| g-~ •. Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 23. Donnerstag. 28. Ianuar. 1Kt5.
vir Ehe de; Herrn Terbrügge.
Roman von F. Carlsen.
Nachdruck verboten.
I.
Die Regentropfen prasselten an die Fensterscheiben des Privatkontors, in dein die beiden Männer sich Auge in Auge gegenüberstanden. Der Altere hatte ein seines, nervöses Gesicht, das einen gequälten, sorgenvollen Ausdruck trug, der schlecht zu dem gediegenen, ruhigen Luxus um ihn herum paßte. Der Jüngere hatte eine eiserne Physiognomie. Er stand an der Schwelle der Vierzig. In seiu glattrasiertes, intelligentes Gesicht hatte ein unbeugsamer Wille, eine jahrelang geübte Selbstbeherrschung scharfe Linien gegraben. Er überragte den anderen um Kopfeslänge und dominierte den gairzen Raum mit seiner Persönlichkeit.
„Ich bin kein Romantiker, Herr Konsul, und glaube nicht an ein neuerliches Aufblühen des Geschäftes bei dem Zustand, in dam es sich jetzt befindet. Nur ein großes persönliches Interesse könnte mich bewogen, hier in die Bresche zu springen." Er hielt einen Augenblick inne. „Das ist vorhanden. Ich will Ihre Tochter heiraten und gebe Ihnen sodann die Mittel in die Hand, wieder flott zu werden."
Lautlos still wurde es im Zimmer, nur eine Fliege summte beharrlich und zog ihre Kreise immer enger um die bleiche Stirn des Konsuls, der in qualvolles Sinnen versunken dastand.
„Aber Magda tft ja verlobt!" sagte er mühsam.
„Ich weiß", erwiderte der andere, „mit einem kleinen Leutnant, einem ganz unzuverlässigen Windhund. Aber das ist ja doch unhaltbar, da Sie weder Kaution noch Zulage leisten können!"
„Sie liebt ihn", murmelte der Konsul.
„Sie glaubt ihn zu lieben, das ist ein wesentlicher Unterschied. Ich habe mich genau erkundigt. Hans v. Maltitz bietet keinerlei Gewähr für eine Ehe. So kann ich skrupellos dazwischentreten, ich zerstöre vielleicht einen Traum, gewiß aber kein Glück."
„Lieben Sie denn meine Tochter, Terbrügge?"
„Gestatten Sie mir, mich über meine Gefühle mit ihr selbst auseinanderzusetzen?" Das klang so kurz und abweisend, daß der Konsul verstummte.
„Ich darf also annohmen, daß wir prinzipiell einig sind? Dann bitte ich um eine Unterredung mit Fräulein Magda. Die Zeit drängt und ich will Ihre Engagements lösen, bevor sich die Gerüchte, die über Ihre Firma kursieren, gefestigt haben."
„Noch ein Wort, Terbrügge, ich flehe Sie an! Und wenn meine Tochter sich weigert, wenn sie nicht von Maltib lassen will? Sie sind seit ihrer Kindheit miteinander versprochen."
„Dann habe ich keine Veranlassung, in die Geschicke Ihres Hauses einzugreifen. Sie werden als Geschäftsmann einsehen, daß man nicht aus bloßer nachbarlicher Gutmütigkeit eine Million in ein zweifelhaftes Unternehmen steckt."
Der Konsul schwieg. Seine Finger spielten einen Augenblick nervös an dem elektrischen Taster, ehe er sich entschloß, zu klingeln.
„Ich lasse Fräulein Magda bitten", sagte er zu .dem eintretenden Diener.
„Ich ersuche Sie, Terbrügge, mir die Qual dieser Auseinandersetzung m ersparen, ich fühle mich ihr nicht gewachsen."
„Es ist mir sogar lieber, Herr Konsul, wenn ich mit Fräulein Magda allein sprechen kann."
Die Männer gaben sich die Hand, dann verschwand der Konsul durch eine kleine Tapetentür. Im nächsten Augenblick trat ^agda Corwyn ein. Sie blieb erstaunt auf der Schwelle stehen, als sie Terbrügge, den sie nur flüchtig kannte, allein sah. Dann trat sie näher und begrüßte ihn mit kühler Zurückhaltung.
Sie war im Anfang der Zwanzig, groß, schlank und hatte ein schönes, regelmäßiges Gesicht, das kühl wirken mochte, wenn nicht die sprühenden, grauen Augen es belebt hätten. Rasse sprach aus ihren Zügen, aus jeder ihrer Bewegungen. Das rostbraune Haar, das in dichten Flechten um den Kopf gewunden war, kontrastierte merkwürdig mit den schwarzen Wimpern und Brauen. Trotz ihrer Größe reichte sie Stephan Terbrügge mir bis an die Schulter, als sie so dicht vor ihm stand.
„Mein Vater ließ mich rufen", sagte sie kurz.
„Er gestattete mir auf meinen Wunsch eine kleine private Unterredung mit Ihnen."
Sie sah ihn befremdet an.
„Mit mir? Was könnten Sie mir zu sagen haben» Herr Terbrügge?"
„Wollen wir uns nicht setzen?"
Widerwillig, aber doch interessiert, nahm Magda im Lehnsessel ihres Vaters Platz, Terbrügge setzte sich ihr gegenüber. Seine stahlharten Augen bannten die ihren unbarmherzig.
„Sie sind stark, Fräulein Corwyn, und ich brauche bei Ihnen keine Umschweife zu machen. So komme ich sofort zur Sache, Ihr Vater ist ruiniert!"
Kein Laut entfloh ihren bleichen Lippen. Nur ihre Augen wurden groß und weit, als sähen sie eine gespenstische Vision.
Er fuhr fort. „Morgen wird es an der Börse bekannt werden, daß das Haus Corwyn seinen Verpflichtungen nicht Nachkommen kann. Ihr Herr Vater hat alles versucht, aber bei dem verzweifelten Stande der Dinge findet sich kein Retter, der eine genügende Summe opfern würde, um den Zusammenbruch aufzuhalten."
Sie bäumte sich. „Wir haben Freunde . . ."
Ein geringschätziges Lächeln spielte um seinen strengen Mund.
„Die haben als erste' das sinkende Schiff ver- lassen . . ."
„Und woher wissen Sie das?"
„Ich war einer derjenigen, an die «man mit der Bitte herantrat, die Sache zu sanieren."
Ein Hoffnungsschimmer blitzte in ihren Augen auf
