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vienstag 5. Januar 1915.
Morgen - klusgabe.
Nr. 5. . 63. Jahrgang.
Oer Urieg.
Unsere günstige Lage in polen.
Kr. Berlin, 4. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.)
Der militär.sche Mitarbeiter des „B. T." bespricht dre Kriegslage im Osten: Fasst man das Ergebnis unserer Fortschritte am linken Flügel der grasten Kampfsront zusammen, so ist nach seiner Ansicht die Bedrohung Warschaus eine ernstere geworden, der Operationsraum der Russen westlich der Weichsel verkleinert und die Nückzugsmöglichke.t im Raume westlich von Rawa verringert. Auf russischer Seite sähen wir rin zähes Festhalten der schwer bedrohten Stellung und ein nur schrittweises Aufgeben derselben. Da der russische Verlust an Gefangenen inzwischen ständig wächst, so muss«, wir bezweifeln, dast der s^eind noch imstande 'st, westllch der Weichsel zum Angriff überzugehen. Russische Nachrichten sprechen von e'ner beabsichtigten N e u g r u p p r e r u n g der Hauptmacht. Möglich ist es, dast man diesen Plan ins Auge gefasst hat, ob er zur Ausführung gelangen wird, hängt zum grosten Teile vom Schicksal der Kämpfe um Warschau ab, die viel eher eine Neu- grupvierunk uninökrlicb machen, als sie oen Nissen die Wege dazu ebnen dürften. Wenn die Neugruppie- rung des ruffischcn Widerstandes überhaupt zustande- Hommt. w'rd sie vermutlich erst hinter dem Bug in Aussicht genommen werden und sich dort auf die breite Maste der Reichswehr stützen.
Die gescheitert-« russischen Absichten in wettyalii^en.
W- T--B- Wien, -1. Jan. (Nichtamtlich.) Der Krieas- berichterstatter der „Sonn- und Montagszeftung" drobtet unter dem 8. Januar seinem Blatte: Die russische Offensive in Westgalizien sch-en ursprünglich die Umkavung unserer Kräfte über Neu-Sandec gegen Kralau zu bezwecken, was eine äbnliche Situation geschaffen hätte, wie in der Schlacht bei Limanowo. Nunmehr steht fest, datz die Russen aus unsere Karvatbenkräste drücken, um ungehindert frontal vom Dunasetz über Bochara gegen Krakau vorstoben zu können. Diese Absicht scheiterte dürch unsere günstige Stellung am Dunasetz, wo wiederholte Angriffe der Rüsten, am heftigsten gestern, unter furchtbaren' Verlusten zusammenbrachen. Der Vorstotz der Russen gegen den Uszoker Patz ist ebenso wie die Kampfe in den Ostkar- patben von untergeordneter Bedeutung.
Schwere Verluste der Rüsten in den Karpathen.
W. T.-B. Wien, 4. Jan. (Nichtamtlich.) Ungarischen Blättern zufolge fanden in den jüngsten Tagen heftige Kämpfe in den Karpathen statt, wobei die russische Armee, insbesondere bei Oekermezoe und im L a t o r tz a - T a l e, schwere Verluste erlitten.
Lhruna klindenburys durch den Landkreis?»abr,e
W- T--B- Zabrze, 4. Jan. (Nichtamtlich.) Dem Beispiel seiner grötzten setzt 00 000 (rinwobner zählenden Landstadt folgend^ beschlotz der etwa 170 000 Einwohner zählende Landkreis Zabrze die landesherrliche Genehmigung zur Änderung feines Namens in H i n d e n b u r g - O. - S. zu erbitten. Auf die an ibn gerichtete Bitte um Erklärung seines Einverständnisses zu dem Beschluß teilte Generalfeldmarschall v. tzindeliburg dem Landrat des Kreises. Direktor Dr. Suermoudt, folgendes mit: „Hauptguartier-Ost. Hochverehrter Herr Landrat! Eurer Hochwohlgeboren danke ich sehr für die Mitteilung, betc. die Umänderung des Namens des Kreises Zabrze. Ich bin über die mir zugedachte Aufmerksamkeit sehr erfreut und erkläre ihnen mein Einverständnis zu der Namenänderung. Möge durch diese für alle Zeit eine Erinnerung an alle die Mäilner geschaffen sein, welche aus Ihrem Kreise stammen und in dieser großen Zeit unter meinem Oberbefehl bisher im Osiheere kämpften und Gut und Blut für dgs Vaterland opferten, v. H i n d e n- i u r ß, Oberbefehlshaber der gesamten deutschen Ostarmee.
Die Stimmung im russischen Heer.
Aage Madelung, der nach Galizien und Ungarn entsandte Spezialkorrespondent- des „B. T.", schreibt seinem Blatte aus Satoralja-Ujhely, 1. Januar: Zum drittenmal
versuchen die Russen, von ihrer Sehnsucht nach der un- ga rischen Ebene überwältigt, durch die Karpathen vorzudringen. Zum drittenmal scheitern ihre Hoffnungen. Sit haben es jetzt ernst gemeint. Wir aber auch. Nur als Gefangene rücken die Russen in die ungarische Ebene ein. Gestern kamen zwölfhundert entwaffnete Russen durch die Stadt. Die Offiziere wie die Mannschaften berich- teten Seltsames über die russische Volksseele. „Bei uns", sagten sie, „geht ein Flüstern durch die ganze Armee. Wir wollen nicht weiterkämpfen. Nur bis zum Neujahr, unserem russischen Neujahr, wollen wir kämpfen. Wenn es bis dahin nicht besser geht, ergeben wir uns kolonnenweise, wo wir es nur können." So raunt man einander zu im ganzen russischen Heer. „Bis zum Neujahr, dann haben wir genug." So sagten sie. Ist es nur das Gerede gefangener und entwaffneter Soldaten, die ihre Gefangenschaft gerade zu unseren Feiertagen besonders zu verschönen suchen, oder ist es ein Gedanke, der wirklich in der russischen Soldatenseele sich eingenistet hat und Wie eine für unseren Feind gefährliche Geisteskrankheit sich
epidemisch verbreitet? Ausgeschlossen ist es nicht. Der rus- ischey Volksseele sind Äußerungen der Massenpsychose nichi fremd, und die Idee, nur bis zum russischeil Neujahr kämpfen zu wollen, mag vielleicht in irgendeinem Zusammenhang mir der ganzen jetzigen Geistesverfassung in Rußland stehen. Der Tag ist vielleicht schon da, wo das Volk im Innern Rußlands zu knurren beginnt. Es hat früher geknurrt, und ob es Wehen verursacht und noch verursachen wird, und ob nach dreizehn Tagen, werden wir ja erfahren. Jedenfalls, ein böses Neujahr, ihr Kuurrer drüben! Diesmal nehmen wir euch das Knurren nicht übel, wie oftmals zuvor.
Dunkelheit im Hafen von Windau.
W. T-B. Basel, 4. Jan. Die „Baseler Nachr." melden, daß der Kommandant von Windau (Kurland) bei Dunkelheit nach außen sichtbare Lichter zu brennen verboten hat.
Zur Vernichtung des „Formidable".
Ter Eindruck in Frankreich.
W. T.-B. Paris, 4. Jan. (Nichtamtlich.) Der Untergang des englischen Linienschiffes „Formidable" hat in Frankreich einen erheblichen Eindruck gemacht. Die Blätter trösten sich damit, daß das Schiff veraltet war. „Echo de Paris" schreibt: Nach uns zugegangenen Nachrichten wurde die „Formidable" von einem deutschen Unterseeboot angeschossen. Die Vergeltung wird nicht auf sich warten lassen. Der „Temps" schreibt: Wenn wirklich ein deutsches
Unterseeboot den Untergang der „Formidable" verursacht hat, so haben die deutschen Unterseeboote eine neue kühne Tat vollbracht. Es darf an Churchills Worte erinnert werden, daß England jeden Monat einen Überdreodnought verlieren könne, ohne daß seine Herrschaft zur @ee erschüttert werde. Die „Liberts" schreibt: Die englische Flotte sei mächtig genug, das Meer von dem Scküvavm der Unterseeboote zu s ä u b e r n, die mit einer Kühnheit Vorgehen, welche .unbedingt gebändigt werden müsse. „Ltzon Rep ub U ca i n" erklärt: Deutschland gleiche die Unterlegenheit seiner Hochseeflotte durch seine hervorragende Ausrüstung für den Unterwasserkrieg aus. Die englische Admiralität werde wahrscheinlich andere Maßregeln anweniden, den plötzlichen mörderischen Angriffen' entgegenzutreten, welche zu ' ernsten Fehlern in ihrer Berechnung führen könne, wenn nicht ihnen Einhalt «boten würde.
Nindi^e franrösi^e vorkeftläae.
Br. Basel, 4. Jan. (Eig. Drghtbericht. Ktr. Bin.) Von der Überhitzung eines Teiles der Pariser Presse gibt ein Leitartikel des „Journal" eine Vorstellung. Anknüpfend an die Idee eines Engländers, der vorschlägt. Admiral T i r p i tz wegen angeblicher Beschießung offener Küstenstädte gerichtlich zu verfolgen und in contumaciam zu verurteilen, schlägt das „Journal" btt dem Pariser Gericht Prozesse gegen die Führung der deutschen Armee wegen Landsriedensbruchs zu inszenieren vor und Contumaciam-Urteile zu fällen, die bei eventueller Gefangennahme der ftaglichen Generale zu vollstrecken wären. Das „Journal" erklärt, sogar nicht einzusehen, warum nicht auch der Kaiser und der Kronprinz verurteilt werden könnten.
Nreuzfahrlen der „Lmde«"-Leute.
Fortgesetzte Belästigung des englischen Handels.
W. T.-B. Basel, 4. Jan. (Nichtamtlich.) Den „Baseler Nachr." zufolge ist in Mailand eine Meldung aus Schanghai eingetroffen, daß der Hafenkapitän von Rangoon in Brftisch-Burma die die benachbarten Gewässer befahrenden Schiffe vor dem Dreimaster „A q u o s ch e" warnte, welcher mit deutschen Matrosen, dem Reste der Besatzung der „Emden" und vier Maschinengewehren an Bord, die Operationen gegen die Handelsschiffahrt fortsetzt und bereits viele Küstenfahrzeuge versenkt hat. Auch der Kohlendampfer „Oxford" sei von den Deutschen genommen und in einen Hilfskreuzer umgewandelt worden. Dieses Schiff sei der Verfolgung durch die Verbündeten bisher immer entronnen.
Der Sieaeszug der Wahrheit in Italien.
Sr. Rom, 4. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Im „Mattino" veröffentlicht der bisher nichts weniger als deutschfreundliche Eduardo Sears oliv, der Gatte der Mathilde Serao, einen Leitartikel, in dem er den Wahnsinn des in Italien grassierenden Belgierkultus verspottet. Scar- folio schildert in beredten Worten die unüberwindliche Kraft Deutschlands, das hundert Feinden trotzend, sicher sei, diese zu besiegen. Überall, wo Deutschland kämpft, in der Luft, unter dem Wasser, in den Meeren, in den fernen Kolonien oder auf deutschem Boden, in den Sümpfen des Ostens oder in den Schützengräben des Westens, überall betätige es eine furchterregende Energie und u n - beugsame Tapferkeit. Und gegen ein solches Volk — so fährt der Artikel fort — wollen die Narren und Verbrecher in Italien uns hetzen, »dieser unser angeblicher Feind hält ganz Belgien und 8 Provinzen. Frankreichs beseht. Er hat die Russen in zwei fürchterlichen Schlachten nieder-
aeworfen und ihr H e e r e r st e r Linie fast total vernichtet, er hat 1200 Kilometer strategische Bahnen aus fran- zösischem Boden gebaut, um seinen Offensivmarsch in Frankreich wieder aufzunehmen, und er besitzt nach der Versicherung der „Times^ noch über 4 Millionen Mann Reserve, die fast alle der berWmten Landwehr angehören. Und warum sollten wir uns in dieses furchtbare Abenteuer kürzen gegen ein Volk, das uns nie etwas zu leide tat, das über 30 Jahre unser Verbündeter war, dem wir die Er- ölge von 1859, dem wir Venedig und Rom verdanken? Wie konnte dieser Plan, dieser blutige Haß gegen diese Nation entstehen? Scarfolio weist dann aus Italiens Interessen hin, die Slawen von der Adria fern zuhalst en und mit Österreich vereint Grotzpolitik zu treiben. Wir sind fest überzeugt, so schreibt er, daß binnen wenigen Monaten Rußland und Frankreich aus dem Konflikt ausscheiden werden, schon zeigen sich in Rußland zahlreiche Symptome von K r i e g s m ü d i g k e i t und Friedensstim- mung, und dasselbe wird naturnotwendig in Frankreich eintreten müssen. Je mehr die Illusion der französischen Offensive sich als Trug erweist und die Franzosen die Unmöglichkeit des Marsches nach Berlin erkennen, desto offener wird sich die Wahrheit Bahn brechen, daß dieser ganze entsetzliche Krieg mit seinen unermeßlichen Opfern an Menschenleben und Volkswohlstand einzig und allein geführt wird, um das Weltreich England von der deutsch e n K o n k u r r e n z z u b e f r e i e n. Der Sommer wird darum kaum in das Land gehen, ohne daß der ungeheure Konflikt auf seine natürlichen Grenzen, nämlich auf ein englisch-deutsches Duell, zurückgeführt sein wird.
Neujahrsgrütze an Präsident Wilson.
Sr. Stockholm, 4. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.) Wie aus Washington gEeldet wird, hat Präsident Wilson Neujahrsgrütze von den StaatSober- Häuptern der ganzen Erde erhalten. Der König von Italien hat dem Präsidenten folgende Depesche gesandt: „Herzliche Glückwünsche zu Ihrer Wohlfahrt und derjenigen der Vereinigten Staaten, mit denen wir durch starke Freundschaftsbande verknüpft sind." — Der KönigvonBelgien dankte für die Freigebigkeit, die Amerika den Belgiern gezeigt hat und für die große Hilfe, die Amerika ihnen in dieser Z«t des Unglücks und der Trauer bewiesen habe.
Uncle Sam gegen Iohn Bull.
Die Ausrechterhaltung der Neutralität wurde durch die herausfordernde Haftung Englands außerordentlich erschwert. Der amerikanische Handel wurde vor allem durch eine Verordnung schwer getroffen, die Lebens- mittel als Kriegskonterbande erklärte. Da alle Proteste sich als erfolglos erwiesen und die führenden Politiker der fortwährenden Demütigungen müde waren, die das Land in den vorhergehenden Jahren über sich ergehen lassen mußte, so erklärte der Kongreß
.. . Großbritannien den Krieg. — An der
Stelle, die wir durch Punkte angedeutet haben, steht m der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, aus der wir hier zitiert haben, „am 18. Juni 1812". Woraus hervorgeht, daß es sich bei unserem Zitat um einen mehr als ein Jahrhundert zurückliegenden Konflikt handelt, aber es klingt nichtsdestoweniger ganz aktuell. Die Lage ist heute zwischen Großbritannien -nd der Union sachlich nicht viel anders als damals, wo die Engländer während des Krieges mit rotzigen Bundesgenossen, den Franzosen, die Amerikaner durch ihre Soeräubertaktik, durch die Be- lästiguug des neutralen Handels derart zur Verzweiflung brachten, daß sie den Engländern den Krieg er- klärten, der erst durch den am 24. Dezember 1814 zu Gent geschlossenen Frieden beendet wurde. In Amerika nennt man jenen Krieg noch heute den zweiten Unabhängigkeitskrieg, weil er die Union von Mm wirtschaftlichen Joch Albions befreite.
Die Dinge wiederholen sich im Leben selten in mechanischer Gleichmäßigkeit. Auch heute gehen die Wogen der Entrüstung über die englische Rücksichtslosigkeit gegen den neutralen Handel im „Lande der unbegrenzten Möglichkeiten" wieder sehr hoch, wenn auch freilich vom Krieg und Kriegsgeschrei nicht die Rede ist. Man begnügt sich bis auf weiteres mit Noten, aber die aus Washington nach London übersandte Protestnote klingt doch recht energisch, und Präsident Wilson, der Philosoph und Spezialist für Friedensbestrebungen, hat sie durch seine Erklärung unterstrichen, daß England schließlich hohen Schadenersatz für die ungesetzliche Festhaltung amerika- nischer Schiffsfrachten werde zahlen müssen. Es ist bedeutsam, daß der amerikanische Einspruch in erster Hsteihe denselben Gegenstand behandelt wie vor einem Jahrhundert, nämlich die widerrechtliche Erklärung der Lebensmittel als unbedingte Konterbande. Des weiteren vrotestiert die Washingtoner Regierung gegen das Einschlepven neutraler Schiffe in die Häfen kriegführender Länder auf bloße Verdachtsgründe hin, und es wird eine endgültige Erklärung über Englands Hai- tung gefordert, „bannt Maßregeln ergriff^ werden
