Gerte S. Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt.
Luft sprengen lassen. Inzwischen ist aber, wie mir ein Berussgenojse erzählt, der einige Tage später als ich van London abgereist tvar, die Kunde von der neuen deutschen Massenzerstörungswaffe auch über den Kanal gedrungen. Und die B e u n r u l) igu n g soll dort nicht geringer sein als an der Seine, wo wir in hochnotpeinlicher Erwartung der Zeppelinaden leben. Vielleicht haben Sie in französischen Blättern, deren Lektüre ich allen Deutschen aufs angelegentlichste enrpfehle, schon gelesen, daß gegen die Verbreiter von alarmierenden Gerüchten unnachsichtlich vorgegangen werden solle. Wenn Galliens aber alle, welche den Alarm verbreiten, hinter Schloß und Riegel tun wollte, inüßte er 90 Prozent des Privateigentums zu Gefängnissen erklären. Denn wir befinden uns mitten im Alarmzustande, wie er verhängnisvoller auch in den gefährlichen ersten September- tagen mit ihrem Vormarsch der Deutschen bis in die Nähe von Paris nicht in die Erscheinung getreten war. Gallieni droht, verhaften aber läßt er kaum einen. Er selbst hat ja zum Alarm und damit zur Beunruhigung des Publikums mit seinen Maßnahmen beigetragen.
„Die Maßnahmen gegen die Zeppelins" sind auf der Tagesordnung der öffentlichen Erörterungen. Gestern abend wurden schon um sechs Uhr alle Bogenlampen von der Plaoe Etoile ab nach deur Westen und nach dem Osten sowohl auf den Straßen wie in den großen Lokalen ihres Lichtes beraubt. Die Chanips ElysÄs, die Rue Rivoli, die auf dem Sternplatz ein- rnündenden Boulevards wurden schon zu dieser Stunde in undurchdringliches Dunkel getaucht. Jeder Verkehr hörte auf. Die Läden mußten in aller Hast unter polizeilicher Aufsicht schließen, die Restaurationen ihre Gäste bei Kerzenlicht bedienen. Die einzigen Lichtspenden in dem ägyptischen Dunkel blieben die Droschken mit ihren wie Zündhölzchen leuchtenden Lämpchen. Man sagte mir, Gallieni habe sich weniger durch die Furcht vor den Zeppelinen bestimmen lassen als durch Gerüchte von revolutionären Ansammlungen in den nördlichen und östlichen Vierteln. Ich glaube das nicht recht- Denn die Herren Revolutionäre melden sich ja doch auch am Tage mit kleinen Vorstößen gegen die bewaffnete Macht zu Wort. Ein Gang durch jene Quartiere belehrte mich, daß die Re-, gicrung durch Vermehrung der Sicherheits- Posten einer Ausdehnung revolutionärer Bewegungen vorgebeugt hat. Gut sieht es dort in den Bolks- vierteln keineswegs aus. Und es gehört zu den Wagnissen, sich nach Sonnenuntergang ohne militärisches Geleit in Straßen zu begeben, in denen der Schrei nach Brot von immer neuen Tausenden von Unglücklichen misgestoßen wird. Die zunehmende No t nimmt entsetzliche Formen und Dimensionen an. Wer Paris in diesen Tagen nicht sieht, macht sich keinen Begriff seiner — man verzeihe mir das Wort — Her untergekommen heit. Die Unsicherheit in allen wirtschaftlichen Verhältnissen,^ der Haß der halbverhungerten Masse der Kleinbürgerschaft, die Enttäuschung über die ausgebliebenen Früchte der vor Monaten angekündigten Offensive drückt dem Pariser Leben den Stempel auf. Irgend eine Niederlage Joffres in den Vogefen oder oben in Flandern hätte man noch hingenomnien. Aber ausgerechnet vor S o i s s o n s mußte er den Deutschen weichen! Bor Soissons, von dein es der Feind noch keine hundert Kilometer nach Paris hat. ES nutzt den Blättern nichts, den Mißerfolg zu beschönigen oder zu vertuschen. An Joffres Stern g l a u o t m a n h e u t e n i ch t m e h r. In den Kreisen der Intelligenz hatte man bis vor kurzem die Hoff- nungen auf Italien, den Pap st, auf Japan, auf Rumänien, auf die Ungarn, auf Herrn Lieb- kneckit gesetzt, nachdem die Russen, Engländer und Amerikaner mit ihren aktiven und passiven Leistungen längst dem Gespött anheimgefallen waren. Heute gibt man sich dem Fatalismus hin. Eins ist er- staunlich, daß die Kritik sich noch immer nicht stör- ker vorwagen darf. Der Zensor ist unerbittlich. Die Beschlagnahmungen der Zeitungen häufen sich. Man ist erstaunt, wie wenig von den eigentlichen Vorgängen in Paris selber in den Blättern zu lesen ist. von auf- lührerischen Reden in Straßen, von blutigen Zusammenstößen hungriger Männer und Frauen mit der
Neben dem Krieg.
Schicksale der Zurückgebliebenen, dem Leben nach erzählt von Dr. Hans Wantoch.
Briefe aus dem Jenseits.
Als ihr Ältester, Rittmeister bei den Ulanen, mit seiner Eskadron zur Einwaggonierung aus der Stadt ritt, war die Baronin gar nicht sonderlich erregt. Sie hatte ja noch Fritz, ihren Jüngsten, den sie wie ihre eigene Jugend liebte. Fritz hatte sich im Juli bei einer Klettertour in den Dolomiten eine Sehne gezerrt. Nichts von Bedeutung. Aber es waren böse Tage für ihn. Nicht dabei sein können, wenn es losging. Wer dies versäumte, dünkte ihm ein Leben zu versäumen. Und darum rannte Fritz, den Arm in der Binde, den er sich auf eine überflüssige und kindische und — so schien es ihm — beinahe lächerliche Art verletzt hatte, von Massageinstitut zu Elektrosanatorium, von der Regimentskommandatur in die Klinik. Ein Kranker in diesen Zeiten der Verwundeten; Es war einfach beschämend.
Endlich! Der Arm war zwar noch ein bißchen steif, aber cS war ja nur der Linke. Und er hatte seine Marschorder in der Tasche. Nur Mutter tat ihm leid. Mama wachte mii einer so zähen, unnachgiebigen, ach, so verzeihlichen Liebe über seine Krankheit, wie über einen köstlichen und beruhigenden Besitz, den sie um nichts in der Welt verlieren dürfe.
Der Abschied war immerhin glimpflich von statten gegangen. Er hatte ja nur einen Pferdetransport nach Sarajevo zu begleiten, hatte Fritz geflunkert; Pferde schleudern keine Handgranaten; und überhaupt werde cs nur ein paar Tage dauern, das heißt, die Sache könne sich freilich auch in die Länge ziehen. Aber er werde schreiben. Jeden zweiten Tag, ganz gewiß
Wiesbadener Tagblali.
bewaffneten Macht, von den Kundgebungen zugunsten eines baldigen Friedensschlusses. Galliern hat schwere Arbeit zu verrichten. Er mag aufatmen, wem: er abends um seäis Paris in , Dunkel tauchen läßt. Es gibt am Tage wenig Erfreuliches zu scheu. Besser ist cs schon, wenn inan von all dem Jaininer nichts nrehr zu sehen bekommt. Die Nacht ist Gallicnis Freund. Paris darf nichts sehen und darf nicht vorn Feinde gesehen werden; sonst würde der erst recht nicht an Frieden denken.
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Oer österreichisch-ungarische Tagesbericht.
Ein österreichischer Erfolg am Dunjanrc.
W. T.-B. Wien, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbarr vom 20. Januar 1915, mittags: Die allgemeine Lage ist unverändert. An der Front in Polen fanden, abgesehen von Patronillengefechten, nnr Artilleriegrfrchte statt.
Am D u n a j e c beschoß unsere Artillerie mit Erfolg Abschnitte der feindlichen Jnfanterielinic» und erzwang die Räumung eines stark besetzten Meierhofes. Eine eigene Abteilung drang bis an den Fluß vor» brachte dem Gegner mehrere hundert Mann Verluste bei und z e r st ö r t e die vom Feinde eingebaute KricgSbrücke über den Dunajer.
In den Karpathen nur unbedeutende Gefechte.
Der Stellvertreter des Chefs deS Ornrralstabes: v. H ö f e r, Frldmarschalleutnant.
Der Steuerertrag in Oesterreich.
W. T-B. Wien, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Der Rein- ertrag der in 1014 eingezahlten direkten Steuern war um 21 Millionen größer als 1013. Der Ertrag der allgemeinen Erwerbssteuer betrug 800 000 Kronen weniger, was darauf zurückzuführen ist, daß bei der Steuererhebung bei Familien der Einberufenen mit besonderer Rücksicht vorgegangen worden ist. Der JahreSertrag der Einkommensteuer beziffert sich auf 16 Millionen Kronen.
Mahnahmen in Oesterreich zur Sicherung der Volksernährung.
W. T-B. Wien, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Wie das „Fremdenblatt" erführt, hat die gestern abgehaltene Minister» konferenz die N e a u i s i t i o n der in Österreich befindlichen Gctreidevorräte beschlossen, falls sich die Notwendigkeit hierfür ergeben sollte. Mitteilungen, die über die in Österreich noch verfügbaren Getreidcvorräte erfolgt sind, lassen die Behauptung zu, daß der Stand der Vorräte als überaus befriedigend anzusehen ist, und daß eine evemuellc Requisition ganz erhebliche Resultate erzielen würde. In der Sitzung wurde auch eine Verordnung, betreffend die neuen Backvorschriften, besprochen. Allerseits wurde die feste Entschlossenheit cmsgedrückt, die zur Sicherheit der Volksernährung notwendigen Maßnahmen mit vollster Energie zu treffen.
Die Zensur in Lstcrreich.
W. T.-B. Wien, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Den Blättern zufolge erschien gestern der Präsident des Abgeordnetenhauses Silvester mit den zwei Vizepräsidenten bei dem Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh, um über eine Milderung der Zensur zu verhandeln.
Die Entrechtung der Deutschen in Rußland.
W. T.-B. Kopenhagen, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Nach einer Meldung des „Rjetsch" wird die russische Gesetzcsvorlage über die Liquidation deutschen Grundbesitzes gegenwärtig u m g e a r b e i t e t. Die Grundzüge der neuen Vorlage find, der deutsche Grundbesitz soll beschränkt sein in einem Streifen von 100 Werst von der südlichen und 160 Werst von der westlichen Grenze. Die Vorlage betrifft nur Personen, d>ie jetzt noch zu den Untertanen der Rußland feindlichen Mächte gehören. die übrigen Personen, die nach dem 21. Oktober 1870 russische Untertanen wurden, sollen besonders behandelt werden.
Sequestration deutscher Unternehmungen in Rußland.
W. T.-B. Kopenhagen, 20. Jan. Die Deutsche Gesellschaff Elektrische Straßenbahnen Soietoschino wurde, wie russische Zeitungen melden, sequestriert und unter Verwaltung der Landschaft gestellt. Ebenso wurde die Sequestration der deutschen Näh- und Schreibmaschinen-, Fahrrad- und Motorenhandlung von Fornler in K i e w beschlossen.
Die Wiedererrichtung eines russischen Patriarchats in Moskau.
W. T.-B- Basel, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Nach eine» Petersburger Meldung der „Baseler Nachr." hat der Zar
Aber schon im Waggon gab es dem Leutnant einen Stich; das mit jedem zweiten Tag schreiben, hätte er nicht sagen sollen. Feldpostkarten kommen nicht so regelmäßig an. Natürlich! Das kann nicht anders sein. Nur törichte Zivi- listenköpfe entrüsten sich darüber. Aber Mama würde war. ten. Er sah sie am Guckloch der Eingangstür, er hörte ihr Herz klopfen, wenn der Briefträger über die Stiege käme» und er fühlte cs schinerzhafi mit, wie sich das liebe, gute Mutterherz zusammenkrampste, wenn der Driefbote sagte: „Nichts, Frau Baronin."
Da hatte der Leutnant eine Idee. O ja, das hübsche Postfräulein in dem bosnischen Grenznest war für einen kokettierenden Blick seiner blauen Augen dafür zu haben» fünfzig Postkarten hinterlegte er bei dem Fräulein. Feld- Postkarten voll Soldatenhumor, und wie gut cs ihm ging, der fern vom Schuß, in einen» Stall, in cinein richtigen tvarmen Pferdestall schlafen dürfe, während die anderen im feuchten Schützengraben lägen. Unverschämt gut einfach! „Fünfzig Posttarten", dachte Fritz, „jede natürlich mit einem anderen Datum, das würde vorderhand reichen."
Und er täuschte sich nicht. Es reichte sogar zu lange. Drei Wochen nach seiner Abreise schellte der Telegraphenbotc an der Tür der Baronin. Sicher ein Telegramm von Fritz. Der Junge, oh, der Junge. Zweiinal schon hatte er depeschiert. „Ohne Nachricht von dir. Bin besorgt. Ich wohlauf." Sollten schon wiederum die Briefe verloren gegangen sein? Sie öffnete die Depesche. Sie war vom Oberst fernes Regt- »nentes. Baron Fritz »var bei einem RekognoSzierungSritt den Schlachtentod gestorben. Aber seine Karten kamen. Jinmcr wieder. An jcdein zweiten Tag. Feldposttarten voll sprühender Frcikuftlaunc. Kindliche Zärtlichkeiten. Witze aus dem Jcuseits.
Die Baronin ahirtc. Die Baronin wußte deu zärllichen Betrug. Und dennoch vergaß sie, so oft eine Postkarte kam
Donnerstag, 21 . Januar 1918 . Nr- 33«
dem Metropoliten Makarius von Moskau das hrsto- rische Kreuz des Patriarchen Nikon verliehen. Danach ist die Wiedererrichtung c.ncs russischen Patriarchats in Moskau binnen kurzem zu erwarten.
Auflösung eines Verbandes in Rußland.
W. T.-B. Kopenhagen, 20. Jan. Der Verband der Mos. kauer RcchtsalUvaltsgehilfen, der seit 1878 besteht, wurde als ungesetzlich aufgelöst.
Eine russische Studienkvmmission für Galizien.
W. T.-B. Kopenhagen, 20. Jan. Die russische ministerielle Konimission zun» S t u d i u m Galiziens in allen seinen Verwaltungs- und wirtschaftlichen Einrichtungen, ist nach Lemberg abgegangcn. Sie soll das Rohmaterial dem russischen Ministerium des Innern zur Ausarbeitung überweisen.
Ausweisung von Juden aus Petersburg.
W. T.-B. Kopenhagen, 20. Jan. Die Ausweisung von Juden aus Petersburg dauert an. In der letzten Woche wurde eine Anzahl jüdischer Handwerker aus der Hauptstadt ausgewiesen.
wie die Russen ihre „lieben Juden" behandeln.
DoS in Hamburg erscheinende „Israelitische Familien» blatt" bringt in seiner Nummer vom 7. d. M. aus der Feder des Rabbiners Dr. Artur Levy, der zurzeit für die jüdischen Soldaten einer deutschen Armee im Osten tätig ist, eine e r. greifende Schilderung voi» den Greueltaten, welche die zarische Soldateska in Russisch-Polen an ihren jüdischen Mitbürgern beiderlei Geschlechts begangen hat. Wir geben die Auszählung im folgenden wieder:
Die Russen haben in Radom drei unschuldige Juden ohne Gericht und ohne Urteil aufgehängt, darunter den Sohn des in >prnz Polen berühmten Alexander Rebbe, der von der ganzen Genietiide toie ein Heiliger verehrt wurde. — D»e Pogrome früherer Zeiten find ein Nichts gegen die rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen Lebens, die mit dem russischen Heere sich durch ganz Polen toälzt, mit ihm vorwärts und rückwärts geht und es begleitet wie ein drohender Schatten. In mehr als 216 Ortschaften wurde bisher pogro- miert, und es ist kein Ende dieses Schrecken» abzusehen. — In Staschew wurden am Jom Kippur elf Juden in TalliS und Kittel in der Synagoge aufgehängt. — In Klodawa wurden zwei der angesehensten jüdischen Bürger an einem Freitagabend, als die Juden auö der Synagoge kamen, am Balkon des eigenen Hauses aufgehäugt, nachdem die Frai» des einen selber die Stricke hatte herbeiholen müssen. 24 Stunden mußten die Leichen hängen bleiben, und die Juden der Nachbarschaft durften die Fensterläden nicht schließen, damit sie sich dem entsetzlichen Anblick nicht entzögen. Auf die Brust hatte man den Getüteten einen Zettel mit der Aufschrift geheftet: „Gehängt, weil sie ein Treirubelstück nicht wechseln wollten." — In Lenczyca war eine Bürgerwehr einge» richtet, in der 70 Prozent Juden organisiert waren. Als das russische Militär nach L. kam, wurden sämlliche Juden sofort aus der Miliz entfernt, und in derselben Nacht haben die Kosaken geplündert und mißhandelt . . . nur in jüdischen Häusern. — In Schidlowec haben sich jüdische Mädchen in den Pilicer Teich geworfen, weil sie geschändet worden waren und diese Schmach nicht durchs Leben trage»» wollten.
In Ostrowice forderten die Kosaken die Auslieferung des Rabbiners Zadick Kalischer, der gehängt werden sollte, weil er angeblich die Österreicher begünstigt hatte. In Wirklichkeit war er zusammen mit dem polnischen Geistlichen den österreichischen uiid den deutschen Truppen so wre früher den russischen entgegen gegangen und hatte um schonende Behandlung der Einwohner gebeten. Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die Kosaken den herannahendan Jom Kippur ab und umzingelten a,n Abend die Synagoge, um dort den Rabbiner gefangen zu nehmen. Ms sie im Begrfff waren, in da» Betbaus einzudriugen, zogen die Deutsche»» in O. ein, und d»e Kosaken wurden vertrieben, nachdem sie vorher Haus und Hof des Rabbiners zerstört hatten. — Aus Zyrardow, Pruschkow, Bialobrzeg, Jwangorod, Grod- zisk, Skierniewice und vielen ai»deren Orten wurden sämtliche Juden fortgejagt. — In Lowicz wurden zwei junge Juden aus Zgierz, Sandberg und Frenkel, wegen an» geblicher Spionage verhaftet und nach vorheriger Verstümmelung des einen aufgehängt. Dasselbe LoS wurde dem Getreidehändler Moses Lipschitz, einem geachteten Talmudgelehrten, zuteil, weil er vor dem Krieg Geschäfte nach Deutsch» laird gemacht hatte.
In Bechawa (Ltrbliner Gouvernement) wurden im Oktober 78 Juden an einem Tage wegen „Spionage" aufge- hängt. — In Kramostaw wurden viele Häuser einge- äschert, die Juden (200 Familien) zum großen Teil mit Frauen und Kindern vernichtet. — In Zdunska-Wola wurden sämlliche Frauen und Mädchen geschändet, selbst eine
für Minllten, für Viertelstunden. „Heut' Hab ich wieder von Fritz Nachricht bekommen", sagte sie. „Was der Junge nur schreibt. Humor hat er ja immer gehabt, der Bub." Und dann las sic und lächelte und lachte und kam hinweg über die schwerste Zeit. Dank seinen Briefen lebte er länger für sie. Und niemals wird ihr sein Tod, sein helles, heldisches Sterben fürs große Ganze von ihrem eigenen kleinen Schmerz verhangen sein.
Reserve.
Der Rechtsanwalt hatte sich von unserem Stammttsch erhoben. Gott sei Dank! Der Mensch lag einem auch zum Überdruß mit der Sorge um seinen Sohn in den Ohrei», er toürdc die Anstrengungen nicht ertragen, er würde sich sicher erkälten, und ob wir nicht glaubten, daß er als Marschmaroder zurückgeschickt würde.
„Ekelhaft", sagte der Oberlandesgerichtsrat, der groß und ruhig dasatz. Weiß uud wallend war sein Bart. Aber sein Gesicht war noch rosig. Er hatte drei Söhne im Feld.
„Nun", erwiderte ich, „es »st zu verzeihen. Man muß ja jetzt so vieles vergeben. Es ist sein Einziger."
Da sah er mich an. Groß, aus seinen lichten Augen. „Glauben Sie wirklich, es ist schwerer einen Sohn draußen zu haben, als drei, wie ich. Einer — da kann man hoffen. Aber drei — das müßte ein Wunder sein. Gestern habe ich meinen Jüngsten abgeliefert."
„Nun", sagte ich lachend, „vorläufig können Sie zufrie» den sein mit Ihren Dreien: Paul ist zum Oberleutnant
avanciert, Franz hat die eiserne Krone bekommen und Ihr Jüngster kommt als Mediziner überhaupt nicht an die Front."
„Und wenn ich sie alle Drei nicht wiedcrschc — aber Einen?"
„Wieso", fragte ich.
Er sah mich nur an. Sein Gedanke war zu Mo«, um
