Nr. 19.
Morgen-Vettage des Wiesbadener Tagblatts.
Samstag» 23. Januar.
Iyk5.
Copyright 1914 by Carl Dunker, Berlin. 1(30. Fortsetzung,)
ver Wagehals.
Roman von Fritz SkowronneL
Nachdruck verboten.
Georginne zog ihre Hand zurück und stand auf.
Ein schelmisches Lächeln lag auf ihrem Gesicht. „Herr Hegemeister Krummhaar... ich kann nicht -mehr sagen: sprechen Sie mit meinen Eltern. . . . Nein, schreiben Sie an Ihre Söhne, daß Sie auf -Ihre alten Tage, wenn Sie Pension nehmen, mit der Tante Georginne Iusammenziohen wollen. . . . Sie Müßten sich allerdings mit mir der bösen Welt wegen in aller Stille von dem Standesbeamten trauen lassen . . ."
Jetzt sprang der alte Herr auf und faßte sie um. „Georginne, ist das dein Ernst?"
„Ja, mein Adam . . . aber nun ganz vernünftig, wie es sich für zwei so alte Leute schickt."
Hand in Hand saßen sie nebeneinander auf deni Sofa. „Meine Kinder wissen es schon. . . . Dein Fritz auch. Er freut sich schon darauf, mich als liebe Mutter anreden zu können."
„Ja, ja", meinte der Hegemeister lachend. „So was kommt von so was. . . ein Urgroßvater, der sich ein junges Weib nimmt. Da ist der Forstmeister ja noch der reine Waisenknabe gegen mich. Georginne, ich bitte ' dich bloß um eins: den Mund halten, bis wir auf dem Standesamt sind."
„Das will ich dir versprechen, Adam. Aber nun wollen wir uns mal -darüber klar werden. ... Du nimmst zum Frühjahr Pension."
„Einverstanden."
„Die Wera heiratet im Winter . .
„Das stimmt nicht. . . . Das weißt du noch nicht . . . die Wera ist nicht Witwe . . . ihr Mann lebt -noch. . ."
„Das ist mir egal, die Wera heiratet im Winter."
Der Hegemeister schüttelte den Kopf, aber er wagte keinen Widerspruch mehr. . . . „Der Forstmeister nimmt auch zum Frühjahr Pension."
„Da bist du sehr im Irrtum, den kenne ich besser."
Georginne lachte über das game Gesicht. . . . „Ich habe es ihm schon geschrieben. Er muß doch Wesch ballen übernehmen. . . . Ich habe mich genug gerackert in meinem Leben, ich will noch ein paar Jahre Ruhe haben. . . . Ich habe gestern den Platz neben -der Kirche in Lasdehnen -gekauft ... da wird uns der Krause em hübsches Häuschen hinsetzen. . . . Wenn wir von der Hochzeitsreise zurückkommen, ist es fertig . . ."
„Hochzeitsreise . . .?"
„Jawohl. . . . Du sollst es nicht schlechter haben als mein Schwiegersohn. ... Wir machen genau dieselbe Reise . . ."
Krummhaar legte den Arm um sie: „Georginne, -du bist doch ein Prachtweib."
„Ja, aber ich muß so alt werden, um das zu hören. Aber nun sind wir ja beide im reinen, nun ruf mir mal die Wera rein."
„Mit wem willst du sie denn verheiraten?"
„Das weiß ich noch nicht ... erst muß ich mir mal Klarheit verschaffen, was denn überhaupt mit ihr los ist. An den Mann glaube ich nicht. . . . Du kannst in
zwischen zum Assessor rüber gehen, -damit ihm nicht die Zeit lang wird. Aber gib dich nicht -gleich als glücklicher Bräutigam zu erkennen."
_ „Komm mal her, mein Kind", sagte sie zu Wera, die mit verlegener Miene hereintrat. „Komm, setz' dich hier neben mich . . . So, mein Kind, ich habe etwas sehr Wichtiges mit dir zu besprochen. ... Du hast leider keine Mutter mehr, da mußt du schon denken, ich wäre deine Großmutter, der du dein Herz öffnen sollst."
Mit unbewegter Mine saß Wera, hochaufgerichtet, neben ihr. „Ich wüßte nicht, was ich Ihnen anzuvor- tranen hätte."
„Ich will mich nicht in dein Vertrauen drängen, mein Kind, aber zwischen Frauen bespricht sich so etwas leichter."
„Ach, Sie kommen wohl im Aufträge des Herrn Assessors?"
„Du hast dich wohl versprochen. . . . Wolltest du nicht Mooslehner sagen?"
Wer-as Gesicht war in einem Augenblick wie mit Blut übergossen. Sie erhob sich schnell. „Weschkalene. an mir werden Sie sich keinen Kuppelpelz verdienen. Ich bin eine verheiratete Frau."
Weschkalene stand ans und faßte sie um. „Kindchen, daran glauben bloß die Männer. . . . Mir müssen Sie das nicht erzählen . . . ich bin schon zu alt dazu. . . . Und ich weiß, was das heißt, einen Mann lieb haben» mehr zu lieben als -das eigene Leben."
Sie zog sie an der Hand nach dom Sofa. Wera folgte ihr willenlos. ... In ihr schrie es . . . „raus aus der Luge" . . . Schluchzend barg sie ihr Gesicht an der Schulter der alten Frau, die ihr sanft mit der Hand über den Kopf und die weißen Backen strich . . . '
Dann kam es leise wie ein Hauch von ihren Lippen: „Tante Weschkalene ... ich habe keinen Mann . . , mein Kind hat keinen Vater ..."
Fest legten sich -die Arme der alten Frau um sie...
„Ich habe das alles erfunden. . Erst -die Witwenschaft aus Angst vor dem Großvater und dann den Mann, als Mooslehner um -mich warb. . . . Ich konnte es ihm doch nicht sagen."
„Das verstehe ich alles",- sagte Weschkalene ruhig, und -ein -gütiges Berstoben lag in ihrer Stimme. . . . „Du hast ihn sehr geliebt. . ."
„Mehr als mein -Leben. . . . Er war Inspektor auf dem Gut . . . gegen Abend kam -die Bande vor das Schloß gezogen. . . . Die Männer schossen aus den Fenstern. . . . Die Bande wich zurück. . . . Eine Mertelstunde später flammten die Wirtschaftsgebäude auf. ... Ich lag in meinem Zimmer auf den Knien und betete. ... Da kam er zu mir rein, einen Streifschuß an der Stirn. Ich sprang auf und wischte ihm das
Blut ab.Wera", sagte er zu mir, „das wird unsere
letzte Nacht sein."
Weschkalene bog sich zu ihr und küßte sie auf dis Stirn. . . . „Du armes Kind, du . . . brauchst mir
