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Samstag, 6. Februar 1915.

5lbend-5lusgabe.

Nr. 62. . 65. Jahrgang.

Der ttampf bis aufs Messer.

O Berlin» 6. Februar.

Die Erklärung der englischen Gewässer zum Kriegs- fl-e&ict ist nicht gleichbedeutend mit der Ver­hängung der Blockade. Der mehrfach anzutrefsende Irrtum, als hätten wir die britischen Küsten regelrecht blockiert, ist allerdings begreiflich, aber ist eben ein Irrtum. Auch vermeidet die amtliche Bekanntmachung wie die beigegebene Denkschrift den Ausdruck „Blockade". Der Unterschied zwischen der Blockade und der von uns angekündigten Maßnahme ist erheb­lich genug. Den Schiffen der Neutralen wird jetzt nicht verboten, sich in die englischen Gewässer zu begeben, sie werden nur vor den Folgen gewarnt, die leicht eintreten können, nachdem die englische Regie­rung am 31. Januar den Mißbrauch neutraler Flaggen angeordnet hat; auch wird auf die Zu­fälligkeiten des Seekrieges verwiesen, die es nicht immer werden vermeiden lassen, daß Angriffe, die auf feindliche Schiffe berechnet sind, neutrale Schiffe treffen. Würden aber neutrale Schiffe als solche er­kannt werden, so würden sich unsere Kriegsschiffe nicht die Befugnis beilegen, diese neutralen Schiffe zu versenken oder ihreLadung mitBeschlag zu belegen. Bei einer regelrechten Blockade stände es damit anders. Ein neutrales Schiff, das den Versuch machte, eine ordnungsmäßig angekündigte und wirksam durchzu­führende Blockade zu brechen, unterläge der Beschlag, nähme oder der Vernichtung ganz ebenso wie ein Schiff der feindlichen Macht. Streitig ist nur die Frage, ob eine blockierende Macht ein der Blockade etwa entkommenes Schiff auch außerhalb der Blockadegewässer kapern könnte. Sonst aber unter- liegen, wie gesagt, die neutralen Schiffe denselben Bedingungen wie die des feindlichen Staates, sobald die Blockade erklärt und vor allem „e f f e k t s'v" gemacht werden kann. Nun kommt es freilich in der Praris ziemlich auf dasselbe hinaus, ob Blockade oder Kriegszustand in den britischen Gewässern erklärt wird, und zwar ist es darum ungefähr das gleiche, weil die englische Regierung die wirk­lich erstaunliche Dummheit begangen hat, ihren Handelsschiffen die ausschließliche Benutzung neutraler Flaggen anzubefehlen. Wir sind durch diese aus Feigheit, Niedertracht und spitz- b ü b e r i s ch e r H i n t e r h a l t i g k e i t geborene und nach jeder Richtung hin gleicherweise ver­ächtliche Maßregel unserer Feinde außerhalb jeder Verpflichtung, uns noch um die Natio- n a l i t ä t der angetroffenen Schiffe zu kümmern. Wir müssen in jedem dieser Schiffe ein englisches oder eines der anderen kriegführenden Staaten vermuten, und wir werden demgemäß auch handeln. Die Absicht Enalands bei dem angeordneten Mißbrauch der neutralen Flaggen ist freilich klar: Die Neutralen sollen, wenn ihre Schiffe jetzt vielleicht auch versenkt werden, gegen uns aufgebracht werden, es sollen uns neue Feinde künstlich geschaffen werden. Aber nachdem uns die abgründige Bosheit der Engländer zum rücksichtslosesten Gebrauch jedes kriegstauglichen Mittels gezwungen hat, werden wir uns auch um diese möglichen Folaen nicht weiter kümmern. Es gebt u m s Ganze, und wir wollen und müssen die A n- o r o h u n g der Vernichtung mit wirklicher und wirksamer Vernichtung vergelten. Voraus- siwtlich aber werden die Neutralen klug sein und ihre Schisse von den Meeren rings um die britischen Inseln f e r n h a l t e n. Dazu ist ja auch die Fristbesti m- m u n g erfolgt die in großherziger Weise weit genug bemessen worden ist. Und nun werden wir sehen, wie das „meerbeherrschende" Albion den angekündigten Schlag abzuwehren oder zu ertragen vermag.

*

Der Reichskanzler über Churchills Grohmiiuiig- keit und Heuchelei.

Eine gute Erinnerung au die Neutralen.

Berlin, 5. Febr. (Ktr. Bln.) Kopenhagener Blätter geben eine Unterredung ihres Berliner Vertreters mit dem Reichs- ^nzler wieder, ans der die „Boss. Ztg." folgendes mitteilt: Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg sagte: Ich habe soeben einen Ausspruch von Churchill gelesen. Er soll gesagt haben, die Knebelung Deutschlands durch England werde nicht eher aufhören, bis Deutschland sich auf Gnade und Ungnade ergebe. Mir kommt es so.vor, als ob Churchill den Mund etwas doll genommen hat. Selbst wenn gespart werden muß, Werden die Deutschen das lieber tun, als sich Churchills Be­dingungen unterwerfen. Die organisatorische Arbeit, welche geleistet werden muß, ist eine sehr schwierige, aber wir werden sie lösen. Mit ernstem Gesucht sei der Reichskanzler fort- Sesahren: England behandelt uns wie eine belagerte ,8 est ung. Churchill will einBolkvon70 Millionen auzhungern. Kennen Sic eine barbarischere 2orm der Kriegführung? Und glauben Sie, daß wir un§

vor einer Heuchelei beugen werden, die ein solches Vor­gehen mit den Menschenrechten für vereinbar hält und gleichzeitig im Namen der Zivilisation auftritt? Glaubt England wirklich, daß wir uns scheuen, den günstig­sten Zeitpunkt zu den aller energischsten Gegen­maßregeln zu benutzen? Wir bedauern wenn in diesem Handelskrieg die Interessen der Neutralen geschädigt werben, aber wir können nicht darauf verzichten, diesen Handelskrieg zu führen, den England schon längst zum Schaden der Neu­tralen angefangen hat, leider aber ohne, daß von ihrer Seite ein wirksamer P r o t e st dagegen gerichtet wurde.

Dieusteinstellung von 28 englischen Schiffahrts­gesellschaften.

Berlin, 6. Febr. (Ktr. Bin.) Wie die „Hamburger Nachrichten" laut „Vosiischer Zeitung" berichten, meldet der „Rotterdamsche Courant": Infolge der Proklamie- nmg der deutschen Blockade haben bis zum 4. Februar, mittags, die White Star Line und 27 andere Schiff­fahrtsgesellschaften den D i e n st eingestellt. Die Harrison Line in Liverpool erklärt, einem Telegramm des „Hamburger Fremdenblattes" zufolge, daß vier Dampfer der Gesellschaft, die in der letzten Woche den Hafen von Liverpool verlaffen haben, überfällig sind. Man fürchtet, daß sie von deutschen Untersee­booten torpediert worden sind.

Noch weitergehende englische Absichten in der Ronterbandefrage.

W. T.-B. London, 5. Febr. (Nichtamtlich.) Meldung des „Reuterschen Bureaus". Die Erklärung des Aus­wärtigen Amtes über den Beschluß des deutschen Bundesrates, betreffend die Kontrolle der Lebens­mittel, besagt, daß dieser Beschluß eine neue Lage schaffe, und daß der Prisengerichtshof wegen der Ladung der „Wilhelmina" wahrscheinlich beschließen werde, die neue Lage zu untersuchen. Die Erklärung bestätigt, daß die Eigentümer von Schiff und Ladung eine Entschädigung erhalten sollen, fügt aber hinzu, daß noch kein Beschluß gefaßt sei, von früheren Gewohnheiten abzuweichen. Die offenbare W- sicht der deutschen Regierung, Handelsschiffe durch Unterseeboote versenken zu lassen, ohne sie in einen Hafen zu bringen, und ohne für die Mannschaft zu sorgen und auf das Leben der Zivilpersonen Rücksicht zu nehmen, sowie der jüngste Angriff auf ein Hospital- schiff rücke die sehr ernste Frage in den Vordergrund, ob England nicht drückendere Maßregeln gegen den deutschen Handel ergreifen solle. Aber wenn dies be­schlossen werden sollte, werde man hinreichend dafür Sorge tragen, daß neutrale Schisse, welche die Fahrt angetreten hatten, ehe die Warnung ergangen sei, keinen Schaden erlitten.

Eine gute schweizeriicke Mahnung an die Neutralen.

W. T.-B. Basel, 5. Febr. (Nichtamtlich.) Zu der Blockadeansage der deutschen Regierung schreibt der „Baseler Anzeiger" u. a.: Da England den Grund­satz angenommen zu haben scheint, daß Macht vor Recht gehe, wird man auch Deutschland das Recht zu einem ähnlichen Vorgehen zubilligen müssen. Nun rächt es sich, daß die Neutralen nicht von Anfang an gegen die Behandlung durch die engli­schen Schiffe p r o i e st i e r t haben. Das Blatt weist darauf hin, daß es England gelungen sei, sämtliche neutralen Staaten zu Ausfuhrverboten für absolute und bedingte Konterbande zu zwing e n, und betont die Verschiedenheit der Auffassung, indem es bei ame­rikanischen Waren „Sache der Kriegführenden" sei, den Konterbandetransport zu verhindern, während in Europa die Neutralen selbst darüber wachen müßten-(!), wobei es im Effekt nur auf eine Unterstützung Englands binauskomme. Das Blatt schließt: Deutschland stellt sich auf den Stand­punkt, daß das Völkerrecht durch England verletzt sei, und erbringt den Beweis hierfür in seiner Begründung. Der G-eheimbefehl der englischen Admiralität muß die Lage außerordentlich kompli­zieren. Man kann hier fragen, ob, .wenn die see­fahrenden Nationen nicht hiergegen protestieren, nicht der Fall vorliegt, daß die Neutralen ihre recht­lichen Kriegspslichten versäumten und somit ein Vorgehen der deutschen Unterseeboote auch gegen neutrale Schiffe auf dem Wege der Repressalie zu befürchten ist. Die Aussichten sind keine sehr erfreulichen, aber vielleicht führt gerade die Ver- schärfung der Situation schließlich dazu, daß sich die Neutralen endlich anfraffcn und auf der Achtung ihrer Rechte bestehen. Es handelt sich um ernstere Dinge, als bisher angenommen wurde. Die zunehmende Teuerung spricht eine deutliche Sprache.

Die panikanwanblung in England.

Br. London, 6. Febr. (Gig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Nachricht von der bevorstehenden Blockade des englischen Handels durch deutsche Unterseeboote hat auf die hiesige Be­

völkerung unleugbar tiefen Eindruck gemacht und weitgehende Besorgnisse erweckt. Die Preffe bemüht sich, die Panikstimmung der Handelskreise zu zer­streuen. Allen Ausführungen der Fachleute liegt der gleiche Gedanke zugrunde, daß der Blockadeversuch Deutschlands als „gegenstandslose" Drohung aufgefaßt werden müßte, da ein Erfolg, wie ihn das deutsche Unterseeboot in der Irischen See erzielt habe, nur als em zufälliger bezeichnet wer­den soll.

Die englische Presse.

W- T.-B. Rotterdam, 6. Febr. (Nichtamtlich.) „Rotier- damsche Courant" meldet aus London: Die Meldung von der deutschen Ankündigung der bevorstehenden Blockade der englischen Gewässer traf für die Zeitungen zu spät ein, um die Frage in Leitartikeln zu behandeln. Die meisten Blätter beschränken sich darauf, den Gefühlen in Überschriften Luft zu machen.

Besorgnisse in der holländischen Presse.

W. T.-B. Amsterdam, 6. Febr. Die holländische Presse äußert ihre Besorgnisse vor neuen Gefahren für die neutrale Schiffahrt. ..Nieuwe van den Dag" führt aus: Wir sitzen zwischen zwei Feuern.— Der „Haager Neue Courant" weist auf die heute gemeldete englische Drohung schärferer Maßregeln gegen den deutschen Handel ^hin, die auch nur auf die neutrale Schiffahrt Bezug haben können. — In den Blättern kommt jedoch die Auffassung zum Ausdruck, daß man die Schiffahrt nicht ein st eilen werde. — „Handelsblaad" meldet aus Rotterdam, ein dortiger Reeder habe geäußert, daß die deutsche Warnung cm dem gegenwärtigen Zustand nichts ändere, da bereits Handels­schiffe in der Nordsee und der Irischen See von deutschen Unterseebooten versenkt worden seien. — Der „Rotterdamsche Courant" schreibt, daß man, wie eine Erkundigung bei den großen Schiffahrtsgesellschaften ergebe, vorläufig eine ab- wartende Haltung einzunehmen wünsche. Da die Maßregeln der deutschen Regierung erst am 18. Februar in Kraft treten, könne man die Entwicklung der Ereignisse ab- warten. Die englische Regierung werde wahrscheinlich Gegen- maßregeln ergreifen, deren Umfang und Wirkung auf die Sicherheit der Schiffahrt sich augenblicklich noch nicht be­urteilen lasse. Andere Zustände könnten eintreten, durch welche sich die Gefahr für die neutrale Schiffahrt vermindern könne. Es sei besonders zu berücksichtigen, daß die Maßregeln Deutschlands gegen die Interessen Englands, nicht gegen neutrale Handelsschiffe an sich gerichtet seien und daß Deutschland geneigt sein dürfte, auf die Interessen der Neutralen so weit wie möglich Rücksicht zu nehmen.

Lin zutreffendes schwedisches Urteil.

Bi-. Stockholm, 6. Febr. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Das Blatt „Nva Dagligt Allehanda" schreibt unter der Überschrift: „Des Schicksals Schwere, 18. Februar": _ Nicht Deutschland habe durch seinen neuen Erlaß, sondern England durch seinen Nordsee- ukas vom 3. November den Seekrieg in Bahnen ge­leitet, die rücksichtslos aller völkerrechtlichen Bestim­mungen durchkreuzen. England beruft sich, so fährt das schwedische Blatt fort, auf seine Lebensinter­esse n. Bei dieser Motivierung kann es schwerlich den Versuch der Aushungerung der deutschen Zivilbevölkerung rechtfertigen. Dadurch wird auch klar, daß derjenige, der z u e r st einem solchen Er- drosselungsversuch ausgesetzt wurde, sich mit Berech­tigung auf seine Lebensinteressen berufen kann, wenne r sich mörderischen Angriffen zu entledigen sucht.

Die Würdigung des bedeutungsvollen Schrittes in Österreich-Ungarn.

W. T.-B. Wien» 5. Febr. (Nichtamtlich) Die Blätter heben die außerordentliche Bedeutung der neuesten Ankündigung des deutschen Admiralstaöes hervor, in der die englischen Ge­wässer als Kriegsgebiet erklärt werden, und konstatieren, daß diese Maßregel nur durch das unerhörte Vorgehen Englands veranlaßt wurde. — Das ,.F r e m d e nb l a t t" sagt: Mit unerhörter Skrupellosigkeit tritt England alle Grundsätze des Seerechts mit Füßen, und es scheut nicht davor zurück, seine eigenen Handelsschiffe mit einer falschen Flagge zu decken. Diese Verfügung der englischen Regiermrg ist ein schreiender Beweis für die Gefühle der Schwäche Englands, aber auch für den unermeßlich hohen Grad der Hinterhältig­keit und Unaufrichtigkeit der englischen Staatsmänner. Deutschland geht jetzt daran, Vergeltung zu üben für die un­menschlichen und barbarischen Pläne der englischer; Regierung. Ein in der Geschichte -einzig dastehendes Ereignis ist i,m Be­griff, sich zu vollziehen. Wenn England Deutschland aus- hungern will, versucht Deutschland Gleiches mit Gleichemzu vergelten, was dort eine um so größere Gefahr ist; darüber kann kein Zweifel bestehen. — Die „Neue Freie Presse" betont: Die englische Regierung hat den Seekrieg verroht und nicht gegen einen Staat und dessen Flotte, sondern gegen die am Feldzug gar nicht teilnehmenden Menschen geführt. Deutschland wird keine papierene Blockade machen. Es wird ein Krieg bis aufs Messer sein. England ist getroffen, wo.seine Empfindlichkeit am grüßten ist. Der englische Hochmut wird durch die Erklärung der briti­schen Gelväffer als Kriegsgebiet wie von einem Peitschen­hieb getroffen, sein. Öb die britischen Gewässer wirklich tia