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Samstag, 9. Januar 1915.
Morgen - klusgabe.
Nr. 13. * 63. Jahrgang.
walten. Es gibt bei uns keine Partei und keinen denkenden Betrachter, die in den fünf Monaten des Krieges nicht gr n n ü l i ch u m g e l e r n t hätten. Wir haben es erlebt, daß ein vom Bewußtsein der national geschlossenen Gesamtheit getragener einheilicher Wille Ordnung in den wirtschaftlichen Grundlagen unseres Volkslebens schaffen konnte, wir erleben es mit sedem Tage von neuem, wir ertragen nicht nur die Anordnung von Höchstpreisen und die Bestimmungen über Meckmäßige Verteilung der Vorräte, sondern wir nehmen durchweg mit Befriedigung wahr, daß diese, vormals für g rund stürzend gehaltenen Veränderungen ganz einfach und mst selbstver- ständlicher Leichtigkeit in das Ganze unserer Wirtschaft eingefügt werden könnten. Für die Zukunst auch nach dem Kriege wird da vieles z>u lernen sein, wobei es sich freilich fragt, ob die Entschlußkraft vor- Händen sein wird, die die merkwürdigen Errungenschaften dieser großen Zeit weiterhin auch in die Frie- denszeit hinübernehmen will. Jedenfalls müssen wir die Zeugnisse für den neuen Zustand sorgfältig beachten. Die fachmännischen Beurteiler haben sich bisher überwiegend auf die schweigende Betrachtung der veränderten Verhältnisse beschränkt. _ Welche Folgen sie daraus ziehen möchten, werden sie uns später schon Mitteilen. Indessen hat ein Volkswirtschaftslehrer von Namen, Professor Edgar I a f f ä in München, doch ^bereits einige Ilmrißlinien angedeutet und seine bei der Jahrhundertfeier des Polytechnischen Vereins in Gegenwart des Königs gehaltene Rede verdient jedenfalls unsere Aufmerksamkeit. Wir wollen nicht Kritik üben, wir wollen nur wiedergeben, was Professor Jaffä sagte. Er findet, daß die Neugestaltung des Wirtschaftslebens mit dem Kriege nicht wieder zu Ende sein werde. Wir sollten, so schlägt er vor, von allen Erzeugnissen, die wir notwendig brauchen, einen eisernen Bestand ansammeln, der mindestens für ein Jahr ausreicht. Ferner müßten ganz allgemein die Einkaufs- und Verkaufspreise dieser Produkte geregelt wer- den. Das Prinzip des freien Wettbewerbs, die unbe- schränkte Freiheit des wirtschaftlichen Lebens gingen ihrem Ende entgegen. Nach außen müßten wir uns mehr auf ein geschlossenes Handelsgebiet beschränken. So der Münchener Volkswirtschaftler. Wie gesagt, wir möchten nicht kritisieren, es ist aber schon bezeichnend, daß solche Gedanken jetzt an so hervor- ragender Stelle ausgesprochen werden können. Wir wissen nicht, was sein wird, jedoch, daß vieles anders als bisher sein wird.
Zum 70. Geburtstag des rrönigs von Bayern.
Ein herzlicher Telegrammwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem König Ludwig.
W. T.-B- München, 8. Jan. (Nichtamtlich.) Anläßlich des 70. Geburtstags des Königs bat Kaiser Wilhelm an König Ludwig nachstehendes Telegramm gerichtet: Du
vollendest heute dein 7. Jahrzehnt in ernster erhebender Zeit. Ich hätte es mir unter anderen Umständen nicht nehmen lassen, dir zu diesem Tage meine Glückwünsche persönlich darzubringen. Da es leider nicht angängig war, so
fahre ich zu deinem S o h n e, um mit ihm und im Kreise dir nahestehender Männer dein Geburtstagsfest zu begehen, e i n f a ch und s ch l i ch t, wie der Krieg es erheischt. Aber su einfach und schlicht die äußere Feier sein wird, so aufrichtig und herzlich sind die Wünsche, die ich für dich hege. Außer solchen für dein persönliches Wohlergehen und das der deinigen ist ja besonders das eine der große Wunsch, das heiße Gebet, indem ich mich heute mit allen Deutschen innerhalb und außerhalb Bayerns eins weiß. Möge dir und uns allen in deinem neuen Lebensjahre der endgültige Sieg und ein ruhmvoller Friede beschieden sei». Das walte Gott! In treuer Freundschaft Wilhelm.
Der König erwiderte: Ich bin tief gerührt durch die
sinnige Aufmerksamkeit, die du mir dadurch erweisest, daß du den heutigen Tag bei meinem im Feld« stehenden Sohn und den bayerischen Truppen zubringst. Empfange hierfür und für die warm empfundenen Glück- wünsche zu meinem 70. Geburtstage meinen aufrichtigen und von Herzen kommenden Dank. Gott gebe deinem Gebet um den endgültigen Sieg und einen ruhmvollen Frieden E r - f ü l l u n g. Dieses ist der heißeste Wunsch aller, die in Treue feststehen zu Kaiser und Reich. Ludwig.
Der Glückwunsch des Reichskanzlers.
TV- T.-B. München, 8. Jan. Anläßlich des 70. Geburtstages Königs Ludwig telegrafierte der Reichskanzler mi den König: Eure Majestät bitte ich, meine ehrfurcht-
vollsten Glückwünsche zu dem heutigen Tage gnädig entgegen- zunehmen. Eurer Majestät feiern das schöne Fest des 70. Geburtstages in einer großen und ernsten Zeit, die über die Zukunft Deutschlands, sa Europas entscheidet. Möge es nach dem ruhmvollen Frieden, der den deutschen Stämmen in der gemehrten Stärke und Sicherheit des gemeinsamen Vaterlandes den Lohn der großen, in Einigkeit gebrachten Opfer bringt. Eure Majestät vergönnt sein, in langer Friedenszeit über das schöne Bayernland und seine tapferen Söhne väterlich zu walten. Dies ist mein ehrerbietigster Wunsch.
Oer ttrieg.
Die Fliegerangriffe aus Dünkirchen.
TO. T.-B. Ehristiania, 8. Jan. Wie die „Aftenposten" aus London berichten, wurde Dünkirchen gestern von einer feindlichen Flugmaschine nach der anderen besucht. Sie näherten sich der Stadt, um Bomben abzuwerfen, und schwebten über den Häusern, bis sie das Feuer von Maschinengewehren vertrieb.
Ein französischer überblick über die „Erfolge" seit Weihnachten.
Paris, 7. Jan. (Ktr. Frkft.) Das Kviegsminüsterium veröstentlicht einen Überblick über die Ergebniffe der Kämpfe zwischen dem 25. Dezember bis zum 5. Januar. Es wird darin betont, daß trotz des infolge des schlechten Wetters scheußlichen Zustandes des Terrains drei bedeutende Gefechte stattgefunden hätten, alle mit ausgesprochenem Erfolg für im Franzosen. Es seien dies die Einnahmen von St. Georges, die Ausdehnung des stanzösischen Terrains bei Perthes und die Einnahme von Steinbach. Außerdem habe sich auf der ganzen Ausdehnung der Front die Offensivtätigkeit unaufhörlich durch Gewinne bekundet. An gewissen Punkten habe der Feind nur wenig reagiert, wäh vend er auf anderen heftige Gegenangriffe unternommen
Oie Neuordnung unseres Wirtschaftslebens.
Mst Genugtuung dürfen wir es verzeichnen, daß Freiherr v. P l e n e r, dessen Namen Gewicht im Donaureiche hat, vor einigen Tagen als eine der sicher zn erwartenden Folgen des Krieges eine engere Wirtschaftspolitische Verknüpfung zwischen uns und Österreich-Ungarn ankündigte. Der Gedanke, daß, was auch dieser Krieg bringen mag, jedenfalls die Handelsbeziehungen der beiden mitteleuropäi- ichen Reiche auf eine neue, dauernde, die Zollschranken zum großen Teil beseitigende Grundlage werden gestellt werden müssen, dringt siegreich durch. Wenn demnächst der deutsch-österreichisch-ungarische Wirtschastsverband den Plan dieser engeren Verbindung in festere Formen bringen wird, so dürfen wir nach denErklärungen des Freiherrn v. Plener erwarten, daß die von Deutschland aus betriebenen Bestrebungen im Nachbarreiche mit Verständnis und mit Be- reitwilligkeit werden aufgenommen werden. Niemand kann heute Vorhersagen, in welcher Form die beiden Reiche ihre Annäherung vollziehen werden, aber vollziehen wird sie sich. Wir müssen damit rechnen, daß die durch den Krieg gestörten Verbindungen mit dem Auslande später nicht so schnell und leicht wieder werden hergestellt werden können, wir und unsere Freunde an der Donau, die in derselben Lage sind, werden schon jetzt bedacht darauf sein müssen, die Ansätze zu einer mehr volkswirtschaftlichen als Welt wirtschaftlichen Betätigung, die uns der .Krieg aufgezwungen hat, organisch fortzubilden, also uns notgedrungen, jedoch keineswegs aussichtslos, guf einen Zustand einzurichten, der uns auf uns selbst verweist. An dem Tage, an dem das Deutsche Reich und Öfterreich-Ungarn ein einheitliches Wirt- schaftsgebiet sein werden, wird der Schaden, den uns die Absperrung vom Weltmarkt gegen- wärstg zufügt, mehr als ausgeglichen sein. Aber erforderlich ist und bleibt das Bewußffein, daß hier ein großes Ziel winkt, und der Entschluß, es zu erreichen. Zn den wunderbarsten Erscheinungen, die uns der Krieg bisher gebracht hat, gehört die Leichtigkeit, mit der sich unser Wirtschaftsleben an Not- Wendigkeiten hat anpassen können, die vorher, wenn man sie in der eingetretenen Form angekündigt hätte, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit hervorgerufen haben würde. Es geht uns wirtschaftlich gut, wir leben und gedeihen, und das ist angesichts der englisch enVer- nichtungsabsichten etwas so Außerordentliches, daß man ruhig sagen kann: dieser Teil der britischen Polittk ist schon in sich z u sa m m engeb r o ch e n, wir lassen uns nicht nur nicht vernichten, wir„entnehmen gerade dem gegenwärtigen Zustande die Möglichkeiten, ihn von innen heraus zu überwinden und zum Ausgangspunkt einer organischen Kräftigung unseres ganzen Wirtschaftslebens zu machen. Damit das aLer geschehen konnte, mußte unsere, in der Welt einzig dastehende Organisationskraft ihres Amtes
Briefe vom Kriegsschauplatz in Polen.
Von unserem zum deutschen Heer in Polen entsandten Kriegsberichterstatter.
Lowitsch.
Lowitsch, 27. Dezember 1914.
„Ja, meine Herren", erklärte uns Feldwebel-Leutnant Paulsen, der weißköpfige, aber noch verdammt energische Oberqnarttermeister von Lowitsch, „Quartiere habe ich wohl, aber es sind keine Scheiben darin. In ganz Lowitsch ist keine Scheibe mehr ganz!"
Uns entgegen humpelten Verwundete, die aus dem Feldlazarett vom Verbinden kommen. Um den Hals ttagen sie die übliche Karte mit den für den Arzt nötigen Angaben. Es sind wahre Bilder des Jammers darunter, doch benehmen sich die armen Kerls würdig und gefaßt. Übrigens macht ihre Verletzung in ihrem gegenwärtigen Zustand einen wesentlich bedenklicheren Eindruck, als sie in der Tat ist; gerade diese Pattenten mit ihren Beinschüffen haben viel Aussicht auf nahezu vollständige Wiederherstellung. Die große katholische Pfarrkirche am Markt mit ihrem famosen Aufbau ist bei der Beschießung der Stadt gut weggekommen; nur eine Granate ist durch ihr Dach gefahren und zu ihrem Glück keine von den großen. Auf der Kirchhofsmauer, die sie umgibt, sitzen Hunderte von gefangenen Russen und betrachten sich das Zu und Ab im Bezirk der auf dem Platz aufgefabrenen militärischen Wagenburgen. Andere drängen sich neugierig von innen an den Gittertüren seitwärts der Mauer und schauen dort wie aus einem Käsig heraus. Die Kirche ist gestopft voll von .ihnen und ihren Schicks«lsgenossen; und immer neue Trupps
werden aus der Front eingeliefert. Eben ist wieder ein Haufen von ibnen angekommen; zwei Maschinengewehre gehören dazu, und dann em Dutzend Offiziere. Zwei von diesen sind Sibiriaken, 'hochgewachsene, hübsche Männer von stolzer Haltung Und kühnem Blick. Sie ttagen die hohe Krimmermütze, sehen auch in unserem Sinne offiziersmäßig aus und benehmen sich demgemäß, was man von den anderen zehn nicht ohne weiteres behaupten kann. In ihren Augen liegt nicht reine Gleichgülttgkeit, wie in denen der anderen, sondern kühle Feindseligkeit gegen ihre neue Umgebung und ein verhaltenes Aufbäumen gegen ihr Los. Es sind die ersten Typen dieser Art, die mir hier begegnen.
Ohne Scheiben am Fenster Ende Dezember in Polen Kriegsberichte zu schreiben, ist unmöglich. Dafür aber, und nicht'lediglich um spazieren zu gehen, zu fahren oder zu reiten, sind wir hier. Das Spazierengehen muß wegen des dermaligen tiefen Drecks so wie so auf die notwendigsten Gänge beschränkt werden. Wir setzen das dem Herrn Feldwebel-Leutnant auseinander. Und er ist ein einsichtiger Mann. Er wird sehen, was zu machen ist und selbst mitkommen. Vorher aber muß er noch mit einem Juden ein ernstes Wort reden. Der Kerl bat von einem Unteroffizier für Butter Phantasiepreise verlangt. Jedenfalls einen Preis, der über den von dem Herrn Etappenkommandanten vorgeschriebenen weit hinausgeyt. Entweder der Kerl nimmt Vernunft an oder die Bude wird ihm sofort zugemacht und er selbst kommt in den Kasten. Herr Paulsen eilt zunächst davon. Hastig stößt der Korporalstock, den er trägt, auf die Fliesen des Torwegs. Draußen hört mag. den Stock nicht mehr klappern. Denn dort liegt dicker Schlamm, wie er schon unter normalen Verhältnissen bei Regen das sogenannte Pflaster dieser gesegneten Kreisstadt spurlos unter sich verschwinden läßt. Und nun gar bei diesem nie abreitzenden Riesenverkehr gegen Osten und Westen!
Munitionskolonnc um Munitionskolonne geht hinaus
zur Front. Das eingleisige Bähnchen, das bis zu diesem Augenblick zur Versorgung von so und so viel Armeekorps allein zur Verfügung steht, kann nur befördern, was zur Ergänzung des Verbrauchs der Artillerie erforderlich ist. Ein Zug mit Granaten und Schrapnells nach dem anderen rollt heran. Das Umladen auf die Munitionsfuhrwerke reißt nicht ab. Was die Armee sonst braucht, kommt auf Gespannen oder Lastautos über die streckenweise nahezu unfahrbare Landstraße langsam heran. Offiziersautos hasten mit häufigem Taumeln an der Wagenreihe vorüber, schlüpfen dazwischen hindurch. Das Taumeln kommt von den zahllosen Löchern im Wege. All dies staut sich in Lowitsch, drängt sich von dort aus zusammen auf den Landwegen und der Chaussee nach Osten. Neue Truppenteile und Ersatzmannschaften rücken durch die Stadt. Von der Gegenseite her kommen lange Züge offener Wagen mit ins Sttoh gebetteten Ver- tvundettn, Deutschen wie Russen, leere Kolonnen, die neue Fracht holen und Gefangenentransporte. Lpwitsch ist gestopft voll von Einguartierung ans diesem Durchgangsverkehr. Die Besatzung stellt Landsturm; die alten Knaben, die sich, seit sie ausgerückt sind, den Wind schon ganz gehörig um die Ohren haben blasen lassen, müssen tüchtig heran.
Daß in Lowitsch keine Scheibe ganz ist, ist das Werk dev schweren Batterien. Sie haben eine Anzahl Granaten hereingepfeffert, was den Russen nicht gepaßt und sie zum Ausmarsch bewogen, daneben aber auch die Wirkung gehabt hat, daß der Feind, der sie gesandt, setzt in Kälte und Zug schlafen muß. Der Luftdruck, der beim Platzen der Riesengeschosse entsteht, muß alles über den Haufen werfen, und die Wirkung auf den beschossenen Feind schon deshalb überwältigend sein. Neben der Kirche der Lowitscher deutschen Gemeinde — es gibt eine solche von alters her — hat eine der großen Granaten ihren gewaltigen Trichter in den Grund gewühlt. Die Kirche ist nicht gettoffen. Aber auseinander gerissen ist sie von oben bis unten, rein durch den Luftdruck. Der 8tt$
