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Dienstag, 12. Januar 1913. lI?0vgEN - ktU§g(lbe« Nr. 17. . 63. Jahrgang.
Oer Rrieg.
Oie Verbündeten des Schützengrabenkrieges müde
Br. Haag, 11. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der „Daily News" berichtet aus Dünkirchen, daß der Wunsch der Führer der verbündeten Heere, den qualvollen Stellungskampf au^ugeben und eine andere Lösung der Lage zu suchen, immer sichtbarer werde. Zur Erreichung dieses Zieles haben die Engländer bedeutende Truppenmassen aufge- boten, die in der Form zweier zangensörmtg gebogener Keile, der eine in der "Richtung auf St. Georges, der andere aus Dixmuiden hin aufgestellt sind. So weit ich erfahren konnte, sagt der Berichterstatter, besteht die Absicht, beide Teile vorzuschieben und sie möglichst bogenförmig sich schließen zu lassen. Die Aufgabe des linken englischen Flügels oder des nördlichen Keils wäre dann, an dem südlichen User des von Nieuport nach Ostende führenden Nieuportkanals Stellung zu nehmen, so daß bei einem gleichzeitigen Eingreifen der englischen Flotte die Deutschen zwischen zwei Feuer kämen, aus der Küstenstrecke vertrieben würden und O st e n d e räumen müßten. Diese Aufgabe wäre jedoch nur zu lösen, wenn auch der südliche Keil bei Dixmuiden oder Rousselaer Erfolg hat. Indes verlangen unsere Mannschaften selbst, bald aus den Schützengräben heraus und vorwärts zu kommen, setzt der Berichterstatter hinzu. Die Laufgräben seien wegen der Nähe des Überschwemmungsgebiets und bei dem anhaltenden Regen in einer Bodenbeschaffenheit, daß das Verweilen in ihnen fast unerträglich sei.
Verdun neuerlich ernst bedroht.
Br. Genf, 11. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Stadt und Umgebung von S o i s s o n S wurden durch deutsche schwere Geschütze neuerlich wirksam beschossen. Der Militärkritiker Rousset fügt hinzu, daß das systematische deutsche Zusammenwirken im Argonnerwald und auf den Maashöhen Verdun neuerlich ernst bedroht.
Was das sozialistische Hauptorgan vom Parlament fordert.
W.T.-B. Paris, 11. Fan. (Nichtamtlich.) Die ,^Humanit4" tritt der verschiedentlich geäußerten Ab» sicht entgegen, die Tagung des Parlaments müsse möglichst kurz sein und erklärt, der Krieg habe im Wirtschaftsleben der Nation eine tiefgehende Veränderung hervorgerufen und ernste dringende Probleme aufgeworfen, und zwar nicht nur für die Armee, sondern auch für die Industrie, die Fabriken und die ganze wirtschaftliche Organisation des Staates. Die Anwesenheit von 200 Deputierten an der Front werde an den Ergebnissen der militärischen Operationen nichts ändern, aber wenn mangels Methode und Kontrolle in der militärischen und zivilen Organisation Anarchismus und Verschwendung Platz greifen würden !und wenn infolge eines übereilten Schlusses der Session der ExÄukivgawalt unumschränkte Vollmacht gelassen würde, dann könnten die französischen Soldaten Helden sein: Frankreich würde doch von dem
preußischen Militarismus zerschlagen) und zerschmettert werden. Deshalb verlange man, so schreibt das Blatt, daß die Kammer nicht nur, wie gewöhnlich, sondern länger wie gewöhnlich tage. Was das Volk von dem Parlament verlangt, ist nicht mehr ein Schauspiel aufreizender politischer Debatten oder von Lawinen von Reden. Was erwartet und gefordert wird, ist eine ernste geregelte, planmäßige und gewisse harte Arbeit, aus der die nationale Verteidi- gung einen großen Nutzen ziehen kann.
Eine böswillige Verdrehung.
Berlin, 10. Jan. (Ktr. Bln.) Die „Gazette de Lausanne" vom 1. Dezember v. I. brachte «ine Notiz, nach der in Elsässer Dörfern durch amtliche deutsche Bekanntmachungen verboten würde, ohne Genehmigung der Militärbehörde verwundete französische Soldaten unter Dach zu bringen und zu versorgen. Eine solche Bekanntmachung ist, wie die „Nördd. Allg. Ztg." schreibt, nicht erfolgt. Ein Befehl des Gouverneurs von Straßburg ordnete lediglich an, daß verwundete französische Soldaten „zur Abholung anzumelden seien", und zwar, um sie der Lazarsttbehamdlung zuzuführen.
Die „mutigen" Engländer.
Berlin, 8. Jan. (Ktr. Bln.) In einem der „Täglichen Rundschau" zur Verfügung gestellten Feldpostbriefe heißt es: „Der Kampf war außerordentlich schwer und heftig, und mancher unserer Kameraden muhte sein Leben lassen. Aber trotzdem hat unser Regiment eine größere Zahl Franzosen gefangen, darunter viele Alpenjäger, eine Truppe, die wir als besonders tüchtig schätzen gelernt haben. Übereinstimmend haben diese Alpenjäger uns erzählt, daß in bet letzten Reihe der Front die Engländer stehen und daß diese unbarmherzig auf die vorstehenden Franzosen sch ießen, wenn diese beim Angriff zögernd Vorgehen oder gar zurückweichen." — Was der Schreiber des Feldpostbriefes erzählt, klingt fast unglaublich, und dennoch ist, wie das genannte Blatt meint, die Möglichkeit der Tatsache vorhanden, da der Brief aus vertrauenswürdiger Quelle stammt. Übrigens wird die Stimmung der französischen Soldaten gegenüber den Engländern durch das Urteil der Alpenjäger, auch wenn es übertrieben wäre, genügend gekennzeichnet.
Ein deutscher Unteroffizier in Frankreich zum Tode verurteilt.
Genf, 9. Jan. Das Kriegsgericht in Bordeaux verurteilte den Deutschen Willy Sattler, Unteroffizier im 79. Infanterie-Regiment, zum Tode. Sattler wurde beschuldigt, zu Beginn des Krieges nach Frankreich gekommen zu sein, um zu spionieren.
Verwert der von uns besetzten Teile Zrankreichs.
Wie schon früher kurz mitgeteilt ist, hat auf Veranlassung der Pariser Statistischen Gesellschaft der Generalinspekteur des Credit Foncier, M. E. Michel, den Wert der von den Deutschen besetzten LandStzteile Frankreichs berechnet. Nach den genauern Angaben, die die Madrider „Epoca" (vom 22. Dez.) bringt, sind besetzt das Departement Ardennen ganz, die Departements Aisne zu 55 v. H., Marne zu 12, Meurthe und Mosel zu 25, Maas zu 30, Nord zu 70, Oise zu 10, Pas de Calais zu 25, Somme zu 16 und Vogesen zu 2 v. H. Im ganzen sind von den 10 ffanzösischen Departements (unter 8 7 ) besetzt 2100 000 Hektar oder 3,7 v. H. des ganzen Gebietes von Frankreich. Nach der Bevölkerungsauftrahme von 1911 wohnen in den besetzten Landesteilen 3 255 000 Einwohner oder 8,2 v. H. der französischen Gesamtbevölkerung (von 39,5 Millionen). Nach den Grund-, Gewerbe- und Einkommensteuerlisten und noch den in den Werken La Fortune privee en France und La Dette hypothecaire des genannten Generalinspekteurs des Credit Foncier niedergelegten Studien stellen die besetzten Landesteile dar: 1. an Boden ohne Gebäude 4000 Millionen Franken gegen 64 789 Millionen für ganz Frankreich, oder 6,1 v. H., 2. an Grundflächen mit Gebäuden 4800 Millionen gegen 61757 oder 7,7 v. H., 3. an Gerät für Handel und Gewerbe 650 Millionen gegen 6000 oder 10,8 v. H. Im ganzen sind die von uns besetzten Land-steile hypothekarisch zu schätzen auf 9500 Millionen oder 7,2 v. H. vom Gesamtwert von 133 000 Millionen für ganz Frankveich. Der innere Wert ist höher. Er setzt sich wie
folgt zusammen: 1. Unbebautes Gelände 4000 Millionen, 2. Bauten für Landwirtschaft 1100 Millionen, 3. Gewerbliche Anlagen 1500 Millionen, 4. Handelsanlagen 1200 Millionen,
5. Wohnhäuser für Bürger, Arbeiter usw. 5500 Millionen,
6. Geräte für Gewerbe und Handel 1000 Millionen, insgesamt 14 300 Millionen. Die auf diesem Besitz lastenden wirklichen Hypotheken belaufen sich auf eine Milliarde Franken oder auf 6,66 der 15 Milliarden, die die Hypothelenlast von ganz Frankreich darstellen.
Der Offiziersmangel der belgischen Armee.
Aus Havre wird gemeldet: Die belgische Regierung errichtet in Rouen eine Offizierschule, weil die belgischen Truppen nur den vierten Teil des nötigen Offizierbc- standeS haben.
Der englische Sceraub.
Die Londoner Zeitung „Daily Telegraph" meldet. aus Algeciras vom 7. Januar: Die Konterbande, die bisher von den britischen Behörden in Gibraltar beschlagnahmt wurde, wird auf 100 000 Tonnen geschätzt.
Treibende Minen bei Venedig.
IV. T.-B. Berlin, 11. Jan. Der „L.-A." meldet aus Mailand: Der italienische Küstenfahrer „Palmirino" traf
gestern bei Venedig drei Treibminen an. Es gelang der Mannschaft, zwei davon ins Schlepptau zu nehmen und an die Marine abzuliefern, wofür sie 600 Lire Belohnung erhielten.
Auch die Ostsee ist minenverseucht.
Aus Stockholm wird berichtet: Eine Bekanntmachung der schwedischen Marineverwaltung besagt, daß in den letzten Tagen in der offenen Ostsee sowie an der schwedischen Küste treibende Minen in größerer Zahl beobachtet worden seien, die eine Gefahr für die Schiffahrt bedeuteten. Den Kapitänen werden besondere Vorsichtsmaßregeln, wie verstärktes Ausgucken und Stilliegen während der Nacht anempfohlen.
Der Leiter des Feldfanitätswefens im Osten.
Sr. Berlin, 11. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Obergeneralarzt Profeffor Dr. v. Kern ist zum Leiter des Feldsanitätswesens im Osten ernannt worden.
Ein neuer Lazarettzug
ist vom Vaterländischen Frauenverein Schöneberg in Verbindung mit den Berliner Vorortgemeinden Friedenau, Steglitz, Lichterfelde und Zehlendorf, gestiftet worden. Der Zug wird unter Berücksichtigung der bisher gesammÄten Erfahrungen nach ganz neuenGe sichtspunkten gebaut, und eS ist seitens des Vaterländischen Frauenoereins Schöneberg beabsichtigt, eine Denkschrift herauszugeben. Für alle diejenigen, die Interesse sür die Ausrüstung weiterer Lazarettzüge haben, wird diese Denkschrift sehr wertvoll sein, zumal der neue Lazcrrettzug „L 3" trotz seiner ungleich geringeren Herstellungskosten zweifellos der am zweckmäßigsten eingerichtete sein dürfte. Bei der sich einstellenden K ä l t e ist die Stiftung weiterer Lazarettzüge von besonderer Wichtigkeit, zumal diese Züge nicht nur für den Transport der Verwundeten von den Kriegsschauplätzen nach dem Innern des Reiches, sondern auch als stehende Lazarette in der Nähe der Kampfplätze Verwendung finden.
Oie Lage in Belgrad.
Berlin, 10. Jan. (Ktr. Bln.) Nach Berichten aus dem serbischen Hauptquartier, die von der „Agentur Havas" in der Schweiz verbreitet werden, bestätigt sich eine Ofen- Pester Nachricht von dem Wiederangriff der Österreicher auf Belgrad. Die „Agentur Havas" meldet, daß das serbische Hauptquartier nach Ni sch zurückverlegt worden ist, wo auch der König aus Belgrad wieder eingetroffen ist.
Kriegsbriefe aus dem Westen.
Von unserem Kriegsberichterstatter.
Im bombardierten Dixmuiden.
Großes Hauptquartier, am 5. Januar.
Schon in Brügge hatten wir erfahren, daß der hinter der Dser stehende Feind in den letzten Tagen eine merkwürdige Angriffslust, teils aber auch eine bei seinen furchtbaren Verlusten wohl begreifliche Zurückhaltung zeige. Als wir daher oufbrachen, um bis nach Dixmuiden, das heißt in die vorderste Linie der nordwestlichen Kampffront zu gelangen, war es für ganz ungewiß, was uns der Tag an Erlebnissen bieten würde. Aber überall wurden wir gewarnt und ermahnt, uns vorher genau über die möglichen Wege und besonders darüber zu erkundigen, ob ein Vordringen auf der von uns beabsichtigten Route angängig sei.
In Thourout, was in der vlämischen Form Thorhout das Gehölz, der heilige Hain des Donnergottes Thor bedeutet, lud Orgelklang aus dem gewaltigen, weit über die heu- Ligen Verhältnisse des stillen Landstädtchens emporragenden Dome zur Frühmesse ein. Im Kerzenschimmer knieten die Einwohner, meist Frauen, und wohl mehr als die Hälfte von ihnen in Trauerkleidern; und zwischen ihnen sah inan betende deutsche Soldaten aller Waffengattungen, aller Bundesstaaten — ja, ich glaube fast, aller Bekenntnisse.
Ans grundlosen Wegen immer weiter gegen die Sumpf- rinne der User vordringend, mußte man den Eindruck gewinnen, als ob man sich vom festen Lande rettungslos in dir «idlofe Wüstenei eines Urwaldmorastes verirrte, in diesen
Pfützen und Seen die Straßerc sich wie kaum erkennbare und mehr und mehr in grundlose Tiefen versinkende Furten aus breiweichem Kot verloren.
Es ist so viel über das überschwemmte westbelgische Kriegsgebret berichtet worden. Aber was für ein hoffnungs- loser, meilenweiter Morast es ist, in dem sich hier, gleichzeitig gegeneinander und gegen das Versinken im grundlosen Modder ringend, Millionenheere seit Wochen gegenüberstehen, das glaubt man erst, ja davon kann man sich überhaupt erst einen Begriff machen, wenn man es selbst gesehen hat. Man wundert gch fast, daß man noch einen Baum oder gar ein Haus sieht und glaubt, man müsse es jeden Augenblick erleben, daß alles im großen Schlickmeere untergeht.
Schon waren in einigen stark mit Einquartierung belegten Dörfern die Bewohner genötigt, den Verkehr mit den Nachbarhäusern durch schmale Brücken aus Stämmen und Brettern aufrechtzuerbalten. Eine Husarenpatrouille, der wir am frühen Vormittage begegneten, bot einen ungewohnten Anblick. Langsam, Schritt für Schritt, wateten die bis an die Fesseln im Schlamm versinkenden Rosse fürbaß. Wunderbar ist nur noch, daß in einem solchen Gelände unsere Munittonskolonnen ihren Dienst bewältigen können. Aber es gelingt ihnen. Ich habe leichte Kolonnen, die der Front schon sehr genähert waren, gesehen, deren Räder bis fast an die Nabe im Schmutz quatschten, und die dennoch vorwärts kamen.
Auf diesen Wegen im Überschwemmungsgelände bringt jedes Gefährt, das stecken bleibt, unseren rückwärtigen Verbindungen Gefahren und kann einen Weg stundenlang verstopfen. Darum fuhren unsere beiden Kraftwagen auf weiten Umwegen bis zu dem letzten Platze, der mit dem Wagen
überhaupt noch zu erreichen tvar. Hier hielten wir inmitten von Bauernhäusern, die von schweren Granaten furchtbar zerstört waren, und hinter einer Kirche, von der nur noch drei ausgebrannte und schrecklich zerschostene Mauern standen. Bis hierher hatte der Feind noch vorgestern mit schwerem Geschütz gefeuert. Wir verließen unsere langsam im Schlamm versinkenden Wagen und kamen in mäßiger Deckung bis an eine Wegkapelle, wo Pioniere damit beschäftigt waren, ihren gefallenen Kameraden die Gräber zu schmücken. Einige Offiziere, denen wir hier begegneten, gaben uns die letzten Verhaltungsmaßregeln.
Die Straße, die von hier in mehr als zwei Kilometer Länge bis nach Dixmuiden führt, liegt völlig frei vor dem großenteils parallel mit ihr verlaufenden französischen Schützengraben, der stellenweise nur dreihundert, höchstenfalls vierhundert Meter von ihr entfernt ist. Jede Bewegung, die sich hier zeigt, begrüßt der Feind mit einem ungeheuren Schnellfeuer. Das sollten wir bald erfahren. Denn sofort, nachdem wir aus der Deckung der letzten -zertrümmerten Hausmauer herausgetreten waren, schwirrten die ersten Flintcnkugeln an unseren Köpfen vorüber. Bald vereinzelt, bald wie summende Wespenschwärme, wobei nur eines auffällig war, daß sie alle links von uns abgingen.
Um kein zu günstiges Ziel zu bieten, lösten wir uns in eine aufgeschlossene Kette auf und gingen in Abständen von etwa zwanzig Schritt hintereinander. Oft auch mutzten wir von Baum zu Baum vorwärts springen, wenn das Schnellfeuer drüben Hu arg wurde, obwohl die dünnen und großenteils schon von Granatfeuer umgebrochenen Bäume wenig Deckung boten, ihr herabgeschlagenes Geäst aber für das schnelle Vorwärtz-kommen ein beträchtliches Hindernis war»
