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Morgen-Verlage des Wiesbadener Tagblalts.

Nr. 6 ,

Freitag, 8. Januar.

1913 .

Copyright. 1914 by Carl Dunker, Berlin, (17. Fortsetzung.)

Ser Wagehals.

Roman von Fritz Skowronneh

Nachdruck verboten.

Die ganze Gesellschaft hatte sich in der Oberförsterei versammelt. Als das Auto zurückkam, fuhren die Damen nach Hause. Die Männer folgten dem Assessor in sein Heim, um es einzuweihen. . . . Aus dem ver­fallenen Häuschen war ein Feenpalast geworden. Die Wände mit Tapeten verkleidet, zum größten Teil auch mit farbigen Gewoben. . . . Die schweren Möbel wirk­ten etwas zu stark, weil sie bis zur Decke reichten. . . . In den drei Zimmern war cm kleinen Tischchen gedeckt. . . . Ein alter, würdiger Herr in Frack und schwarzen Kniehosen stand mit unbewegter Miene an der An­richte. . . . Ein grauköpfiger Diener servierte.

Die Gesellschaft war schon zu Anfang sehr mobil. . . . Der frühe Nachmittag wirkte nach und nun kam noch die Aufregung über Nantes Abenteuer hinzu. . . . Die vier Grünröcke waren von der Streife, wie es vorauszusehen war, - ahne Erfolg zurückgekehrt. . . . Allseitig wurde festgestellt, daß nirgendswo an den Grenze ein verdächtiger Schuß gefallen ivar . . . und die Vorliebe der Wilddiebe für das Tal der Aschwöne war auch sehr erklärlich. . . . Denn das war die Frei- statt der ganzen Oberförsterei, wo mit Ausnahme der wenigen Tage im Frühjahr, wo dort die Schnepfe am besten zog, kein Schuß fallen durfte. Da zog sich das ganze Rehwild hin und stand so vertraut wie in einem vingezä unten Park.

Man hatte sich nach der Mahlzeit bereits an den länglich runden Tisch in dem sogenanten Eßzimmer ge­setzt, als der Forstmeister plötzlich ausrief: „Bauschus, da fällt mir eben etwas ein. Die Naujoksche hat mir neulich erzählt, daß in Serbenten beim Gastwirt ein Knecht zu Ostern zu gezogen ist, der ihren Mann zum Wildern verführen wollte. Kennen Sie den Kerl?"

Der Forstaufseher, der in Serbenten wohnte, zuckte die Achseln. „Das könnte nur der neue Knecht von Gwildies sein, ein fixer Bengel, adrett, hat bei den Zögern gedient. . . . Aber das glaube ich nicht, Herr Forstmeister. . . . Beim Gwildies ist reichlich Arbeit zu leisten, und der Alte würde sich sehr für einen Knecht bedanken, der sich die Nachmittage in der Forst 'rum treibt. . . . Aber . . . meine Herren, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Jetzt weiß ich, wer der Wilddieb ist . .

„Na, dann schießen Sie doch los", rief der Forst­meister ungeduldig. Der Grünrock schüttelte den Kopf und sah sich nach dem Koch um, der steif und stolz wie

ein Spanier am Büfett stand. Der Assessor lachte-

„Sie können ruhig sprechen. Was hier verhandelt wird, dringt nicht über die Wände dieses Hauses."

„Na, dann Herrschaften, hören Sie zu. . . . In Serbenten ist vor vier Wochen ein sonderbarer Vogel zugeflogeu . . . ein Herr von Zaleski. ... Er hat richtige Papiere, die er dem Amtsvorsteher voryelegt hat. . . . Drei Tage wohnte er im Kr,lg, dann mietete

er sich das alte Grenzerhaus, das leer stand, und möblierte es fein aus."

\ „Und was tut der Herr von Zaleski dort in Ser­benten?" rief der Forstmeister. „Das ist kein Geheim­nis. Er läßt schmuggeln. Schwere Kisten gehen fast täglich über die Grenze. Ich glaube, La sind bloß Papiere oder Gewehre drin."

„Und Sie meinen, daß der Mann noch Zeit hat zum Wildern?"

„Jetzt, wo ich alles gehört habe, was sich hier zu- getragen hat, möchte ich das wirklich glauben. Er hat Wagen und Pferde, zwei ungarische Jucker, und fährt jeden Nachmittag mit seiner Cousine spazieren."

„Eine Cousine hat er auch", warf der Assessor da> zwischen ....

„Ja, ein forsches, bildschönes Weib."

„Hat er vielleicht auch einen weißen Foxterrier?' fragte Mooslehner.

„Nein ... er hat n,lr eine mächtige, gefleckte Dogge . . ."

„Wie sieht er denn aus?"

„Ein großer, schlanker Mann, Herr Forstmeister» Las Gesicht etwas verlebt . . . mit tiefliegenden schwär- zen Augen. ... Er muß viel Geld haben, denn er gibt es mit vollen Händen aus . . ."

„Das famt ich mir denken, daß dabei etwas abfällt. Aber nun müssen Sie sich, Bauschus, etwas mehr um den Mann und sein Treiben kümmern."

„Das werde ich schon besorgen, Herr Forstmeister. Er fährt ja imnrer an rneinem Haus vorbei. Da setze ich mich aufs Rad und fahre ihm nach . . ."

„Ich schaffe nur auch ein Rad an, ich kann schon fahren", rief Mooslehner eifrig. . . .

„Na, ob das praktisch ist?" meinte Nante Schnabel. . . . „Ich war in voller Bereitschaft und bekam doch die Kugel . . ."

„Ja, ja, Schnabel hat recht", entschied der Forst- meister. „Wir haben es mit einem ganz gefährlichen Burschen m tun, der aus dem Dickicht heraus schießt. ... Also Vorsicht, meine Herren, und keine Nachsicht. Es handelt sich jetzt nicht bloß um das Wild, sondern um uns selbst. Und da wollen wir uns doch unserer Haut wehren. . . . Besprechen Sie sich das heute. Streifen werden nur zu zweien unternommen, und jeder Schuß, der im Revier fällt, wird mir gemeldet. Sie brauchen sich aar keine Beschränkung aufzuerlegen, wenn Sie mal einen Schuß abgeben wollen, aber er muß gemeldet werden."

Schräder stand auf und ging an den Spieltisch, wo ihn die beiden Gutsbesitzer bereits sehnsüchtig zum Skat erwarteten. . . . Unterwegs hielt ihn der Assessor auf. „Darf ich mir noch einen Vorschlag erlauben, Herr Forstmeister? Ich möchte Ihnen einen Betrag zur Verfügung stellen als Prämie für die Ergreifung des Wilddiebes."