Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr.
Nr. 12. Freitag» 15. Januar. 1915.
Copyright 1914 by Carl Donker, Berlin. WÜgehülZ. Nachdruck verd-l-N.
<23. Fortsetzung.) Roman von Fritz Skowrvnnrk.
Der alte Wilddieb war in dem Augenblick, als Nante sich seiner Verzweiflung überließ, aus der Betäubung erwacht. . . . Mit der Hand hatte er nach der Nase gefaßt, wo er einen kleinen Schmerz verspürte.
. . . Der Schädel brummte ihm, weil die Kugel nicht nur den Nasenknorpel geschlagen, sondern auch das Nasenbein geschrammt hatte. Trotzdem begann sein Gehirn sofort zu arbeiten.
Er drehte sich wieder auf den Bauch.... Bon dem Forstbeomten sah er nur den halben Körper. . . . Sofort griff er zur Büchse . . . dabei kam ihm zum Be- wußtsein, daß sie nicht geladen war. . . . Und ohne Geräusch würde das nicht abgehen, wenn er sie zu laden versuchte. . . . Jetzt hörte er Mooslehner sprechen, also stand noch ein zweiter hinter dem Baum. . . . Ohne sich zu besinnen, schob er sich auf dem Bauch rückwärts.
. . . Zehn Meter, aber in der Richtung, bei der ihm die Eiche Deckung gab. . . . Dann richtete er sich auf, schlich mit langen, unhörbaren Schritten davon. . . . Jetzt versckMrnd er im Graben und lief gebückt bis zum Waldrand.
Dort bliöb er stehen und lud die Büchse. . . . In ihm kochte und gärte es. . . . Die beiden Grünröckc standen im Hellen Mondschein in Schußweite von ihm auf der Wiese, wie zlvei Scheiben. ... Er konnte sie beide umlegen, wenn sie sich bloß ein Stück von der Eiche entfernten. . . . Einen abschießen, wenn der zweite geraten konnte, hinter der Eiche Schutz zu suchen, hatte keinen Zweck. ... Er backte das Gewehr an und strich an der dicken Kiefer, hinter der er stand, an und lauerte.
Er war schon in Versuchung, ahzudrücken, als Schnabel sich zehn Schritt von der Eiche entfernte. Er verfolgte die Spur, die der Wilddieb bei seinem Rutschen hinterlassen hatte. . . . Wenn er jetzt den Mooslehner aufs Korn nahm, dann geriet Schnabel nicht mehr, hinter die Eiche zu flüchten. ... Da schien es ihm, als wenn die Kiefer, an der er lehnte, zu schwanken begann. ... Er hörte ein Singen und Sununen in seinen Ohren. . . . Bewußtlos sank er hinter dem Baum zu- sammen. ...
In deniselben Augenblick wie Nante hatte auch Mooslehner das Verschwinden des Wilddiebes bemerkt. „Da soll gleich das heilige Kveuzniillionenschockschlvere- notdonnerwetter" — das Kraftwort hatte er vom Forst- meister gelernt — „dreinschlagen! Da, das ist 'ne schöne Bescherung, Nante..."
,Ha, Karl, und das fällt auch auf mein Schuld- konto. Weim ich sofort den Kerl angerufen hätte und thn mit vorgehaltener Büchse gezwungen hätte, sich zu ergeben, dann wäre auch das nicht passiert. . . ."
„Ach laß doch diese dummen Geschichten endlich ruhen. . . . Bist du sicher, daß es der Naujoks war?"
„Aber Karl, solch einen großen Kerl haben wir in -er ganzen Umgegend nicht. . ."
„Na, dann heißt es Trab zu ihm nach Hause. . . . Was war das?"
„Ich habe nichts gehört", versicherte Nante. . . .
„Es hörte sich so an wie ein Knacken und Scharren . . ."
Irgendein Tier, das vor uns auSgerückt ist. Ich halte es auch für überflüssig, uns jetzt noch den Weg nach Wersmeningken zu machen. So klug ist der doch auch, daß er jetzt nicht nach Hause geht und sich ins Bett legt. Der sucht sich doch irgendwo einen Schlupfwinkel bei Verwandten. . . . Und wenn er sich wieder ausgeleckt hat und zum Vorschein kommt, dann fassen wir ihn."
„Oder wir lassen ihn lausen und halten das Maul. Wir haben bei diesem Vorfall nicht sehr gut abgeschnitten, mein lieber Nante. . . . Wie sollen wir das dem Alten erklären, daß der Kerl zwei Schritt vor uns angeschossen liegt und sich doch aus dem Staube macheu kann. Ich denke, wir gehn ruhig nach Haus und halten reinen Mund."
„Das sagst du so, Karl; aber wenn einer von den Kollegen die Schüsse gehört hat und nieldet?"
„Das fohlte bloß noch. . . . Nein, dn hast recht, wie müssen dem Alten soviel erzählen, wie nötig ist. Dir ist übel geworden vor Hunger oder Aufregung und du hast dich au die Eiche gelehnt. ... Ich habe dich halten müssen. . . . Dabei hat sich der Naujoks fortge- schlichen. . . . Wir konnten nicht ahnen, daß er so schnell aus seiner Betäubung erwachen würde. . . . Wenn wir den Alten bitten, uns nicht zu verraten-"
„Na ja, das wollen wir tun, aber nun komm. Ich habe mächtigen Hunger. . . ."
Schweigend schritten sie zum Waldrand. . . .
„Wenn der Kerl nach dieser Seite gelaufen wäre, er hätte uns abschießen können wie zwei Rehböcke", meinte Mooslehner. Ein tiefes Stöhnen unterbrach ihn. Blitzschnell rißen beide Grünröcke die Büchse von der Schulter. ... Da jetzt wieder das tiefe Grunzen, Stöhnen. . . . Jetzt sprang Nante ohne Besinnen durch das dichte Unterholz. „Hier liegt er, Karl... der Naujoks."
Eiskalt lief es ihm über den Rücken.
Was Mooslehner eben gesagt hatte, war nur zv richtig. ... Da lag der Wilddieb auf einem Haufen zusammengesnnken und neben ihm die geladene und gespannte Büchse. ... Hinter der Kiefer hatte er tm Anschlag gestanden. . . . Jetzt wußte Mooslehner sich das Geräusch zu erklären, das er vorher gehört hatte. . . . Während Schnabel die Büchse ausnahm und ent- lud, band Mooslehner dem bewußtlosen Wilddieb die Hände zusammen. Dann rüttelte er ihn.
Mit blödem Ausdruck blinzelte Naujoks die beiden Grünröcke an. „Guten Abend, was wünschen Sie von
Verstellen Sie sich nicht und stehen Sie auf. . . . Siie müssen mit uns nach der Oberförsterer gehen."
Stöhnend ließ der Wilddieb den Kopf sinken.
