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Sonntag, 17. Januar 1915.

Morgen - klusgabe.

Nr. 27. - 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Die Lage im westen.

Soiffons-Erouq-Euffies.

Die Höhen von Cronh und Cuffies liegen nördlich von Soissons. Während Cuffies in gerader Linie nördlich von dem Hauptpunkte Soissons gelegen ist, ist Crouv weiter nordöstlich in gleicher Höhe mit Cuffies vorgelagert. Die Höhen, in denen sich diese beiden Orte befinden, beherr­schen das Tal der A i s n e, in dem Soiffons gelegen ist. Sie liegen links und rechts von der Bahnlinie nach Laon. Soissons, das die Franzosen durch chre Angriffe schützen wollten, liegt in dem furchtbaren Tal der Aisne am linken Ufer, an der Nordbahn Paris-Laon. Van hier zweigt sich die Ostbahn nach Reims ab. Bei Soiffons kreuzen sich f E <h s Heerstraßen, die Stadt ist also ein sehr wichtiger militärischer Verkehrspunkt. Ihre Bedeutung wird noch da­durch erhöht, daß sie 105 Kilometer von Paris liegt. Soiffon ist eine sehr alte Stadt. In der uralten Abtei St. Medard, von der noch Reste vorhanden sirid, hat schon im Jahre 833 Ludwig der Fromme seine Kirchenbutze getan. Im Altertum hatte die Stadt den Namen Noviodunum und war die Hauptstadt der Suessiones. Später erhielt es den Namen Augusta Sueffionum, aus dem der heutige Name entstanden ist. Auch in der Geschichte der Kriege hat Soissons eine grotze Rolle gespielt. Im Jahre 719 errang hier Karl Martell seinen berühmten Sieg über den Herzog von Aquitanien, gsm Kriege 1814 nahm Bülow sie am 8. März, und im Jahre 1815 wurde sie von den Preußen am 14. August erobert. Im Jahre 1870 ergab sich Soiffons am 16. Oktober dem deutschen Heere.

Niedergedrückte Stimmung in Paris.

Br. Genf, 16. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die Erstürmung auch der Ortschaften am Aisne-Üfer, die^in Poris noch gestern abend als absolut zuverlässige Stutzpunkte der zum Rückzug genötigten Streitkräste Mounourys galten, durch die Deutschen macht die französische Militärpresse fassungslos. Die all­gemeine Nervosität steigerte sich gestern noch infolge der fortdauernden Flucht zahlreicher Familien von beiden Ufern der Aisne nach Paris. Der „Petit' Porisien" sucht die beängstigte Pariser Bevölkerung nach Kräften zu beschwichtigen, vorläufig ohne Erfolg. Die Angaben über die Verluste an Toten und Ver­wundeten während des dreitägigen verzweifelten Rin­gens wanken zwischen 8- und 10000. Der Kriegs­minister versprach zuverlässige Ziffern, sollst, General Mounoury Fuß gefaßt habe. Die französischen Armeekorps in der Gegend von Craonne und der Champagne sind von der Schlappe bei Soissons vorläufig nur moralisch berührt. Immer­hin bewiesen die in diesen Tagen dort geführten deut­schen Vorstöße daß eine Rückwirkung auf dieses Kampfgebiet bevor st ehe.

General Galliens über die Verteidigung von Paris.

Nr. Rotterdam, 16. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) Der Pariser Berichterstatter des „Nieuw Rotterd. Courant" hatte eine Unterredung mit dem Pariser Militärgouverneur General G a l l i e n i. Der Berichterstatter fragte unter Hin­weis auf die peffimistffchen Äußerungen über den Zustand der Pariser Verteidigungswerke, wie sich der General di« Verteidi­gung von Paris vorstelle? Gallieni antwortete: Die Verteidi­gung von Paris ist nur möglich, indem eine Feld- s ch l a ch t geliefert wird; ich meinte anfangs, nördlich von Paris diese Schlacht liefern zu muffen. Da die Armee K l u ck s, welche die größte Bedrohung von Paris bildete, sich aus dieser R'chtung näherte. Aber dieses Heer bog nach Süd­osten ab und gab uns dadurch Gelegenheit zu einem Seitenangriff. Der Berichterstatter fragte nach der Meinung GallieniS über den Grund, warum K l u ck diesen Rückmarsch vollzog? „Weil er", so war die Antwort, uwenn er Paris nnmittelbar angegriffen hätte, zu isoliert gewesen wäre, oder weil die Deutschen z u e r ft das f r a n - zösischeHeer vernichten wollten. General Gallieni meinte weiter, Flugzeuge seien nur zur Auftlärung zweckmäßig; als Waffen hätten sie keinen weiteren Wert. „Und die Zeppeline?" stagte der Berichterstatter, „Meinen Sie, daß die scharfe Über­wachung sie verhindert hat, hierher zu kommen?" Der Gene­ral antwortete: „Reden Sie nicht so eilig. Sie können noch kommen, aber wir sind gerüstet, sie zu empfangen. Auf die Frage: „Meinen Sie, daß Paris noch Gefahr läuft?", zuckte Gallieni die Achseln. „Ich meine fast nicht", erwiderte er, „aber, wer kann sagen!"

Ein nichtssagender französischer Bericht.

W.T.-B. Paris, 16. Jan. (Nichtamtlich.) Amt- licher Bericht von gestern abend 11 Uhr: Es wirb kein bemerkenswerter Zwischenfall gemeldet.

Lin erneuter ZUegerangriff auf Nancy.

W. T.-B. Paris, 16. Jan. (Nichtamtlich.) „Petit Parisien" meldet aus Nancy: Ein deutsches Flug, zeug überflog am 14. Nancy und warf Bomben ab, welche jedoch keinen Schaden anrichteten. Das Flug­

zeug würbe von stanzösischer Artillerie heftig beschossen. Unbekümmert unr die rings herum platzenden und pfeifenden Geschosse stieß der Flieger bis Ja r- v i l l e vor, wo er eine Brandgranate abwarf, ohne jedcch Schaden anzurichten. Das Flugzeug erschien noch dreimal, immer heftig beschossen, bis es schließlich durch ein französisches ' Flugzeuggeschwader endgültig zum Rückzug gezwungen würbe.

Bedeutendere Truppenbewegungen bei vesanyon

Br. Genf, 16. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach­richten aus Pontarlier zufolge werden aus der Gegend, von Besannen bedeutende Truppenbewegungen gemeldet: Mehrere Einheiten haben in der letzten Zeit Befan?on passiert mit Bestimmung ittttfi dem Oberelsaß.

(Ein ernster Zwischenfall im französischen Senat,

W.T.-B. Lyon, 16. Jan. (Nichtamtlich.) Der „Nouvelltste" meldet über die Senatsverchandlungen aus Paris: Nach der Rede Dubosts im Senat trat das Haus in die Erörterung über die Tagesordnung ein; auf dieser stand ein Gesetzantrag, betreffend den Unterricht in den höheren Lehranstalten. Senator D e l a r e y verlangte die Vertagung der Debatte hier­über und aller anderen Projekte. Das Wort führten augenblicklich die Kanonen. Der Vorsitzende des Finanzausschusses T e y t r a l erklärte demgegenüber, das Parlament müsse seine Aufgabe als gesetzgebenden und kontrollierenden Faktor durchführen. Minister­präsident Biviani sagte: Die Regierung teile die Auffassung des Finanzausschusses und verlange eine volle Kontrolle durch das Parlament. Er bedauere den durch Delarey entstandenen Zwischenfall. Einigkeit des Landes solle auch in der Kontrolle des Parlaments bestehen. D e l a r e y erwiderte, daß er gegen die Worte Vivianis protestieren müsse und stagte: „Wollen Sie in der gegenwärtigen Zeit Ihre unnützen De­batten wieder beginnen unib sich unnützen parlamen­tarischen Schwatzereien hingeben. Sie wissen, daß das Land nicht mit Ihnen ist. Die parlamentari­sche Kontrolle ist nur eine Phrase." — Der Senator H e r b e t)_ schloß sich dem Proteste Delareys an und er­klärte, daß das von der Regierung für die Session des Parlaments angeordnete Arbeitsprogramm die im Felde stehenden Parlamentarier an ihrer Pflicht, erfüllung bei der Armee verhindere. Er sei mobilisiert und reiche daher seine Demission als Senator ein. Auf Drängen seiner Freunde zog Hervey schließlich seine Demission zurück, kommt dagegen um einen Ur­laub bis zum Ende des Krieges ein; damit ist der Zwischenfall erledigt. Das Hcms vertagt sich bis Donnerstag. Ob Delareys Dertogungsanstag ange­nommen ist, ist nicht ersichtlich, da die betreffende Stelle von der Zensur unterdrückt worden ist.

Oie täglichen Verluste der Engländer.

Haag, 15. Jan. Englische Blätter veröffentlichen eine Zusammenstellung der Verluste der englischen Streitmacht seit Jahresbeginn. Danach haben die Eng- länder an Toten, Verwundeten und Gefan- genen verloren:

1. Januar: 27 Offiziere, 193 Mann,

2. Januar: 9 Offiziere, 483 Mann,

4. Januar: 101 Offiziere, 891 Mann,

5. Januar: 6 Offiziere, 907 Mann,

6. Januar: 7 Offiziere, 609 Mann,

7. Januar: 24 Offiziere, 432 Mann,

8. Januar: 4 Offiziere. 886 Mann,

9. Januar: 6 Offiziere, 849 Mann,

11. Januar: 6 Offiziere, 634 Mann,

12. Januar: 6 Offiziere, 410 Mann, ' -

13. Januar: 8 Offiziere, 509 Mann.

Insgesamt: 6706 Offiziere und Mann­schaften. Holländische Blätter bezeichnen den er- rechneten Tagesdurchschnitt von 500 Mann mit Rück- sicht auf die Kleinheit des englischen Heeres als sehr erheblich.

Der „Lang des Tages."

Am Samstag, 9. Januar, zählten wir seit dem 1. Januar an neuen Gefangenen 2300 Franzosen und 4600 Russen, zusammen also 6900 Mann. Hierzu kom­men nun nach den Angaben der amtlichen Tagesberichte im Laufe der Woche, von Sonntag, 10. Januar, bis Samstag, 16. Januar, 7300 Franzosen und 500 Russen, zusammen 7800 Mann. Das Gesamtergebnis eit 1. Januar beträgt also 9600 Franzosen, 5100 Russen, zusammen 14 700 Mann.

Die Woche war gekennzeichnet durch ein Ausbleiben von Einzelmeldungen über die Kämpfe im Osten, wo es zu einem hartnäckigen Stellungskriege gekommen ist, bei dem unser dabei doch stetiges Vordringen ich naturgemäß verlangsamt, und durch auffallend große Verluste auf französischer Seite (sowohl in den Argonnen wie bei Soissons), wo die „große Offensive" Jofstes sich ganz elendiglich in bedeu­

t e n d e und ern st hafte Erfolge der Deutschen der- wandelt hat. Ein Verlust von 7300 Mann in einer Woche, also von mehr als 1000 täglich, ist ein Be- weis, daß die Josfresche „Anknabberungskcktik" in einem merklichen Bröckeln auf stanzösischer Seite und nicht einer „Arcknabberung" der deutschen Stellungen besteht.

Das Werben um die belgischen Flüchtlinge in England.

Bon der holländischen Grenze, 15. Jan. Nach einem Telegramm aus Havarma an die „Morningpost" sandte dl« kubanische Regierung einen Ausschuß nach Holland, um zu ermitteln, auf welche Weise belgische Landwirte zur Ansiedlung auf der Insel bewogen werden können.

Die Angst vor den Manen.

Rotterdam, 13. Jan. Dem „Telegraaf" wird aus SluiS gemeldet: Sonntagmittag kamen in Middelburg und den benachbarten Gemeinden Ulamienabteilungen an, die bei den Bürgern einguartiert wurden. Die Ankunft dieser deutschen Reiter erregte in der ganzem Umgebung große Aufregung, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht: Die Ulanen sind da! Viele Bewohner packten infolgedessen in aller Hast ihre Habseligkeiten zusammen und flohen über die holländische Grenze. Denen jedoch, die verständig genug waren, zu bleiben, wurde von den Ulanen erklärt, sie feien lediglich zur Verstärkung des Patroulillendienstes an den Brücken und an der Grenze herangezogen worden. (B. T.)

Zur Steigerung der Frachtsätze in London.

W■ T.-B. Kopenhagen, 15. Jan. (Nichtamtlich.) „National Tidende" berichtet aus London: Hier hat die Anordnung der englischen Regierung, internierte Schiffe zur Küsten- schiffahrt zu verwenden, starkes Aufsehen erregt. Die Anordnung wird die hohem Frachtsätze bedeutend herabsehen, besonders wenn ein internationales Abkommen Mit Amerika getroffen werden kann, daß auch in amerikanischen Häfen liegende deutsche Schiffe für den Transport auf dem Atlcmti- scheu Ozean verwendet werden können.

Die Bersteigerung der beschlagnahmte« deutsche« Schiffe.

W. T.-B. London, H>. Jan. (Nichtamtlich) Gestern find die als Prisen erklärten deutschen Segler „Fritz", „Orlanda", „Orlona" und „Helgoland" versteigert wor­den. Die Preise hielten sich zwischen 1670 und 18 000 Sterling.

Caillaux' Ankunft in Südamerika.

W. T.-B. Paris, 15. Jan. (Nichtamtlich) Der „Temps" meldet aus Montevideo: Caillaux und GemahM sind hier am 12. Januar erngetroffen.

von den östlichen Kriegsschauplätzen.

Russische Berichte.

Andauernd hartnäckige Vorstöße der Deutschen am ganzen linken Weichselufer. — Zur Lage bei Warschau.

Br. Wien, 16. Jan. (Eig. Drahtbericht. Kst. Bln.) Russische CommAniguäs erwähnen heftige A r - t'lleriegefechte längs der Front am ganzen linken Weichseluser und andauernd hartnäckige Vorstöße der Deutschen in der Bzuragegend. Nordöstlich von Mlawa sind erbitterte Kämpfe im Gange, die nachts fortdauern. Bei P l o z k unternahnien die Deutschen unausgesetzt stürmische Angriffe auf di» Weichsel. Bei der Insel Jonaitschew sind ruffische Schiffe in Mion getreten, konnten infolge feindlichen Jnsanteriefeuers ihre Erfolge aber nicht ausnützen. Wie die Kriegsberichterstatter russischer Blätter betonen, ist die entscheidende Phase des jetzigen KriegS- abschnittes offenbar in Vorbereitung: den Schau­platz werde der Raum um Warschau bilden. Ge- meldet wird, daß Tomaszew unter der Beschießung furchtbar gelitten habe. Skiernavka, ein Vorort -von Skiernewice, sei vollständig zerstört, Skierne- w i c e selbst arg beschädigt. Nachrichten über die Lage in Warschau werden in russischen Blättern fast durch­weg unterdrückt.

Eine Strahenöemonstration in Warschau.

Br. Krakau, 15. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die hiesigen Blätter bringen einen Bericht über eine Straßen­demonstration in Warschau. Darnach hatte ein Photograph das Bild der von Rußland gebildeten polnischen Legion ausgestellt. Ein junger Mann zertrümmerte das Schaufenster nrü> zerriß die Photographie, warf die Stücke zu Boden und trat sie mit Füßen. Die inzwischen anyesam- melte Menschenmenge jubelte dem jungen Mann zu, den die Polizei verhaftete. Es stellte, sich heraus, daß er ein Mag'- tratSbeamter ist, der der revolutionären Fraktion der polnisch-sozialistischen Partei angehört.

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.

Erfolgreiche Kämpfe am Dunajec.

W.T.-B. Wien, 16. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart vom 16. Januar, mittags: In Polen, Galizien und in den Karpathen ist die Lage unver­ändert. Am Dunajec erzielte unsere Artillerie ün Kampfe mit feindlicher Feld- und schwerer Arttllerie abermals schöne Erfolge.

Der Stellvertreter «des Chefs des Generalstabs; v. Höfer, Felidmarschalleutnant.