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Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts.

klr. 25. Samstag, 30. Januar.

(2. Fortsetzung.)

Die Ehe der Herrn Terbrügge.

Roman voll F. Carlsen.

Nachdruck verboten.

Signe sah prüfend in das Gesicht des jungen Mädchens. „Du bist sehr bitter, wenn du von deinem Bräutigam sprichst."

„Da irrst du, ich urteile ganz objektiv. Warum sollte er mir eine besondere Bedeutung beimessen? Ich gebe ihm ja auch nicht die landläufigen Gefühle der Braut, die schematisch seit Ewigkeiten in keuschen, jungen Mädchenseelen festgelegt sind irnd auf bestimmtes Stichwort hervorgeholt werden."

„Das alles ist so ganz anders, als ich es für dich gewiinfcht hatte, Liebling."

„Gefiel dir Hans Maltitz besser?"

„Nein, Magda. Zwischen ihm und der Persönlich­keit Terbrügges ist ein gewaltiger, uniiberbrückbarer Gegensatz. Mit iNaltitz kann man über glattes Parkett tanzen, mit Terbrügge könnte man Gipfel erklimmen."

„Gerade darum graut mir vor dem Gedanken an meine Ehe, weil Terbrügge nicht indifferent ist, weil er eine Macht bedeutet, der ich mich beugen oder gegen die ich kämpfen muß!"

„Das Dritte hast du vergessen", sagte Signe leise und strich über Magdas Haar. „Den Ausgleich, das Kompromiß zwischen zwei Potenzen, die'nebeneinander regieren. Aber dazu braucht man Liebe. . ."

„Wo sollte die Herkommen?" fragte Magda veracht- lich. . „Glaubst du, ein Mädchen, das gezwungen wurde wie ich, liebt? Glaubst du, ein Mann, der ein Mädchen an sich reißt, fveil es in seine Kombinationen paßt, liebt? Wenn du ihn gesehen hättest, wie er mir gegen- übevstand und mir Klarheit gab, wie er sich im vor­hinein dagegen verwahrte, eine sentimentale Komödie anfzuführen, und mir sagte, daß er auf seinem Recht bestehen würde. . . . Kein Blick fiel dabei aus mich, aber ich hatte die Empfindung, als sei ich ein Zucht- vbjekt, an dem er achtlos vorllbergegangen wäre, wenn ich weniger gesund, weniger stark, kurz: weniger geeig­net gewesen."

„Das paßt zu einem Mann wie Terbrügge. Er sieht in dir die Gründerin eines Geschlechtes, und er hat gut gewählt. Schön und stark werden eure Kinder sein, und die arme Welt wird um ein bißchen reicher an Schönheit werden durch euch, und das hat sie sehr nötig."

„Wie mich das demütigt", murmelte Magda. „So nichts zu gelten als Persönlichkeit, nur Mittel zum Zweck sein . . . Hausfrau . . . Mutter — und denken, daß es Menschen gibt, die beglückt sind mit einer Liebe, die Berge versegt, mit grenzenlosem Verstehen rmd tief- innerster Gemeinschaft."

„Sieh mich an", sagte Signe gebieterisch, „ich ge- nieße dieses grenzenlose Verstehen, diese tiesinnere Ge­meinschaft, die du, nebenbei gesagt, auch bei Hans Maltitz nie gefunden hättest. Ich kann alle intellek­tuellen Güter empfangen und geben, aber das, wovon du so verächtlich sprichst, bleibt mir für immer versagt. Glaubst du wirklich, daß du sehr zu beklagen bist, wenn du dich mit mir vergleichst?'

Zum ersten Male, seit sie sich kannten, hatte Signe auf ihr Gebrechen angespielt, und Magda empfand tief, erjcfjuttert, was in öiesem Bekenntnis lag.

„Aber alle erkennen dich an und umgeben dich mit einem Bannkreis der Verehrung . . ."

^.."f/iid glaubst du, daß das einem Mädchen mit den Wünschen und der Sehnsucht ihrer zwanzig Jahre den rmen bewundernden Blick ersetzen kann, den ihr der Mann gibt, der ihr zufällig begegnet und noch nichts von ihrem ethischen Werte ahnt? Bewundert werden bloß, weil man ist und nicht trotzdem man ist ... . Be- wunderung von Mann zu Weib verträgt keine Gedan- kenarbeit, sie niuß sich spontan entflammen. Das ist das Wahre, Echte, Natürliche. . ."

Da trat Malene Hallgreen zu ihnen.

„Ihr müßt wieder zu den anderen", sagte sie be» stimmt, als sie die Spuren der Erregung in Signes Gesicht bemerkte, llnd sie standen auf und kamen in das Zimmer zurück. Dann setzte sich der junge Musiker ans Klavier und spielte Chopin. Und Magda war es, als fließe in diesem Augenblick die ganze Verworren­heit ihrer Seele mit den Tönen dahin und sie ergab sich dem Zauber der Stunde, ohne an das „Morgen" zu denken.

Das Nocturne verklang und die Ballade ertönte unter den Fingern des Jünglings. Lautlose Stille lag über den Zuhörern. Sie empfanden alle das geheim- nisvolle Weben der jungen Seele, die hier in Tönen ausströmte. Es schlug fünf Uhr, als Magda erschrocken auffuhr.

Sie machte Signe ein Zeichen, um die lauschende Andacht der kleinen Gemeinde nicht zu stören und glitt geräuschlos aus dem Zimmer, llnd froher, als sie ge- kommen, schritt sie dem Hause zu, in dem sie eine an- dere Atmosphäre umgab, wo sie mitten in die Anforde­rungen des Lebens geriet.

Stephan Terbrügge erwartete sie bereits. Er zog ihre Hand an die Lippen rmd sagte, während sein Blick sie forschend umfaßte:

„Drr siehst aus, als sei dir etwas Grites begegnet!"

„Ich war bei meiner Freundin Signe und das er- frischt mich immer!"

Er erwiderte nichts.

,Meine Mutter schickt dir durch mich ihr Geschenk. Die Krankheit meines Bruders verhindert sie daran, unserer Hochzeit beizuwohnen. Ich habe ihr ver­sprochen, sie mit dir an der Riviera zu besuchen!" ■

Er zog ein Etui aus der Tasche. Ein wunder­schönes, kostbares Brillantenmedaillon blitzte ihr ent­gegen. Die Kapsel hatte Platz für ein Bild, und die Rückseite trug, in Brillantensplittern die Inschrift: ,/Mein Liebstes!"

„Herrlich", sagte sie gedankenlos und ließ das Schmuckstück in das offene Fach ihres Schreibtisches gleiten.

Dann gab es sachliche Erörterungen, die mit der Feier in Verbindung standen, an denen der Konsul teil-