Der Roman
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr 31.
Samstag, 6. Februar.
1915.
(8. Fortsetzung.)
Die Ehe der Herrn Terbrügge.
Roman von F. Carlsen.
Nachdruck verboten.
_ „Und nun sei versichert, Latz ich vergesse, was du mir erzählt hast, es sogar dir gegenüber vergesse. Nur eines muß ich dich noch fragen: Ist es möglich, daß du so blind bist, nicht zu sehen, daß der Mann, den dir ein gütiges Geschick statt jenes unbedeutenden Gecken in den Weg schob, seine ganze Umgebung tief in den Schatten stellt?"
Aber Magda wollte nicht über Stephan sprechen, selbst niit ihrer besten Freundin nicht. Sie empfand ja gerade Stephans Wert mit einem doppelten Gefühl der Beschämung, weil er sich so vollständig von ihr abgewendet hatte.
Um das Gespräch von ihm abzulenken, erzählte sie von Beaulieu, von der Mutter ihres Mannes und von dem kranken Schwager. Und Signe, diese selbst ganz leiddurchtränkte Menschlichkeit, enrpfand mit zuckendem Herzen die Tragödie der Hoffnungslosigkeit, die Magda in warmen Worten schilderte. Und als sie zum Schluß von dem Aufenthalt in der Heimat sprach, zu dem sie die beiden überredet, da strahlten die wunderschönen Augen Signes auf, und sie sagte: „Wir wollen dem
armen Fred Frohsinn geben, wenn er kommt, und ihm seine Qualen wenigstens für Augenblicke vergessen machen. Ich kann das noch viel besser als du, schönes, gesundes Menschenkind, mir glaubt er meine Weltanschauung, weil ich mit ihm verwandt bin, weil wir zu einer Familie von Leidenden und Verkrüppelten gehören. Er muß sich ja trösten, wenn er unsere Schicksale vergleicht, denn was will das Früh-sterben-müssen dagegen sagen, daß ich nie gelebt habe? Aus blühendem Leben, aus strahlendem Genießen und Prassen heraus riß ihn ein grausamer Zufall, aber ich sah mein Leid langsam wachsen und empfand es immer stärker und tiefer, weil mein Verstand mit meinem körperlichen Elend Schritt hielt. Aber so wie ich mir aus Scherben eine lebenswerte Existenz zusammensetzte, so kann er es tun, es wird keines von den ganzen vollen Erlebnissen werden, die Menschen wie dir beschieden sind, aber es ist etwas, was stille Stunden ausschmücken und verklären kann."
„Liebste", flüsterte Magda, und ihre Stimme bebte, „man wird besser, wenn man bei dir ist. Ich kam so zerrissen und unglücklich hierher und gehe frohen Sinnes. Ich möchte jemand etwas Liebes tun."
„Mit dem Liebestun fang daheim an!" sagte Signe mit liebenswürdigem Lächeln. „Geh' zu Stephan und bringe ihm von dieser Stimmung mit, die ich verschuldet haben soll, und die nichts anderes ist als das Glücksgefühl, das im Unterbewußtsein in dir lebt, daß du nicht bist wie — Fred — und ich!"
Magda machte ein« heftige abwehrende Bewegung, aber das blonde Mädchen hob mit einer ruhigen Geste bi« Hand.
„Stört es dich, daß ich das selbst ausspreche? Es keinen Stachel für mich in diesem Augenblick. Auch habe meine schwachen Stunden, sie hängen mit der
Physis zusammen, wo mich Atemzüge verwunden können, aber dann komme ich nicht aus meinem Bau, dann verkrieche ich mich wie ein wundes Tier, bis die Krise überwunden ist. Nur Gregor Verne kann ich dann um mich vertragen und seine Musik. Er schläfert die Dämonen ein, wie Davids Harfe!"
„Wie geht es ihm und seinen Getreuen?"
. „Sie sind unverändert, aber durch Gregor droht mir ein großer Schmerz. Er muß fort. Ich sehe es ja selbst ein, daß sein äußerer Aufschwung durch sein starkes Innenleben gefährdet ist, und so werde ich ihn gehen lassen."
_"Ader wirst du nicht zu sehr darunter leiden,
Signe?"
„Ein bißchen mehr oder weniger, was kommt es darauf an? Es ist ein Meilenstein mehr in meinem Leben, und das ist schon etwas! Es bringt mich ineinem Ziele näher..."
„Wie ist das so plötzlich gekommen?"
„Die Vernunft hat sich hineingemischt. Man sagte seinen Eltern, daß es ungesund für ihn wäre, in der Atmosphäre eines kranken, gebrechlichen Mädchens zu leben, daß seine Kräfte erschlaffen, seine Gefühle nicht lebensfähig sein würden, und daraus ergab sich für den armen Jungen eine so quälende Situation zir Hause, daß ich den Knoten durchhieb und ihn bat, zu reisen. Er war sehr unglücklich, und seine schönen, blauen Augen waren tragisch anzusehen, aber dann zwang ich ihn ans Klavier, und bei den ersten Tönen war sein Schmerz vergessen, seine Kunst trägt ihn über alles hinweg. . . Und da soll ich ihn zu meiner Freude zurückhalten, bis er selbst sortstreben wird? Mag er gehen, solange er nicht will, das ist ein Trost. Dann spiele ich selbst Schicksal und rede niir ein, es sei mein Wunsch ge- wesen!"
*
Am nächsten Tage zur Teezeit wurde Magda Maltitz gemeldet. Erstaunt über seine Kühnheit, wollte sie ihn zuerst abweiscn, aber dann wehrte sich ihrStolz dagegen, daß er glauben könne, sie fürchte eine Begegnung mit ihm, und sie nahm ihn an.
Es dämmerte schon stark, und verschleierte Lampen verbreiteten ein mattes Licht über den Raum, in dem ein offenes Kaminfeuer brannte. Magda trug ein Tee- kleid aus weißem Crepe de chine und fügte sich wie ein stilvolles Bild in diese Umgebung vornehmer Eleganz.
Hans Maltitz trat ein.
Er kam wie ein gekränkter Antinous, mit sorgfältig gepflegtem Seelenschmerz, ein wandelnder Vorwurf für Magdas Unbeständigkeit. Seine eigene klägliche Rolle hatte er vollkommen vergessen, in seinem Kopfe spielte sich das Erlebnis nur wie ein Treubruch von Magdas Seite ab, denn wer konnte Worte ernst nehmen, die einem Offizier in dem Momente entflohen, wo man das Ansinnen an ihm stellte, seinen „heißgeliebten" Beruf aufzugeben! Mit diesen Gefühlen und dem
