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Mittwoche 13. Januar 1915.
Abend-Ausgabe.
Nr. 20. ♦ 63. Jahrgang.
Gute Fortschritte im westen!
Der Tagesbericht vom 13. Januar.
Abgewiesene französische Angriffe. Mehrere französische Stellungen erobert. 170V Franzosen gefangen» 4 Geschütze und mehrere Maschinengewehre erbeutet.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 13. Jan., vormitta-gs. (Amtlich.)
westlicher Kriegsschauplatz.
In der Gegend von N i e u p o r t fand ein heftiger Artillerirkampf statt, der die Rä u m u n g der feindlichen Schützengräben bei Palingsbrug (Vorort von Nieuport) zur Folge hatte. Die feindlichen Angriffe am Kanal von La B a s s 6 e sind endgültig abgewiesen.
Französische Angriffe auf La Bo isselles und die Höhe von N o u v r o n wurden zurückgeschlagen.
De» gestrigen erfolglosen französischen Angriffen auf die Höhen bei C r o u y folgte ein deutscher Gegenangriff, der mit einer vollständigen Niederlage der Franzosen und einer Säuberung der Höhe nordöstlich Couffise und nördlich Crouh endigte. Unsere Märker setzten sich in Besitz von zwei französischen Stellungen, machten 1700 Gefangene, eroberten 4 Geschütze sowie mehrere Maschinengewehre.
Französischer Sappenangriff in Gegend südlich St. M i h i e l wurde erfolgreich abgewiesen. Unsere Truppen setzten sich i n d e n B e s i tz der Höhe nördlich und nordöstlich N o m e n y.
In den Vogesen ist die Lage unverändert, (östlicher Kriegsschauplatz.
Die Lage im Osten hat sich gestern nicht geändert.'
Oberste Heeresleitung.
Die Lage im Westen.
Lebhafte deutsche Tätigkeit in Flandern.
Br. Kopenhagen, 13. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die „National Tidende" meldet: Nach den letzten Nachrichten entfalten die Deutschen in Flandern eine lebhafte Tätigkeit. Alles deutet darauf hin, daß sie den günstigen Augenblick ab- warten, um einen gewaltsamen Vorstoß zwischen D i x m u i d e n und dem Meere zu unternehmen.
Eine neue Offensive in Flandern erscheint den Engländern selbst bedenklich.
Berlin, 13. Jan. (Ktr. Bln.) Nach den ungeheuren Verlusten an Offizieren, welche die Engländer in Flandern erlitten haben, erwartet die „Times", daß die neuen Offiziere, die an die Front gehen, hinreichend ausgebildet seien, um sich selbst und di« Truppen mehr zu schonen. Eine neue Offensiv« sei wegen des Mangels tüchtiger Offiziere weit bedenklicher als für die Deutschen.
vie Zahl der Engländer an der Front in Frankreich.
Fünfmalige vernichtende Zurückweisung der Verbündeten in drei Tagen.
Br. Zürich, 13. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Nach der „Neuen Zürcher Zitg." ist die Angabe, daß gegenwärtig noch 180 000 bis 200 000 Engländer in Frankreich stehen, für dtie an der Front weilenden Regimenter zutreffend. Ebenso viele liegen aber noch in den Konzentrationslagern hinter der Front, da genau 400000 Weihnachtskörbe für die Soldaten über den Kanal gebracht worden seien. Der Berichterstatter fügt hinzu, daß bis zum 6. September die Heere Belgiens und Englands von Deutschland fünfmal innerhalb drei Tagen bis zur Vernichtung geschlagen worden seien. Das Küstenland der französischem Riviera weise über 50 000 verwundete Franzosen und Engländer aus, darunter allein 18 000 Inder, zu deren Pflege 20 Ärzte aus Hindostan geholt worden seien.
Große Leiden der Engländer an der Front.
Über Kopenhagen, 42. Jan. wird der „K. V.-Z," gemeldet: Die Kälte und der Frost an der Front fordert beinahe ebensoviele Opfer wie die deutschen Geschosse. Offiziere, die krank von der Front zurückgekehrt sind, erzählten, daß augenblicklich über 1500 englische Soldaten in Boulogne und Umgegend liegen, die alle erfrorene Füße haben Über 1000 von ihnen mußte ein oder beide Beine amputült werden, und besonders erschwerend fällt es ins Gewicht, weil bei den vielen verwundeten Soldaten ein vollständiger Zu
sammenbruch der Nerven jeden Versuch zur Heilung zunichte macht. Die großen Verluste, die die englische Armee durch diese Amputationen gehabt hat, haben die englische. Front mehr verdünnt, als alle Kugeln und Schrapnells.
Die unerträgliche Lage in Dünkirchen.
Der Zorn gegen die Engländer.
Ein in Rosendaal angekommener Kaufmann aus Dünkirchen, der mit vielen anderen Bewohnern dieser Stadt Frankreich verlassen hat, um in Holland das Ende des Krieges abzuwarten, teilt dem Vertreter des „Lok.-Anz." folgendes mit, was die Behauptungen, die deutschen Luftangriffe hätten keinen Schaden angerichtet, am besten widerlegt:
Die deutschen Luftangriffe sind für meine Vaterstadt, wo ich ein blühendes Geschäft besaß, eine wahre Not. Der Schaden ist außerordentlich groß, besonders für die Heeresverwaltungen. Da die Bevölkerung ziemlich stark in Mitleidenschaft gezogen wird, so herrscht Verwirrung und Bestürzung. Alle wollten die Unglücksstätte verlassen, wenn es ihnen ihre materiellen Verhältnisse ermöglichten. Ich muß Ihnen gestehen, daß der Zorn über diese traurigen Geschehnisse sich haupffächlich gegen die Engländer richtet, die mit uns ebenso diktatorisch umgehen wie mit den Belgiern. Es kam deshalb, wie ich als F r e u n d des Maire von Dünkirchen weiß, zu sehr peinlichen Zwi st ig- ketten zwischen der e n g ni s ch e n und französischen Intendantur. Den Engländern zuliebe müssen wir alles opfern, unser Geschäft, unsere Habseligkeiten — und am Schluß können wir a b z i e h e n, wie es jetzt geschieht. Lange kann dieser Terror nicht mehr dsiuern. Zusammen st öße zwischen englischen und ffanzösischen Verwaltungsbeamten kommen häufig vor. Man verlangt dringend von den Abgeordneten, daß sie etwas bei der Regierung für uns tun. Geschieht nichts, dann müssen sich unsere Minister aufs Ärgste gefaßt machen; sie werden sich genötigt sehen, einen Teil der Feldtruppen in Nordfrankreich mit der Aufrechterhaltung der Ruhe im Innern zu betrauen. Die Bevölkerung kann das Elend kaum zwei Monate noch ertragen. Ich befürchte das Schlimmste, wenn man nicht rafchestens für die Tausende gänzlich verarmter Beschäftigungsloser und ihrer Ernährer beraubter Familien Sorge trägt.
In einem dem Korrespondenten vorliegenden Brief teilt ein belgischer Unteroffizier seinen in Rosendaal lebenden Angehörigen mit, daß zwischen Franzosen und Engländern an der Front eine merkliche Spannung herrscht; Kameradschaftlichkeit ist nicht üblich. Die Engländer bevorzugen die Belgier, von den Franzosen wollen sie nichts wißen. Ein französischer Leutnant sagte dem Briefschreiber: Hätten uns die Deutschen vor 44 Jahren nicht Elsaß-Lothringen abgenommen, so wären wir heute ihre Verbündeten gegen England. Der Belgier erklärt, daß die den Deuffchen zugeschriebenen Greueltaten unglaublich übertrieben werden; die Deutschen seien meistens brave Kerle.
Die lfsergefechle in der ersten Januarwoche.
Rotterdam, 11. Jan. (Ktr. Bln.) Über die Gefechte an, der Userfront in der ersten Januarwoche meldet ein Augenzeuge im englischen Hauptquartier: In der Silvesternacht besetzten die Deutschen nach einem hartnäckigen Gefecht eine neue Stellung bei dem La Basseekanal. Die Verbündeten eroberten die Stellung wieder zurück, worauf die Deutschen durch einen neuen Angriff sie wieder nahmen, und so wurde um diese Stellung dreimal gerungen, bis sie schließlich im endgültigen Besitz der Deutschen verblieb. Am Neujahrstage beschossen die Engländer am rechten Zentrum deutsche Schützengräben und am 2. und 3. Januar entfaltete die feindliche Artillerie wieder erhöhte Tätigkeit. Sie nahm zuerst den linken Flügel, dann das Zentrum und schließlich den rechten Flügel der Verbündeten unter Feuer. Am 3. Januar brachten die Deutschen 'sogar schwere Haubitzen ins Feuer, wodurch sie unsere Batterien z u in S ch w e^i - gen brachten. In den letzten drei Tagen war eS dagegen an der Dserlinie ziemlich ruhig. Das furchtbar schlechte Wetter erhöht die Entbehrungen unserer Leute in den Schützengräben. Die Lys ist aus den Ufern getreten, so daß sowohl wir wie auch der Feind etliche Schützengräben räumen müßten, weil sie buchstäblich überschwemmt waren.
Die Wirkung ver deutschen Fliegerangriffe.
Berlin, 13. Jan. (Ktr. Bln.) Über Amsterdam wird verschiedenen Blättern aus Paris gemeldet: Das ganze Interesse konzentriert sich auf die Expedition der deutsche» Flieger an die französische Nordküste. Wegen der A n g ft," daß die Deutschen ihre Luftangriffe auch auf Paris wiederholen werden, sind neuerdings mächtige Scheinwerfer auf den Höhen von Montmürency, St. Cloud und Bellevue angebracht worden.
Verringerung der Beleuchtung in Paris.
W. T.-B. Paris, 12. Jan. (Nichtamtlich) Der „Temps" meldet: Die Bevölkerung von Paris >mrd binnen kurzem durch die Presse von Maßnahmen benachrichtigt werden, die für eine
eventuelle Bermi-nderung der Straßenbeleuchtung ge- troffen worden sind, um der Gefahr einer Beschießung durch Zeppeline und Flugzeuge zu begegnen.
Absturz eines französischen Doppeldeckers.
W. T-B. Paris, 12. Jan. (Nichtamtlich.) „Wattn- meldet, daß bei Auxerre bei Donne ein Militärzweidecker abgestürzt ist, wobei der Lenker getötet wurde.
Die gestrigen französischen Tagesberichte.
W- T.-B. Paris, 13. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlich wird von 3 Uhr nachmittags berichtet: Zwischen dem Meere und der Oise war zeitweilig aussetzende an einigen Stellen ziemlich heftige Kanonade. Nördlich Soissons wurden sehr bewegte Kämpfe um die Schützengräben geliefert, welche wir vom 8. bis 10. Januar erobert hatten. Der Feind unternahm am gestrigen Tage mehrere Offensivvor- st ö ß e, welche wir zurückschlugen. Wir gewannen neue Schühengrabenstücke. Zwischen Soissons und Reims waren Artilleriekämpfe. Unsere schweren Geschütze beschossen wirksam die deutschen Batterien und Minenwerfer. In der Champagne und im Gebiet von S o u a i n richtete unser Artillerie ein sehr genaues Feuer auf die gegnerischen Stellungen. Nahe Perthes war eine Feldbefestigung der Ferme Beau Sejour der Schauplatz erbitterter Kämpfe. Der Feind konnte einen Schützengraben im Innern der Befestigung errichten, deren vorspringenden Winkel wir besetzt batten; der Kampf dauert an. Aus den Argonnen bis zur Maas ist nichts zu melden. Auf den Maashöhen wurden zwei deutsche Angriffe, einer im Walde von Consenvobe, der andere im Walde von Bruchot abgewiesen. Südöstlich Cireh-Sur-Mezeuze überraschte eine unserer Abteilungen eine deutsche Kompagnie, welche das Dorf St. Stauveur plünderte (?) und schlug sie in die Flucht. In den Vogesen und im Elsaß war der Tag ruhig. Das schlechte Wetter und der Schneesturm dauern an.
W. T.-B. Paris, 13. Jan. (Nichtamtlich.) - 11 Uhr abends: Nordöstlich Soissons beschoß der Feind während der ganzen Nacht heftig unsere Stellungen auf dem Per- rieres-Plateau und den Vorsprung 132. Er nahm heute, um die letztgenannte Stellung wieder einznnehmen, einen bedeutenden Angriff, deren Ergebnis noch nicht bekannt ist. Kein anderes bemerkenswertes Ereignis ist zu melden.
Das versagen der französischen Riesenoffensive.
Rom, 11. Jan. Ein Pariser Brief des „Mattino" verbreitet sich über die Seelenstimmung der Franzosen, die das beständige Hinauszögcrn der ersehnten Ri-esenoffen- üve geradezu als Schmach empfänden und sich jeden Tag ungeduldig fragten: „Sind wir endlich so weit?" Der Korrespondent berichtet über die eifrig fortschreitenden Vorbereitungen zu dieser Offensive, die erfolgen werde, sobald die Million der ncueinberufenen drei Klaffen ausgebildet ist. Diese Ausbildung müsse sich diesmal mit furchtbarer Bewaffnung sowie mit der Hoffnung paaren, daß die Waffen und Geschütze der Deutschen bis zum entscheidenden Augenblick schadhaft geworden, und daß die Deutschen dann absolut minderwertig sein werden. (!) Der Brief berichtet auch, daß die ffanzösischen Geschützwerkstätten Tag und Nacht arbeiten, um den Geschützpark zu ergänzen und die beschädigten Geschütze wiederherzustellen. An schweren Geschützen werden täglich drei gegoffen, so daß also im Verlauf von 160 Tagen 450 neue schwere Geschütze hergeftellt werden. Auch seien die sämtlichen ffanzösischen Festungen jetzt mit neuen Kanonen ausgestattet, welche den deutschen gleichkommen.
Die Eröffnung der französischen Kammer.
W. T.-B. Paris, 13. Jan. (Nichtamtlich.) Zu der gestrigen Eröffnung der Kammer waren die Kammerdeputierten in großer Zahl anwesend. Untpr allgemeiner Aufmerksamkeit eröffnete der Alterspräsident Mackau die Session mit einer Ansprache, in der er sagte, der einzige Gedanke und der Wunsch Frankreichs sei, einen langvorbereiteten Angriff zurückzuschlagen und den Feind niederzuwerfen. Er forderte die Kammer auf, auch weiterhin der Armee ein ermutigendes Schauspiel von Einigkeit zu bieten. (Lebhafter Beifall.) Wir nehmen, erklärte der Redner entschloffen, alle Opfer auf uns, welches auch die Dauer der Prüfung sei. Wir halten durch, ohne schwach zu werden, bis zum endgültigen Siege, welcher uns Ehre, Freibeit und einen dauernden Frieden sichert. (Einmütiger Beifall.) Die Kammer wählte mit 474 Stimmen Deschanel und alle Mitglieder des Bureaus wieder. Das Haus vertagte sich sodann auf Donnerstag. — Die verschiedenen Kammergruppen der Linksparteien wählten ihre Delegierten, welche gemeinsam mit der Regierung das Arbeitsprogramm für die ganze Session ausarbeiten werden. Schon jetzt scheint es festzustehen, daß die Beschlüße erneut die Einigkeit aller Parteien bekräftigen werde::. Kein Jnterpellationsgesuch wird eingercicht und keine reinpolitische Debatte geführt werden.
