ii==-) Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblalts. 1 »=--- » >
Nr. 26.
Sonntag, 31. Januar.
1915.
(8. Fortsetzung.)
Die Ehe der Herrn Terbrügge.
Roman von 0r. Carls«,.
Nachdruck verboten.
Als Terbrügge nach anderthalb Stunden klopfte, trat ihm Magda fix und fertig entgegen. Sie trug ein elegantes Rohseidckostüm, das aus einem ersten Ber< lmer Atelier war und wundevbar saß, und eine kleine schwarze Toque, die schief auf das rostrote Haar drückte und das Bild einer Mondaine vervollständigte, die in den eleganten Nahmen des funkelnden Gesellschafts- vildes von Monte Carlo vorzüglich paßte.
„Bist du mit deiner Jungfer zufrieden?" fragte Terbrügge.
„Ich danke dir für diese Aufmerksamkeit! Ich muß gestehen, daß ich all den Koffern und Kasten ganz ratlos gegenüberstand I"
„Wollen wir jetzt zu Mama fahren oder ziehst du es vor, ein bißchen im Ort herumzuflanieren?"
Magda scheute sich ein wenig vor der ersten Begeg- nung mit der Schwiegermutter, aber sie enrpfand selbst die Unliebenswürdigkeit, die in jedem Zögern gelegen hätte, das ihrem Mann «das Wiedersehen mit den Seinen erschwerte, und sagte hastig: „Selbstverständlich fahren wir sofort nach Beaulieul"
Ein dankbarer Blick antwortete ihr, aber auch hier wie auf der ganzen Reise machte er nicht den geringsten Versuch, ihr mit einer Zärtlichkeit zu nahen. Ein Paar- Minuten später saßen sie bereits im Auto.
Auf der Fahrt sprachen sie nicht viel. Magda nahm nnt offenen Augen all die Schönheit in sich auf, an der der Weg so reich war. An diesem herrlichen Sonnen- tage zeigten sich die Reize der Riviera im blendendsten Licht. Meer und Himmel waren von der unwahr- scheinlichen Bläue, die der Mantel der Madonna auf den Bildern der Primitiven hat, die Palmen und der Rasen von sattem, strahlendem Grün, und dazwischen leuchtete die breite, weißeStraße, an der einenSeite von Dillen besäumt, an deren Mauern sich Crimion Ramb- lers und Schlingpflanzen wie ein Netz hiiraufrankten.
Nach einer Fahrt von zwanzig Minuten machten sie vor einer kleinen, sehr eleganten Villa Halt. Ein galonierter Lakai öffnete ihnen und meldete sie, und wenige Augenblicke darauf stand Stephans Mutter, die dem Diener hastig gefolgt war, vor ihnen.
Ihr erster Blick, ihre erste Begrüßung galten der Schwiegertochter. Sie zog sie an sich und küßte sie lange und zärtlich auf die Stirn, dann hielt sie sie ein wenig von sich entfernt und sah sie lange und prüfend an, so daß Magda das Blut in die Wangen stieg. Und das leidvolle Gesicht mit den vielen feinen Linien um Mund und Schläfen erhellte sich in einem gütigen Lächeln. -
Jetzt erst wendete sie sich ihrem Sohne zu und zog ihn in ihre Arme. Wortlos, aber um so zärtlicher war der Kuß, mit dem sie ihn begrüßte. Die schlanke, kleine Gestalt verschwand fast in seinen Armen, und Magda sah verstohlen, wie weich der Ausdruck seiner Züge wurde, als er seine Mutter ansah. Er verstand es also, zu lieben, nur sie hatte er an sich gerissen wie Raubgut, ohne sich die Mühe zu nehmen, ein Gefühl ru heucheln.
Frau Terbrügge hatte den einen Arm in den ihrer Schwiegertochter, den anderen in den ihres Sohnes gelegt und schritt nun mit ihnen dem Hause zu, wo sie der kranke Bruder erwartete.
„Erschrick nicht, mein Kind, vor unserem armen Fred! Er sieht gerade jetzt sehr schlecht aus. Wir haben schlimme Tage durchgeniacht, aber er fängt an, sich zu erholen, die Schmerzen haben nachgelassen, und er verbringt schon wieder Stunden im Garten, was ja ein großer Fortschritt ist."
Magda schauerte zusammen, als sie die Mutter mit solcher Resignation von deni Sohne sprechen hörte, der bis vor einem Jahre ihr Stolz gewesen tvar durch seine blühende Kraft und Schönheit, und den ein grau« samer Zufall plötzlich in der Blüte geknickt. Es ist immer entsetzlich, einen jungen Menschen leiden zu sehen, um so mehr aber, wenn die Unabänderlichkeit eines grausamen Geschicks u„s eutgegengrinst und auch nicht der leiseste Hoffnungsschimmer das lange Dahin- siechen erträglich niacht. Wie konnte die Mutter noch so ruhig und gelassen sein, da sie doch vom Bette dieses kranken Kindes kam und zu diesen, zurückging?
Sie hatte keine Zeit, diesen Gedanken zu Ende aus- Zuspinnen, denn schon öffnete sich die Tür eines Zim- wers vor ihnen. In strahlende Helle getaucht war der Raum. Durch die offenen Fenster und die Balkontür flutete Licht uiid Farbe des sonnigen Tages herein auf das Ruhebett, das so gestellt war, daß der Blick deS Kranken über das Meer hinschweifen konnte.
„Stephan bringt uns seine Frau, Fred!" sagte Frau Terbrügge und führte Magda zu dem Lager. Eine heiße Hand faßte die ihre und zog sie an die Lippen, und als Magda aufsah, erschrak sie fast bei dem Anblick dieses wunderschönen Gesichtes, das außer einer mar- inorfarbenen Blässe keinerlei Zeichen körperlichen Ver- falls aufwies. Wäre nicht der unbewegliche Unter- körper gewesen, den die Decken barmherzig verhüllten, man hätte bei seinem Anblick an einen ruhenden Apoll denken können.
„So niußtc Stephans Frau aussehen!" sagte er leise. „Ich habe mich auf dich gefreut wie ein Kind, schon weil du meinem großen Bruder das Glück gebracht hast. Wir werden Freunde sein, dem, ich sehe es deinen schönen, feuchten Augen an, daß du Geduld mit mir haben wirst. Willst du ein bißchen von der Liebe für Stephan auf mich übertragen?"
Magda zuckte zusammen bei diesen Worten. Sie wandte die Augen ab, so sehr fürchtete sie sich zu ver- raten vor diesem klaren, leuchtenden Blick, der in die Tiefen ihrer Seele zu gleiten schien. Aber Stephan half ihr. Er bog sich über den Bruder und küßte ihn.
„Daß ich dich wieder habe, Stephan! Nicht wahr» ihr verlaßt uns nicht so bald. Es ist ja gleich, wo ihr glücklich seid, und ich Hobe dich so bitter, so schmerzlich, entbehrt!"
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