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Samstag, 23. Januar 1913.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 37. . 63. Jahrgang.
Der Nrieg.
Der Luftschiffangriff auf England. Eine halbamtliche deutsche Darstellung über den Luftkrieg.
W. T-B. Berlin, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt unter der Überschrift „Der Luftkrieg": Die englische Presse hat den Angriff unserer Marinelustschiffc auf die Ostküste Englands als völkerrechtswidrig bezeichnet, ebenso wie sie dies seinerzeit bei der Beschießung englischer Küitenstädte durch unsere Kreuzer getan hat. Die Vorwürfe sind indessen auch diesmal gänzlich unbegründet. Für die Verwendung von Luftstreitkräften, insbesondere auch für die Beschießung durch solche, kommen im gegenwärtigen Kriege völkerrechtliche Vertragsbestimmungen nicht in Betracht. Die Haager Erklärung, betreffend das Verbot des Werfens von Geschaffen und Sprengstoffen aus Luftschiffen, ist in der ftüheren Fassung abgelaufen und in der neuen Faffung von Deutschland ebensowenig wie von Frankreich und Rußland ratifiziert. Sie kann daher auch England gegenüber nicht Anwendung finden, Die Haager Landkriegsordnung und das Haager Abkommen über die Beschießung durch Seestreitkräfte haben nur den Landkrieg und den Seekrieg, nicht aber den Luftkrieg geregelt, sinden also im vorliegenden Falle nicht an sich, sondern nur insoweit Anwendung, als sie den allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätzen entsprechen. Immerhin kann es keinem Zweifel unterliegen, daß solche Grundsätze der Beschießung durch Luststreitkräfte nicht entgegenstehen, wie sie die Beschießung durch Land- oder Seestreitkräste gestatten. Hiernach dürfen durch Luftstreitkräste zunächst alle ver- teidigten Plätze besckinssen werden, da deren Beschießung sowohl nach Artikel 25 der Landkriegsordnung, wie nach Artikel 1 des erwähnten Haager Abkommens zulässig ist. Der Beschießung unterliegen weiter alle militärisch verwendbaren Einrichtungen auf unverteidigten Plätzen, wie dies Artikel 2 des Haager Abkommens für Seestreitkräfte vorsieht. Daneben muß aber auch ftir den Luftkrieg der allgemeine krieasrechtliche Grundsatz gelten, daß Streitkrafte einer kriegführenden Partei jeden gegen sie gerichteten feindlichen Angriff durch Gegenangriff erwidern dürfen. Nach den vorliegenden Meldungen haben sich die deutschen Marineluftschiffe streng im Rahmen dieser
Grundsätze gehalten. ß .. f .
Da? Ziel der Operationen war der englische Kulten- platz Great-Darmoutb. Dieser gehört nach der amtlichen britischen Mvnthly Arm'., List zu den Toast Desen- c e s, den Küstenbefestigungen, die in Friedens- und Kriegszeiten von britischen Landstreitkräften besetzt sind und daher durch Luftstreitkräste ohne weiteres beschaffen werden dürfen. Die anderen, von unseren Luftschiffen auf der Hin- oder Rückfahrt beschossenen englischen Plätze haben sich dieses Schicksal selbst zuzuschreiben. Denn von ihnen aus wiirden unsere Luftschiffe z u e r st b e s ch o s s e n, so daß es dabingestellt sein kann, ob sie auch ohne d,es als Vm- teidigungsplätze anzusehen sind. Übrigens haben englische Luftstreitkräste am 6. Dezember die unbefestigte Stadt Freiburg i. Br. beschossen und am 28. Dezember die un> verteidigte bewohnte Insel Langeoog mit Bomben beworfen, obwohl von dort her keinerlei Angriffe auf sie erfolgt waren. Von einer vorherigen Ankündigung der Beschießung, wie sie in Artikel 26 der Haager Landkriegsord- iiung und in Artikel 2, Absatz 6, des Haager Abkommens vorgesehen ist, kann nach der N a t u r des L u f t k r i e g e s wie nach der im gegenwärtigen Kriege durch Luftfahrzeuge beider Parteien befolgten Praxis selbstverständlich keine Rede, sein. Auch bei dem vorliegenden Anlaß ist zu bedauern, daß dem Angriff Zivilpersonen zum Opfer gefallen sind, aber eine solche Möglichkeit kann die deutschen Streitkrafte nicht abhalten, alle völkerrechtlich zulässigen Mittel gegen den Feind zu benutzen, dessen Kriegsführnng mit völkerrechtswidrigen Mitteln rück sich ts- los auf die Zerstörung unserer ganzen Volkswirtschaft hinarbeitet.
führten eine Explosion des Munitionslagers herbei. Nordwestlich Beau Sejour rückten wir vor, indem wir drei feindliche Posten durch Überrumpelung Wegnahmen und uns dort festsetzten. Nördlich Massige gewann unsere Artillerie die Oberhand. In den Argonnen ist die Lage unverändert. Südlich St. Mihiel eroberten wir bei Apremont 150 Meter feindlichen Schützengraben und schlugen einen Gegenangriff ab. Nordwestlich Pont-ä-Mousson rm Bois le Prötre gelang cs dem Feind, durch heftige Angriffe 20 Meter von den 500 Meter der in den vergangenen Tagen von uns eroberten Schützengräben zurückzugewinnen. Wir behaupteten uns aber fest in der Gesamtheit dieser Stellung. Im Abschnitt von Thann, in der Gegend von Silberloch am Hartmannsweiler Kopf ist seit der Nacht vom 19. auf den 20. Januar etn Jnfanteriegefecht im Gange.
(Nach dem gestrigen Tagesbericht der obersten Heeresleitung ist der Hartmannsweiler Kopf von den Deutschen genommen. Schriftltg.) In dem äußerst schwierigen Gelände rücken w i r langsam vor.
W. T.-B. Paris, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wird vom 21., abends 11 Uhr. gemeldet: Der Feind beschoß heftig unsere Stellung nördlich N o t r e Da me de Lorette und unternahm morgens 5 Uhr einen neuen Angriff, der sofort aufgehalten wurde. In der Champagne wurden zwei kleine Gehölze nördlich des Gehöftes Beau Sejour von uns besetzt. Ein feindlicher Gegenangriff war erfolglos. In den Argonnen unternahmen die Deutschen ernstliche Angriffe auf einen vorspringenden Winkel unserer Linie, in der Umgebung von St. Hubert. Nach einer sehr heftigen Beschießung, die unsere Schützengräben zerstörte, stürmten sie zum Angriff vor, wurden aber durch das Feuer unserer Infanterie, das mit seitlichem Artilleriefeuer verbunden war, zurückgeworfen. In dem Gebiet von Hartmannsweiler Kopf kämpft man noch immer.
«eine Einberufung der Jahresklasse 1917 in Frankreich.
Br. Paris, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Wie der „Temps" meldet, ist er zu der Erklärung ermächtigt, daß eine Einberufung der Jahresklasse 1917 niemals erwogen wurde.
Französische Magen über die ausbleibenden Verlustlisten.
ver Protest der englischen Heuchler.
W. T-B. Amsterdam, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Eine Depesche des Reuterschen Bureaus wendet sich gegen die amtliche deutsche Darstellung, daß der Luft- angriff gegen befestigte Städte gerichtet gewesen wäre. In der Meldung wird erklärt. Orte wie Brancaster, Thorn- ham und Molme seien bloße Dörfer, Sheringham und Hunsanton nur kleine Badeorte.
Die Lage im westen.
Die französischen Tagesberichte.
\\r. T-B- Paris. 22. Jan. (Nichtamtlich.) Die gestern nachmittag ausgegebene amtliche Mitteilung besagt: Auf
dem Plateau Notre Dame de Lorette fand in der Nacht vom 19. zum 20. ein bereits gemeldetes Gefecht statt. Am 20. Januar fanden zwischen Meer und Lys Artilleriekämpfe statt. Südlich der Somme und an der Aisne einige Artilleriekämpfe, in deren Verlauf wir einige feindliche Batterien zum Schweigen brachten. In der C h a m p a g n e, östlich Reims, zerstörten wir im Gebiete von Prosnes les Marquises und Monronvillers deutsche Schanzarbeiten, zwangen den Feind, einige Schützengräben zu räumen und
Br. Basel, 22. Jan. (Eig. Drahtbcricht. Ktr. Mm) Der Parffer „Excelsior" bedauert, daß bisher keine amtliche Mitteilung über die französischen V e r l u st e bei S o i s s o n s veröffentlicht würden. Nur von dem Kanrpfe vom 10. Januar seien 548 Verwundete sowie der Tod eines Obersten gemeldet worden. Das Publikum wisse auch nicht, welche Regimenter bei dem Kampfe beteiligt waren. Nur von Marokkanern und Garibaldianern sei die Rede. Das genannte Blatt beklagt weiter, daß die Familien der Gefallenen so spät benachrichtigt werden.
Die Feuertaufe der Kanadier.
Bon der holländischen Grenze, 21. Jam, meldet die „Köln. Ztg.": Laut einem Bericht aus Paris an die holländischen Blätter haben die Kanadier, von denen nun endlich e i n T e i l zu der Streitmacht in Frankreich gestoßen ist, in den letzten Tagen die Feuertaufe erhalten. Diese Truppen gehören zu dem Regiment leichter Infanterie der Prinzeffin Patricia. Es ist der e r st e kanadische Truppenteil, der nach Frankreich gelangt ist. Vierzehn Tage lang 'blieben diese Truppen als Verstärkung hinter der Front, worauf sie zur Ablösung französischer Truppen vorgeschoben wurden. Sie besetzten einen Laufgraben, der nur 100 Meter von den deutschen Gräber: entfernt ist, und liegen bis an die Knie im'
Schlamm und im Wasser ohne Unterstand und Sitzgelegenheiten. 48 Stunden lang blieben die Truppen, die auf diese Werse Bekanntschaft mit der modernen Art der Kriegsführung machten, in dieser befestigten Stellung, die andauerrrd beschossen wurde. Sie hatten jedoch wenig Verluste. Gegenwärtig genießen sie einige Tage Erholung hinter der Feuer- lrnie.
Der Schaden der pser-Ueberschwemmung.
Br. Braunschweig, 22. Jam (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Wie die „Braunschw. Landesztg." zuverlässig erfährt, wird der von den Engländern durch die Überschwemmung in Westflandern herbcigeführte Schaden auf über 350 Millionen Gulden beziffert. Die überschwemmten Fluren sind das ertragreich st e Kulturland Flanderns und durch die englischen Maßnahmen auf mindestens 5 Jahre von jeder Ertragsfähigkert ausgeschlossen.
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Der österreichikö'-unoarische Tacresbericht.
Erfolgreicher Artillerickampf im südlichen Nida- Abschnitt. — Unveränderte Lage in den Karpathen.
W. T.-B. Wien, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wind verlautbart vom 22.. mittags: Nördlich der
Weichstzl entwickelte sich gestern lebhafter Gefchützkampf. Unsere Artillerie wirkte namentlich im südlichen Nida-Ab schnitt und bei C h e z i n y, wo der Bahnverkehr durch einen Volltreffer m eine Eisenbahnstation empfindlich gestört wurde, mit besonderem Erfolg. Auch südlich der Weichsel an Teilen der Front Geschützkämpfe von wechselnder Stärke.
Die Situation in den Karpathen ist unverändert.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö.f e r, Feldmarschallentnant.
Der Sieg bei Zakobeny ein entscheidender.
Budapest, 21. Jam (Ktr. Frkf.) Dem auch bereits amtlich gemeldeten Sieg unserer Truppen bei I a k o b e n y in der Bukowina ist um so größere Bedeutung beizumessen, als an diesen Kämpfen die g a n z e in der Bukowina konzentrierte russische Truppenmacht beteiligt war und eine empfindliche Niederlage erlitten hat. Nachdem die von den Russen bereits seit etwa zwei Wochen unternommenen Versuche, über deren einzelne Phasen wir berichteten, sich bei Jakobenh festzusetzen, feylschlugen, wurde ein allgemeiner Angriff aller russischen Truppen der Bukowina gegen unsere Stellung bei Jakobeny angeordnet. Unsere Geschütze sowie unsere Infanterie richteten in den Reihen der unausgesetzt anstürmenden Russen furchtbare Verheerungen an. Die Kämpfe dauerten fast ohne Unterbrechung zwei Tage und die anstürmenden russischen Kolonnen wurden stellenweise derart gelichtet, daß unsere Truppen zum Bajonettangriff übergingen. Bon den Russen wurden ganze Bataillone vernichtet, worauf die Ruffen zum Rückzug gezwungen waren. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist auf russischer Seite bedeutend, läßt sich jedoch ziffernmäßig rwch nicht feststellen. Gefangene gab es nur wenige. Die russischen Truppen leiden unter den Unbilden des Winters, der mit voller Kraft eingesetzt hat, sehr stark, während unsere Truppen sich in gut geschützten Stellungen befinden. Gestern gab es nur noch Geschützkämpfe. (Frkf. Ztg.)
Eine Nede des neuen Gouverneurs von Warschau
W. T-B- Warschau, 22. Jam (Nichtamtlich.) Der neue Gouverneur von Warschau, Fürst Jengalitschew, hielt gestern bei der Übernahme seines Amtes eine Rede an die versammelten Beamten des Generalgouvernements, in der er u. a. sagte: Die Hauptaufgabe der Zivilbehörden ist augenblicklich die, zu einem günstigen Ausgange des großen nationalen Krieges beizutragen, ohne dabei zu vergessen, daß Rußland nicht nur die feindlichen Heere, sondern auch den Germanismus bekämpft, welcher in g e w i s l e n Grenzgegenden festen Fuß gefaßt hat. Deshalb sollen uns die Vertreter aller Nationalitäten und Religionen, welche der rnffischen Regierung helfen wollen, dieses Ziel zu erreichen, willkommen sein. Ich fordere die Zivilbehörden von Russisch-Polen auf, die geltenden Gesetze treu zu beachten und sich bei ihrer Anwendung von dem Geiste der Proklamation des Großfürsten Nikolaus, des Generalissimus, leiten zu lassen.
Russische Stimmungen.
Der Geist im russischen Heere.
Den „Basler Nachrichten" wird folgende Schilderung eines Sonderberichterstatters vom „Wolfs-Bureau" übermittelt:
Auf dem.östlichen Kriegsschauplätze, in Polen, herrscht Frühlingswetter, d. h. der Frühling des Ostens: ein paar Grad Wärme, Regen und Sturm. Aber an der ungarischen Grenze ist bereits leichter Frost eingetceten, und über Nacht können allerorten die Wege hart und fest sein. Dann wird es sich zeigen, daß bei den Russen der Stillstand noch auf anderen Ursachen beruhte als auf dem Wetter, nämlich auf der erzwungenen Passivität der russischen Heeresleitung. Es ist bequem, aber lange nicht erschöpfend, diese allein mit dem Fehlen des strategischen Eisenbahnnetzes zu begründen. Nein, alle Anzeichen sprechen da»
