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Donnerstag, 4. Februar 1913.
5lbend-Ausgabe.
Nr. 58. * 63. Jahrgang.
Der Unterseebsolskrieg.
Drei Häsen an der Irischen See ganz geschloffen.
Berlin, 4. Febr. Wie dem „B. L.-A." aus Zürich telegraphiert wird, ist auf auf Anordnung des englischen, Seeamts der Hufen von Fleetwood geschlossen worden. Kein Schiff darf aus- oder einfahren. Die gleiche Maßnahme wurde in Narrow und H e y s h a m getroffen.
Dicnsteinstellung weiterer englischer Schiffahrts- gesellschaften.
Hamburg, 3. Febr. Die „Hamb. Nachr." bringen folgende Drahtmeldungen am? Amsterdam: Einige Schiffahrtsgesellschaften in Dublin haben die Wfahrten eingestellt, ^s sind das die Laird and Tedcastle Line und die City of Dublin Staem Packet Company, die Dublin, Liverpool, Manchester und Belfast verbinden, also so ziemlich alle Schiffe. In Belfast sind starke Vorsichtsmaßregeln ergriffen worden. Neun Kanaspersonendampfer und 14 Frachtdampfer wagen es nicht, den Hafen zu verlassen. Ein späteres Telegramm aus Dublin besagt, daß auch die Dampfer der London and Northwestern Company aus Dublin nach Holyhead nicht abgefahren seien. Das bedeutet, daß der Schiffsverkehr in der Irischen See so gut wie lahm gelegt ist.
Die Ratlosigkeit der „Times".
Haag, 3. Febr. In der „Time?" veröffentlicht ein seemännischer Mitarbeiter einen Artikel, in dem er um den Zweck des Unterseebootkrieges, nämlich die Unterbindung der Lebens- mittelzufuhr Englands, wie die Katze um den heißen Brei geht: Der dominierende Faktor im Kriege ist die Macht der englischen Flotte, während das hauptsächlichste Ziel jener neuen Taktik unserer Feinde (Drohung mit Invasion, Beschießung der Küste, Angriffe durch Luftschiffe und jetzt Blockade durch Unseeüoote) die britische Admiralität auf den deutschen Weg bringen soll, um möglichst eine Änderung in den bisherigen Flottendispositionen herbeizuführen. Die „Times" schließt mit den Worten, daß gerade wegen des obigen Zwecks der deutschen Bemühungen Geduld und Selbstbezwingung nötig seien, wie'der Widerstand gegen jede Forderung der öffentlichen Meinung, welche die strategischen' Maßnahmen der englischen Admiralität stören könnten. Alles in allem bedeutet der Artikel das klägliche Eingeständnis der britischen Ohnmacht gegen das Beschneiden dieser wichtigen Lebensnerven.
Begleitung der englischen Schiffe durch Rriegsschiffe.
Berlin, 4„ Febr. Nach dem „Hamb. Frenidenbl." wird aus Kopenhagen gemeldet, daß die englische Admiralität infolge der gemeldeten Tätigkeit deutscher Unterseeboote an der britischen Küste das Auslaufen von Schiffen ohne genügende Begleitung von Kriegsschiffen allgemein verboten hat.
Die deutsche preffe zum Mißbrauch der neutralen flagge durcff England.
Die „Kölnische Zeitung" sagt: Damit liegt ein weiteres sehr wichtiges Ergebnis der Unterseebootblockade vor: England versteckt seine Flagge! Dieses Ergebnis wird in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregen. Das „meerbe- herrsch-»nde" Albion verkriecht sich hinter die Flaggen von See- ftaaten dritten und vierten Ranges! Zugleich ist diese Handlungsweise so inkorrekt wie möglich und eine neue schwere Schädigung der Interessen der Neutralen. Denn die Neutralen werden nicht die Macht haben, diesen Mißbrauch ihrer Flagge zu verhindern. Es ist aber klar, daß diese Ausflucht den Engländern nichts helfen wird, und wenn die unausbleibliche deutsche Antwort erfolgt, dürfte auch der Schaden manchmal die "Neutralen an Stelle Englands treffen. Aus der Londoner Deklaration geht hervor, daß der Befehl der englischen Admiralität nicht nur dem internationalen Recht widerspricht und darum nichtig ist, sondern daß er auch ci#e Verletzung des Flaggenrechts der neutralen Staaten darstellt, deren Flagge die englischen Schiffe hissen.
Die „Köln. Bolkszeitung" sagt u. a.:
Es hat der englischen Admiralität nichts genutzt, daß sie diese Demütigung geheim zu halten sucht; eS sind eben zu viele Mitwisser da, und deshalb wurde der Geheimerlaß auch schon in kürzester Frist, fast unmittelbar nach dem Auftreten der deutschen Unterseeboote in der Irischen See, bereits in Berlin bekannt. Lediglich eine Sicherheitsmaßnahme — werden die Engländer sagen; eine Maßnahme der Furcht und eine tiefe Demütigung, sagen wir, und nicht nur wir. So wenig, wie der Befehl auch nur einen Tag geheim gehalten werden konnte, so wenig wird seine Befolgung den englischen Schiffen etwas nützen.
Berlin, 4. Febr. Zu dem Geheimer-aß der englischen Admiralität äußern die Morgenblätter übereinstimmend, daß hier ein Mißbrauch der neutralen Flagge in Frage komme. ,
Im „Berliner Tageblatt" heißt es: ES macht einen sehr Eigenart igen Eindruck, daß die Engländer, die in ihrem Nationallied „stolz über die Wogen ihre Bahn ziehen", jetzt die nationale Flagge ängstlich zu verstecken suchen. Englands Handelsschiffahrt täuscht, wenn es nach dem Geheimerlaß geht, eine falsche Flagge vor. Man wird schwerlich behaupten können, daß sich in dieser Maßnahme ein besonderes Zutrauen in die englische Herrschaft auf dem Weltmeer ausdrückt. Wenn aber auch über Kriegslisten nicht zu streiten ist, so kompliziert sich die Lage sür die
Neutralen in höchst bedenklicher Weise. Wir hoffen, daß den Neutralen die neueste englische Taktik doch etwas z u stark sein und daß sie sich deshalb derartige Willtür- a k't e, die sie selb st auf das höchste gefährden, ernstlich verbitten werden.
Die „Bossische Zeitung" schreibt: Dieser Geheimerloß ist ein Zeichen der Schwäche, das vor wenigen Wochen kein Engländer seiner Admiralität zugetraut hätte. Die neutralen Mächte werden sich die durch die Befolgung des Erlasses der englischen Admiralität eintretende Gefährdung ihrer eigenen Schiffe kaum gefallen lasten können.
Die„Rundschau" schreibt: Unsere stk-Boote werden sich durch Englands Flucht unter die neutrale Flagge nicht davon abhalten lasten, ihre Pflicht zu tun. Daß aber England zu einem so schmutzigen Mittel gegen seine neutralen Geschäftsfreunde glaubt greifen zu mästen, das ist der sicherste Beweis dafür—daß es das Messer am Halse fühlt.
England verkriecht sich, sagt die „Post".
Die „Kreuzzeituug" aber äußert: Die englische Flagge verschwindet von dem Meere, und das ist der erste Erfolg der Aufnahme des Unterseebootkrieges. Was ist dieser Befehl anders als das Eingeständnis: Wir vermögen unsere Flagge nicht mehr zu beschützen. Daneben ist es eine abermalige grobe Verletzung des Völkerrechts und ernster Interessen der Neutralen. Die deutschen Unterseeboote werden ihre Torpedos auch gegen neutrale Schiffe richten mästen, wenn die neutralen Mächte nicht dafür sorgen, daß der von der englischen Admiralität angeordnete Mißbrauch ihrer Flagge unterbleibt. Jedenfalls ist es freudig zu begrüßen, daß der Geheimbefehl nicht geheim geblieben ist, sondern in Berlin sehr schnell bekannt geworden und nun aller Welt mitgeteili worden ist.
Der „Berl. Lok.-Ang." schreibt: Wenn es je einen Mißbrauch der neutralen Flagge gegeben hat, der unter keinen Umständen geduldet werden darf, dann liegt er hier vor. Wir sind begierig zu erfahren, was die neutralen Staaten unternehmen werden, um sich, gegen diesen Mißbrauch zu schützen.
weitere französische preffestimmen.
W. T-B. Paris. 3. Febr. (Nichtamtlich.) Der Vorstoß der deutschen Unterseeboote bis in die Irische See und die Versenkung vier englischer Handelsdampfer erregt in Frankreich großes Aufsehen. Die Presse tröstet das Publikum mir dem Hinweis, daß nur wenige Unterseeboote eine derartige Leistung vollbringen könnten, welche von der Besatzung große Kühnheit und vom Boote große Leistungsfähigkeit verlangen. Wenn die deutsche Marine Handelsschiffe, ohne der Besatzung Zeit zum Verlassen des Schiffes zu geben, versenke, so sei dies eine neue schreiende Verletzung der Menschenrechte.
Gustave Herve erklärt in der „Guerre Sociale": Die Deutschen sind stark. Sie besitzen Initiative und Kühnheit und könnten sogar uns Verbündeten davon abgeben. Die Deutschen hätten seit Beginn des Krieges in ■ allen Dingen die Initiative ergriffen, und die Verbündeten müßten sie jetzt nachahmen. Die Deutschen hätten sogar England, der Beherrscherin des Meeres, Lehren gegeben. Die Verletzung der Menschenrechte aber müffe Deutschland teuer bezahlen.
Der „Figaro" schreibt: Das Anstauchen deutscher Unterseeboote in der Irischen See ist ein Anzeichen, daß die Ausführung des Programms beginnt; wir werden sehen, wieweit cs ausgeführt werden kann.
Die „Liberte" fragt: Kann die Irische See nicht bester bewacht werden und konnten die französischen Torpedoboote bei Le Havoe nicht schneller zur Stelle sein? Man mutz einen Überwachungsdienst einrichten- der unsere Küsten von den abscheulichen Räubern säubert; ihnen gegenüber sind alle Mittel gut und alle Repressalien berechtigt.
Das „Echo de Paris" erkennt die Kühnheit der Unterseeboote an, welche auf einem geheimnisvollen Wege bis in die Irische See gelangten, glaubt aber, daß solche Fahrten nur von besonderen Booten und Mannschaften ausgefiihrt werden können.
Französische Wünsche an die Neutralen.
W. T--B. Paris, 4. Febr. (Nichtamtlich.) Herve fordert in der „Guerre Sociale" die Neutralen zur Bildung einer Liga der neutralen Staaten aus, um gegen dem oeutschen Unterseeboots krieg Stellung zu nehmen Die Liga hätte die Aufgabe, bewaffnet einzuschreiten, sobald ein Angehöriger eines neutralen Landes durch einen Unterseebootsangriff auf ein Handelsschiff getötet würde.
Das Urteil des nordischen Seeschiffahrtsblattcs.
Br. Christiania, 4. Febr. (Gig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Zu der Erklärung des „Reichsanzeigers" an die neutrale Schiffahrt, sich der französischen Nord- und Westküste nicht zu nähern, schreibt das angesehenste Blatt der skandinavischen Reederintereffen „Nor ge s Handels og Sjoefarts Tidende": Diese Mitteilung ist in gleicher Weise aus- zusassen wie die britische Ankündigung, daß die Nordsee als 5triegsgebiet zu betrachten sei. Sie-ist weder ein Verbot noch eine Drohung, sondern eine wohlwollende und korrekte Warnung, sür welche die Neutralen nur dankbar sein können. Hiernach ist es Sache jedes einzelnen, sich das Risiko zu überlegen und sich zu entschließen.
ob er eS cingehen will. Nachdem, was wir erfahren, ist eS kaum wahrscheinlich, daß die deutsche Mitteilung irgend welche Erhöhung der Kriegsrisikoprämie verursachen wird, jedenfalls glicht jetzt schon. Ob sie dazu führen wird, daß die Schisse ejnen neuen Weg einschlagen, ist nicht bestimmt. Augenscheinlich ist man gewillt, zunächst den Verlauf der Dinge abzuwarten. Auch die Warenversicherungen erhöhen die Prämie nicht und treffen keine anderen Maßregeln.
Ein amerikanisches Urteil.
W. T.-B. London, 3. Febr. (Nichtamtlich) Der „Daily Mail" zufolge sagt die „New Jork World" zu dem Angriffe des deutschen Unterseebootes in der Irischen See: Der Angriff vom Samstag ist eine Warnung für den größeren Teil des britischen Handels. In Zukunft werden die Verbindungswege zwischen Netv Jork und Liverpool, so gut sie auch in der Mitte des Ozeans abpatrouilliert werden mögen, in der Nähe der englischen Küsten Gefahren aufweisen, die nicht außer acht gelassen werden dürfen. Das bedeutet sür die Vereinigten Staaten ebenso Unannehmlichkeiten wie für Großbritannien und Frankreich. Die Frachtsätze und die Versicherungen werden in die Höhe gehen. Bis jetzt vermochte die Seemacht der Verbündeten den neutralen Handel mit den verbündeten Ländern zu schützen und den mit Deutschland und Österreich-Ungarnn zu unterbinden. Wenn aber feindliche Tauchboote am Ausgang der britischen Handelsroute am Werke sind, laufen wir Gefahr, die Hauptmärkte zu verlieren, und haben auch verschiedene andere Komplikationen zu gewärtigen. Der Bedarf, an amerikanischen Schiffen wird jetzt größer sein als je.
Unsere Helden unter See.
Ein Oberleutnant ist der Führer eines Unterseeboote?. Von dem Schneid und der Nervenkraft und der Ausdauer dieser blauen Jungen und ihrer Mannschaft — untereinander durch treue Kameradschaft fest verbunden — hängt heute des Reiches und des deutschen Volkes Schicksal zum großen Teil ab. Wenn Oberleutnant Hersing mit seinem „17 21" den Heimatshafen verlassen hat und mit westlichem Kurse in See ging, so war er von diesem Moment an allein ans sich, seine Leute und seine Bordmittel angewiesen. England hat immer damit geprahlt, daß es überall Flottenstützpunkte habe dank dev zum Staatsprinzip erhobenen Politik ungeniertester Aneig-^ ming ftemden Gebiets, wir haben keine Flottenstützpunkte. Das Unterseeboot muß also mit dem, was es an Heizstoffen an Bord hat, auskommen. Es muß aber auch mit den Nerven seiner kleinen Besatzung Haushalten. Da bei der geringen Anzahl der Leute fast alle ständig im Dienst sind, mutz schließlich eine Ruhepause eingeschaltet werden. Und das geschieht, wie Großadmiral v. Tirpitz gesagt hat, indem sich das Unterseeboot in flachem Wasser einfach aus den Grund fallen läßt und sozusagen schlafen geht. Nur so kann die Besatzung — wenn die Maschinen still stehen — die nötige Nachtruhe erhalten.
Da man Haushalten muß mit Brennstoffen, Torpedos und Geschossen, die alle in dem engen Raum des 17-Bootes untergebracht sind, so hat man bisher das Verfahren beobachtet, den feindlichen Handelsdampscr weder mit Torpedos, noch mit den Granaten des kleinen Geschützes zu vernichten, sondern man hat den fremden Dampfer durch Sprengminen versenkt.
Der Vorgang wird sich stets ungefähr folgendermaßen abspielen: Neben dem englischen Dampfer taucht plötzlich im Abstand von vielleicht noch nicht mal 100 Metern der graue Körper des Unterseeboots auf. Besten Sehrohr, das bei der Unterwasserfahrt allein über der Oberfläche hervoroagt, hat man vorher nicht beobachtet, da man in einer englischen Binnensee an alles eher, als an deutsche Unterseeboote gedacht hat. Bon dem kleinen Führerstand auf dem Deck des 17-Boots aus wird nun der englische Dampferkapitän angerufen und durch das Sprachrohr ausgefordert, mit seiner Mannschaff die Boote klar zu machen und mit ihnen in fünf bis zehn Minuten das Schiff zu verkästen, das dann sofort versenkt wird. Zu diesem Zweck kommen in dem kleinen, auf Deck befestigten Beiboot des I7-Boots ein paar deutsche Matrosen an Bord des englischen Dampfers und bringen in dessen Schiffsraum eine Bodenmine an, d. h. einen Sprengkörper der in einem Metallkasten entweder durch ein Uhrwerk oder durch Drahtleitungen vom Unterseeboot aus nach wenigen Minuten entzündet wird. Bei der Entzündung reißt der Sprengkörper den Schiffsboden derart auf, daß ein Loch von vielen Geviertmetern entsteht, durch das die See sofort hev- einbricht. Das Ganze ist das Werk weniger Minuten.
Weitere Frachtenerhöhung in England.
London, 3. Febr. Die Erhöhung der Frachtsätze hält aü. Der argentinische Satz ist jetzt 70, vor Kriegsausbruch 12tzÄ Schilling. Für den Baumwolletransport von Galveston nach Havre sind- dje Kontrakte auf der Basis von 185, vp«t Galveston nach Liverpool auf der Basis von 120 Schilling ab, geschlossen worden. (Franks. Ztg.)
Weiteres Steigen der Kohlen- nnd Mehlpreise in England.
Sr. Amsterdam, 4. Febr. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Wru) In England sind die Nahrungsmittelpreise in stetem Steige» begriffen. Für Weizen wurden am Dienstag in Guildford und Plymouth 59 und 60 sh. für das Ouarter bezahlt. In den ärmeren Gegenden Londons fordern die Kohlenhändler von Leuten, die ihre Kohlen zentnerweise kaufen muffen, wahre Wucherpreise. Am Dienstag z. B. verlangten und erhielten sie nicht weniger als 50 sh. für die Tonne. Infolge des bevorstehenden Streiks der Bergarbeiter in Dorkshire werden diese Preise noch eine bedeutende Steigerung erfahren. '
