§§ Der Roman.
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—-! Alorgen-veilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 1t. Donnerstag, 14. Januar.
1915.
Copyright 1914 by Carl Dunker, Berlin, tPOjjCfyfllS
Nachdruck verboten.
(W. Fortsetzung.) Roman von Fritz Skowronneh
Nante hatte sich in den Kopf gesetzt, Laß Naujoks Wieder wildern ging, wahrscheinlich mit einem Herrn aus her Stadt, der ihn mit seinem Fuhrwerk abholte und in den Wald fuhr. . . . Die Meinung hatte manches für sich, denn Naujoks hatte schon beim letzten Mal nach der Ansicht des Gerichts, das ihn verurteilte, einen Helfershelfer und Hehler gehabt, der ihm das geschossene Wild abnahm. . . . Denn solche Kerle pflogen erstens kein Verständnis für Wildbret zu haben und zweitens wissen Wilddiebe, namentlich, wenn sie schon mal bestraft sind, welcher Gefahr sie sich aussetzen, wenn sie Las erbeutete Fleisch >im eigenen Haushalt verwenden.
Getreulich pilgerte Nante jeden Dag morgens und abends zur Waldgrenze und setzte sich gegeniiber dem Gehöft des Ilaujoks an. . . . Er sah ihn ackern, er sah ihn nach dem Dorf gehen und zurückkommen . . . aber er ließ nicht nach. Er konnte es sich nicht denken, daß ein Biann, der weniger aus Gewinnsucht als aus Passion für die Jagd wildern ging, so völlig Umschlagen sollte, daß er überhaupt nicht mehr ins Revier ging.
Endlich sollte seine Ausdauer belohnt werden. Dre „weißen Nächte" vor und nach Johanni waren heran- - gekommen, in denen man bis gegen elf im Freien lesen kann . . . und zur Not kann man ebenso lange Korn und Kimme auf der Büchse zusammenbringen. Und morgens um lmlb zwei graut bereits der Tag.
Nante hatte sich ein Fünfgroschenbrot und ein Pfund Wurst gekauft, um nicht zu sehr vom Hunger geplagt zu werden. . . . Während er langsam aß, sah er... es war schon neun Uhr. . . Naujoks aus dem Hause kommen und den Weg nach dem Walde ein- fchlagen. ... Er trug eine Mütze, die er noch nicht an ihnl gesehen hatte, eine kurze Jacke und an den Füßen körne Stiefel, sondern Pareetzken, weiche Schuhe aus Tuch, die mit Bändern um den Fuß und den Knöchel verschnürt waren. Sie inachen den Schritt unhörbar.
Schnell verwahrte Nante seinen Mundvorrat. Naujoks war etwa hundert Schritt vor ihm in den Wald getreten. . . . Mit der größten Vorsicht pürschte Nante ihm nach. . . . 9dach wenigen Minuten verlor er ihn aus den Augen. Nun war es gefährlich und auch unpraktisch, aufs Geratewohl vorwärts zu gehen. Wenn er den Schuß fallen hörte, konnte er darauf zugehen.
. . . Oder vielleicht war es noch besser, am Waldrand auf ihn zu lauern. ... Er blieb rin Dickicht stehen und nahm sein Brot wieder aus dem Rucksack . . .
Mooslehner war zum Abendbrot nach Hause gekommen. Aber die helle Nacht und der Mondschein dazu ließen ihin zu Hause keine Ruhe, obwohl der Assessor Wera saß und ihr sehr eifrig den Hof »rächte. . . . r Hegemeister saß an seinem Schreibtisch und stellte für die Holzschläger den Lohnzettel aus . . .
Bald nach Mendbrot brach Mooslehner wieder auf.
. . . Er ging bis zu den Wiesen, iiberschritt die Brücke der Aschwöne und stellte sich am Waldrand auf. . . . Ob Nante noch im Revier war, wußte er nicht. Wahr-
scheinlich war er zu Hause, hatte sich den Leib vollge- schlagen und lag nun behaglich verdauend auf seinem Bett. . . .
Eine Stunde mochte Mooslehner gestanden haben. Bor ihin äste auf der Wiese ein Sprung Rehe, ein kapitaler Bock darunter. . . . Langsam zogen sie an ihm vorbei in eine Wiesenschlenke hinein, die sich weit in die Forst hinein erstreckte. Dabei kam ihm der Gedanke, daß die schmale Schlenke für den Wilddieb viel bequemer sein müßte als die weite vom Mond hell beschienene Wiesenfläche. Langsam pürschte er hinter den Rehen, die vorwärts zogen, hinterdrein.
Mit seinem Glas suchte er das Geläude vor sich ab, soweit es ihm möglich war. Da stand eine einsame dicke Eiche mitten in der Schlenke . . . und dahinter . . . nein, das war keine Täuschung, da stand ein Kerl ntit dem Gewehr im Anschlag. . . . Der konnte ihnr nicht entgehen, wenn er ihm bloß noch fünfzig Schritt näher -kam. Denn dann hatte er ihn, mochte er nach links oder rechts den Wald zu erreichen suchen, vor seiner sicheren Büchse. . . . Fünf Minuten später backte er hinter einer Buche sein Gewehr an und rief: „Gewehr weg. Hinter der Eiche Vorkommen, wer da ist!"
Keine Antwort. . . . Eine Viertelstunde verging, ohne daß sich .was rührte. . . . Etwa fünfzig Schritt hinter der Eiche lief ein tiefer Graben durch die Wiese. Wenn der Kerl, durch den Baum gedeckt, rückwärts gekrochen und ihm entwischt war? Er bog sich zur Seite, um das festzustellen. Da krachte ein Schuß. . . . Die Kugel streifte seinen linken Arm rnrd ritzte ihm die Haut. . . . Sofort war er wieder in Deckung. . . . Was nun?
Keine fünfzig Schritt von beiden entfernt stand Nante im Dickicht am -Wiesenrand. ... Er hatte Moos- lehners Ruf vernommen und sich langsam angepürscht. Der Gedanke kroch ihm ins Gehirn: Du brauchst hier bloß abzuwarten, was geschehen wird« . . . Der Wilddieb, in dem er trotz des geschwärzten Gesichts Naujoks erkannte, war im Vorteil. Er lag platt auf der Erde, aber nicht hinter der Eiche, wie sein Gegner vermutete, sondern hinter einem kleinen Strauch neben dem Baum. . . . Wenn Mooslehner die geringste Unvorsichtigkeit beging, hatte er die Kugel. . . .
Die Hände begannen Nante zu flattern... So regte ihn der Gedanke auf. ... Er mußte an Wera denken. . . . Wenn ihn der Zufall von dem Nebenbuhler befreite. . . .
Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf. . . . Er hörte sein Blut in den Schläfen hämmern. . . , Und dann schlug ihm die Lohe ins Gesicht, die Scham, daß ihm überhaupt so ein Gedanke hatte kommen kön- neu. Er biß die Zähne zusammen und straffte die Muskeln, um seinen Körper zur Ruhe zu zwingen. . . . Jetzt stand die Büchse zwischen seinen Händen wie in einem Schraubstock. . . .
Er dacht« gerade, es wäre nicht nötig, den Kerl tot- zuschießen . . . iwx ließ Naujoks fahren. , , , In dem-
