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Verlag Langgafse 21

„Tagblntt-Haus".

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Donnerstag. 21. Januar 1913.

Morgen - klusgabe.

Nr. 33. » 63. Jahrgang.

Oer Krieg.

Oie Lage im westen.

Der Druck, der Deutschen auf die französische Krönt

Br. Kopenhagen, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die „Times" gibt zu, daß der Druck der Deutschen auf die französische Front ständig zunehme. Das englische Volk müsse sich über die wirkliche Lage klar werden. Tatsache sei, daß die Verbündeten an einigen Stellen kleine Fortschritte gemacht haben, aber im großen und ganzen stehe der Feind fester in seinen Stellungen als je, vollbereit, jederzeit den Versuch zu machen, die Front der Verbündeten zu durch­brechen. — Die „Times" faßt den deutschen Luftangriff auf Dünkirchen als eine Vorläuferübung für eine» Luftangriff großen Stils gegen einen wichtigen Ort auf.

Besichtigung eines Kapellenautos durch den Kaiser.

Beim Kaiser im Großen Hauptquartier weilte vor einigen Tagen, wie der „Köln. Volksztg." zufolge aus einer Mitteilung an ein Kirchenvorstandsmitglied der Pfarrei St. Maria-Lys- kirchen hervorgeht, der kurz vor Weihnachten mit einem Kapellenauto zu Seelsorgediensten an die Front ge­gangene Pfarrer Msgr. Graf Spee. Am Tage nach der Schlacht bei Soissons hatte Graf Spee Gelegenheit, das von ihm an die Front überführte Kapellenauto dem Kaiser zu zeigen, der sich sehr lobend über die Einrichtung aussprach. Später war Pfarrer Graf Spee zur kaiserlichen Frühstücks­täfel geladen. Den Mitteilungen des Pfarrers ist ferner zu entnehmen, daßdasAussehendesKaiserssehrgut ist. Besondere Freude habe dieser über den großen Erfolg bei Soissons gezeigt. „Die Freude leuchtete dem Kaiser ans den Augen", so berrchtet der Briefschreiber.

Lin Besuch des österreichischen Thronfolgers im deutschen Hauptquartier.

W. T-B. Wien, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Erzherzog Karl Franz Joseph von Lsterreich-Este begibt sich heute abend nach Berlin, von wo er nach dem Hauptquartier geht» um den orutschen Kaiser zu besuchen.

Die Zcppelinfurcht in Paris.

W. T-B. Paris, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Infolge der zeitweiligen Unterdrückung der öffentlichen Beleuchtung wäh­rend der Abendstunden am Dienstag lief das Gerücht um, daß Luftschiffe auf der Fahrt nach Paris gemeldet seien. Dos Gerücht war unbegründet. Es handelte siöh einfach um einen Versuch der Anwendung der vorgeschriebenen Maß­nahmen für den Fall, daß eine derartige Eventualität ein- treten sollte.

Prinz von Wales in Belforl und im Gbereisah.

W. T -B. Belfort, 20. Jan. (Nichtamtlich.) Der Prinz von Wales ist am Freitagabend 'inkognito in Belfort eipge- troffen. Er besichtigte die militärischen Anlagen und die hauptsächlichen Bauwerke und begab sich dann zur Front im Oberelsaß.

Abgeordnete für den Snndgau im französischen Parlament.

Br. Genf, 2C. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die von den Franzosen teilweise besetzten Kreis eAltkirch und Thann haben in der französischen Kammer eine parla­mentarische Vertretung erhalten. Der Präsident der französischen Kammer hat die ehemaligen elsässischen Reichstagsabgeordneten Dr. Weil! und Abbe Wetterte mit der parlamentarischen Vertretung der genannten beiden Kreise beauftragt. (Die „Tägl. Rundsch.", der wir die Mel­dung entnehmen, hält sie für einen verfrühten April­scherz. Schriftl.)

Heros fordert dieZreilassuny derFivilq-tfangsnen

Br. Rom, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Gustave Herve fordert in seiner „Guerre Sociale" die Freilassung der in Frankreich internierten Zivilgefangenen. Es sei eine Schmach für Frankreich, Hunderttausende unschul­diger Menschen wie Verbrecher zu behandeln.

Der Minenkrieg gegen die Laufgräben.

Amstervam, 18. Jan. Das Aufsliegen eines franzö- fischen Laufgrabens schildert die „Morning Post" in einem Telegramm aus Paris wie folgt: Kürzlich erwähnten bii

Comnmniquös die erfolgreiche Unterminierung eines fran­

zösischen Laufgrabens bei Reims. Der Hauptmann, der in dem Laufgraben befehligte, gibt nun eine Schilderung von seinen Erlebnissen. Ich war im Begriff, ein Diensttele­gramm zu schreiben, als ich plötzlich den Eindruck hatte, als ob ein Erbeben staitsände. Ich wurde mit großer Gewalt vornüber geschleudert und mit Schmutz überschüttet. Mit Mühe mein Zelt verlassend, sah ich, wie 4 0 Mann verschüttet waren. Aber die Soldaten zur Rechten und Linken von der Stelle, wo die Explosion statigefunden hatte, waren nicht von der Stelle gewichen, obwohl ihre Kameraden unter den Erbmassen begraben waren. Dann folgte ein ge­waltiges Geschützfeuer, und einen Augenblick später erschienen zweihundert Deutsche in der Meinung, daß kein Franzose mehr am Leben sei. Überrascht von einem hefiigen Feuer, mußten sie sich schleunigst zurückziehen. Auf französischer Seite waren 8 0 Tote und Verwundete. Das durch die Explosion gerissene Loch hatte einen Durch­messer von 40 Meter und war 15 Meter tief.

Lin Seeoefecht?

Sr. Rotterdam, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.)

Dem „Nieuwe Rotterdamschc Courant" wird aus Uithuizer- mengen in der Provinz Grooningen telegraphiert: Hier hört man seit gestern nachmittag heftigen Kanonen­donner aus der Richtung ö st l i ch B o r k u m.

Der englische Bändel sieht dunkel ln die Zukunft.

W. T.-B- London, 20. Jan. Der Londoner Bankier B e ck e t führte bei der Jahresversammlung der Handels» kammer in Leeds auS, daß die ökonomische Krisis, in die der Krieg England gebracht habe, den finanziellen Weltstatus um Ivv Jahre znrückbringen würde. Selbst nach Friedensschluß bestehe nur Aussicht auf dunkle Zeiten.

vie englische Lüoenmeldunq von der Ein­nahme La Vaff^es.

Ein klägliches Eingeständnis der „Times".

Br. Haag, 20. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der „Neuwe Notterdamsche Courant" schreibt: Nachdem die

„Times" bereits gestern die in den letzten Tagen gemeldete angebliche Einnahme von La Bassee durch englische Truppen dementiert und ein Augenzeuge in der „Times" mitgeteilt hat, daß bei La Bassee überhaupt kein Gefecht statt- gcfunden habe, möchten wir heute das von uns nicht ausge- nommene Reutertelegramm, welches überschrieben war: „Ein denkwürdiger Sieg der Engländer bei La Bassee" veröffentlichen. Es lautet:

„Die letzten Berichte über den englischen Sieg bei La Bassee geben den peinlichen Eindruck wieder, den einige hundert deutsche Gefangene, die in unsere Hände- fielen, machten. Ihr elender Zustand erweckte allgemeines Mitleid, da sie ausgehungert, abgemattet und von Schlamm und Regen durchnäßt waren. Sie klagten bitter über die Uumenschlichkeit ihrer Offiziere, welche die Mannschaften nabezu eine Woche lang ohne Nahrung in den Laufgräben gelassen hatten. Ein Englisch sprechender Deutscher sagte, wenn er nochmals fechten müsse, würde er nicht gegen, son. dein für die Engländer kämpfen."

Das hollänoische Blatt spricht weiter von der Lügen­haftigkeit der ausländischen Pressebureaus und führt die Meldung des Pariser Berichterstatters der „Central News" über die Gefechte bei La Bassee an, worin es heißt:

Die Einnahme von La Bassee war ein Ereignis, das be­stimmt ist, in der Geschichte des englischen Heeres ewig denkwürdig zu bleiben. Der Kampf war einer der wütendsten, die der Krieg jemals gesehen hat. Das Hand­gemenge und die Bajonettkänipfe dauerten gegen 2 Stunden und obwohl die Deutschen in der Überzahl waren, schmolzen sie jedoch 'zum Schluß vor den englischen Bajonetten zu­sammen."

Welch ein klägliches Eingeständnis, sagt der ..Nieuwe Notterdamsche Courant", ist nunmehr die halbamt­liche Meldung der „Times", daß bei La Basste gar kein Kampf stattgefunden hat.

wie Krankreich für England blutet.

Einen merkwürdigen Blick hinter die englisch-französischen Kulissen gewährt der Schluß eines Briefes aus Spanien, den die „Köl. Ztg." veröffentlicht. Der Berichterstatter gibt da Kenntnis von einem Vorgänge, der sich Anfang Sep­tember beim deutschen Vorstoß gegen Paris er­eignete und trotz ängstlicher Verbeimlichung zur Kenntnis beschränkter Kreise gelangt ist. Man liest da:

Dan-als hatte Frankreich aufrichtige Friedenswünsche und beauftragte einen Diplo­maten einer neutralen Macht, in diesem Sinne vorberei­tende Anträge in die Wege zu leiten. Jener.Diplomat, der vordem in London tätig gewesen war und dort um den Finger gewickelt wurde, hatte unbegreiflicherweise nichts Eiligeres zu tun, als dem englischen Botschafter in Paris sein Geheimnis zu verraten, das in London eine ungeheure Aufregung hervorrief. K i t ch e n e r wurde nach Frankreich geschickt und entriß der Pariser Regierung unter der Drohung einer sofortigen Beschießung der französi­schen Küste den bekannten Vertrag, nur im Einver­ständnis mit England Frieden zu schließen. Jener hohe Diplomat mußte gehen. Frankreich aber, das stolze Land einer wohlbewaffneten Demokratie, mußte sich dazu er- niedrigen, sür die englischen Rüstungslords unter Einschüch­terungen seine Vasallendienste fortzusetzen, an denen es all­mählich verblutet.

Die Mitteilung wird unter Berufung auf einen offen­bar damals in Paris tätigen Diplomaten einer vermutlich nicht unbedeutenden neutralen Macht mit einer Bestimmtheit vorgetragen, daß man sie nicht übergehen kann. Mag sich auch seit jenem Zeitpunkte der französischen Bedrängnis im Felde einiges geändert haben, von der Drohung Englands her, die Frankreich nötigte, den Soldaten Englands zu spielen, muß ein Stachel in der französischen Brust zurück­geblieben sein, und dieser Stachel muß sich, je länger, desto mehr fühlbar machen.

E§ beginnt zu tagen!

Von einem im Dienste neutraler Blätter stehenden bekannten Kriegsberichterstatter.

Paris, 17. Januar (durch eine Vermittlungsstelle über Lyon-Genf befördert).

Innerhalb der letzten vier Lage hat sich in Paris nicht allein der politische Horizont verdunkelt. Über die wirtschastliche Misere ließ man sich durch die mili­tärischen Eommuniguös hinwegtäuschen, wenn man nicht zur Kategorie der Skeptiker gehörte. Man nährte jich schlecht und recht vom Brot der Hoffnung und glaubte an die Kraft der Offensive. Jetzt ist mit 'dem Ausgong der Schlacht bei Soissons der Glaube an die Osfensivkraft des französisch-englischen Heeres — das belgische zählt hier nicht mehr mit — in unheilvollster Weise erschüttert ivorden. Das Vertrauen des Volkes hat einen Stoß erlitten, der tödlich wirken kann, wenn Joffre die Scharte nicht in wenigen Tagen auszuwetzen vermag. Mit der Rückkehr der Re­gierung aus Bordeaux tpar das Volk in eine Ver­trauensseligkeit — dank der V e r t u s ch u n g k ü n st e der Presse — eingewiegt worden, die sich jetzt bitter rächt, wo sich beim besten Willen die Schwere der kri­tischen Situation nicht mehr verheimlichen läßt. Das Unglück will es, daß auch der militärische Gouverneur von Paris, Herr Gallieni, sich veranlaßt sicht, gerade jetzt auch den eigentlichen atmosphärischen Horizont der seiner Obhut anvertrauten Haupt- und Lichtstadt in ein beängstigendes widernatürliches Dunkel zu hüllen. Ganz Paris spricht nur von den „Zeppelinaden". die uns durch die Maßnahmen der Kriegsleitung und durch die Presse a n g e k ü n d i g t werden. „Die Boches sollen neue Bomben erfunden haben, neue, ganz ungeheuerlich wirkende Bomben. Wissen Sie: Bomben, ähnlich wirkend wie die berühmten 42er, Bomben, die nicht ein einzelnes Haus, sondern gleich ganze Straßen vernichten. Jetzt wissen wir auch, waruni sie solange mit ihrem Besuche der Zeppeline gewartet haben. Wegen der Vernichtung eines einzelnen Gebäudes lohnte sich ihnen eine Zeppelinade nicht. Jetzt aber, wo sie mit einem Wurflein Dutzend von Häusern in die Luft sprengen können, jetzt kommen sie sicher. Und was sagt man in London von dieser neuen infernalischen Erfindung?"

Der Pariser sucht instinktiv nach Leidens­genossen. Wenn die Londoner verschont blieben, wäre er kreuzunglücklich. Denn allmählich kommt ihm zum Bewußtsein, daß man den Krieg eigentlich in London begonnen habe und daß das unschuldige Paris nur durch den Ehrgeiz einiger Staatsmänner in den Krieg mit hineingerissen worden wäre. Wer wie ich das Unglück hat, ans London nach Paris zurück- zukehren und auf tausend Fragen Rede und Antwort stehen zu müssen, lernt die Pariser von einer ganz neuen Seite kennen. Als ich kurz nach Neujahr Paris verließ, um London den Puls zu befühlen, nahm ich den Eindruck mit hinüber zur Themse, daß man an der Seine siegesgewisser und vertrauensvoller war als im Lande des traditionellen Nebels. Paris war aus­geheitert worden durch die Joffre schon Bulletins. Man freute sich, daß man auch ohne die Russen mit den Deutschen fertig werden -würde. Ohne die Russen, deren Militärwert im Kurse längst stark gesunken war. London fand ich grämlich, gedrückt, pessimistisch. Es waren die Tage, da die Regie­rung im Oberhause dem Lande zwar nicht ganz reinen, aber immer schon wesentlich geklärten Wein einschenken mußte. Wen ich auch immer in London sprach, der wunderte sich über den Optimismus der Pariser. „Worauf diese eigentlich ihre Hoffnungen aufbauen?" bekam ich immer zu hören, wenn ich von -der Stim­mung an der Seine sprach. „Auf das Millionenheer des Lord Kitchener!" gab ich zur Antwort, indem ich für die Pariser plädierte, die Herrn Kitcheners Ver­heißungen für bare Münze nahmen. Da konnte ich dann regelmäßig eine Variation des Wortes hören: „Der Prophet gilt nichts in seinem V-aterlande." Kitchener fand bis vor kurzem Gläubige nur noch in Frankreich. In seiner Heimat hat er sich bereits um seinen ganzen Kredit geredet. Eins aller­dings kannte London zurzeit meines Aufenthalts noch nicht: die neue Erfindung der Deutschen, mittels

deren sich ganze Häuserviertel durch einen Murf i» die