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Dienstag, 19. Januar 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 29. - 63. Jahrgang.
Oer Krieg.
Der Erfolg bei Soissons.
Bergebliche Beschwichtigungsversuche Joffrcs.
Die „Deutsche Kriegszeitung" schreibt aus Genf, 17. Jan.: Joffre gibt in seiner heutigen Beschwichtigungs
note der Meinung Ausdruck, die Stadt Soiffons sei durch die Neste der über die Aisne getriebenen drei Mannouryschen Brigaden ausreichend gesichert, eine von der Militärpreffe nicht geteilte Meinung. Oberst R o u s s e t erörtert die Chancen einer Verfolgung Mannrouys südlich des Aisne» fluffes und erwartet sofortige Besetzung des'Soiffons südlich begrenzenden, eine schmale Talmulde beherrschenden Ser- moiser Höhenzuges. Die hinter der Kathedrale von Soiffons und dem Justizpalast aufgestellten Batterien wurden durch deutsche Treffer bei dem gestern erneuerten Bombardement zum Schweigen gebracht. Die Kathedrale und die Johanniskirche erlitten unerheblichen Schaden. Die Gesamtlage der Verbündeten zwischen Lvs und Somme ist durch den deutschen Erfolg bei Carency. Albert und Arras ungünstig beeinflußt.
Fkü^tlinge über die Laae von Soissons.
W. T.-B. Lyon, 18. Jan. (Nichtamtlich.) „Propres" meldet aus Paris: Mit den Abendzügen ist am 15. Januar eine große Zahl von Einwohnern von Soiffons in Paris ein- getroffen. Sie hatten 15 Kilometer Wegs zurückzulcgen, bevor sie die Eisenbahnzüge besteigen konnten. Sie erklärten, der Kampf dauere heftig fort, besonderns seien Artilleriekämpfe im Gang. Soiffons werde heftig beschossen. Brandgranaten fielen auf alle Stadtviertel. Der Bischof, Erzpriester, Untorpräfekt und Friedensrichter , hätten die Stadt verlassen, in der nur der Platzkommandant, die Mitglieder der Munizipalität und 50 Notabeln zurückgeblieben seien. Von den Brandbomben, welche die Deutschen in die Stadt schleuderten, seien viele Häuser in Brand geraten und große Verstärkungen seien in Soissons etn- getroffen, um die ermüdeten Truppen abzulösen.
Die Lage der Deutschen in französischer Darstellung.
Br. Genf, 18. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die französischen parlamentarischen Kreise sind verstimmt durch das beharrliche Schwergen des Kriegsministers über die Schlacht bei S o i s s o n s, deren deutsche Darstellung um so lebhafter interessiert, als sie auch den französischen Leistungen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Die Nachwirkung des deutschen Erfolges auf die Kämpfe um Cra- o n n e wird heute schon deutlich wahrnehmbar. Die Militärpreffe erwartet weitere Zusammenstöße zwischen T r o y o n und B e a u l e n. Unter dem Eindruck des von der Militärpresse durchaus sachgemäß nur in einigen Punkten allzu günstig für Deutschland befundenen Hin denburgi scheu Gesamtberichts bemerkt das Blatt „Guerre Mondiale": Der russische Generalissimus grollt der Petersburger Verwaltung, weil diese ihn gegenüber der bei R a w a und am D u n a j e c immer fühlbarer werdenden Wirkung der neuen deutschen schweren Geschütze ohne entsprechende Gegenwehr läßt.
Die Lage in Schweizer Auffassung.
Der militärische Mitarbeiter des „Berner Bund" betrachtet im Anschluß an die Gefechte bei Soissons die augenblickliche Kriegslage vom höheren Standpunkt. Er schreibt: Zweifellos sind es nicht nur die Witterungsein.
' flüsse, welche die französischen Angriffe hennnen und unterbinden. Es handelt sich um ein A b t a st e n der deutschen Front; jedoch nicht etwa nur zur Feststellung der Widerstandsfähigkeit. Tatsächlich wohnte.den Angriffen Kraft und Geschlossenheit inne, und es hätte den Franzosen wohl gelingen können, an einer oder der anderen Stelle in die deutsche Front einzubrechen, wenn diese bedeutend geschwächt gewesen wäre. Diese ist jedoch so ausgebaut worden, daß von vornherein jede Offensive zum Zusammenbruch verurteilt worden war, sofern nicht hinter der stürmenden ersten Linie an den entscheidenden Punkten eine Armee bereit stand. Dies ist nicht der Fall gewesen, lediglich Reserven auf Ausfüllung der Front standen bereit. Vvn einer neuformierten französischen Armee wissen wir nichts. Auch in den angeblichen neuen englischen Armeekorps bei Calais und Le Havre ist keine operations- fähige Offensive zu vermuten. Diese hätte man eher in England selbst bereitstellen müssen, um den Angriff von der See gegen die rechte deutsche Flanke vorzutragen. Die deutsche Front im Westen ist heute als ausgesprochene Defensiv stellung anzusehen. N i e g e r a st e t hat die deutsche Offensive in den Argonnen. Sonst sind nur vereinzelt vorgetragene Angriffe zu verzeichnen, die aber in geheimem strategischen Zusammenhang zu stehen scheinen. Die Absichten der deutschen Heeresleitung sind nicht zu erforschen, ebensowenig wie die der französischen. Der Entscheidungstag wird die Reserven in der Front sehen, die heute noch nicht sichtbar sind.
Der Aufenthalt des Kaisers in der Schlacht bei Soissons.
Paris, 18. Jan. (Ktr. Frkft.) Nach französischen Berichten befand sich der Kaiser während der Schlacht bei Soissons im Schloß Picnou, zwischen Soissons,und Laon, das der Prinzessin Poix gehört, und wo seit September K l u ck s General st ab einquartiert ist. (Frkft. Ztg.)
Die französischen Tagesberichte.
W. T.-B. Paris, 17. Jan. (Nichtamtlich) Amtlich wird vom Sonntagnachmittag 3 Uhr berichtet: Wir haben neue Fortschritte erzielt in der Gegend von N i e u p o r t und L o m- bartzydc auf einer Strecke von ungefähr 200 Metern. Unsere Artillerie hat die Deutschen genötigt, einen Schützengraben in der großen Düne aufzugeben und hat den nördlich davon gelegenen Vorsprung zerstört. Sie hat die feindlichen Werke auf diesem Teil der Front beschossen sowie diejenigen südlich von St. Georges. In der Gegend von Dpern, Lom- bartzyde und Leus Artilleriekämpfe. In B l a n g y bei Arras ziemlich lebhafte Aktion, da die Deutschen sich der Spinnerei von Blangy bemächtigt hatten, die wir ihnen sofort durch einen energischen Gegenangriff wieder abnahmen und wo wir uns behaupteten. Unsere Artillerie hat fortgefahren, feindliche Schützengräben bei La B o i s e l l e s zu zerstören. — Im Raume von Soiffons ist nickUs zu melden. — Zwischen Vailly und C r a o n n e hat der Feind ohne Eriolg einen Angriff in der Nähe der Zuckerfabrik von T r o h o n unternommen. Ein anderer Angriff gegen unsere Schützengräben von B e a u l m e wurde ebenfalls abgewiesen. In der Gegend von Perthes -Beausejour hält unser' Fortschritt an >rotz der Heftigkeit des Sturmes. — In den Argonnen, auf den Maashöhen und an der Woepre nichts Neues. Im Bms- Le-Prötre bei Pont-a-Mousson wurde ein schwerer Angriff zurückgewiesen. In den Vogesen haben wir im Westen von Urbers an Boden gewonnen. Den ganzen Tag über fidl reichlich Schnee. — 11 Uhr abends: Es ist nichts zu melden. In den Argonnen und Vogesen Schneefälle.
Französische Nriegsmaterialbestellungen in Amerika.
Br. Haag, 18. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Frankreich soll, wie in interessierten Kreisen verlautet, an amerikanische Werke die Lieferung von monatlich zehn Millionen Patronen, 40 000 Gewehren, 100 Panzerautomo. bilen und 50 Flugmaschinen für einen nicht genannten Zeit» raum in Auftrag gegeben haben.
Die französische Geldknappheit.
Br. Haag, 18. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Wie holländische Bankierkreise aus den Vereinigten Staaten erfahren, hat die ftanzösische Regierung im Dezember angeblich versucht, ihre neue Bestellung auf Kriegsmaterial dadurch zu bezahlen, daß sie den amerikanischen Werken dafür Oprozentige, in einem Jahr ablösbare Schatzbonds anbot. Die amerikanischcn Werke lehnten ab, bcc bei»den amerikanischen Werken und industriellen Unternehmungen bereits eine große Anzahl ftanzösischer Regierungswechsel in Umlauf ist, deren Betrag auf 20 Millionen Dollar geschätzt wird. Augenscheinlich wegen der Weigerung der amerikanischen Werke hat sich die französische Regierung entschließen müssen, 200 Millionen Schatzbonds zu öffentlicher Zeichnung auf den Londoner Markt aufzulegen. Diese Emission übte aber, wie bekannt, wenig Anziehungskraft aus.
Die französischen Sozialisten gegen die Zensur.
Berlin, 16. Jan. Aus Paris wird gemeldet, daß der der Partei der Geeinigten Sozialisten angehörende Abgeordnete Alexander Barenne die ihm angebotene Leitungder Z e n- s u r abgelehnt habe, nachdem seine Partei sich grundsätzlich gegen die Preßzensur ausgesprochen habe. Im übrigen ist eine Neugestaltung der Einrichtung im Gange.
Eine energische Bekämpfung der Friedensbewegung in Frankreich durch die Negierung.
Br. Brüssel, 18. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die französische Regierung scheint der stark zunehmen- iden Friedensbewegung int Lande nunmehr eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Ein besonderer M inisterrat unter dein Vorsitz Poincarcks beschäftigte sich damit im Elysee, und nach Schluß der Beratung verschickte der Minister des Innern, Malvy, ein vertrauliches Rundschreiben an die Präfekten, worin er ihnen eine e n e r g i s ch e B e k äm p f u n g der Friedensbewegung aufträgt. Das Verbreiten deutscher Sieqesnachrichten wird als Vcrrgt behandelt, deren Urheber vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Japanische Instrukteure für England und Frankreich?
Br. Genf, 18. Jan. (Eig, Drahtbericht. Ktr. Bin.) Nach Marseiller Meldungen sollen 200 japanische Offiziere, welche für die französische und englische Armee als Instrukteure bestimmt sind, Ende Januar dort ankommen.
vandervelde über Belgiens „einziges Fiel."
Belgiens nene Soldaten.
vr. Rosendaal, 18. Jan: (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Von belgischen Soldaten wurde an hier lebende Angehörige geschrieben, daß Staatsminister Vandervelde kürzlich an verschiedene Truppenteile Ansprachen richtete, in der er folgendes erklärte: Wir denken nicht daran, Frankreich und England auf ihrem Eroberungszug nach Deutschland zu folgen und das Nachbarreich nrcderzukämpfen, wie es in der Absicht unserer Verbündeten liegt. Für uns Belgier gibt es nur ein einziges Ziel: Brüssel und Lüttich wieder zu erreichen. Sobald das geschehen ist, wollen wir die Waffen niederlegen und das Ende des Kampfes. abwartcn. Uiiscr Belgien wollen wir wieder haben, das ist das Ziel unserer Anstrengungen. — Ein belgischer Unteroffizier schreibt: Unsere neuen Soldaten sehen nicht sehr ver
trauenerweckend aus. Es gibt darunter viele Schwächlinge, Kurzsichtige und sogar Bucklige. Einige erzählen, daß fia von der französischen Militärbehörde eingezogen wurden. Das belgische „Heer".
Pr. London, 18. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die hier erscheinende „Jndependance Belge" schreibt über das belgische Heer: Es hat außerordentlich überrascht, daß schon wieder ein kleiner Coup de Thsatre in unserem Heer vorgekommen ist. Alle D i v i s i o ns generale sind ihres Postens enthoben und durch neue ersetzt worden, selbst General Bertrand, der durch Krankheit gezwungen war, den Oberbefehl niederzulegen. Dazu wird weiter gemeldet, daß die gemischten Brigaden, die zur ZeÄ der Reorganisation errichtet wurden, wieder aufgegeben worden sind. Das Feldheer, das in kurzer Zeit auf 100 000 Mann gebracht werden soll, wird in sechs Divisionen eingeteilt. Die Kavallerie ist vorläufig zum Nichtstun gezwungen, daher will man dun Mangel an JnfanO-rieoffizieren dadurch abbelfen, daß den Kavallerieoffizieren nahegelegt wird, sich zur Infanterie überschreiben zu lassen.
Der belgische Rckrutierungsversuch.
Das „Berliiier Tageblatt" meldet aus Amsterdam, 17. Jan. Die angekündigten Maßnahmen der belgischen Regierung zur Einberufung aller Männer im wehrfähigen Alter ist jetzt erfolgt. Wie der „Dailh Telegraaf" aus Havre meldet, hat die belgische Regierung beschlossen, alle unverheirateten Männer von 18 bis 80 Jahren aufzurufen. Wer keinen Dienst zu tun wünscht, so zu nützlicher Arbeit im öffentlichen Dienst verwendet werden. Jeder Belgier ist verpflichtet, binnen drei Tagen bei dem Konsul desjenigen Ortes, wo er sich befindet, eine Erklärung abzugeben. Wer es nicht tut, soll als Verbrecher angesehen und dementsprechend von der Gendarmerie behandelt werden. (Die Anzahl der in Betracht Kommenden in den paar Quadratkilometern, über die die belgische Regierung noch verfügen kann, wird ja recht bedeutend sein!)
Ein deutscher Truppenübungsplatz in Belgien.
Br Vrüffel, 18. Jan. (Erg. Drahtbericht, Ktr. Mn.) Nach 'einer Mitteilung des Generalgouverneurs in Belgien hat die Station Bourg-Leopold im nortüvestlichen Belgien den Namen Truppenübungsplatz Bever- loo erhalten, wovon das Kriegsministerium im neuesten „ArmeeverordnungSblatt" Nachricht gibt.
Die zunehmende Teuerung in England.
W. T.-B. London, 17. Jan. (Nichtamtlich.) „Darly Expreß" schreibt: Während die englische Flotte die Meere frei hält, haben die Reeder die Frachten derart erhöht, daß die Lebensmittelpreise in England so hoch sind, als wenn uns die deutsche Flotte große Zufuhren ab- ^geschnitten hätte. Das Blatt verlangt dringend, daß 'die Regierung eine Kontrolle über die Seefahrt und über den Handel ausübt, solange der Krieg dauert.
Berlin, 18. Jan. (Ktr. Bln.) Aus London melden' holländische Blätter, daß die Preissteigerung der Kohlen, des Brotes und der sonstigen Lebensmittel unter dem englischen Publikum große Unruhe erzeuge.
Die schwindende Kriegslust in England.
Berlin, 18. Jan. (Ktr. Bln.) Die Londoner „Morning» post" klagt über die geringe Anzahl der neuangeworbenen Mannschaften. An einzelnen Tagen meldeten sich nicht mehr als 200 Leute zum Heeresdienst, während die täglichen Verluste des englischen Heeres 500 bis 600 Mann betrügen.
Verschiebung des nächsten kanadischen Nachschubs.
Bi-, Haag, 18. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Wie die „Times" aus Ottava berichtet, ist die für Mitte Januar angekündigte Einschiffung von 30 000 kanadischen Truppen auf Ende Februar verschoben worden. Gründe für die Verschiebung des Truppentransportes sind nicht genannt. Es wird angenommen, daß die genügende Anzahl Mannschaften noch nicht vorhanden ist.
Englische Zcugniffe für Deutschland.
Von der holländischen Grenze, 17. Jan., berichtet dis „Köln. Z.": Wie ber „Telegraaf" meldet, erklärten bei der Durchreise in Oldenzaal Engländer in älteren Jahren, die aus der deutschen Gefangenschaft entlassen warben waren und sich auf der Heirnreise befanden, daß sie sich im allgemeinen über die in Deutschland erfahrene Behandlung nicht zu beklagen hätten.
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
Rückzug der Russen bei Zaklizhu in einer Ausdehnung von sechs Kilometer.
W. T.-B. Wien, 18. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: Nördlich der Weichsel keine
wesentlichen Ereignisse.
Auf den Höhen östlich Z a k l i z y n zwang unsere Artillerie durch konzentriertes Feuer die Russen zum Verlassen einiger vorderen Schützenlinien. Die rückgängige Bewegung übertrug sich bei dem Feinde auch auf andere Teile der Front, so daß schließlich in einer Ausdehnung von sechs Kilometer der Gegner seine vorderen Stellungen räumte und in unserem wirkungsvollsten Artillerie- und Maschinen-
