i .t: — :~ a i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i-
Nr. 1.
Freitag, 1. Januar.
1915.
Copyright 1914 by Carl Bunker. Berlin.
(12. Fortsetzung.)
Oer wagehak.
Roman von Fritz SkowronnrL
Nachdruck verboten.
Gleich am Nachmittag mußte sich Dcmmlehner zu Bett legen. Die ganze linke Seite seines Körpers schmerzte heftig. . . . Trotzdem schlief er bald ein und schlief einige Stunden ganz fest. Es schummerte schon, als er aufwachte. In dem großen Korbsessel, in dem man ihn ins Haus getragen hatte, saß Onkel Dietrich.
„Na, wie geht's dir, mein Jung, wie fühlst du Sich?"
„Oh, ich öaoke, Onkel. . . . Aber nimm es mir nicht übel, wenn ich dich bitte, meinem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen. Ich kann mich noch immer nicht auf dich besinnen. Wie bist du mit uns verwandt?"
„Mensch, Junge, bist du schon so ganz raus aus deiner Heimat? Ich Lin nicht mit euch verwandt. Ich bin solch ein Onkel, wie es viele gibt in Ostpreußen; ich bin ein Freund deines Vaters. . . . Und deinem Gedächtnis soll ich aus die Sprünge helfen? Ich habe mal einen kleinen, unnützen Schlingel von acht Jahren aus einer Lorfkaule gezogen, in der er bis zum Hals drin saß und habe ihn vor der ihm rechtmäßig zustehenden Tracht Prügel gerettet . .
Trotz der Schmerzen, die er dabei empfand, richtete sich Walter im Bett aus und streckte die rechte Hand aus. „Nun muß ich dich aber wirklich um Verzeihung bitten."
„Ich nehme es für genossen an"/ lachte Degenfeld. „Aber nun gib mal Hals, wie geht es deinem Alten? . . . Wie geht's meinem alten, lieben Josua?"
Walter berichtete getreulich und ausführlich von seinen Eltern und seinen dreizehn Geschwistern. „Sieh mal, Onkel, deshalb habe ich mich ja zur Fliegerabteilung gemeldet. Ich bin schon auf der Schule kein großes Licht gewesen und habe keine Hoffnung, auf irgendeine andere Weise aus der Front zu kommen. Rur dadurch habe ich -es erreicht."
„Das ist ja ganz schön, mein lieber Walter, aber ich würde es doch für praktischer halten, ruhig in der Garnison zu sitzen und Griffe zu kloppen. Jedenfalls ist es sicherer. Heute bist dn doch bloß wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekormnen."
„Ach so schlimm ist das nicht. Du hast bloß Leinen Zaun etwas zu hoch gemacht. Ich fühle mich oben in der Luft so sicher und ruhig. Ich habe eine förmliche Leidenschaft für das Fliegen. Solltest mal einen Flug mit mir machen, wenn meine Maschine wieder in Ordnung ist."
„Ich danke", erwiderte Degenfeld trocken. „Aber nun werde ich dir etwas sagen. Ich werde meinen Schäfer holen lassen, der knetet dich ordentlich durch und schmiert dich mit Dachsfetl ein. . . . Das hilft wunderbar." . . .
Die Prozedur war allerdings etwas schmerzhaft, aber sie wirkte so gut, daß Walter eine Stunde später aufstand. Onkel Dietrich, der dieselbe Figur hatte und nur in der Magengegend etwas völliger war, Hais ihm mit einem Anzug auS. Das Ehepaar Grnmkow war
mit Lisbeth zum Abend gekommen und Walter mußte erzählen. Erna hörte ihm mit leuchtenden Augen zu und war unermüdlich im Fragen. Lisbeth schien wenig Interesse dafür zu haben. Sie machte nur einmal die Bemerkung, daß die Flugmaschinen doch sehr unvollkommen sein müßten, weil doch fast jeden Tag Unfälle vorkämen. Walter gab es ruhig zu. „Um so eifriger muß daran gearbeitet werden, sie zu vervollkommnen, und deshalb muß eifrig geflogen werden, uni die Mängel zu entdecken und abstellen zu können. Jeder groß« Fortschritt muß mit Opfern an Gut und Blut erkauft werden."
„Ich meine", erwiderte Lisbeth etwas schnippisch,
„dazu wären auch andere Menschen gut genug. Offiziere haben dem Vaterland zu dienen und nicht der Flugkunst."
„Das ist schr engherzig von dir gedacht", erwiderte Erna eifrig. „Die Offiziere dienen ja doch damit den' Vaterland, daß sie sich für den Kriegsfall im Fliegen üben."
. „Und die Kriegsleitung hält die Flugzeuge für schr wichtig", fuhr Walter ruhig- fort. . . „Im nächsten Manöver sollen bereits Militärflieger den Ausklärungsdienst übernehmen. Ich hoffe auch dabei zu sein."
„Wenn Sie noch . . erschreckt hielt Lisbeth traie, ein Blick ihrer Mutter hatte sie gewarnt. Aber alle wußten, was sie gemeint hatte. . .
„Mein gnädiges Fräulein", erwiderte Walter ernst, „wir müssen alle sterben, früher oder später. Wer wenn mich das Schicksal ereilt, dann sterbe ich mit dem Bewußtsein, daß ich eine Zeit meines Lebens mehr geleistet habe als viele andere. Sie brauchen sich das gar nicht so gefährlich vorstellcn. Oben in der Lust passiert mir nichts. Da erfüllt mich nur ein erhebendes Gefühl, wenn ich die Welt wie eine Landkarte unter mir ansgebreitet sehe oder ein brodelndes Wolkenmeer, wie heute früh. Und es war wohl der wunderbarste Augenblick meines Lebens, als ich beim Erstaufstieg mit meinem Lehrmeister merktet daß unser Fahrzeug sich von der Erde losgelöst hatte . . . und die Gegenstände unter mir nach rückwärts zu schießen begannen . . ."
„Ist es schwer, das Fliegen zu lernen", fragte Erna.
„DaS hängt sehr von der Begabung ab. Mancher muß sich förmlich dazu zwingen, ruhig zu bleiben und die erforderlichen Handgriffe zu tun. Mir ist es von Anfang an leicht gefallen. Und dann hat es mir geradezu Spaß gemacht. Gestern bin ich dreimal geflogen, einmal morgens, einmal mittags und gegen Abend habe ich mein Pilotenexamen gemacht." ,g
„Ist es dann nicht etwas sehr kühn, sofort er weiten Flug zu unternehmen", fragte Erna.. fühlt«
Walter zuckte die Achseln. „Weshalb? Hatte di^ mich vollkommen der Aufgabe gewachsen .
Maschine als zuverlässig erprobt , , ,
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