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Samstag, 30. Ianuar 1913.
klbend-Ausgabe.
Nr. 50. - 63. Jahrgang.
wettere Erfolge auf der Westfront!
Die bröckelnde französische Zrsnt.
Der Tagesbericht vom 30. Januar.
Schwere Verluste der Franzosen überall, weiteres Vordringen bei La Bassee. Lin bedeutender Erfolg in den Krgonnen. Insgesamt über 80V Franzosen gefangen, 10 Geschütze und 12 Maschinengewehre erbeutet. — Russische Rn- griffe in Gstpreutzen und Polen verlustreich zurückgeschlagen.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 30. Jan., vormittags. (Amtlich)
westlicher Rriegsschauplatz.
Die französischen Verluste in den Kämpfen nördlich Nie «Port am 28. Januar waren groß. Über 360 Marokkaner und Algerier liegen t o t in den Dünen. Der Feind wurde durch unser Artilleriefeuer auch gestern daran gehindert, sich an die D ü n e n h ö h e n östlich des Leuchtturmes mit Sappen heranzuarbeiten.
Östlich des Kanals von La Bassee entriffrn heute nacht unsere Truppen den Franzosen im Anschluß an die von »ns am 25: Januar eroberte Stellung zwei weitere Gräben und «»achten über 66 Gefangene.
Jur ui c ft 1t di e rt Teil der Argon nen unternahmen unsere Truppen gestern einen Angriff, der uns einen nicht unbedeutenden Geländegeivinn einbrachte. An Gefangenen blieben in uirsercn Händen 12 Offiziere und 731 Mann. Erbeutet wurden 12 Maschinengewehre, 16 Geschütze kleineren Kalibers. Die Berluste des Fei,»dcS sind f ch w er. 4- b iS 566 T o te liegen auf dem Kampffeld. Das französische Infanterie-Regiment Nr. 155 scheint ausgerieben. Unsere Berluste sind verhältnismäßig gering.
Französische Nachtangriffsversuche südöstlich Lerdun wurden unter schweren Berlusten für den Feind zurückgeschlage».
. Nordöstlich Badonviller wurden die Franzosen aus dem Dorf A n g o m o n t auf Bröurenil geworfen. Ango* mont wurde von uns besetzt.
Westlicher Rriegsschauplatz.
In Ostpreußen griffen die Russen erfolglos den Brückenkopf östlich Darkehmen au, beschossen unser» Befestigungswerke LsUich der Seenplatte und versuchten südöstlich des Lötvcntin-Sces einen Angriff» der in unserem Feuer zu s a m m e n b r a ch.
Russische Nachtangriffe in Gegend Borzymow, östlich Lvwitsch, wurden unter s ch w c r st c n B e r l n st c n für den Feind zurückgeworfen.
Oberste Heeresverwaltung.
Ludwig Ganghofer beim Kaijer?>
-Immer muhte ich ihn ansehen. Mich erfüllt
eine Stimmung voll schöner Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in inir an, während ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das Blut befeuernde Dorckmarsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber, jeder Truppenteil wie ein festge. schlosiener, unzerreißbarer Felsklotz. Eine Abteilung fällt mir besonders auf; man »uerkt ihr den Ehrgeiz an, dem Kaiser zu gefallen; die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches und wie Eisenhäinmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den französischen Morast.
Da hör' ich ein froües Auslachen des Kaisers. Er Wink» mir. „Ganghofer! Haben Sie sich das angeseben? Wic großartig die Leute marschieren! Ganz famose Menschen!" Wieder lacht der Kaiser, herzlicher, als ich es jemals von ihin hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.
Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch die Klüfte der trüben Wolken hinausgucki. über dem Lande, das ich sehen soll, liegt so
*) Ludwig Ganghofer ist bekanntlich von unserem Kaiser »n das Große Hauptauartier eingeladen worren Wir berichteten darüber bereits an anderer Stelle. Heute entnehmen wir den „Münch. N. N" einen fesselnden, lebendig geschilderten Aufsatz aus der Feder Ludwig Gangbofers. wie der .Dichter mit dem Monarchen eine Fahrt im Kraftwagen unternimmt.
Anderthalb Monat Joffrescher Offensive
^ W.T.-B. Berlin, 30. Jan. Von unterrichteter Seite wird uns geschrieben: Seit 17. Dezember — dem Tage, an dem General Joffre die allgemeine Offensive befahl, — ist ein voller Monat ins Land gegangen, ohne daß es den Verbündeten gelungen ist, unsere ausgedehnten Linien an irgend einer Stelle zu durchbrechen. Zwischen Reims und' den Argonnen haben die Franzosen besonders große Anstrengungen gemacht. Ihr Angriffe begannen dort am 20. Dezember und brachten an diesem Tage unbedeutende Teile unserer Schützengräben in - ihre Hand — Schützengräben, die sich aus der allgemeinen Verteidigungsfronr nach und nach feindwärts vorgeschoben hatten und einem konzentrischen Angriff ausgesetzt waren. In ununterbrochenem Angriff haben sich die Franzosen bemüht, diesen anfangs errungenen Vorteil zu erweitern. Täglich vereinigte sich das Feuer ihrer schweren Batterien auf bestimmte Teile unserer Front. Beinahe täglich stürmte die französische Infanterie gegen unsere Gräben vor. Immer dichter wurde das Toten seid vor unserer Front, immer größer die Zahl der französischen Gefangenen. Es soll iricht geleugnet werden, daß die französische Infanterie anfangs mit A u's.o p f e r u n g und Schneid an ihre Aufgabe heranging. Die Berichte des französischen Nachrichtendienstes tvaren in den Wochen vor dem allgemeinen Angriff eigentlich nur noch ein Lobgesang auf die unwiderstehliche Gewalt der französischen schweren Artillerie gewesen. Unter den: dauernden Eindruck dieser Berichte mußte in der französischen Infanterie die Überzeugung Platz greifen, daß sie bei einem Angriff eigentlich n u r-z u ernten haben würde, was die schwere Artillerie gesät. Sie hat schnell e i n z u- s e h e n g e l e r n t, daß nran bei .den Löbgesüngen auf die französische schwere Artillerie einen Umstand völlig außer acht gelassen hat — die Widerstandskraft unserer Infanterie. In diesem Punkt stimmt die Rechnung nicht. Es war denn auch deutlich zu erkennen, wie die anfängliche Zuversicht der fran- zösischen Jnfanterie mit jedem neuen Angriff nachließ und sich nach und nach die Überzeugung bildete: „Es ist nutzloses Blutvergießen, immer wieder gegen die deutschen Stellungen anzurennen." Auch als die Franzosen frische Kräfte ins Feuer führten, brach deren unverbrauchte Kraft an dem zähen Widerstand unserer Infanterie zusammen. Es ist erwiesen, daß die französischen Offiziere schließlich auf ähre Leute mit der nachgerade a b g eb r a n ch- t e n Lüge einzuwirken suchten, daß wir ihre Gefangenen zu Tode quälten. Sie übersahen dabei ganz, daß diese Lüge weiter nichts beweist, als daß die französische Infanterie durch die Angst vor Schlimmerem davon abgehalten werden sollte, sich dem Feinde zu ergeben. Tie Luge hat übrigens nicht viel genutzt.
v»el dunkle Trauer, daß uur reichliche und ausdauernde Sowie sie etwas aufhellcn könnte
_ Den Kaiser begleiten im Auto ztvei Herren des militärischen Gefolges. Und zwei Militärkarabiner, »nit de» Patronentaschen daireben, lehnen in den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kern Schutz. Der Kaiser will es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht cs neben gesprengten Steinbogen über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch bandbrei! ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieh' aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben, aber der Kaiser sagt: „Da ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält."
Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, bat liebenswürdige Linie»». Doch keine Ferne will sich richtig aufklären.
An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein Bild, von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von Mangel an Hausfreude, „on gartenloser Nüchternheit, von bedrückender Aneinander- pferchung, von Schmutz und Unordnung Hab' ich außer hier in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich aus einen Sessel niedersehe:» oder in einer Stube liegen können.
Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses
Die zahlreichen Gefangenen aus den Kämpfen im Dezember und Januar sind, zufrieden, daß „der Krieg für sie beendet ist". Unsere Truppen aber haben in diesen Kämpfen bewiesen, daß sie keinen Feind z»i scheuen Haben» — selbst nicht die „kameuso artilierie lourde" (berühmte schwere Artillerie) der, Franzosen. '
Oer ttaiser im schärfsten Feuer bei Soissons!
Berlin, 30. Jan. (Ktr. Bln.) Bei Soissons hat, wie die „Neue Politische Korrespondenz" zuverlässig hört, der Kaiser unmittelbar im schärfsten Feuer gehalten und konnte nur durch die dringlichsten Vorstellungen seiner Umgebung nach längerer Zeit veranlaßt werden, seinen gefährlichen Standort zu verlassen.
Der Dank des Rönigs von Sachsen an die Sieger von Craonne.
Berlin, 30. Jan. (Ktr. Bln.) . Der König von Sachsen hat aus Anlaß des Erfolges seiner tapferen Truppen bei Craonne an den kommandierenden General des 12. Armeekorps, General der Infanterie d' E l s a, folgendes Telegramm gerichtet: Habe mit? großer
Freude von schönem Erfolge von Teilen des Korps gehört und bitte Ew. Exzellenz den beteiligten Tritppen herzlichen G r u ß und w a r m e n Da nk von mir auszusprechen.
Die Luftschiffangst in Paris.
Maßnahmen des Generalgouverneurs von Lyou.
W- T.-B. Lyon, 29. Jan. (Nichtamtlich.) Nach dem „Progrds de Lyon" darf auf Verordnung des Generalgouverneurs von 9 Uhr abends an die Jnnen- b e l e u ck t u n g der Privathäuser und Gebäude von außen nicht m e h r sichtbar sein. Die Fensterläden nrüssen geschlossen und die Fenster verhängt werden. Die Beleuchtung der Schaufenster und der Terrassen der Kaffeehäuser ist untersagt.
Die Probeflüge französischer Lenkballons über Paris.
Berlin, 30. Jan. (Ktr. Bl»».) Wie der „Lok.-Anz " ans Genf erfährt, beginnen heute in der Pariser Bannmeile Probe- flüge französischer Lenkballons verschiedener ThpS.
Neue Maffenflucht aus Paris.
Die Wirkung der deutschen Erfolge von Soissons und Craonne.
Berlin, 30. Jan. (Ktr. Bln.) In der „Krcuz- zeitung" heißt cs aus Basel: Im Anschluß an die französische Niederlage bei Soissons, durch welche die deutschen Streitkräfte wieder in der Richtung auf Paris vorgegangen sind, wird aus der französische» Hauptstadt wieder eine Massenslucht der wohlhabenden Bevölkerung nach dem Süden Frankreichs gemeldet. Alle von der Regierung unabhängigen Zeitungen trügen ihren Pessimismus offenkundig zur Schau.
Leblose, von jedem Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnig Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist dos? Wie ein anderes Ponipeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen, alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinander- qcrüttelt durch ein neues Erdbeben?
Das ist Donchery gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe tobte.
Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat r.iit ber Übermacht der Feinde schon her- üngezüngelt über unsere Grenzen.
Es soll nicht weiterschreiien, wir wollen uns steininen dagegen mit unseren Leibern, mit unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke, daß unsere sieghaft borschreitende Befreiung und Erlösung scheitern könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus weniger — dieser Gedanke legt sich wie eine Klam- iner mn mein Herz, wie ein quälender Eisenreif um mein» Kehle.
Gibt cS Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einein vorausgegangenen Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusainmenhalt des ganzen deutschen Volkes zu spreche»», von der heiligen Begeisterungsflamme der ersten Augusttage. „Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben durfte." Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: „Wenn es nicht so gewesen wäre —" Er spricht
