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Zreitag, 5. $cbruor 1915.
Kbend-Ausgabe.
Nr. 60. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
Der Tagesbericht vom 5. Zebruar.
KrtillerieKämpfe auf der Westfront. — Russische Angriffe in Ostpreußen zurückge- fchlagen.—In Polen insgesamt seit I.Zebruar
6000 Mann Gefangene.
W. T.-B. Großes Hauptquartier. 6. Febr., vormittags. (Amtlich)
westlicher Kriegsschauplatz.
Auf der gauzen Frout nur Artilleriekämpfe.
Ein vereinzelter französischer Borstoß auf unsere Stellung «orwestlich Perthes blieb ohne Erfolg.
Destlicher Kriegsschauplatz.
«» der ostpreußischen Grenze wurden erneute Angriffe der Russen südlich der Memel zurückgewiesen.
Ebenso mißlangen starke russische Angriffe gegen unsere neugewonnenen Stellungen östlich Bolimow. Die Zahl der dort Gefangenen beträgt seit dem 1. Februar rm ganzen 26 Offiziere und annähernd 6600 Mann.
Oberste Heeresleitung.
Der versteckte Union-Jack.
Der Leutnant gab dem Quartiermeister ein Zeichen, und in der folgenden Minute tvehte die Flügge der Vereinigten Staaten von der Stange, das fremde Schiff verweigerte jedoch jede Antwort. „Versuchen Sie ihn mit dem Portugiesen." Die aufgezogenen Farben wurden herabgelassen und an ihrer Stelle das Emblem des Hauses Braganza dem Winde zum Spiel geboten; noch aber beharrte der Engländer in seiner starrsinnigen Achtlosigkeit und legte sich mehr und mehr an den Wind, um dem Gegenstand seiner Jagd näher zu kom- men. „Ein Alliierter kann ihn nicht anregen", sagte der Freibeuter, „lassen Sie ihn nun den höhnenden Drapeau blaue sehen." Die Flagge Portugals flog auf das Deck herab, und has weiße Feld Frankreichs streg in die Lüfte. Das Zeichen flatterte kaum auf semem erhabenen Gipfel, als ein glänzendes Wappen- vild auf dem Decke des anderen Schiffes emporeilte und gleichzeitig eine Rauchsäule aus seinem Bug fuhr und durch lein Tauwerk strich, noch ehe der «Ähall seiner Lärmkanone die Ohren der Mannschaft des „Delphin" ereilte.
Wir haben hier aus der wohl allgemein bekannten Erzählung Coopers „Der rote Freibeuter" zitiert und die darin geschilderte Taktik des Hissens der falschen Flagge ist eben die des Freibeuters des Seeräubers. Die britische Admiralität hat diese gleiche Seeraubertaktik jetzt für die gesamte, im eng. Iifchen und irischen Kanal verkehrende Handelsflotte angeordnet und damit offiziell den Bankerott zur See erklärt. Das stolze Lied „Britannia rule the waveB" (England beherrscht die Wogen) ist damit zu einem S p o t t l i e d geworden. Als die „Daily News" dieser Tage den englischen Schiffen den Rat gab, sich hinter einer falschen Flagge zu verkriechen, nahm das niemand ernst. Das Blatt wußte offenbar nicht, daß die britische Admiralität längst, freilich im ge- Heimen, nicht einen entsprechenden Rat, sondern einen D e f e h l gegeben hatte. Hat man vielleicht deshalb den früheren, wegen seiner deutschen Abstammung verdächtigen Ersten Lord der Admiralität abgesägt, weil man eine solche ebenso feige wie heimtückische und allem Völkerrecht widersprechende Taktik nur einem Vollblutengländer zutrauen konnte?
Eine feige Tat! Lord Churchill hatte erst unlängst behauptet, daß die deutschen Schiffe sich wie die Ratten verkriechen, und daß er sie aus ihren Löchern hervorholen werde. Nun, die deutschen Ratten haben den Engländern unterdessen gezeigt, daß sie sogar den Weg zu der englischen Küste finden. Die briti- tischc Admiralität aber mutet den englischen Schiffen die Rolle der Mäuse zu, gibt ihnen den Rat, sich ins Mauseloch, sich hinter der falschen Flagge zu verkriechen. Es ist ein Witz der Weltgeschichte, daß dieser Geheimbefehl Churchills zu derselben Zeit veröffent- licht wird, wo besagter Marineminister gerade die großen Worte aeivrochen batte: „Es ist das erste Mal in seiner Geschichte, daß England sagen kann, es b e- herrscht die Meere. Seit Trafalaar kennen wir keinen Zeitpunkt, der stch in dieser Beziehung dem jetzigen zur Seite stellen könnte." Welch ein Hohn liegt darin!
Aber der Geheimbefehl der britischen Admiralität, mit dessen Geheimhaltung die Engländer dasselbe Pech hatten wie die Franzosen mit Joffres geheimem Offensivbefehl, hot neben der Bankerotterklärung oer englischen Seemacht noch eine bedeutsame völkerrechtliche Seite. Die deutsche Admiralität hatte
mit ehrlicher Offenheit angekündigt, daß sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Kriegsmitteln gegen die englischen Truppentransporte nach Frankreich Vorgehen wolle, und sie hatte die fr i e d l i ch e Schiffahrt vor der Annäherung an die französische Nord- und Westküste dringend gewarnt, da ihr bei Verwechslung mit Schiffen, die Kriegszwecken dienen, ernstliche Gefahr drohe. Die jetzt enthüllte britische Taktik zeigt, wie groß diese Gefahr für die neutrale Schiffahrt ist, und zwar durch englische Schuld. Dieselbe britische Regierung, die gegen den Verkauf der „Dacia" und an- derer deutschen Schiffe, also gegen einen legalen Flaggenwechsel, p r o t e st i e r t e, befiehlt ihren Schiffen, die Flagge zu fälschen. Das ist ein Mißbrauch der neutralen Flagge und eine Verletzung des Völkerrechts, wie sie noch nicht zu verzeichnen war. Unsere Unterseeboote haben bisher gebührende Rücksicht auf die Neutralen genommen. Jetzt, da sie wissen, daß englische Schiffe nach See- räuberart unter falscher, unter neutraler, Flagge fahren, werden sie diese Rücksicht nicht mehr nehmen können, werden sie sich zumeist nicht auf langwierige Untersuchungen einlassen können. Es gibt für die Neutralen nur noch eine Sicherheit; die durch die Blockade unserer Unterseeboote bedrohten Gewässer zu vermeiden, den Handel mit England und Frankreich cinzustellen.
Und endlich noch einmal die Frage an die Neutralen: Werden sie sich diesen unerhörten Mißbrauch
ihrer Flagge gefallen lassen? Werden sie nach den zahlreichen Übergriffen des englischen Raubstaates auch diesen schwersten, diesen ganz allgemein angeordneten Mißbrauch der neutralen Flagge hinnehmen, oder werden sie sich endlich zu einem gemeinsamen ge- harnischten Einspruch aufraffen? Wenn nicht, dann würde mit der Bankerotterklärung der englischen Seeherrschaft zugleich die noch weit folgenschwerere Ban- kerotterklärung der gesamten Neutralität zu- sammenfallen. ^
verzweifelte Matznahmen englischer Schiffahrtskreise.
Berlin. 5. Febr. (Ktr. Bin.) Nach einer Meldung der „Tägl. Rundschau" hat die englische Schiffahrtszeitung „Siren and Shipping" ebenfalls wie das Organ der Schiff- fahrtSintereffenten „Shipping Gazette" einen Preis von 10 000 M. für die Besatzung desjenigen Handelsschiffes ausgesetzt, dein es zuerst gelingt, ein deutsches Unterseeboot zum Sinken zu bringen. Der Preis ist an die Bedingung geknüpft, daß es ein Handelsschiff und kein Hilfskreuzer ist und daß das Schiff keine von der Regierung gestellten Geschütze an Bord hat.
vle Ansicht eines Neutralen.
Stockholm, 4. Febr. Der Marine-Mitarbeiter der Zeitung Stockholms „D a g b l a d" schreibt über die Taten der deutschen Unterseeboote, früher oder später werde wohl der Zufall ein oder mehrere Transport- fahrzeuge in die Hände der deutschen Unterseeboote bringen, und das Versenken auch nur einer kleinen Anzahl solcher Fahrzeuge könne zweifellos eine vollstän- dige Unterbrechung der Warenbeförderung zustandebringen. Die englische Kriegsleitung werde dann, wenn es gelte, Männer herbeizuschaffen für die erforderlichen neuen Arnreen, erfahren, daß es nicht dasselbe ist, Söhne des britischen Volkes zum Kampf nach Frankreich zu schicken und sie auszusenden, um sich im Kanal ertränken zu lassen. Wenn der anscheinend jetzt eingeleitete Unterwasserkrieg gegen die Verbündeten auch nicht so große unmittelbare Verluste mit sich bringe, so könne er doch schließlich eine so unerhörte mittelbare Einwirkung auf den Landkrieg sowie auf Englands Einfuhr haben, daß es sich schließlich zeigen wird, daß das Unterseeboot als eine der stärksten Waffen den Frieden erzwingen werde.
Ein weiteres Opfer deutscher Unterseeboote?
Ein Wrack bei Hock van Holland.
W. T-B- Amsterdam, 4. Febr. (Nichtamtlich.) „Tele- graaf" meldet aus Hoek van Holland: Ein heute nachts eingetroffenes Dampfschiff berichtete, daß es 14 Meilen westlich des Maas-Leuchtschiffes ein Wrack passiert habe, dessen Masten über das Wasser ragten. Ein Lotse fei ausgefahren, um eine Untersuchung anzustellen.
Der englische Dampfer „Oriole" vermißt.
W- T-B. Amsterdam, 4. Febr. (Nichtamtlich.) ' „Nieuwe van den Dag" melden aus London: In Schiffahrtskreisen herrscht Unruhe über das Schicksal des Dampfers „Oriole" von der General Steam Navigation Company. Das Schiff fuhr am Freitag von London nach Le Havre ab, aber seit der Abreise hörte man nichts mehr von dem Schiff oder seiner Mannschaft. Man glaubt, daß „Oriole" eines der beiden un. bekannten Schiffe war, die von einem deutschen Unterseeboot torpediert wurden. Die „Oriole" maß 1490 Tonnen; sie war im vorigen Jahre gebaut.
Berliner pressestimmen.
W. T.-B. Berlin, 5. Febr. Zu der Eröffnung des Handelskrieges gegen England schreibt das „Berliner Tageblatt": Man muß es der ganzen Welt klar machen, daß Großbritannien, das sich stolz rühmte, für die Sicherheit der Meere einzutreten, jetzt jedes fremde Interesse außer acht läßt und jedes Recht zu seinem Nutzen verletzt. Spanien, Holland und Frankreich sind nacheinander in dem Kampfe gegen Großbritanniens Vorherrschaft erlegen. Das Schwert, das ihrer Hand entfiel, nimmt das Deutsche Reich heute auf. Das Deutsche Reich ist sich bewußt, daß aus seinen Maßnahmen den neutralen Mächten nicht unerhebliche Schädigungen erwachsen, jedoch geringer als diejenigen, die Großbritannien ihnen ohne Grund auferlegt. Das Deutsche Reich aber handelt im Banne eines notwendigen, ihm aufgezwungenen Kampfes gegen vier Großmächte. Wenn Staat und Volk um ihr Dasein ringen, haben sie die heilige Pflicht, gegen den mächtigsten Gegner das Äußerste zu wagen. Der Preis seines Kampfes ist Freiheit des Meeres.
Im „Berliner Lokalanzeiger" wird gesagt: Deutschland macht lediglich von dem Recht der Vergeltung Gebrauch und sichert so nicht nur seine eigene, sondern auch die Zukunft der neutralen Staaten gegen die englische Gewaltpolitik.
In der „Bossischen Zeitung" wird ausgeführt: WaS
Deutschland tut, das tut es nicht nur zur Verteidigung seiner selbst, zur Vergeltung englischer Unbill, sondern zugleich zur Erlösung der neutralen Mächte von der rechck»- vevachtenden Willkür des britischen Reiches. England hat alle Staaten, die ihm nicht blind gehorchten, zu vergewaltigen versucht uiÄ drückt ihnen auch heute den Daumen auf die Kehle. England soll und wird erfahren, daß Deutschland nicht demütig in die Knie sinkt, sondern imstande und entschlossen ist, sich zu wehren. Am 18. Februar kann der Kampf beginnen.
Ein weiteres Zeugnis für die englischen Verluste in der Nordseeschlacht.
Ein Südschleswiger an Bord des Panzerkreuzers „S e y d l i tz" bestätigt der „Köln. Ztg." zufolge in einem Feldpostbrief den Untergang eines englischen Schlachtkreuzers am 24. Januar in der Nordsee. Cr schreibt u. a. in seine Heimat:
„Es war am 23. Januar, als wir mit vier großen Kreuzern, mehreren Schlachtkreuzern und einigen Torpcho- booten ausliefen, um einen Teil der Nordsee nach dem Feind« abzusuchen. Die Suche nach diesem ging bis zum Morgendes 24. Januar vor sich, als unsere kleinen Kreuzer in der Nähe der Doggerbank auf den Feind stießen. Da wir im Hintergrund das Geschwader aus großen Schlachtschiffen be- inerkten. m-achten wir Kehrt, um das Gefecht in der Nähe unserer Küste aufzunehmen. Das feindliche Geschwader zählte 7 kleine Kreuzer, 29 Torpedobootszerstörer und 5 große Schlachtkreuzer. Diesen sehr starken Schiffen konnten wir drei gleichwertige Schiffe, darunter den Panzerkreuzer „Seydlitz" und den beträchtlich schwächeren „Blücher", ent- gegcnstellen. Allmählich kam der Feind auf Schußweite heran und nun begann ein langer, schwerer Artilleriekampf. Von den Granaten des Feindes trafen nur wenige. Ein Schuß in die Maschine machte den „Blücher" ziemlich manövrierunfähig, so daß ihn die englischen Schiffe hart bedrängten. Er ist dann kämpfend in die Tiefe gegangen. Dafür haben wir dem Feind starken Schaden zugefügt. Es wurde beobachtet, daß ein Schiff starke Schlagseite bekam und ausscheiden mußte. Ein zweites Schiff brannte heftig, ein weiteres Schiff, angeblich ein Schlachtkreuzer, ist unter» gegangen. Sicherlich hat der Feind schweren Schaden erlitten."
Beschwerden eines demokrattschen Abgeordneten über Greys Heimlichtuerei in der auswärtigen Polifik.
W. T -B. London, 4. Febr. (Nichtamtlich.) „Manchester Guardian" berichtet über eine Rede des Abgeordneten Artur P o n s o n b y, die er im Lyzeum-Klub bei dem Diner des Vereins Demokratischer Kontrolle gehalten hat. Ponsonby führte aus: Viele seien der Meinung, Deuffchland müsse gelehrt werden, internationale Verträge zu halten. Wichtig« aber sei es. das Volk auszuklären darüber, welche internationalen Abmachungen überhaupt bestanden und welche Beipflichtungen sie enthielten, denn gegenwärtig habe man nur ganz vage Vorstellungen. Wenn man nicht wisse, was di« Bündnisse und Verträge für Abmachungen enthielten, so sei es vom Volke viel verlangt, sein Leben dafür zu opfern. Der Redner bemerkte in seinen weiteren Ausführungen, daß daS Parlament niemals in solcher Unkenntnis über die auswärtige Politik gelassen worden sei, wie in der letzten Zeit. Die Demokraten hätten nie von Sir Edward Greh verlangt, daß er die Karten offen auf den Tisch lege, während die Verbandlungen über die Streitfragen noch fortgingen; jetzt ab« wolle man wissen, welches Spiel Grey spiele, weil er dies mit sehr hohen Einsätzen tue.
Asquith wünscht den Burgfrieden.
W- T.-B. London, 4. Febr. (Nichtamtlich.) Im Unte» Hause betonte Premierminister A s q u i t h in Erwiderung auf Fragen und Anregungen üb« die Arbeiten des Parlaments den Beschluß der Regierung, keine Gesetzesvorlagen cinzubringen, über die ein Streit der Parteien entstehen könnte. Er sagte, so lange nicht die herrschende Lage entschieden ist, müßten alle Erörterungen über den inner, politischen Streit vertagt werden. Alles müsse dem nationalen Ziele untergeordnet werden.
