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Freitag. 8. Januar 1913.

Morgen - klusgave.

Nr. 11. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Oie militärische Lage in polen.

W.T.-B. Wien, 7. Jan. (Nichtamtlich.) Das

„Fremdeubl." hebt hervor, daß der Vorstoß der Ruffen gegen den S ü d f l ü g e l der Verbündeten bis­lang keinerlei Erfolg gehabt Habe, daß er schwere Verluste verursacht und ebensowenig taktisch wie strategisch etwas ausgerichtet habe. Die V e r- Landeten hätten nach wie vor die Zügel der Ge­schehnisse in der Hand und setzten ihre operativen Ab­sichten mit zäher Energie und großer operativer Ge­wandtheit durch. Das danken sie vor allem ihrem e i n- heitlichen Zusammenarbeiten. Während auf dem Südflügel der Anprall der russischen Massen an einem starken Damm verprallte, dringe sm Nor- den das deutsche Schwert immer tiefer in den Leib des Gegners. Da der S o u ch n ab s ch n i tt parallel zur Rawka, durchschnittlich 10 bis 15 Kilo­meter von ihr südöstlich ziehe, sei der deutsche Vorstoß um ebensoviel weiter ostwärts gedrungen und neuer­dings ein Keil in die russische Deckungsfront getrieben worden, die in ihrem Gefüge aufgclockert und zermürbt würde. — An die Meldung der „Baseler Nachr." über die W e i h n a ch t s ru h e der russischen Garde auknüpfend, meint das „Fremdenbl.", daß hiermit nur die Tatsache des erzwungenen Rückzuges, vielleicht so­gar der völligen Erschöpfung der Kampfkraft ver­schleiert werden soll. Die weiteren Meldungen aus derselben Quelle, daß aus ganz Rußland neue Regi­menter in den Raum von Warschau geschoben werden, bedeute ein Zugeständnis, daß die Kämpfe am nörd­lichen Flügel den Ruffen bereits ungeheure Verluste gekostet und sich die fortschreitende Eindrück ung des rechten Schlachtflügels der Heeresleitung stark fühlbar mache. Eine andere Frage sei es, ob die neuen russischen Regimenter einen voll­wertigen Ersatz für die Verluste bedeuteten und ob sie angesichts der andauernden Verschärfung der Taktiken und operativen Berhältniffe noch eine Wirkung haben können.

Die russische Gewaltpolitik in Finnland.

W- T--B. Kopenhagen, 7. Jan. (Nichtamtlich.) Nach einer Meldung aus Helsiugfors ist. dem finnländischen Redakteur Rosenzwist von der Zeitung „Viounen" für den Abdruck eines Gedichtes mit dem Titel „Die Finnländer" eine Geldstrafe von 8000 M. auferlegt worden.

Pogromgefabr in Dünaburg?

W■ T.-B. Kopenhagen, 7. Jan. Der Militärgouverneur von Dünaburg (Dwinsk) erließ eine Verordnung, durch welche bei hohen Strafen der Abdruck von Artikeln verboten ist, die einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen hetzen oder Ausdrücke der Feindschaft gegenüber der russischen oder einer anderen Völkerschaft im Reiche enthalten. Solche Auf­rufe pflegen bei der Gefahr des Ausbruches von Pogromen zu ergehen. _________

Die Lage tm Westen.

Was J-ffre als Mittel gegen Fahnenflucht nicht alles erfinden muß.

W. T.-B. Berlin, 7. Jan. Aus einem bei französischen Gefangenen gefundenen Briefe und unverdächtigen Aus­sagen gefangener Offiziere geht hervor, daß Joffre dienstlich bekanntgegeben haben soll, er habe Beweise, daß die Deut­schen alle Gefangenen erschießen lassen. Diese Bekanntmachung läßt darauf schließen, mit welchen Mitteln die Franzosen ihre Kämpfer zusammenhalten müssen. Joffre wird nach Bekanntgabe unserer Gefangenenzahlen nun wohl ein anderes Mittel'erfinden müssen.

Zum neuen französischen Schandurteil.

Sr. Berlin, 7. Jan. (Eig. Drabthericht. Ktr. Bln.) Das völkerrechtswidrige Urteil eines französischen Kriegs-.- gerichts gegen eine deutsche Offizierspatrouille scheint die erforderliche Korrektur finden zu sollen. Nach Erkun­digungen des „L.-A." ist der Fall von der -deutschen Regierung mit allem Nachdruck ausgenommen war- den. Es werden durch neutrale Vermittelung bei Frankreich die Schritte geschehen, die eine Beseitigung des, sehr milde ausgedrückt, ungerechten Urteils herbeiführen sollen.

Tin Stimmungsbild aus Nordfrankreich.

Ein Berichterstatter neutraler Staatsangehörigkeit veröffentlicht in der „Nationalzeitung" eine Unterredung, die er in Bordeaux mit dem Deputierten eines jener nörd­lichen Departements, die von deutschen Truppen besetzt sind, gehabt hat. In der Unterhaltung äußerte dieser folgende Gedanken: Ich bin ein guter Patriot, aber ich muß sagen, daß Frankreich jetzt schwer für die Politik zu büßen hat, die es während der letzten Jahre eingefchlagen hat. Jawohl, es handelt sich um die letzten Jahre, genauer gesagt, um den Kurs nach der Marokkoangelegenheit. Wenn es auch niemals offen ausgesprochen wurde, welcher Weg von da ab betreten werden sollte, so wußten es doch alle, die sehen wollten und ihrp Äugen nicht gewaltsam verschlossen. Im August 1912, ehe Po im care seine Reise nach Petersburg

antrat, gab unsere Regierung bereits bekannt, daß mit Rußland ein die Militärkonvention ergänzendes Abkom­men abgeschlossen werden sollte, durch das ein Zusammen­wirken der beiden Flotten tm Kriegsfälle geregelt wer. den würde. Kurz vorher war in der Duma aus heiterem Himmel ein neues Flottenbauprogramm von weit über eine Milliarde vorgelegt und bewilligt worden. Die Begrün- düng hatte besagt, Rußland dürfe nicht nur eine zur Vertei­digung taugliche, sondern müsse auch eine angriffsfähigu Flotte besitzen. In Petersburg schloß Poincare hieraus die Marinekonvention ab. Im Herbste desselben Jahres hatten wir als M a n ö v e r g a st den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch bei uns, und ich erinnere daran, welchen Eindruck es in Frankreich machte, als damals seine ihn be­gleitende Gemahlin an der deutsch-französischen Grenze jene sehnsüchtige Geste nach Elsaß-Lothringen

machte. Diese Geste mußten wir teuer bezahlen, eine

neue russische Milliardenanleihe wurde in Frankreich aufgelegt. Mein Freund Maurice Allard erhob damals seine warnende Stimme und schrieb in der „Huma- nite": „Trocknen wir unsere Tränen der Rührung und lesen wir unsere Finanzrubrik!" Die Eingeweihten wußten um jene Zeit bereits, wohin das alles hinauswollte. Trotzdem, für die große Masse des französischen Volkes ist dieser fürchterliche Krieg überraschend gekommen. Und glauben Sie nur, die große Masse hat den Krieg auch nicht ge­wollt. Der Krieg ist in Paris gemacht worden, in der Provinz lebt eine andere Stimmung. Wir fühlen uns nicht identisch mit senem Häuslein Ebauvinisten, die das Steuer in Händen hat. Aber wir sind es, die nun zu leiden haben. 'Ich habe versucht, für die Leute meines Departe- ments, für alle diese jetzt heimatlosen, zu Bettlern gewor­denen Menschen bei der Regierung einige Unterstützungen zu erhalten. Man hat mir mit einem Achselzucken geantwortet. Wozu führen wir diesen Krieg, ich frage Sie, wofür? Was ich sage, so denken viele unter uns, vielleicht die Mehrzahl.

Der tägliche §ang.

Die - Aufrechnungen - über Gefange.nenziffern, schvckbt die „Straßburger Post", mit denen unsere Heeresleitung von Zeit zu Zeit das deutsche Volk erfreut, hat neben der allgemeinen Genugtuung noch einen besonderen, nicht zu unterschätzenden Lehrzweck. Der Laie, im Inland wie erst recht im Ausland, fragt nach dem „großen Schlag", dem weithin sichtbaren takti­schen Erfolg; die Dauer- und Kleinarbeit des Krieges und alles Strategische, bekümmert ihn kaum. Wird der große Einzelersolg aber errungen, so ist der Öffentlichkeit fast aus­schließlich die Zahl der Gefangenen maßgebend. Darum sorgt die Gefangenenstatistik für den Beweis, daß auch in der scheinbar ereignisarmem, „stillen" Zeit etwas geschieht. Be­sonders interessant in dieser Beziehung sind die Aufrechnun- gen über die Franzosen. Bei den Russen mag das allge­meine Urteil, das immer Zehn tausende von Gefangenen sehen möchte, nicht völlig unnecht haben: das ungeschlachte, nervöse Russeutum ist' wirklich nur durch Verminderung der Zahl, durch gewaltige Aderlässe, entscheidenden überwinden. Anders Frankreich. Sein Widerstand ft;it September muß ermüdet, durch unablässiges „Anknabbern" zermürbt werden. Das Wobt stammt von Joffre; die Tätigkeit des An­knabberns wird aber nicht an unfern, sondern an seinen Truppen erfolgreich ausgeübt. Obgleich ein „großer Schlag" nicht gefiihrt wurde, hat sich seit Anfänger November die Zahl der französischen Gefangenen um 27 000 vermehrt. Das sind im Tagesdurchschnitt 400 bis 600: genau wie die täglichen Meldungen erwarten lassen. Selbst im Busch- und Höhen­krieg der Argonnen wurden während des Monats Dezember über 2000 Franzosen gefangen genommen. Das ist die Kunst des „Anknabberns" im besten Stil: und man darf sich fiagen, ob französische Nerven diese tägliche Reizung noch lange ver­tragen werden.

Eine verfrühte neue Landkarte von Frankreich.

Auch nach der offiziellen Abtretung Elsaß-Lothrin­gens an das Deutsche Reich wurde auf französischen wirt­schaftsgeographischen Karten und in Schulatlanien das Reichs- laud immer noch als französisches Gebiei eingezeichnet; ent­weder hatte es dieselbe Farbe wie Frankreich, oder es war wenigstens außerhalb des Reichs Verbands der deut­schen Bundesstaaten gezeichnet. Wie die „Oberelsäfsische Lan- deszeitnng" schreibt, ist ihr dieser Tage eine Landkarte vorge­legt worden, auf der Elsaß-Lothringen als sranzösisches Departement eingetragen und der Rhein als Landes­grenze zwischen Deutschland und Frankreich angegeben ist. Damit wären die seit Jahrhunderten bestehenden und von französischen Nationalisten und Chauvinisten stets genährten Rheingelüste Frankreichs also erfüllt! Für die Erwartungen, die die Hersteller und Verbreiter der oben erwähnten Land­karte an den Ausgang des von ihnen gewollten Krieges mit Deutschland knüpften, ist es bezeichnend, daß diese Karte schon im I ah r e 1 91 3 (!) hergeftelli und in Verkauf gebracht wor­den ist!

Der englische Raubkrieg.

Versteigerung gekaperter Schiffe.

Sr. Rotterdam, 7. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) In London sind am Dienstag fünf Dampfer, die als gute Prise erklärt worden waren, öffentlich versteigert worden. Der Norddeutsche Llöyddampfer „Schleswig" erzielte 05 000 Pfund Sterling, der Dampfer „M a r ij Gläser' IS000 Pfund, „Kapitän Hörn" 11 600, „Rauta" 12 090 und «U l l a u B o o g" 23 000 Pfund Sterling.

Steigende Mehlpreise in England. — Wieder ein Dampfer gesunken.

W. T.-B. London, 7. Jan. (Nichtamtlich.) Der Mehl- preis ist um einen weiteren Schilling gestiegen, so daß der Sack jetzt 42 Schilling kostet. — Der Glasgower Dampfer „Astarte" ist nach einem Zusammenstoß inMurwh gefunken.

Oer Krieg im Grient.

Die türkischen Erfolge am Urmiasee.

Br. Konstantinopel, 7. Jan. (Ei.g. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Die Operationen der Türken im Gebiete des Urmiasees schreiten weiter günstig ^sort. Westlich des Sees drängen die Türken gegen S a l m a s vor, östlich des Sees bedrohen die türkischen Truppen die Strasre nach Täbris. Tie Rückzugslinie der Russen wird auch dadurch beunruhigt, daß die Türken sich der Fahrzeuge auf dem Urmiasee bemächtigt haben, so auch Herren der O st s e i t e des Sees sind, wo die Straße nach Täbris ziemlich nahe vor­üb erführt.

Zu den türkischen Erfolgen im Kaukasus

wird der „Voss. Ztg." aus Konstantinopel berichtet: „Be­greiflicherweise steht die Öffentlichkeit noch ganz unter dem Eindruck der letzten Siege, deren moralische Wirkung nicht hoch genug bewertet werden kann. Sie erhöhen hier die Siegeszuversicht, beschleunigen den Anschluß der kaukasischen Mohammedaner an die türkische Armee. Niemand leugnet, daß die bisherigen Erfolge auch die kühnsten Erwartungen übertrcffen. Die militärischen Kreise betonen die große Schnelligkeit, wodurch die Russen offenbar überrascht wur­den, wie auch die Gefangennahme der beiden Militärzüge und die Erbeutung des überaus reichen Kregsmateckils in Ardagan und Sarykamisch beweist. Nach den neuesten Schätzungen beträgt die Zahl der russischen Gefangenen 4000. Die russische Kaukasusarmee hat bereits ein Fünftel ihres Bestandes eingebützt."

Oer Krieg über See.

Die dürftigen Erfolge der Engländer in unseren Kolonien.

Ein abfälliges Urteil englischer Kolonialtruppen.

Br. London, 7. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Aus Briefen von Angehörigen englischer Kolo- nialtrnppen geht hervor, daß sowohl in Kamerun wie in Ostafrika die dortigen Kriegsereignisse den Engländern wenig Ruhm gebracht haben. Selbst die Beschießung von Daressalam dürfte daran nichts ändern. In Nordkamerun macht den Engländern ein Panzerzug, den die Deutsche» gebaut haben, viel zu schaffen. In Ostafrika unterscheiden sich die schwarzen S ch » tz t r u p p e n durch militäri­schen Drill und Gewandtheit außerordentlich vorteil­haft von den eingeborenen Truppen der Engländer.

Der Erfolg Maritz' bei Scuitsdrift.

Bi. Amsterdam, 7. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Ein am Montag in Pretoria ausgegebener offizieller Bericht enthält nähere Einzelheiten über das Gefecht vom 22. Dezember zwischen den Buren unter Oberst Maritz und den Regierungstruppen, das bei Scuitsdrift stattfand. Aus dem Bericht ergibt sich, daß es Maritz gelang, das Lager der Regierungsiruppen, das schlecht bewacht war, zu über­rumpeln. Auch hätten nur zwei Regierungskonrmandos das ihnen angewiesene Gelände besetzt. Sie konnten sich nur mit Hilfe anderer Kommandos retten.

Japans Überhebung.

Von allgemeinem Interesse sind die Äußerungen, die der japanische Premierminister. Graf O k u m a noch im April des Kriegsjahres 1914 hinsichtlich der auswärtigen Politik Japans getan hat. Er wies auf die Schwierigkeiten hin, welche sich einer befriedigenden Ordnung der Beziehungen zwischen Japan und Amerika entgegenstellen und daß die fortschreitende Ametikanisierung Australiens und dessen fremdenfeindliche Gesetzgebung Japan große Sorge bereite. Graf Okuma erinnerte dann an ein Wort Napoleons, daß die Welt nur zw ei Dinge zu befürchten habe: Kosaken und Chinesen, und diese beiden habe Japan besiegt. — Diese Worte zeigen das ungeheure Selbstgefühl Japans, das sich natürlich noch erheblich steigern mutz, da der stolze und angeblich siegesbewußte Dreiverband verzweifelt nach der Hilfe der Japaner ruft. Für England und währ» scheinlich auch für Rußland wird die Stunde noch schlagen, wo sie die sauren Früchte der japanischen Freundschaft noch werden empfindlich zu schmecken bekommen.

Die Lage in Albanien,

W. T.-B. Rom, 7. Fan. Wie „Giornale d'Jtalia" aus V a l o n a gemeldet wird, nehmen die dort gelandeten italieni­schen Truppen eine geeignete Verteidigungsstellung em. —■ Mehrere Personen, die ohne ordentliches Gerichts­verfahren ins Gefängnis geworfen waren, wurden frei Klaffen und der Zivilbehörde übergeben. — In Durazzo wird die Lage immer ernster. Die dorthin gelangten Nachrichten über Essad-Pajcha sind besorgniserregend; es wird für sein Leben gefürchtet, falls er in die Gewalt der Jnfirrgenten gerät,