l g. ■ “i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. »>
Nr. 24.
Zreitag, 29. Januar.
1915.
II. Fortsetzung.)
vir Ehe der Herrn Terbrügge.
Roman vo» F. Tarifen.
Nachdruck verboten.
Magda stand in ihrem Schlafzimmer noch lange am Fenster und sah hinaus in die schweigende Nacht. Die Unterradung mit ihrem Verlobten war genau so ausgefallen, wie Terbrügge es voraus-gesehen. Er hatte einen lähmenden Schrecke«» bei der Nachricht von der Veränderung der Verhältnisse nicht verbergen können, und die Phrasen, die ihm seine gute Erziehung ab- ztvang, klangen hohl und fremd. Von diesen» Augenblick an beherrschte Magda die Situation. Sie zeigte nicht eine Spur von Schmerz, sie war sachlich und klar und bot ihm selbst die Lösung ihres Verlöbnisses an. Llber sie war Weib genug, um knirschend den Seufzer der Erleichterung zu empfinden, der Maltih entfloh, und da sie zu den Naturen gehörte, denen Liebe ohne Achtung unmöglich erscheint, dämmerte ihr bei der Er- kenntnis seiner Kläglichkeit das Bewußtsein, datz ein gnädiges Geschick sie knapp vor Toresschluß vor einer bitteren Enttäuschung bewahrt hatte, die mit der, die sie jetzt erlitt, nicht zu vergleichen war.
Als sic Malfitz verabschiedete, war sie ihn» innerlich so fern, als hätten sie seine Arme nie umschlungen, seine Lippen nie geküßt. Ein himmelstürmendes Gefühl hatte sie ja nicht für ihn empfunden. Sie war seit ihrer Kindheit gewohnt gewesen, sich als seine Braut zu betrachten, und die Gewöhnung hatte eine Art Zärtlichkeit gezeitigt, die oberflächlicher Beobach, tung vielleicht als Liebe erscheinen konnte und im Grunde nichts »var. Das erfichr Magda bei dieser ersten Gclegercheit, die sich ihr bot.
Seine Antworten waren von Ich übergestromt. MH soll das Regiment verlassen? Ich soll fort von hier? Ich soll arbeiten? Uns» immer am Schlüsse jedes Satzes ein verzweifeltes: Ich kann nicht!
Was in der Seele des Mädchens vorging, das so jäh aus der -Höhe hinabgeschleudert wovden war, das streifte feine egoistische Natur nicht, er sah alles nur im Gesichtswinkel seines eigenen Geschicks. Und als Magda das klar und unumstößlich erkannt hatte, war sie mit ihm fertig. Sie schickte ihn fort und verschwendete nicht cinnml eine SEräne mehr an ihn. Dann fieß sie ihren Vater rufen und teilte ihm ihren Entschluß mit, der ihm Leben und Hoffnung wiedergab.
Als sie in diesen» Wendepunkt ihres Lebens ihre Vergangeicheit übevdachte, da siel ihr auf, wie achtlos sie oahingelübt, wie sie alles hingeiwmmen, ohne zu fragen, was den Dingen z,»gründe lag, und geherrscht hatte in ihrem Kreise wie eine Königin von Gottes Gnaden. Alles hatte sich ihrem Zepter gebeugt, nun galt es dafür zu bezahlen, denn Könige tragen auch Verantwortungen. Aber daß Terbrügge der Mann war, der ihr Schicksal in die Hand nahm, das war hart. Sie war ihm früher öfters in Gesellschaft begegnet, hatte aber nie mehr als ein paar flüchtige Worte mit ihm gewechselt. Man behauptete von ihn», er nrache sich nichts aus jungen Mädchen, und Magda tvar ihn» ausgewichen, so oft sie konnte, ohne daß sie sich
selbst eine», Grund dafür anzugüben wußte. Ulid jetzk war ste an ihn gebunden. —
Der Gedanke an ihre Unterredung trieb ihr das Blut »ns Gesicht. Gott sei Dank, daß die Liebeskoniödie wegfiel, er forderte nichts und gab nichts nach dieser Rrchtung, und das war gut, denn dann konnte man sich wenigstens die Integrität der Persönlichkeit bewahren, Mnen eigenen Zielen und Zwecken leben und versuchen, aus einer verfehlten Sache etwas zu konstruieren, das mrnierhin gewisse Werte aufwies. Und als Magda in Stacht schlafen ging, da hatte sie sich mit ihrem Schlckial abgefunden und verschloß ohne das leiseste Zlttern das große Bild von Hans Maltitz in» Schreib- fisch. Er war abgetan und begraben.
. Das Haus Corwyn stand wieder sicher auf de»» Fußen und Stephan Terbrügge kam als erklärter Bräutigam täglich zu Magda. HanS Maltih, der den Zusammenhang der Ereignisse nicht ahirte, denn Magda iWttc ihn» Teibrügges in Aussicht gestellte Hilfe und die daran geknüpfte Bedingung bei jener Aussprache verschwiegen, suchte Himmel und Erde zu bcwegen, um sie »unzustimmcn, und gab sich erst zufrieden, als »»ach wenigen Tagen ihre Verlobung offiziell angezeigt wurde. In der ganzen Stadt sprach man von Magdas Treubruch gegen den armen Leutnant zugunsten des Millionärs. Sie fand für solche Reden, wenn sie zn- fällig ihr Ohr trafen, nur ein verächtliches Achselzucken. Terbrügge hatte sie »nit herrlichen Geschenken überschüttet. Die Perlenschnur, die er ihr an, Vcrlobungs- tage umgelogt, war von unschätzbarem Werte, jeder Tag brachte neue Überraschungen und Magda nahm das hin »nit einer gewissen stereotypen Dankbarkeit, an der das Herz keinen Teil hatte.
Verstohlen beobachtete sie ihn oft, wenn er, in einen tiefen Klubsessel geschnnegt, seine Zigarre rauchte und mit dem Vater über geschäftliche Konjunkturen sprach. Ein Profil, scharf geschnitten, wie ein römischer Cäsarenkapf. Dichtes, dunkles Haar mit dein militärischen Scheitel. Kein Bart verbarg den strenge»» Mund, dem nur von Zeit zu Zeit das Ansblitzen weißer wunderbarer Zühire einen freundlichen Charakter gab. Er war ein Mann, an dem inan nicht vorübergehen konnte, er ragte aus der Menge körperlich hervor, so wie sein (Seist seine Umgebung überragte. Kein überflüssiges Wort, keine Phrase, kurz und k»rapp war, was er sagte, und ließ fast nie eine Entgegnung zu, denn es erschöpfte nreistens den Sinn der Dinge.
Die Derbrüggesche Villa lag a»ißerhalb der Stadt. Sic war von einem herrlichen Park »»»»geben und »nit Kunstschätzei» angesüllt. die er sich von seinen verschiedenen Reisen mitgebracht. Dort arbeiteten jetzt Schare!» von Handwerkern, um verschiedene Verärgerungen zu treffen, die der Einzug der ju,»gen Herrin bedingte. Sie war kurze Zeit nach der Verlobung in Begleitung ihres Raters hingefahren, um ihr zukünf- tiges Hein» zu besichtigen und war überrascht gewesen von der Fiillc der Eindrücke. Aber äußerlich blieb sie
