie gewiß mit dem zweiten au! Sie verdienen Ihren Beinamen wirklich" . . . und sich zil Magda wendend, sagte sie: „Wissen Sie, gnädige Frau, daß Herr Terbrügge in unseren Kreisen immer Grisly genannt wurde? Bär ist für seine weltmännische Art eine zu derbe Bezeichnung, und Grisly klingt hübscher und drückt genau dasselbe aus."

„Um meinen! Namen also Ehre zu machen, werde ich Sie jetzt höflich und ehrerbietig in die Arme Ihres nächsten Tänzers legen, und dann gestatten Sie, daß wir flüchten, und verraten Sie uns nicht, denn sonst haben wir noch einen Kampf mit hausherrlichen Liebenswürdigkeiten zu bestehen, den ich der Kürze wegen vermeiden will." Und Stephan winkte dem Leutnant Melgers, der in langen Sätzen heranchassierte, als er Olgas ansichtig wurde.

„Woher wissen Sie überhaupt, daß ich mit MclgerS engagiert bin?" fragte sie schmollend.

„Ich tveiß nicht, ob Sie es sind, aber jedenfalls soll­ten Sie es sein, und daher korrigiere ich eine eventuelle Unterlassungssünde des Schicksals."

Als sie dann im Wagen saßen, brannte es Magd» auf den Lippen, irgendeine Äußerung Stephans über Jngoborg Hellmer zu provozieren, aber ihr guter Ge­schmack bewahrte sie davor. So sprachen sie eine Weile gar nicht, bis Stephan bemerkte, daß Magda fröstelte.

„Ist dir kalt?" fragte er besorgt. „Welche Idee, in dieser Jahreszeit einen seidenen Mantel zu tragen! Du mußt meinen Pelz nehmen!"