Sette L.
Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt.
Wiesbadener Taablan«
für, daß in großen Teilen der russischen Armee ein Gerst
herrscht, der den Führern nicht mehr erlaubt, den Truppen die mit einer großen Offensive verbundenen außerordentlichen Anstrengungen, Entbehrungen und Heldentaten zuzurnuten.
Alle Gefangenen, die bei den deutschen und österreichisch- ungarischen Armeen eintrefsen in großer Zahl, erklären übereinstimmend: Die Soldaten haben jede Lust an diesem Kriege verloren, seitdem ihnen das verheißene Wohlleben in Berlin und Wien zu Wasser geworden ist, und seitdem sie wissen, daß die „Barbaren" die Gefangenen nicht schlachten, sondern besser behandeln, als diese es im Russischen Heere gewohnt waren. Denn dort wurden sie von den Offizieren mit Revolverschüssen vorwärtsgetrieben und waren nicht nur dem Hunger, sondern auch zahlreichen Krankheiten ausgesetzt. Wenn sie nun in den Gefangenenlagern auch noch vom Ungeziefer befreit werden, so empfinden sie dies als Jdealzustand, den viele von ihnen nicht einmal ni Friedenszeiten kannten.
Unter den russischen Soldaten, denen man das Ende des Krieges zur Jahreswende versprach, wird der Eindruck, daß jetzt ihre Armee am Ende der Kraft angelangt sei. verstärkt durch den offensichtlichen Mangel an Munition und Waffen und durch das Eintreffen von Verstärkungen ohne Waffen, die auf den Tod oder die Verwun- düngen der vorn Kämpfenden warten, was auf viele deprimierend wirkt.
Eine höchst bemerkenswerte Bestätigung dafür, daß die Schilderungen der Gefangenen über den Geist der russischen Armee nicht übertrieben find, wurde kürzlich bei einem Bataillonskommandeur des russischen 104. Infanterie-Regiments gefunden. Danach sah sich der russische Hauptkommandierende aller Armeen der Nordwestfront schon vor etlichen Wochen genötigt, einen sehr strengen Befehl gegen die überhandnehmende Drückebergerei, die Flucht aus der Kampffront und die Neigung zu Selbstverstümmelungen zu erlassen. Es heißt in dem sehr charakteristischen Befehl wörtlich: „Dies beweist die vollständige Zersetzung des militärischen Geistes und der Disziplin bei allen in Betracht kommenden Bataillonen und Kompagnien. Ich schreibe diese Erscheinung dem pessimistischen und gedrückten Geisteszustände der Komman- deure dieser Truppenteile zu. Künftig werde ich alle Kommandeure, bei denen die Massenflucht der Mannschaften einen bedrohlichen Charakter anzunehmen beginnt, wegen der dadurch bewiesenen Unfähigkeit, Ordnung bei den Truppen zu halten, von ihren Posten a b l ö s e n lassen." Ferner wird im Befehl angeordnet, daß Soldaten, die sich selbst die Finger der linken Hand durchschießen, um vom Frontdienst fteizu kommen, vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Äeuherungen gefangener russischer Offiziere.
Das Wolffsche Bureau meldet, wie wtt in der „Nordd. Bllg. Ztg" lesen, nach auswärts: Unser Spe- stalberichterstatter im Osten telegraphiert unS:
Gestern übermittelte ich einige Symptome für die Stimmung in der russischen Armee. Lassen Sie mich zur Ergän. zung heute berichten, was ich auf dem Wege zu einem östlichen Kriegsschauplätze in einer deutschen Stadt erfuhr. Es waren viele russische Offiziere als Gefangene interniert. Der Kommandant hatte die Liebenswürdigkeit. >mir einen Einblick in deren Leben zu gewähren, das ich ntd)t Hart fand. Auch gestattete er mir, Nottz zu nehmen von den »protokollarischen Aufzeichnungen, die über die Äußerungen der gefangenen Offiziere dienstlich ausgenommen wurden und an deren Klarheit zu zweifeln ich keinerlei Ansatz hatte, da ich selbst die Genehmigung zur Veröffentlichung meiner Notizen erhielt. So will ich die frappantesten Äußerungen Ihnen telegraphieren. Sind einige davon auch schon älteren Datums, so kann man doch schwerlich glauben, daß sich inzwischen der Geist der russischen Armee gehoben hat Ehe möchte das Gegenteil zutreffen. Unter diesem Gesichtspunkte überrascht die wette Verbreitung und Stärke des Pessimismus, der schon von Anfang an im russischen Offizierkorps herrschte, ganz besonders. Im übrigen sprechen die Aufzeichnungen mit ihren bildhaften Einzelheiten am heften für sich, ohne jeden Kommentar:
1. Ein Hauptmann "om Regiment Alexander HI. sagte: Es ist ein Unglück für Rußland und für das arme Volk, haß seine Führer nicht nach ihrem Können, sondern nach ihren Verwandtschaften qualifiziert werden.
2. Leutnant K. vom Regiment Nr. 23 erzählte von der Schlacht bei Tannenberg: Als die Situatton kritisch »wurde, verschwand einfach unser Divisionskommandeur GeneraNeutnant Tarklus mit dem Generalstabschef Oberst Stubendorff. Der DivisionSadju. t a n t führte die Division. Kein Mensch bekam Befehle, kein Ikensch wußte, was er tun sollte. Die Sanitätssoldaten siefen zwischen den Toten und Verwundeten umher und plünderten sie aus.
Samstag, 23. Januar 1915.
Nr. 37 *
Ich weiß, wofür!
Es lebt trotz grimmer Schmerzen,
Trotz wundenheitzer Qual In meinem deuffchen Herzen Nur Dank — und Sonnenstrahl.
Ich weiß, wofür ich leide Und Blut vergossen Hab':
In schwerstem deutschen Streite Grub ich an Feindes Grab.
Ich stritt im deuffchen Heere Für deutsches Heiligtum,
Als Schildknapp' deutscher Ehre Für deutscher Zukunft Ruhm»
Drum lebt trotz grimmer Schmerzen,
Trotz wundenheißer Qual Ir meinem deutschen Herzen Nur Dank — und Sonnenstrahl!
Guido von Gillhaußen.
Stricknachrnittag.
Ein Berliner Bild.
Von Felicitas Le».
Eine Parkvilla unter den Kiefern des Grunewaldes. Wie aus schwarzem Papier geschnitten stehen die schlanken Stämme vor dem zelbroten winterlrchen Abendhimmel. Aus der dunklen Masse des Hauses strahlen hell die gastlichen Fenster. Bon der offenen Säulenvorhalle leuchtet eine Bogenlampe de» langen Gartenweg hinunter, die Torflügel an der Straße
3. Ein General, der eine Jnfanteriebrigade kommandiert hatte, erklärte: Ich hin ein alter Mann und kein Krieger. Als eine deutsche Patrouille kam, hob ich die Hände hoch und rief: „Ich ergebe mich!"
4. Ein O b e r st und Regimentsrommandant äußerte, als er 1300 Mann seines Regiments als Gefangene wieder- sah: Ich habe den russisch-japanischen Krieg mitgemacht. Er war lange nicht so anstrengend. Im jetzigen Krieg gibi es täglich Gefechte, so daß die Leute einfach zusammen» klappen und sich ergeben, um endlich einmal Ruhe zu haben. Ein Reserveoffizier und ich sind noch die einzigen Offiziere meines Regiments. Ich glaube, das deutsch eV o l k hat die besseren Nerven.
5. Rittmeister K. von einem Kavallerie-Regiment sagte zu den Offizieren seiner Eskadron: Rußland hat zu große V e r l u st e an Toten und Gefangenen gehabt, um den Krieg noch gewinnen zu können. Ich glaube nicht an den Sieg.
6. Ein Leutnant von einem Kavallerie-Regiment sagte: Allmählich beginnt man bei uns einzusehen, daß die Engländer uns in diesen Krreg hinein gezogen haben, wir hatten gar keinen Grund zum Kriege gegen Deutschland.
Schließlich will ich noch zwei Äußerungen wiedergeben über die Sondertendenzen, die an der Einheitlichkeit der russischen Armee rütteln. Ein Hauptmann vom f i n n - ländischen Schützenregiment sagte, als er im Lazarett lag: Ich bin ein Verehrer Tolstois und aus diesem Grunde ein Feind des Krieges. Auf die Frage, warum er dann Offizier geworden sei, erwiderte er ausweichend: Wir haben viele Anhänger Tolstois unter unseren Offizieren.
Ein Leutnant vom dritten Armeekorps, ein fanatischer Pole, erklärte: 30 Prozent der Offiziere unseres Korps
sind Polen; sie kämpfen alle nur mit Unlust. Polnische Mannschaften äußerten dies sogar ganz laut in Gegenwart von Offizieren. Was haben wir Polen von den Russen zu erwarten? Wenn sie siegen sollten, woran wir sehr zweifeln, werden wir es nur noch schlechter haben.
Die Nachteile eines S-eges der westmSchte.
Reaktionäre Befürchtungen.
Kopenhagen, 20. Jan. (Ktr. Bln.) Die Sttmmung in russischen politischen Kreisen gegenüber dem verbündeten England kennzeichnet auch ein Artikel, den der bekannte ulttanationalisttsche Dumaabgeordnete Sawenko in dem Kiewer hochkonservativen Blatte „Kiewljanin" über die „antienglische Agitation der reaktionären russischen Kreise" veröffentlicht. „Diese Agitation", schreibt Sawenko, „die ihrem Wesen nach schädlich und verräterisch rst, verdient die ernsteste Beachtung. Man braucht nicht be- sonders hervorzuheben, in welchen politischen Kreisen diese verräterische Kampagne geführt wird. Es find leider nicht die Revolutionäre, auf die man bei uns so gerne hinweist, die diese Agitation z u g u n st e n des K a p i t u - lrerens vor Deutschland führen, es find vielmehr jene Kreise, die immer mit ihrem Patriotismus geprahlt und ihn als ihr Monopol betrachtet haben. Ich hatte kürzlich Gelegenheit, den Inhalt eines Memorandums über diese Frage, das aus der extremrechten Gruppe stammt, ken- nen zu lernen. Dieses Memorandum, das das Gefasel eines Irrsinnigen ist, soll in Petersburg einen gewissen Erfolg haben. Die Grundlinien find folgende: „Eine Er-
drückung Deutschlands wäre die Erdrückung der Reaktion. Der Triumph Englands und Frankreichs wäre der Triumph der Ideen der polittschen Demokratie und des politischen Radikalismus, die dann wie eine breite Welle sich über Europa ergießen und auch unser Vaterland überschwemmen würden. Das ist eben der Grund, warum unsere L i n k e n - Parteien den Sieg Rußlands über Deutschland wünschen und an der größten Energie nach dieser Richtung hlnarbeiten." überhaupt sind die Verfasser des Memorandums offenbar sehr beunruhigt über die Möglich.
^5 Versöhnung der Gesellschaft mit der Regierung aur Grund der patriotischen Einigkeit im Lande. Weiter kann man wohl nicht gehen. Wenn unsere ..Vaterlandsretter" es den Linken-Parteien als Schuld anrechnen, daß sie den Sieg des Vaterlandes über den Feind, der uns angegriffen hat. wünschen, so ist die nächste Etappe das Irrenhaus Biel ernster ist natürlich der Grund, daß nach dem Kriege die Linken-Parteien die Möglichkeit und da» Recht bekommen werden, über^die Parteien der Rechten zu sagen, daß sie den Wunsch des Sieges über die Feinde des Vaterlandes als ein Verbrechen gestempelt, daß sie diesen Sieg gefürchtet haben und ,hn verhindern wollten. Hier muß die russische Gefelfichaft emgreifen.
Der Krieg im Grient.
(Ein nichtssagender russischer Nausiafusbericht.
W. T.-B. Petersburg, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Am 20. Januar fand keinebedeutende Unternehmung statt.
Russischer vSlkerrechtsbruch.
W. T.-B. Konstantinopcl, 22. Jan. (Richtamffich.) Die Agence Milli erfährt, daß der russische Kreuzer „As- k o l d" bei seinen Operationen im Mittelmeer offene unverteidigte Städte der syrischen Küste beschossen hat. Ebenso unmenschlich handelten die Russen im Schwarzen Meer, wenn sie Gelegenheit hierzu fänden. Solche Handlungen haben nur das Ergebnis, die osmanische Nation dazu zu zwii:gen, Vergeltung zu üben.
Der Krieg über See.
Lin Lrfolg der Suren.
W. T.-B. Kapstadt, 22. Jan. (Nichtamtlich. Reuter.) Die Buren verließen unter Maritz, Kemp, Schoeman und Stabiler Blydeverwacht am 6. Januar in der Richtung N a k o b. Am 14. Januar war Kemp mit einem großen Kommando und einigen Kanonen in Mamas. Maritz und Schoemann waren in Jerusalem und Blydeverwacht. Am selben Tage gerieten 36 Mann Regierungslruppen bei Lang» klitt in eine Falle und wurden gefangen genommen. Der Feind rückte 25 Meilen nach Cnydas vor, griff die bri- tische Hauptabteilung an und zwang sie mit einem Verlust von 8 Toten, 20 Verwundeten und einer Anzahl Gefangener zum Rückzug.
Von der Schlacht bet Coronet.
Kiel, 20. Jan. Ein Artillerie-Mechanikermaat vom Admiralschiff „Scharnhorst" schildert in einem Briefe, der als letztes Lebenszeichen von ihm eingetroffen ist, die Vorgänge bei der Seeschlacht an der chilenischen Küste. Als Augenzeuge gibt er folgende Einzelheiten, die wir den „Kieler N. N." entnehmen: „Am 31. Oktober hörten wir, zwei Tagereisen von Valparaiso entfernt, daß der kleine Kreuzer „G l a s g o w" vor Coronel liege. „Scharnhorst", „Gn«i- senau", „Leipzig", „Dresden" und „Nürnberg" gingen mit großer Fahrt dorthin, llm 5 Uhr sahen wir ein Schiff mtt drei Schornsteinen, etwas später meldete der Offizier vom Mast herunter, daß es v i e r Schiffe feien. Als der Feind unk sah, wollte er ausreißen; wir konnten uns ihm aber nähern. Um 6y 2 Uhr nachmittags fing die Schlacht an. Der Feind eröffnete das Feuer. Auf 10,2 Kilometer fiel von „Scharnhorst" der erste Schutz, dann gab es Schuß auf Schutz. Nach der dritten Salve brannte der englische Panzerkreuzer „Good Hope" im Vorderschiff, 10 Minuten später im Achterschiff, und dann schlug eine Flamme auf dem Mittelschiff, die so hoch war wie die Masten. 20 Sekunden danach war alles dunkel. „Good Hope", wo bist du geblieben? Ich glaube, die Wellen sind darüber hinweggefchlagen. „Gneifenau" beschoß „Monmouth", der nach s^stiindigem Gefecht verschwunden war. „Glasgow" und der Hilfskreuzer scheinen schwer beschädigt entkommen zu sein. Wie steht es mit unS? Einige Treffer der leichten Artillerie blätterten unsere Farbe von der Bordwand, ein kleines Geschoß durchschlug die Bordwand an einer ungepanzerten Stelle im Vorschiff. Tote und Verwundete sind bei uns nicht, auf „Gneifenau" find drei Leichtverwundete, das sind unsere Verluste. Zwei nahezu gleich starke Gegner mit vier zu vier Schiffen, und dann dieser Sieg, den die deutsch» Schiffe sich errungen haben. Am 8. November liefen wir in Valparaiso ein. Man munkelte dort von einer Seeschlacht, doch kannte niemand das Ergebnis. Die in Valparaiso wohnenden Engländer prahlten am frühen Morgen. .Scharnhorst" wäre von einem englischen Kohlen, dampfer in Schlepv genommen und träfe mittags in Valparaiso ein. Die Deutschen waren darüber ganz niedergedrückt. Als wir aber mittags einliefen, war der Jubel groß. Unser Admiral bekam ein paar herrliche Blumenspenden und fast alle Deutschen kamen an Bord. Alles ging wie am Schnürchen."
Die Neutralen.
RumLnien und die Türkei.
Versicherung freundschaftlicher Beziehungen auch weiterhin.
W. T.-B. Kvnstantinopel, 22. Jan. Der rumänische Gesandte Mano überreichte gestern dem Sultan in feierlicher Audienz anläßlich des Thronwechsels in Rumänien sein neues Beglaubigungsschreiben. Die hierbei gewechselten Ansprachen, die über den Rahmen der gewöhnlichen Formeln hinausgehen, machen in allen hiesigen Kreisen einen ausgezeichneten Eindruck. In seiner Ansprache an den Sultan wieder rumänische Gesandte insbesondere darauf hin, daß im Laufe der letzten zwei Jahre, während er seine Sendung erfüllte, seine aufrichtigsten Bemühungen unaufhörlich darauf gerichtet waren, die zwischen den beiden Ländern kraft einer schon alten, auf gegenseitigen Sympathien der beiden Völker und vielfache gemeinsamen Interessen gegründeten Traditton bestehenden freundschaftlichen Beziehungen a u f -
stehen erwartungsvoll offen, und schon strömen die Gäste hin ein — Damen — nur Damen! Ein Damentee? Ein five o’clock mit Toilettenschau, Flirt und Tango? überflüssige Frage! Dergleichen gibt's nicht mehr! Schon der Name ist verpönt! Diese Damen, die da so eilig und zielbewußt ins Haus streben, einen mehr oder weniger eleganten Beutel am Arm, wollen keine Toiletten bewundern oder bewundern lassen, sie wollen weder flirten noch tanzen — sie wollen ganz einfach täffg sein und Gutes tun — es ist ein Stticknachmittag, zu dem sie pilgern.
Stricknachmittag! Das Wort, das noch vor ein paar Monaten altmodisch-fleinstädtisch angemutet hätte, hat jetzt einen zeitgemäßen und bedeutungsvollen Klang bekommen. Es ist so etwas wie ein Schlachtruf im Keinen — die hier zur wollenen Fahne schwören, streiten mit in den Reihen der Kämpferinnen, die gegen die wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu Felde ziehen. Es ist soziale Arbeit ganz origineller Art, die hier geleistet wird.
Der Neuling, der unvorbereitet hereintritt, merkt zu- nächst davon nichts. Das äußere Bild scheint das gewohnte, wie bei allen gesellschaftlichen Veranstaltungen in einem ele- ganten Privathaus. Da ist der Diener an der Tür, die schwarzgekleideten Mädchen mit den weißen Hauben und Zierlichen Schürzen, die die Garderobe abnehmen. In der Halle steht die Hauskau und drückt jedem ihrer Gäste liebens- würdig die Hand. Aber man merkt: die Mehrzahl ist ihr fremd — und die Dame neben der Tür, hinter dem kleinen Tischchen, die augenscheinlich das Amt einer Kassiererin verwaltet. bringt vollends eine fremdartige Note in das gesellschaftliche Bild. Bezahlt man hier seinen Eintritt? Ja, wirk- tich! Wer diesen allwöchentlich, jedes Mal in einem andern Haufe stattfindenden Stricknachmittagcn beiwohnen will,
zahlt einen bestimmten monatlichen Mindestbeitrag oder auch mehr — es gibt keine obere Grenze. Von den gesammelten Beträgen werden die Künstler und Künstlerinnen honoriert» die sich an diesen Stunden vor den strickenden Damen hören lassen —■ Künstler und Künstlerinnen — Musiker und Schauspieler und andere, denen der Krieg die Erwerbsmöglichkeit abgeschnitten oder beschränkt und sie in eine bedrängte Lage gebracht hat. Diesen gebildeten und schwerbettoffenen Menschen, unter denen sich solche mit Namen von bestem Klang befinden, soll kein kränkendes Almosen, sondern Beschäfttgung und Verdieifftmöglichkeit geboten werden — das ist Sinn und Zweck dieser Stricknachmittage, die sich in diesem Kriegswinter in Berlin und vielen andern Städten eingebürgert baben. und die nebenbei noch eine Unmenge WarmgffttickteS für „die da draußen" entstehen lassen. Eine echt weibliche Erfindung, in der Warmherzigkeit, praktischer Sinn und soziales Verständnis aufs glücklichste zusammengewirkt haben. Man schlägt die verschiedensten Fliegen mit einer Klappe, indem man für die Erwärmung der tapferen Truppen sorgt, die Kunst fördert, sie genießt und zugleich das unausrottbare gesellig? Bedürfnis der Frau befriedigt, das der Krieg wohl beeinträchtigen, aber nicht vertilgen konnte. Sehr schnell hat sich denn auch die Idee aus kleinen Anfängen heraus zu un. geahnter Bedeutung entwickelt. Zentralstellen bildeten sich, die die Meldungen der Künstler sichteten, bei Bildung neuer Sttickkreise Rat erteilen und für eine gerechte Verteilung der Vorttagenden, die zugleich den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Kreise entsprach, Sorge trugen. Es fehlt weder an Frauen, die gern bereit sind, dem guten Ztoeck Zeit und etwas Geld zu opfern, noch an solchen Glücklichgestellten, die ihre schönen Räume den strickenden Scharen öffnen. Auch die großen FrauenklubS tun jetzt das gleiche.
