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Sonntag, 3. Januar 1913.

Morgen - klusgabe.

Nr. 3. » 63. Jahrgang.

Oer ttrieg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen, vie blutigen Rümpfe um Vzura- und Rawlra- «bschnitt.

W. T.-B. Berlin, 2. Jan. Die „Boss. Ztg." meldet aus Amsterdam: Das „Reuter-Bureau" berichtet aus Petersburg: Der Kampf an der Bzura und Rawka trug einen wahnwitzigen Charakter. Die Deutschen haben es fertig gebracht, nachts die Flüsse zu über- a u e r e n und beim Morgengrauen befanden sie sich 1288 Meter von den rusiischen Stellungen entfernt, über welche sie nun wie toll herfielen und die Russen zum Weichen brachten, doch sammelten sich die Russen wieder und umringten die Deutschen. Es kam zu einem furchtbaren Bajonettkampf; Pardon wurde nicht gegeben und nicht verlangt.

Ein russisches Eingeständnis.

Br. Wien, 2. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Kriegsberichterstatter der führenden Petersburger Blätter führen aus: Ein Erfolg der deutschen und österreichischen Truppen lasse sich nicht a b I e u g n e n, nämlich das Vordringen nach Warschau, von dem die Verbündeten nur noch etwa 26 Meilen (zirka 40 Kilometer) entfernt seien. Man treffe auf seiten der Verbündeten schon Anstalten, die Belagerung in Angriff zu nehmen.

Trügerische Hoffnungen der Nuffen.

Br. Rotterdam, 2. Jan. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die „Times" meldet aus Warschau: Die russischen Befehlshaber glauben, daß die Ruh e. die zur Stunde in den deutschen Linien herrscht, einige Tage a n h a l t e n wird, um daß so den Russen G e - legenheit geboten wird, die Truppen zu er­gänzen und Munition herbcizuschaffen, um dann zum Angriff übergehen zu können. Es wird für wahr­scheinlich gehalten, daß die Deutschen den bisherigen Vormarsch nicht wieder aufnehmen werden, sondern daß der deutsche Generalstab gleichzeitig die gegenwär­tige Ruhe ausnutzen wird, um einen neuen strate­gischen Plan auszuarbeiten. Ferner glaubt man, daß die Truppen in dieser Zeit verstärkt werden wür­den. über Skiernievice weiß man nichts Be- st'mmtes, nach einigen Berichten soll der Platz völlig zerstört sein, nach anderen ist er nur teilweise nieder- aebrannt. Das Wetter ist sehr milde, aber reaneriscb. Die Wege gleichen M o r ä st e n und ine Feldep sind in solcher Verfassung, daß Artilleriebewegungen un­möglich ssnd. In Warschau ist man o p t i m i st i s ch. — Niedlich ist folgender Nachsatz der „Times" zu dieser Meldung; Die Moral beider Truppen ist hoch, die der Russen dürfte aber doch die höhere sein. Die Deut- schon inssssrn doch sebr ermüdet sein. Dann heißt es auch dass Vis Psendematerial den a?,,ssc> 7 , jefet besse­rer Verfassung lei als das der Deutschen.

Der Afsiziersmanael im russischen Heer.

Köln, 1. Jan. (Ktr. Frkft.) Der Sofioter Berichterstatter der „Köln. Zt«." drahtet: Zuverlässige russische Berichte ver­sichern. in Rußland herrsche großer Mangel an Offizieren. 11 000 Studenten sind setzt nach oberflächlicher drei­monatiger militärischer Ausbildung als Fähnriche >ns

Heer eingestellt, wo ihnen kriegsstarke Bataillone anvertraut toerden. Unter diesen jungen Leuten wird rührig von der revolutionären Partei gearbeitet, deren Hauptführer sich unter falschem Namen im Heere befinden. Im Falle einer entscheidenden Niederlage wird ein großer Erfolg der revolutionären Bestrebungen erwartet, die jietzige Regierung durch freiheitliche Einrichtungen zu ersetzen.und, wenn unter guten Bedingungen möglich, Frieden zu schließen.

Unbrauchbare Stiefel in der russischen Armee.

W. T.-B. Kopenhagen, 2. Jan. (Nichtamtlich) Ein Stiöfel- erlatz des Chefs des Petersburger Militärbezirks wird im „Rjetsch" vom 23. Dezember veröffentlicht. Darnach haben manche russische Reservebataillone so schlecht ge­lieferte Stiefel, daß die Soldaten nicht damit ausrücken können.

Ein Lob der russischen Lazarette.

Leipzig, 30. Dez. (Ktr. Frkft.) Hier eingotraffene Schwerverwundete vom östlichen Kriegsschauplatz, die sich mehrere Wochen lang in russischer Pflege befunden haben, bis sie durch das Vorrücken unserer Truppen wieder mit dem deutschen Heere vereinigt wurden, rühmen die Behand­lung in den russischen Lazaretten wie überhaupt das russische SanitÄswesen sehr. Ärzte und Sanitäts­personal haben sich der deutschen Verwundeten aufs beste angenommen.

Zur Unterdrückung der Fremdvölker in Rußland.

W. T-B. Kopenhagen, 2. Jan. (Nichtamtlich.) Der Petersburger „Herold" vom 11./24. Dezember meldet, daß der Redakteur der litauischen Zeitung „Litowskija Sswestija' in Wilna, S ch i m o n t, wegen eines Artikels seiner Zeitung zu zwei Wochen Festungshaft verurteilt worden ist. — In der Nummer des „Rjetsch" vom 11./24. ist eine Kor­respondenz aus Wilna abyedruckt, wonach allein in dieser Stadt, ohne die dorthin gekommenen Flüchtlinge, 2818 Arbeitslose und in.dem Gouvernement 8296 Arbeits­lose sich befinden.

Erzherzog Friedrich an den Kommandanten von PrzemvSl.

W. T-B. Wien, 2. Jan. (Nichtamtlich) Anläßlich des Jahreswechsels langten bei dem Armeeoberlommandanten Erzherzog Friedrich u. a. Glückwunschtelegramme vom Kom­mandanten der Balkanstreitkräste Erzherzog Eugen, dem Frstungskommandantcn von Przemysl, General K u s m a n e k, und hen beiden Landesverteidigungsministern an. Ans die Glückwunschdepesche des Kommandanten von Przemysl erwiderte der Erzherzog: Mit Stolz und Freude

empfinde ich die mir im Namen der heldenhaften Besatzung Przemysls telegraphisch übermittelten Glückwünsche. Das leuchtende Beispiel rein st er Pflichterfüllung, Manneszucht, Aufopferung und vollster Tapferkeit der stand, haften Besatzung Przemysl wird uns allen ein Leitstern sein, für des allerhöchsten Kriegsherrn und des Vaterlandes Ruhm und Ebre. mit nie erlahmendem Eifer unser Bestes zu leisten. Ich bealückwünsche Eure Exzellenz und die tapfere Besatzung, auch im Namen aller Kameraden auf das herzlichste im neuen Jahre und sende Ihnen meine besten Grüße.

Die Lage im we^en.

französische Hirngespinste.

W. T.-B. Berlin, 31. Dez. (Amtlich.) Die „Nordö. Allg. Ztg." schreibt unter dem Titel „Hirngespinste": Das „Journal de Genaue" behauptet auf Grund be­sonderer Informationen aus Paris, das Abkommen der Dreiverbandsmächte vom 4. September, wonach sie nur gemeinsam Frieden schließen wollen, sei die

Antwort auf die schon damals einsetzenden wiL seitdem fortgesetzten Bemühungen Deutschlands um einen Son­derfrieden gewesen. Der Pariser Gewährsmann des „Journal de Geneve" verinutet, Deutschland denke viel­leicht daran, Elsaß-Lothringen an Frankreich zurückzu geben und dafür Belgien zu be­halten, möglicherweise unter Abtretung eines wallonischen Stückes an Frankreich.

Diese Pariser Mitteilungen sind ein neues Beispiel dafür, was die französischen Politiker der neutralen Presse aufzubinden lvagen. Seitdem Frankreich für englische und russische Interessen den Krieg mit Deutsch­land begonnen hat, ist an die Bewilligung eines Sonderfriedens für den französischen Gegner von uns niemals gedacht worden, geschweige daß eine Bemühung in diesem Sinne von Deutschland aus­gegangen sei. Was der Gewährsmann des „Journal de Gendve" als von uns vielleicht beabsichtigten In­halt des deutsch-französischen Sonderfriedens vermuten will, sind Hirngespinste. Eine elsaß-lothringische Frage gibt es für Deutschland nicht. Über Belgiens Zukunft schon jetzt zu entscheiden, überlassen wir den Politikern und Strategen, die keine Verantwortung haben.

vie französischen Berichte vom 1. Januar.

W. T.-B. Paris, 2. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vom 1. Januar, nachmittags. Zwischen dem Meer und Reims haben beinahe ausschließlich Artilleriekämpfe stattgefunden. Der Feind beschoß ohne Ergebnis St. Georges und den von den Belgiern südlich Dixmuiden organisierten Brückenkopf. Zwischen La Basste und Craency, zwischen Albert und Roye, ini Gebiete von Verneuil und Blanc Saplon bei Cravnelle, endete die heftige Kanonade zu unseren Gunsten. An letzterer Stelle zerstörten wir außerdem deutsches Be­festigungswerk. Im Gebiete von Perthes und Beau Schour behaupteten wir unseren Gewinn vom 30. De­zember. In den Argon neu und im Grurie-Wald griff der Feind sehr heftig auf beinahe der ganzen Front an und gewann an einigen Stellen 150 Meter. Es wurden Gegenangriffe unternommen. Im Ge­biete von Verdun tobten heftige Artilleriekämpse. Zwischen Maas und Mosel unternahmen die Deut­schen am 30. und 31. Dezencher sechs heftige Gegen- angriffe, um die von uns am 30. Dezember eroberten Schützengräben wieder zu nehmen. Alle Gegenangriffe wurden glänzend abgewiesen. — Unsere Flieger be­schossen nachts die Bahnhöfe von Metz und Sima« ville. — Wir rücken fortgesetzt, Fuß um Fuß bei S t e i n b a ch vor. Die feindliche Artillerie zeigte am Morgen des 31. Dezember eine große Tätigkeit, aber nachmittags gewannen unsere Batterien sichtlich die Oberhand.

W.T.-B. Paris, 2. Jan. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vom 1. Januar, abends 11 Uhr: Es sind noch keine Nachrichten über die Operationen des Tages eingetrosfen.

Die Zeppelinfurcht in Lyon.

IV. T-B. Lyon, 2. Jan. (Nichtamtlich) Hiesigen Blättern zufolge hat die Stadtverwaltung beschlossen, im Einverständ­nis mit den militärischen Behörden die Beleuchtung der Brücken- und Hasenanlagen künftighin von 9 Uhr abends an zu unterdrücken. Der Bürgermeister hat erklärt, die Bo-

Wollen — müssen — werden!

Mel.: Ein' feste Burg. Und wenn die Welt voll Feinde war',

Wir Deutschen wollen siegenz Wir wollen nicht im Lügenmeer Vergeb'n und unterliegen.

All' Tück' und alle List Wider uns geeinet ist;

Dock hilft und nützt das nickt;

Sie sind von Gott gericht't:

Die Wahrheit muß dock bleiben.

Und wenn kein' Hilf' auf Erden war'.

Wir Deulscken müssen siegen.

Wo käm' der Welt die Freiheit her.

Wenn wir nicht fiir sie kriegen!

Der Sund' und Willkür Knecht Und was gemein und schlecht Vieltausend Stricke flicht —

Gott will die Knechtschaft nicht:

Die Freiheit soll doch bleiben.

Und wenn die Not am höchsten droht,

Wir Deutschen werden siegen.

Uns führt das heilige Gottgebot;

Kein Biegen will's und Schmiegen,

Vom Himmel leuchtet's her.

Ein' Fackel, uns zur Wehr,

Für Lug und Knechtschaft nicht.

Die blendet all ihr Licht:

Das Recht — eS mutz doch bleiben.

C. Spielmann (Wiesbaden).

•tadbtuä »tristes.

Bas Paket.

Aus den Papieren eines verwundeten Österreichers.

Mitgeteilt von Dr. Hans Wantoch.

Wie lange sie an diesem Tage schon marschiert sein mochten? Um 2 Uhr moroens war Aufbruch gewesen. Aber seitber? Wie viele Stunden- Wie viele Kilometer, Wälder, Felder und Steppen drehten sich vorüber. Und wiederum tauchten Wälder, Felder und Steppen auf. Sie fühlten nicht mehr, wie es bei Sonnenaufgang fröstelnd kalt, wie es dann warm, heiß, und wiederum fiihl und kalt wurde. Sie gingen nur weiter. Immer weiter. Links, rechts, links rechts. Aber es schien ihnen, als drehten sie sich im Kreise.

Zeit und Raum waren verlöscht, und nur dies wußte der Schuster Franzel, daß jemmid plötzlich: „Rast!" kommandierte, daß iich die vor ihm und die neben ihm auf den» Boden ge­worfen und den Mantel um sich geschlagen hatten. Und so tut er es auch. Es ist wohl das Reckte. Auf einmal aber hört er eine Stimme. „Das ist für dich." Und seine Hände halten etwas, ein dickes, braunes Paket, das sich mollig und weich ansühlt. Post! Wie hatte er sich darnach gesehnit, wie hat er seinem Weib geschrieben, daß sie ihm, wenn es nur irgndwie von ihren Finanzen erlaubt sei, ein paar Zigarren sende! „Vritannica", wie er sie am Sonntag nach Tisch sich leiste. Und nun sind sie wohl da, da drinnen in dem Paket. Eine Sendung aus der Heimat. Aber was ist das eigentlich: Heimat? Es liegt so weit, so unsäglich fern, irgendwo am Rand seiner Erinnerung könnte er es wohl finden, aber er ist zu schlaff, es zu suchen; die Heimat ist ausaelöscht von der

Müdigkeit. Und so schiebt er das Paket uneröffnet unter den Kopf.

„Morgen", denkt er noch unbestimmt. Aber am anderen Morgen, um drei Uhr, reißt sie das Alarmsignal auf. Ja, wenn er jetzt eine Zigarre hätte, denkt der Schuster Franzel. Ob sie ihm- welche geschickt haben? Doch es ist nicht Zeit. Im Sturmschritt geht es vor. Schwarmlinien! Und drei Stunden später mit eingelegtem Bajonett an den Feind. Wenn sie die Russen aus ihren Stellungen geschmissen haben, dann kommt er wohl dazu) sein Paket zu öffnen, das er oben in den Tornister gesteckt hat. Das beschwingt ihn. Das macht ihn tollkühn. Der Korporal Sckuster ist allen voran. Drei, vier andere reißt er mit sich. Eine ganze Gruppe der Russen svrcngten ne rechts ab Die Fünf. Er sieht zwar, daß sich kein Bataillon links wendet, daß die ganze Schlacht­linie mehr östlich läuft. Aber er sieht es wiederum nicht. Er sieht nur den Feind vor seinen Augen. Und wie die Russen sich der Braven mit ihm kaum erwehren können. Plötzlich aber sieht er nichts mehr. Von der Stirn rinnt ihm etwas verschleiernd über die Augen. Er reißt im Bruchteil einer Sekunde das Verbandspäckchen aus dem Rock, er knüpft mit zitternden Fingern die Bandage über seine Wunde, und in der nächsten Sekunde ist er umringt. Zwölf gegen ihn allein. Freilich, im nächsten Augenblick sind es nur noch elf. Aber auf die Dauer, eine sehr kurze Dauer, nützt es nichts. Von hinten entreißt ihm einer das Gewehr. Er ist entwaffnet, gefangen..

Die el,' Russen schleppen ihn mit sich. Sie glauben offenbar genug getan zu haben. Der Krieg dünkt fie nun eine höchst überflüssige, unwichtige Angelegenheit. Sie haben ihn: eine Deute. Und sie machen ftch über ihn her, als ob der