Der Roman
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 10.
Mittwoch, 13. Januar.
1915.
Copyright 1914 by Carl Dunker, Berlin. (21. Fortsetzung.)
ver Wagehals.
Roman von Fritz Skowronnek.
Nachdruck verboten.
16. Kapitel.
Der Forstaufseher Bauschus hatte gegen Abend den Herrn von Zaleski und seine Cousine mit einem großen Koffer wegfahren sehen und war spät abends dem Kutscher, dem Stanislaw, begegnet, der allein mit dem Wagen zurückkam. Trotzdem traute er dem Frieden nicht. Am nächsten Morgen war er mit dem Grawing noch vor Sonnenaufgang im Revier.
Als die Sonne höher stieg und keine Gefahr mehr zu sein schien, kehrten die beiden Griinröcke beim Förster Reinbacher in Wersmenigken an. Nach dem Frühstück ging Bauschus nach der Oberförsterei. Er wollte dem Forstmeister von seiner Begegnung mit dem Herrn von Zaleski Bericht erstatten. . . .
Der alte Herr war sehr guter Laune, teilte ihm seine Verlobung mit und meinte lustig, mm würden seine Beamten gute Tage haben, wenn er mit seiner jungen Frau die Hochzeitsreise mache.
„Ach, Herr Forstmeister", erwiderte Bauschus, „Sie tun doch keinem Überlast, Sie leben mit uns wie ein Water. . . . Wir werden uns alle bangen nach Ihnen, bleiben Sie man nicht zu lange weg."
„Also Sie meinen, Sie hätten sich wirklich geirrt, als Sie den Baron im Verdacht hatten", fragte er, nachdem Bauschus seinen Bericht erstattet hatte.
„Ja, das meine ich wirklich, Herr Forstmeister. Als ich sagte, das wäre ein gemeiner Schuft, der den Schnabel angeschossen hat, da habe ich ihn ganz scharf angesehen. Nicht mit der Wimper hat er gezuckt und mir voll und ganz zugestimmt . . ."
„Die Sache wird immer rätselhafter", meinte der Forstmeister kopfschüttelnd und strich ein Streichholz an, um seine Pfeife anzuzünden, die jetzt so merkwürdig oft ausging. ... In demselben Augenblick klopfte es. . . . Der Hilfsaufsche, Gräwing trat herein. Auf den ersten Blick konnte man es chm arischen, daß er ganz aufgeregt war . . .
„Herr Forstnieister", stieß er hastig hervor, „eS ist wieder ein Bock gewildert worden. . . . Wie ich von Wersmeningken nach Hause gehe und an die Schonung, nach Jagen 74, komme, höre ich einen Menschen, der ein paarmal leise hustet und dann fest auftritt. Ich wußte gleich, das tut nur einer, der dem anderen leise das WÜd zudrückt. ... Ich also schnell zurück und im Bogen rum nach dem Feld zu. . . . Ich dachte, der Wild- Lieb mit der Flinte würde dort stützen. Ms ich dort ankomme, knallt ein Schuß auf der anderen Seite. Ich im Galopp durch die Schonung . . ." Er wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht, aus dem er ein paar blutende Schrammen hatte . .
„Na, und . .
„Ja, Herr Forstmeister, ich kam zu spät. Ich fand bloß eine frische Wagenspur . . ."
„Also Ihr Baron ist es nicht gewesen, lieber Bauschus, wenn er nicht inzwischen nach Hanse ge- kommen sein sollte, was sich sofort feststellen ließ. . . .
Aber ein ganz geriebener Bursche muß es sein, der sich am Tage das Wrld zudrücken läßt . . ."
„Aber sein Kutscher könnte das gewesen sein", meinte Bauschus nachdenklich. „Ein pockennarbiger Kerl, etwa Mitte vierzig. Wenn ich das bloß feststellen könnte, ob er mit dem Fuhrwerk draußen gewesen ist. Aber der fährt ja vom Hof gleich in den Wald und kömmt auf demselben Wege zurück. Soll ich vielleicht bei ihm Haussuchung halten?"
Das tut man nur, wenn begründeter Verdacht vor- liogt. Die fünfhundert Mark sind Ihnen heute dicht vor der Nase vorbeigegangen. Aber nur nicht Nachlassen. . . . Adieu, meine Herren . . ."
„Ich kann mir keinen Vers daraus niachen", meinte er eine Weile später zu Schnabel. „Der Naujoks ist das nicht, der geht zu Fuß in den Wald. Ich muß mal nach Pillkallen fahren und mit den lustigen Brüdern im Hotel Löffeke eine Nacht durchkneipen. Vielleicht bekomme ich da einen Fingerzeig. ... Da soll es mchrere sehr eifrige Jäger geben."
Am Nachmittag desselben Tages gingen Moos- lchner und Nante Schnabel selbander in den Wald. Die Sonne schien so warni, die Mücken summten, die Vög- lein sangen, ... und die beiden Grünröcke gingen stumm nebeneinander. ... Es war eine Entfremdung zwischen ihnen eingetreten. Schon seit mehreren Tagen sprachen sie nur «das Nötigste »niteinander. . . . Sie waren eifersüchtig aufeinander.
Den Forstassessor hielt Mooslehner für keinen gefährlichen Nebenbuhler, obwohl er sich in kleinen Aufmerksamkeiten gegen Wera erschöpfte. Er brachte ihr auserlesene Süßigkeiten, natürlich für den kleinen Jungen, den Kurt, obwohl er dafür nie mehr als einen kühlen, gleichmütigen Dank empfing.
Wer Nante, das war in seinen Augen ein gefährlicher Bursche. . . . Der kleine Junge hatte mit dem Dicken Freundschaft geschlossen. Er kletterte dem Onkel Staute sofort auf den Schoß und untersuchte seine Taschen. Da fand.er denn immer einen kleinen, aus Kiefernborke zierlich geschnitzt»» Kahn, oder irgendein anderes Spielzeug, das Nante mit merkwürdiger Geschicklichkeit aus den einfachsten Sachen herstellte. . . . Und Wera machte ein so vergnügtes Gesicht, wenn ihr Junge sich so freute und sprach fast nur mit Nante....
„Mensch. Moslchner, weshalb bist du jetzt immer so maulfaul", brach Schnabel endlich das Schweigen.
„Die Ursache könnte dir wohl bekannt sein."
Mit treuherziger Miene erwiderte Schnabel, er habe keine Wnung . . .
„So? Weißt du nicht, daß ich schon beinahe zwei Jahre mich um Wera bemühe?"
„Schon zwei Jahre? Und dann bist du noch keinen Schritt vorwärts gekommen? Mensch, Kollege, gib daS Rennen auf. Wenn man mit einem weiblichen Wesen nicht nach vier Wochen im reinen ist, dann ist die Sache aussichtslos,"
