l» »> Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. — »i
Nr. 29.
Donnerstag, 4. $e&u
ar.
1915.
(8. F-E-tzung.! — Die Ehe des Herrn Terbrügge.
Roman von 8. llvrlsev.
Nachdruck verboten.
Jetzt waren sie schon vierzehn Tage in Monte Carlo und es war noch nicht an eine Abreise zu denken, trotzdem die Geschäfte Terbrügge bereits energisch reklamierten. Aber wer das Aufleuchten der tiefliegenden blauen Augen des Kranken sah, wenn der Bruder sein Zimmer betrat, das friedliche Lächeln, wenn Magda tn schmerzfreien Stunden neben ihm saß und chm vorlas oder mit chm sprach, der hätte es nicht vermocht, den Armen dieser kargen Freuden zu berauben.
Frau Terbrügge schien durch den Zustand ihres jüngeren Sohnes so sehr in Anspruch genommen, daß ihr keine Zeit zu persönlichen Beobachtungen blieb, und so kam es wohl, daß ihr das eigentümliche Verhältnis Stephans zu seiner Frau entging, und Magda, die nicht ohne Schuldbewußtsein die Mutterliebe empfing, die diese Frau über sie ausgoß, hatte nur den einen Wunsch, ihr die Ahnungslosigkeit zu erhalten.
Eines Morgens wurde Magda ein Riesenstrauß von Parmaveilchen, in dem ein kleines Billett steckte, ins Zimmer gebracht.. De Brouck war der Spender, und wenn auch nur ein paar liebenswürdige französische Werse auf der Karte standen, zum erstenmal wehte sie ein fremdartiger heißer Hauch aus seinen Zeilen an, und in einem unbestimmten Gefühl des Unbehagens zerriß sie das Billett, ohne es ihrem Manne gegenüber zu erwäbnrn.
Die Verse lauteten in der Übersetzung ungefähr so: Die Rose ist zu geschwätzig.
Die Nelke zu grell und hart.
Auch d-e geschminkte Ccmrelle Ist nichts für Ihre Art.
Die einzige würdige Blume,
Das ist das Veilchen der Flur:
Es scheint mir ein Liebesliedchen Für Sie von der Natur!
Sre nahm sich vor, sich ähnliche Aufmerksamkeiten energisch zu verbitten. Aber als de Brouck nach dem Lunch an ihren Tisch herantrat, mußte sie doch ein paar Dankesworte für die Blumen sagen und sah deut- lich die Mißbilligung in den Augen ihres Mannes. Und so unterdrückte sie die rügende Bemerkung, die ihr auf den Lippen geschwebt, um nicht vielleicht einen Konflikt hevaufzubeschwören. De Brouck aber schloß nach den bisherigen Erfahrungen in seiner langen Praxis auf ihr Einverständnis und gedachte, die gute Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Und bei denk Blicke, den er ihr zuwarf, als Stephan einen Augenblick ihnen den Rücken drehte, stieg ihr daS Blut ins Gesicht, und sic hätte sich schlagen können, weil sie nicht den Mut hatte, ihn sofort gebührend zurückzuweisen.
Als sie am Nachmittag in die Villa Beauregard kamen, empfing sie Fred, der wieder einmal einen schmerzfreien Tag hatte, mit strahlenden Augen. Es war ein stillschweigendes Übereinkommen, daß man ihn mit Magda eine Zeitlang allein ließ, und nachdenr sitz ihren gewohnten Sitz an Freds Ruhebett, einge
nommen, bat er sie, aus einem guten Buche vorzulesen, das er eben bekommen hatte. Magda kannte den Autor nicht, aber sie fühlte sich sofort durch den originellen Ton gefesselt, las fast alle Gedichte des kleine» Bandes und freute sich über das tiefe. Verständnis, mit dem Fred die feinsten Nuancen erfaßte.
Als er sich endlich, nachdem sie aufgehört hatte, befriedigt in die Kissen zurücklehnte, da kam ihr plötzlich zum erstenmal der Gedanke an Signe Hallgreen und die Wesenverwandtschaft zwischen den beiden, und eine Ahnung dämmerte in ihr auf, daß eine freundschaft- lnhe Beziehung zwischen diesen zwei vom Schicksal Ge- zeichneten die Lebenswerte beider nur erhöhen könnte und sie nahm sich vor, auf Freds Reise nach Deutschland zu bestehen. Mit echt weiblichem Scharfsinn erkannte sie, daß es hauptsächlich sein psychisches Befinden war, auf das es ankam, und daß Sonne und Wärme nur geringe Faktoren für sein Wohlbefinden waren.
Sie malte sich ans, wie sich diese beiden Enterbten des Lebens finden und verstehen würden und sah darin entfernte Glücksmöglichkeiten für die ihr nahestehenden Wesen.
Fred hatte sie eine Weile ruhig Nachdenken lassen, dann sagte er lebhaft: „Ich muß dir etwas erzählen, bevor Mama und Stephan hereinkommen!"
Sie sah ihn fragend an.
„Eigentlich begehe ich eine große Indiskretion, aber idfj. habe das Gefühl, dich vor einer Gefahr warnen zu müssen, der du ganz anders gegenübertreten kannst, wenn du vorbereitet bist."
„Du machst mich ängstlich", sagte Magda erregt.
,/Es handelt sich um Stephan und um eure Ehe!"
Magdas Gesichtsausdruck veränderte sich. Die momentane Bewegung wich einer kühlen Gleichgültig- keit.
,^Jch habe dich gebeten, liebet Fred, dieses Thema unberührt zu lassen!"
„Sei nur nicht bös, wenn ich dir nicht gehorche. Ich will ja übrigens gar nicht von euch selbst sprechen, sondern nur von einem Umstand, der für euch von Wichtigkeit ist."
„So sprich", sagte Magda zögernd.
Fred sah sie einen Augenblick prüfend an, dann sagte er: „Weißt du etwas über Stephans Vergangenheit?"
„Wie geheimnisvoll!" meinte Magda spöttisch, „du tust ja, als ob da ein Makel verborgen wäre."
„Das wirst du von Stephan gewiß nicht glauben können. Nein, es handelt sich um eine Liebe . . ."
„Das interessiert mich aber wirklich nicht, lieber Fred. Außerdem glaube ich nicht, daß es inr Sinne Stephans wäre, wenn du seine Frau über seine kleinen pikanten Junggesellenabenteuer aufklären würdest!"
„Es ist eben kein kleines Junggesellenabenteuer, Hamit wäre ich dir allerdings nicht gekommen. Dia Sache ist viel ernster. Es lebt eine Frau in derselben
