Wiesbadener Ts
Verlag Langgaffe 21
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Samstag, 30. Januar 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 49. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
Von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Die Deutschen nur noch 16 Rilometer vor Warschau
Br. Bukarest, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Aus Petersburg wird gemeldet: Der Warschauer Berichterstatter der „Powoje Wrcmja" berichtet, datz dre Deutschen an einigen Stellen nur in einer Entfernung von 16 Kilometer vor den Autzen- werkcn von Warschau stehen. Die größte Entfernung betrage 40 KiIometer. Russische Blätter melden, daß der Militärgouverncur von Warschau angeordnet habe, daß alle alten Leute und Kinder baldigst die Stadt verlassen und nach Südrußland abreisen sollen.
Neue Pläne der russischen Heeresleitung.
Br. Wien, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die Kriegsberichterstatter und die militärischen Mitarbeiter beschäftigen sich mit einem neuen Plan der russischen Heeresleitung. Ter „Armeebote" sagt: Man ist in Rußland vom System der Schützengräben abgekoinnien und wird sich auf eine Strategie des Zusammenwirkens gewaltiger Truppenmassen stützen. Der „Rjetsch" meldet: Die neuen Absichten des russischen Generalstabs seien derart stigantisch, daß man beinahe an ihrem Gelingen zweifeln müffe, aber der glänzende Zustand der russischen Kavallerie wirke ermutigend.
Der Raub der Russen aus Ostpreußen.
W-T.-B. Kopenhagen, 29. Jan. (Nichtamtlich.) Nach Meldungen russischer Blätter kamen in Wilna landwirtschaftliche Geräte und Maschinen an, die in Ostpreußen von den Russen gestohlen worden sind, im Werte von über 109 009 Rubel. Da die meisten Maschinen reparaturbedürftig lind, ist in Wilna eine Maschinenwerkstätte eröffnet worden. Man erwartet noch weitere Transporte gestohlener ostpreußischer Maschinen.
Oer österreichisch-ungarische Tagesbericht.
. w. T.-B. Wien, 29. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wird Verlautbart vour 29. Januar, mittags: Starker
Schnecfall ist eiugetreten. In Westgalizien und Polen nur Rekognoszierungs- und Patrouiüen- gefcchte und, wo es die momentanen Sichtverhältniffe zulasten, Artilleriekämpfe.
I« den Karpathen wurden westlich des U b- zokerpasses russische Angriffe unter schweren Verlusten für den Gegner zurückgeschlagen. Bei VcAerszallas und Velovez sind die Kämpfe beendet, der Feind auf die Paßhöhen zurückgcworfen. Neuerdings 400 Gefangene eingebracht.
In der Bukowina herrscht Ruhe.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Die deutsche Hymne im österreichisch-ungarischen Kriegs- prcssequartier.
Wien, 28. Jan. Bei der Kaiser-Geburtstagsfeier im österreichisch-ungarischen Kriegspressequartier wurde die deutsche Hymne erstmalig nicht nach der englischen Originalmelodie, sondern nach einer neuen Melodie gesungen. Empfang des neuen bulgarischen Gesandten in Wien durch Kaiser Franz Joseph.
W. T-B. Wien, 29. Jan. (Nichtamtlich.) Der Kaiser empfing heute vormittag den bulgarischen Gesandten Toschew in besonderer Audienz zur Entgegennahme seines Beglaubigungsschreibens.
Dokumente der Lüge!
Feindliche Fälschung von Bildern über Judenpogrome als Beweise für deutsche Greueltaten.
Br. Berlin, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die „Nordd. Mg. Ztg." veröffentlicht heute eine illustrierte Son- derbeilage „Dokumente der Lüge". Es sind Bilder, die der argentinischen Zeitung „Eritica" vom 24. November entnommen sind. Das Blatt behauptet, diese Bilder, die schrecklich verstümmelte Lerchen darstellen, seien Beweise für die Art, wie die deutschen Truppen in Polen gehaust. Wie die >,Nordd. Mg. Ztg." demgegenüber fesfftellt, handelt es sich um eine gemeine Fälschung, nämlich um Pogrom- bilder, und zwar Bilder von Judenpogromen in Bialost o ck im Jahre 1905. Eines dieser Bilder ist, wie weiter festgestellt wird, dem Werke „Der letzte russische Selbstherrscher" entnommen, das eine Anzahl Bilder von Judenpogromen veröffentlicht hat. Datz es sich um durchweg ermordete Juden handelt, geht ans den Kleidungsstücken hervor, welche die einzelnen Leichen tragen: Es sind jüdische Gebct.s- mäntel usw.
Rußlands Balkan-Politik. '
__ Br. Wien, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Aus Salöniki wird der „Politischen Korrespondenz" geschrieben: Ein hoher russischer Diplomat, der auf der Durchreise nach .Frankreich begriffen ist, machte über Rußlands Balranpolitik ausführliche Äußerungen: Die von Rußland verfolgten Ziele beleuchten Rußlands feste Absicht, die Hegemonie auf dem Balkan an sich zu reißen. Rußland beabsichtigt, nach bem Kriege ganz Thrazien zu besetzen, und sei in die
sem Falle bereit, Bulgarien die Linie Enos-Mydia zu überlaffen. Sollte dieser Plan unausgeführt bleiben, so sei Rußland bereit, Bulgarien Thrazien zu überlaffen. Konst a n l i n o p e l werde nach einem voraussichtlichen Zusammenbruch der Türkei eine freie Stadt werden. Außerdem strebe Rußland die Einverleibung von sechs armenischen Bezirken an.
Bau einer neuen rnffischen Eisenbahn nach dem Weißen Meer.
IV. T.-B. Petersburg, 29. Jan. (Nichtamtlich.) Der Zar hat den Beschluß des Ministerrats auf sofortige Bewilligung von 171/, Millionen Rubel für, den alsbaldigen Eisenbahubau von Petrosavodsk nach dem Meerbusen Sorozkaja am Weißen Meer genehmigt.
Rußland und der Berkehr nach dem Westen.
Kopenhagen, 28. Jan. Aus Anlaß des in Petersburg tagenden Russischen Kur- und Bäderkongresses weist die „Nowoje Wremja" auf die Zwecklosigkeit dieses Kongresses hin, da, welchen Ausfall der Krieg auch haben werde, bald nach dem Friedensschluß wieder ein reger Verkehr zwischen dem deutschen und dem russischen Volke sich entwickeln werde. Für einen gebildeten Russen sei es ein absolutes Bedürfnis, Reisen nach Westeuropa zu machen, nicht allein wegen der vorzüglichen Bäder, sondern auch wegen der Kultur. Es gebe keine Macht, die Russen vom Reisen nach Westeuropa abzu- halten und sie zu zwingen, russische Bäder zu besuchen. Rußland würde sich vielleicht eines größeren Frenidenbesuches erfteuen können, als jetzt, loenn es mehr gute Hotels und weniger Ungeziefer hätte.
Die Lage im westen.
Oer französische Tagesbericht.
W. T.-B. Paris, 29. Jan. (Nichtamtlich) Amtlicher Bericht vom 28. Januar, nachmittags: Anläßlich des Geburtstages des Kaisers kündigten unsere Gegner für gestern eine große Kraftanstrengung an, welche auch erfolgte) aber nicht zu ihren Gunsten anSffel. (?) Der Tag war gut für uns auf der ganzen Front. Alle feindlichen Angriffe wurden zurückgeschlagen, alle französischen Angriffe schritten fort. — In Belgien wurden die Stellungen des Feindes beschossen und mehrere seiner Schützengräben zerstört. An der L y s bestrich die englische Artillerie die Straßen und Versammlungspunkte der deutschen Truppen/ In den Abschnitten von A r r a s, Albert, Roye-Royon und S o i s s o n s fanden Kanonaden und zeitlveilig aussehendes Gewehrfeuer statt. An verschiedenen Stellen versuchte die feindliche Infanterie aus den Schützengräben hervorzubrechen, um anzugreifen, wurde aber sofort durch heftiges Feuer zurückgeworfen. Im Gebiet von C r a o n n e erreichten die Gesamtverluste der Deutschen ain 25. und 26. Januar sicher den Effektivbestand einer Brigade. (?) Die deutschen Gefangenen haben den Eindruck, eine große Schlappe erlitten zu haben. Unser Verlust an Toten, Verwundeten und Vermißten betrug in diesen beiden Tagen ungefähr 800 Mann. (Dabei machten wir bei Craonne über 1100 Gefangene, die doch in unserer Hand sind und gezählt werden könnten. 'Schriftl.) Er erklärt sich gleichzeitig durch die Intensität des Karnpses und den gestern gemeldeten teilweise» Einsturz eines alten Steinbrnchs, wo zwei Kompagnien während des Bombardements Schutz suchten und cingemauert wurden. Sie mußten während des ersten Teils des Angriffs lebendig in die Hände des Feindes fallen. Unsere Gegenangriffe gaben uns die Gesamtheit de" umstrittenen Geländes zurück. — In dem Abschnitt von Reims, zwischen Reims und den Ar gönnen, herrschte Artillerieduell, in dem wir die feindlichen Batterien bemeisterten.
Anmerkung des deutschen Großen Hauptquartiers: So
weit die französischen Angaben durch die deutschen Berichte nicht bereits widerlegt sind, wird sich ihre tendenziöse Färbung demnächst noch Herausstellen.
Amtlicher Bericht von 11 Uhr abends: In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar hat der Feind keinen Jnfanterieangriff ansgeführt. Im Rordosten von Zonnebeke Bombardement durch die Deutschen und lebhaftes Gewehrfeuer. An der A i s n e Artilleriekampf. In den A r g o n n e n einfaches Geschützfeuer. Im Elsaß im Nordwesten von Ammerzwei l e r haben sich unsere Truppen trotz lebhaften Geschütz- feners ans dem Boden des weiter eroberten Terrain? gehalten und sich dort eingerichtet.
Der französische Marineminister in London.
W. T.-B. London, 29. Jan. (Nichtamtlich) Das Reuterbureau meldet amtlich: Ter französische Marineminister traf Dienstagsrüh hier ein und wurde von dem König empfangen. Der Minister hatte mehrere Konferenzen mit dem ersten Lord der Admiralität über die Aufstellung und Verwendung der Sccstreitkräfte der beiden verbündeten Mächte. Die Konferenzen ergaben Übereinstimmung in den Anschauungen beider Staatsmänner und die i n t i m e Solidarität beider Regierungen. Der Minister sah während seines Aufenthalts Lloyd George, Grcy, Kitchener, Crewe, Balfcmr und besuchte P a r t s m o n t h, wo er das Arsenal und die Docks besichtigte.
Die Deutsche» in Nohon.
Rooscndaal, 28. Jan. In einem Bericht des „Petit Parisien" aus Noyon wird den Deutschen ein sehr lobendes Zeugnis ausgestellt: Die Stadt hat unter der Herrschaft des Feindes nicht gelitten, den Einwohnern wird daS Leben nicht schwer gemacht. Die deutschen Offiziere sähen darauf, daß cs den Einwohnern nicht an Lebens
mitteln fehlt, Brot und Fleisch sind zur Genüge vorhanden. In der Kirche findet abwechselnd katholischer und evangelischer Gottesdienst statt.
Englischer Kriegswahnwitz.
Unter all dem Unsinn, mit dem die Engländer gewohnheitsmäßig ihr Mißgeschick beschönigen, den wilden Bienen, die bei Tanga für die Deutschen siegten, und anderem lief auch jüngst die Behauptung des Abgeordneten für Kings Lynn durch die englischen Blätter, die Zeppeline seien ber ihrem Angriffe auf die Küste von Norfolk von zwei Kraft- Wagen geführt worden, die mit Feuerzeichen den Luftschiffen die Richtung gewiesen hätten. Jetzt läßt sich die „Daily News" (vom 25.) zu dem Geständnisse herbei, daß die Ortsbehörden in Norfolk die Kraftwagengeschichte für ganz und gar erfunden erklärt haben.
Der englische „Geschäftsgeist".
London, 26. Jan. Die bekannte Nahrungsmittelfirma I. L y a n s u. (io. wird gerichtlich verfolgt, da sie angeklagt ist, für das Heer große Lieferungen schlechten Fleisches gegeben zu haben. Es ivurden eine große Anzahl Zeugen verhört, die sehr zum Nachteil der Firma aussagten. Die Verhandlungen sind noch nicht zum Wschluß gebracht. Auch die Firma W r i g h t wird gerichtlich verfolgt, da sie 40 000 Pfund Butter für das englische Heer in Frankreich lieferte, die mit Milch Pulver verseht war. Die Hürma hat vorläufig eine Strafe von 9 Pfund erhalten.
Das Seegefecht in öer Nordsee.
Berichtigung einer englischen Falschmeldung.
W■ T.-B- Berlin, 29. Jan. (Nichtamtlich.) Der vorläufige Bericht des englischen Admirals Beatty über das Gefecht ui der Nordsee, wie er durch das Reuter-Bureau verbreitet wird, enthält die Behauptung, daß nach der Aussage von deutschen Kriegsgefangenen der Kreuzer „Colberg" durch das Feuer des englischen Geschwaders z.nm Sinken gebracht worden fei. Diese Nachricht ist, wie wir von zuständiger Stelle erfahren, unzutreffend. Es kann gegenüber dieser Behauptung und anderen Entstellungen gegenüber nur erneut auf die Angaben des amtlichen deuffchen Berichtes hin- gewiesen werden, wonach sämtliche am Gefecht beteiligten Schiffe und Fahrzeuge mit alleiniger Ausnahme des großen Kreuzers „Blücher" in die deutschen Häfen zurück ge kehrt sind.
Die Unterdrückung der Wahrheit in England.
Br. Amsterdam, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der englische Zensor hat die niederländischen Zeitungen, welche die den Reuter-Telegrammen entgegenstehenden amtlichen deutschen Wolfs-Meldungen über die Seeschlacht gebracht haben, von der Einfuhr nach England ausgeschlossen und nach Holland zurückschaffen lassen. Betroffen wurden davon die holländischen Blätter der beiden ersten Wochentage.
Oie Kämpfe im Avgonnerwald.*)
Eine anschauliche Schilderung aus dem Grotzen Hauptquartier.
(Fortsetzung.)
IV.
Uni die Wende der Monate September und Oktober setzte der Beginn der größeren deutschen Angriffe ein. Auf dem rechten Flügel drangen unsere Truppen von B i n a r v i l l e aus in die Westargonnen ein und warfen hier den Feind allmählich südwärts zurück. In der Mitte des Waldgebietes wurden Mitte Oktober deni Feinde Bar r i cad e Pavillon und St. Hubert entrissen, nachdem um die letztere heftig gekämpft worden war. In den nächsten Tagen drang man von hier aus weiter nach Westen vor und näherte sich deni B i e sm et aI e in Richtung aus Le Fo ur de Paris, an welchen Ort man bis auf 400 Meter herankam und wo man sich festsetzte und sich hielt trotz aller Gegenangriffe, welche die Franzosen, seitdem hierher gerichtet haben. Auch Bagatelle Pavit- l o n, einer der stärksten Stützpunkte der Franzosen im Walde, mußte von: Feinde am 12. Oktober aufge- geben und d:m deutschen Angreifer überlassen werden. Die Wegnahme der drei erwähnten Pavillons war ein großer moralischer Erfolg. Man begnügte sich nicht mit ihrem Besitze, sondern trug die Offensive weiter vorwärts. Wer auch fiir diese blieb, wie bei den bisherigen Kämpfen, der schrittweise Angriff bestehen. Die Infanterie sappte und schanzte unent- wegt, vielfach bei Nacht, mn unnötige Verluste an Menschenleben zu vermeiden. Dein Infanteristen reichte der Pionier die Hand, der den ersteren lehrte, Bergmannsarbeit im felsigen Boden zu leisten und den Stollen unterirdisch weiter zu treiben. Bei den Kämpfen und Stürmen känipsten und stürmten beide Schulter an Schulter. Auch der Artillerist stellte sich tm Schützengraben ein. So entstand ein enges kameradschaftliches Verhältnis, wie es selbst ini Frieden kaum zustande gekommen war, einer dem anderen vertrauend, jeder auf die Unterstützung des anderen bauend, sie alle jederzeit dem Tode ins Auge schauend.
*) Siehe den Aussatz und die Kartenskizze «n Nr. 44t
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