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Freitag, 22. Januar 1913.

Kbend-Ausgabe.

Nr. 36. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Der Tagesbericht vom 22. Januar. Kleinere Gefechte im westen. — französische Angriffe zurückgeschlagen. — Ein Erfolg bei Sennheim.—ZortschreitendeKngriffe inpolen.

W- T.-B. Großes Hauptquartier. 22. Jan., vor­mittags. (Amtlich)

westlicher Kriegsschauplatz.

Anhaltender Regen schloß eine größere Gefechtstätig­keit zwischen K üst e und dem La Basseekanal aus.

Bei A r r a s Artilleriekämpfe.

Ei»r von dem Feind südwestlich Berrh au Bac vor­gestern gewonnener Schützengraben wurde, da er durch die ein- stürzenden Mauern einer Fabrik teilweise verschüttet war. aufgegeben und gesprengt.

Ein französischer Angriff nördlich von B e r d n n wurde leicht abgewiesen.

Nach dem vorgestrigen Kampfe südlich S t. M i h i e l hiel­ten sich kleinere französische Abteilungen noch unweit unserer Stellungen. Durch eine» B o r st o ß wurde das Gelände vor unserer Front bis zur alten Stellung der Franzose» g e - säubert.

Der Kampf um Eroix des CarmeS. nordwestlich Pont-ö-Moufson dauert noch fort. Ein starker französischer Angriff gegen den von uns wiedereroberten Teil unserer Stellung wurde unter schweren Verlusten für den Feind zurückgeschlagen.

In den Vogesen nördlich S e n n h e i m warfen unsere Truppen den Feind von den Höhen des Hartmanns. Weilerkopfes und machten zwei Offiziere und 125 Mann z« Gefangenen.

(vestlicher Kriegsschauplatz.

In Ostpreußen ist die Lage unverändert.

Am Souchaabschnitt schritten unsere Angriffe langsam fort, östlich der P t l i c a nichts Neues.

Oberste Heeresverwaltung.

Oie alte Heuchelei und Unverschämtheit.

Die Londoner Presse hat sich, wie drahtlich gemeldet wurde, in gewohnter Weise beeilt, ihrer „Entrüstung" über den „mörderischen" Angriff unserer Marineluft- fchifje, der keinen militärischen Wert habe und nur die Entschlossenheit Englands befestigen werde, Ausdruck zu geben. Dieser vorgespiegelten Entrüstung liegt ern bekanntes englisches S r> st e m zugrunde. Plag es sich u.m die Beschießung befestigter englischer Küsten- plätzc durch unsere Kriegsschiffe oder um den Angriff unserer Luftschiffe auf befestigte Plätze Englands hau- dein: immer wird der militärische Wert des deut­schen Vorgehens ab geleugnet und Entrüstung über seinen angeblichen völkerrechtswidrigen Charakter zur Schau getragen. Wie stets, so ist auch in diesem Falle das Völkerrecht vollkommen aus u n- serer Seite: denn es versteht sich von selbst, daß die befestigten englischen Küstenplätze, die jetzt das Ziel der Bomben unserer Marincluftschiffe waren, von letzteren nicht anders behandelt zu werden brauchen als von Kriegsschiffen oder Landgeschützen. Tie englische Praxis hat bei der Führung des Luft- kampfes gleichfalls nicht die geringste Rücksicht darauf genommen, ob das Leben von Zivilpersonen gefährdet wurde oder nicht.

Es wiederholt sich hier eben die alte Erfahrung, daß den Deutschen von englischer Seite Rechte d e- stritten werden, die sie s e l b st schonungslos aus- üben. Tie schmerzliche Erkenntnis, daß Großbritan­nien keine Insel mehr äst, auch ohne daß der viel- erörterte Tunnel zwischen Dover und Calais gebaut wurde,, ist eben die Erklärung dafür, daß die englischen Klageweiber setzt ein leidenschaftliches Gezeter über die b'ttcrdösen' Deutschen anst'mmen, die angeblich gar keinen Respekt vor dem Völkerrecht haben, denn wer John Bull etwas zuleide tut, verletzt emiach das Völ­kerrecht. Wenn eine englsiche Stadt beschossen wird, befördert man sie, wie das Beispiel unserer Flotten­vorstöße zur britischen Küste gezeigt hat, zu einer offenen und unverteidigten, auch wenn daraus mit Kanonen geschossen wird. Unsere Zevpe- line, die, als sie zu dem befestigten Platz Great Aar- mouth gelangen wollten, dabei aus anderen Orten, über die sie flogen, beschossen wurden, vergalten Gleiches mit G l e i ist e m, aber die Engländer nennen das e r st e r e Völkerrecht und das letztere emen Verstoß gegen dasselbe. Als die englischen

Flieger Freiburg. Düsseldorf, Friedrichshasen und Langeoog mit Bomben bewarfen und di« englischen Schiffe Daressalam, Viktoria und Swakopmund be­schossen, war das Bombardement offener Städte gerechtfertigt. Wenn aber die Deutschen englische Orte bombardieren, dann ist das ganz -was anderes, auch wenn diese verteidigt sind. Und das sind sie, denn anderenfalls hätte in Iarmouth nicht ein Sol­dat getötet werden und nicht eine Bombe neben eine Schiildtvache niederfallen können.

Im übrigen haben wir schon daran erinnert, daß, als Deutschland aus der Friedenskonferenz von 1899 einen Antrag einbrachte, wonach das Wersen mit Sprengstoffen aus Luftschiffen vorläufig auf fünf Jahre verboten werden sollte, gerade England diesen Antrag zu Fall brachte, weil es damals noch nicht an die Zeppelkngefahr glaubte. Die Briten ernten alio auch hier, was sie sich gesät haben. Ist es doch überhaupt der Gipfel der Heuchelei, wenn sie, die unter schnöden: Neutralitätsbruch durch eine rücksichtslose Seeräubcrtaktik die Aushungerung Deutschlands, auch der Zivilbevölkerung — er- freulicherweise freilich vergeblich — anstreben, dar­über schreien, daß w i r angeblich offene, in Wahrheit aber zur Verteidigung eingerichtete und verteidigte englische Orte bombardieren, während England die entsprechende Taktik deutschen Städten gegenüber frei- stkben soll. Es wird also den Engländern nichts übrig bleiben, als zu dem Artikel 25 des Abkommens der Haager Konferenz, „es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer. Wohnstätten oder Gebäude anzugreifen oder zu -beschießen", den Zusatz zu beantragen, „u n d verteidigte, soweit sie auf britischem Gebiet liegen".

ver Eindruck in England.

Br. Amsterdam, 22. Jan. (E.ix. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Über den Eindruck des Zeppelinangriffs in England wird dem stark zu England haltenden „Telegraaf" berichtet: Den

ganzen Tag kamen gestern viele Besucher nach Darmouth, um den durch die deutichen Zeppeline angerichteten Schaden zu besichtigen. Es hatte den Anschein, als ob der Angriff keinen Eindruck aus die Bevölkerung gemacht hätte. (?) Allgemein hat man den Eindruck, daß Uarmouth vermöge seiner Laxe derartige Angriffe erwarten müsse. (Danach wäre der doch offiziell inspirierte Wutausbruch des Reuter-Bureaus künstliche Mache. Schriftl.) Im ganzen sind ungefähr 150 Häuser beschädigt. In Kings Lpnn er­wartet man eine Wiederholung des Angriffs bei Neumond. In dieser Stadt ist übrigens durch eine Bombe die hydrcru- lische Station zerstört worden, wodurch die Maschinerie der der Schleusen außer Betrieb gesetzt worden ist.

Ein Bericht aus Sherriugham.

Amsterdam, 21. Jan. (K. Z.) Aus Sherringham wird telenraphiert, daß ein Zeppelin hoch in der Lust über di« Stadt dahinflog und ein wunderbar schreckliches Schauspiel bot; das Luftschiff zeichnete sich hier in seinen Umrissen ziemlich scharf vom Nachthimmel ab, und man konnte deutlich seben, daß es ein Zeppelin war. Es wurden sofort die Scheinwerfer in Tätigkeit gesetzt, aber da be­gann auch schon das Krachen der platzenden Bomben. Eine Bombe fiel auf ein Haus, das sie fast vollständig durchschlug, eine weitere ßlatzte beim Hafen,'eine dritte, die nicht geplatzt war, wurde später gefunden.

Die Wirkung an der Börse.

London» 20. Jan. An der heutigen Börse waren eng­lische Bahn werte abgeschwächt wegen des Angriffs der deutschen Zeppeline.

Sechs Zevpclinkreuzer an dem Luftangriff beteiligt?

Br. Amsterdam, 22. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) „Preß Association" läßt sich aus Darmouth mitteilen, daß im ganzen sechs Zeppeline nach England flogen. An der Küste trennten sie sich; drei wandten sich nördlich und drei nach dem Süden.

Französische Beklemmungen.

Paris, 20. Jan. (Ktr. Bln.) Der Ausflug der deutschen Luftschiffe nach England hat in Paris, wo er gestern nach­mittag b-kannt wurde, lebhafte Erregung hervorgebracht. Die Hetzblätter „Jntransigeant" und „La Presse", die am Abend erscheinen, ergingen sich sofort in wütenden Schimpfe­reien. Sie warfen den Deutschen vor, daß sie wie Ein­brecher über unbewaffnete Bürger herfallen und daß sie es auf die Ermordung des Königs und der Königin von England -rbgeschen hätten. (F. Z.)

IV. T.-B. Paris, 22. Jan. (Nichtamtlich) Zu der Fahrt der Luftschiffe über England schreibt der „Temps": Die Luft­schiffe sind nicht in das Innere Englands vorgedrungen. Sie haben sich in der Nähe des Meeres gehalten, um nöti­genfalls dort Schutz finden zu können, wo sie bedeutend schwe­rer als über dem Lande zu entdecken seien. Die Fahrt der Luftschiffe, die nach der Meinung des „Temps" in Cux- Hafen ihren Anfang nahm, sei, obwohl sie 600 Kilometer lang sei, bedeutend ungefährlicher für die Luftschiffe als eine viel kürzere Fahrt, die sie unternehmen müßten, um nach Paris zu gelangen, da sie in diesem Falle die französische Schlachtlinie überfliegen und die Wachsamkeit der Ab- wehrpostcn um Paris entgehen muffen.

Der Direktor des Observatoriums in Bourges, Adln Moreux, schreibt im „Petit Journal": Die Witterungsverhält- niffe gestatten den Luftschiffen auch zur Winterszeit, nach Paris zu gelangen, sobald die Luftschiffe über 2000 Meter hoch fliegen. Wenn sie nacht? mit abgeblende­ten Lichtern fliegen, seien sie schwer auszufinden. Die günstigste Jahreszeit für Luftschiffangriffe sei das Früh­jahr, das größte Hindernis der Rege n. Man müffe sich auf die Möglichkeit eines Ai^riffs gefaßt machen und Me Maßnahmen zur Abwehr treffen. — Das „Petit Journal" fügt hinzu: Der Artikel Moreux war bereits geschrie­ben, als der Flug der deutschen Luftschiffe über England be­kannt war. Die Ereignisse bestätigen, wie man sieht, in trauriger Weise die Beobachtungen unseres Mitarbeiters-.

Eine „glänzende Generalprobe der Zeppeline".

Die „Guerre Mondiale" bespricht, einer Genfer Meldung der „Deutschen Tagesztg." zufolge, den Zeppclinflug nach Eng­land, welcher nach Pariser Meldungen ungeheures Auf­sehen in Frankreich erregte. „Jedenfalls war dieser Ausflug eine glänzende Generalprobe der Zeppeline, da die Luftschiffe nach einer erfolgreichen Fahrt von über 200 Kilometer heil zurückkamen."

Oas kiusland über den deutschen Luftkreuzer­angriff.

Berlin, 22. Jan. (Ktr. Bln.) Uber die Wirkung des deutschen Luftflottenangrisfes auf das n i ch t e n g l i s ch e Ausland liegen jetzt zahlreiche Blättermeldungen vor. Die Amsterdamer „Tijd" schreibt: „Es scheint, daß John Bull gegen die Zeppelingefahr, gegen den Tod aus der Luft, hilf­loser dasteht als gegen die deutschen Unterseeboote. Die Londoner Blätter versuchen die öffentliche Meinung Eng­lands zu täuschen, indem sie den Angriff mit Rücksicht auf die Beteiligung der Luftschiffe als einen Mißerfolg hin­stellen. Wollen die Londoner Blätter aber weiter beruhigen, wenn zwischen heute und morgen sich eine deutsche Luftflotte über Englands Hauptstadt zeigt? Der Tag kommt sicher.

Freude in der österrcichisch-ungarischen Presse.

W. T.-B. Budapest, 22. Jan. (Nichtamtlich.) Die Blät­ter besprechen den begeisterten Artikel über den deutschen Luftangriff auf englische Städte Der „Pester Lloyd" schreibt: Die deutsche Luftflotte wollte diesmal allem An-

schein nach nur eine kleine Generalprobe zu künf­tigen Aktionen veranstalten. Me Abwehrmittel gegen einen wohlvorbereiteten Luftschiffangriff muffen sich in Zu­kunft als mehr oder minder illusorisch erweisen, wenn dieser Angrift bei Nacht erfolgt und die Luftschiffe vor feindlichen Fliegerangriffen durch die eigene Fliegerflotte hinreichend geschützt sind. Es ist zweifellos, daß man in England einen derartigen kombinierten Luftangriff auf England befürchtet. Nach dem Erfolg der Generalprobe zu urteilen, hat es ganz den Anschein, daß weder Beten, noch Hoffen, noch die naiven Vorsichtsmaßregeln der englischen Regierung England vor einem solchen Schicksal bewahren können. Das dichtbevölkerte England, namentlich die Riesenstadt London, gleicht seit die­sem mächtigen Luftschiffbcsuch einem Ameisenhaufen, in den eines Menschen Fuß gestapft ist. Das deutsch-englische Wort „Mein Haus, me,ne Burg" wird zuschanden. Die erste Vorprobe hat den Beweis erbracht, daß die Deutschen auch in dieser Waffengattung den Engländern turmhoch überlegen sind. _

Eine schweizerische Erörteruna der Kriegslage.

„Die Dinge spitzen sich zur Krisis zu."

IV. T.-B. Bern, 22. Jan. (Nichtamtlich.) In seiner Erörterung über die Kriegslage hält es der „Bund" für offenbar, daß die russische Heeresleitung sich jetzt in der Defensive befinde, die ihr von den Ver­bündeten aufgenötigt wunde. Damit setze sie selbst den Schluß st r i ch unter ihre große Offensive. Auch französische Quellen sprechen jetzt nur noch von einer Defensive der Russen innerhalb des Weichsel­bogens. Es sei sehr wohl möglich, daß die Russen von ihren letzten exzentrischen Operationen auf dem rechten Weichselufer noch ein Retablissement stl'Ltchxigno erhofften.

Im Westen habe sich die französische Offensive noch nicht ganz ausgelöbt, obwohl sie im ganzen als gescheitert gelten könne. Es könne sich jetzt höch­stens noch um die zweite Phase handeln, die auf die Erfahrungen der ersten gestützt, nur verschleiernd sortgeführt werde, zur Vorbereitung großer Operatio­nen, die in den noch vollständig gewahrten Plänen lägen. Tie in der Meldung des deutschen Generalstabs angegebenen Ve r l u st z i s s e r n hält der „Bund" für zutreffend. Das Blatt sagt ferner: Der Elan,

mit welchem die Franzosen immer wieder anlaufen, ist bewundernswert, die strategische Zweck­mäßigkeit dieser verzettelten Offensive muß mehr und mehr bezweifelt werden. Sie paßt vielleicht in politische Kombinationen, läßt sich aber mit der unbedingten Notwendigkeit, Menschen zu sparen, nicht in Einklang bringen. Es ist nicht gesagt, daß es vom Scheitern der französischen Offensive bis zum E i n- setzen der deutschen nur ein Schritt ist, obwohl der Gegenstoß in Softsons dazu verführen könnte. Eins ist aber gewißpdie Dinge spitzen sich zur Krisis zu.