Einzelbild herunterladen
 

i Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblalts. i

Nr. 22.

Mittwoch» 27. Ianuar.

1918.

Copyright; 1914 by Carl Dunker, Berlin. fl&Sta&J

ver Wagehals.

Roman von Fritz Skowronnek.

Nachdruck verbalen.

n DtE Aufrsgung hatte sich gelegt. Der Forstmeister ließ sich alles, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war, erzählen. Das Gespenst auf der Schonung, die Bollerei an der Aschwöne, die Entlarvung und die Flucht des „Barons", die Geschichte der Jagdverpach­tung. . . . Die Bauern hatten es richtig durchgesetzt, daß der Schulze ihnen für ein Jahr den Pachtbetrag nach dem Gebot des Barons bezahlen mußte. „Das schadet ihm gar nichts", meinte der Forstmeister lachend. „Das wird ihm eine heilsame Lehre sein. . . ."

In Dietrichswalde war Aufregung und Sorge ein- gekehrt. . . .Daumlehner war abgestürzt. . . . Reichen­bach hatte ein langes Telegramm geschickt. Er hatte mit Daumlehner eine Überlandfahrt von Königsberg bis an die Schweizer Grenze gemacht. . . . Alle deut­schen Rekords waren geschlagen. . . . Beim Landen war die Taube, kaum fünf Meter Mer dem Erdboden, zur Seite abgerutscht, Reichenbach hatte sich durch einen Sprung gerettet und war mit einer kleinen Ver­letzung davongekommen. . . . Daumlehner war unter die Maschine geraten, die ihm beide Beine gebrochen hatte. . . . Viel bedenklicher war die Gehirnerschütte­rung, die er davongetragen hatte. ... Er lag im Krankenhaus in Lindau am Bodensee. . . . Der alte Graf Zeppelin war zufällig bei der Landung dazu ge- kommen und hatte ihn selbst in seinem Auto dorthin gebracht. . . .

Sofort setzte sich Erna auf die Bahn und fuhr zu ihrem Verlobten. Der Mutter gegenüber, bie ihr vor- hielt, das habe sie schon lange kommen sehen, benahm sie sich sehr tapfer.

„Ich auch, liebe Mutter", erwiderte sie fest. „Darauf mußte ich vom ersten Augenblick an gefaßt sein. Und ich bin es gewesen, die ihn immer äufgefordert hat. nicht zu ermüden und das Höchste zu wagen. Das habe ich für meine Pflicht gehalten, ihm nicht den Klotz ans Bein zu binden. . . . Jetzt wer.de ich ihm dafür die Treue halten . . . und wenn bloß ein Schatten von meinem stolzen Walter übrig bleibt, ich heirate ihn."

Herr von Neichenbach wurde durch ein dringendes Telegramm nach Starrifchken beordert. Er kam, den linken Arm in der Binde. Der Schwiegervater emp­fing ihn auf dem Bahnhof.

„Ich habe die Lisbeth mit Absicht zu Hause gelassen, um dir zu sagen, .daß du die Ohren steif halten sollst. ... Die Frauenzimmer sind ja ganz aus dem Häus­chen. Aber ich halte dir den Daumen. ... Laß dich nicht unterkriegen. . . ."

„Ohne Sorge, lieber Papa. ... Ich werde nicht fahnenflüchtig."

Der Empfang in Starrifchken war derart, daß Guido seine Erwartungen und Befürchtungen weit übertroffen sah. Die Frau Schwiegermama stellte Mne Umschweife nach den ersten Bögrüßungsworten die Bedingung, daß er sofort seine Versetzung in die

beantragen und sich ehrenwörtlich verpflichten müsse, bls dahin nicht mehr zu fliegen.

„Du gestattest Wohl, daß ich mich erst mit meiner Braut darüber bespreche."

•u das ist durchaus nicht nötig, meine Tochter

ist mit mir vollkommen einverstanden.... Elimar, du wirst meine Worte bestätigen."

Eine Palastrevolution war in Starrifchken ausge. i. i ' JC .P en v bon Grumkow hatte, statt seiner Gattin betzupflichten, den Schwiegersohn unter den Arin ge­nommen. „Komnr Guido. . . . Wir wollen erst mal einer guten Flasche den Hals brechen. . . . Hast du ein Fahrzeug in Königsberg? Ja. . .? Na, denn fahren wir Monden in die Stadt der reinen Vernunft und fliegen ein bißchen spazieren."

Fvau von Grumkow hatte nicht nur bei ihrvm Manne sondern auch bei ihrer Tochter die Grenzen ihrer Macht überschätzt. . . . Denn nachdem sie eine Halbe Stunde ihrer Tochter Vernunft gepredigt hatte, stand lisbeth auf und ging zu den Männern, die ver- Mngt bei einer alten Flasche Rheinwein plauderten. Guido sprang nicht etwa auf, um sie freudig zu be- grüßen. . . . Nein, er blieb ruhig sitzen und erzählte weiter von der prächtigen Fahrt. ... Er streckte nur die linke Hand nach Lisbeth aus und zog sie an seine Seite. . . .

„Unten auf der Erde", sprach er ruhig weiter, „lauert die Tücke auf uns. . . . Hoch oben in der Lust.

,e hoher desto besser, fahren wir wie Könige dahin_

Hoch erhaben über alles Menschenvolk, was auf der Erde kriecht. . . . Erst beim Landen wird's gefährlich und am meisten durch die Unvernunft der Menschen. Der Unglllcksfall wäre gor nicht passiert, wenn nicht Walter im letzten Augenblick eine scharfe Wendung hätte machen nrüssen, um nicht drei Menschen totzu- fahren. Dafür muß er jetzt mit seiner Gesundheit büßen."

„Ja, weshalb fährst du immer nur als Begleiter", fragte Lisbeth zaghaft. „Der Walter heimst alle Ehren ein und du wirst immer bloß so nebenbei genannt."

„Da hast du recht . . . jeder wird nach seinem Ver­dienst bewertet. Aber morgen steige ich zu einem Überlandflug auf, wenn ich einen Begleiter finde, der mir die verantwortliche Aufgabe abnimmt, die ich bis­her immer für Walter geleistet habe. Wenn das Wetter einigermaßen günstig ist, wiodevhole ich den Flug." Er zog sie auf seine Knie und küßte sie herzlich ab. Als die Mutter eine halbe Stunde später zu Mittag bitten ließ, mußte sie einsehen, daß sie die Schlacht verloren hatte. Reichenbach fuhr als Sieger ab. Lisbeth fand es nicht für nötig, ihrer Mutter mitzuteilen, daß ihr Verlobter schon die Bestallung als Leiter eines mili­tärischen Flugplatzes in der Tasche hatte, wo er nicht mehr zu fliegen brauchte. . . .

Eines Tages kam Mooslehner nach Weschkallen.