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Freitag» l. Januar 1915.
Neujahr 1915.
Von D- Friedrich Naumann, 2’c. d. R.
Alle gslvöhnUchen Neujahrswün'che klingen dieses Mal so klein und dürftig, weil das, was man sich sonst zu wünschen pflegt, nicht ausreicht sür den W e n d e- vunkt der Weltgeschichte. »Sicherlich wird uns niemand hindern, auch dieses Mal unseren Freunden und Verwandten Gesundheit und langes Leben zu wünschen, aber was ist langes Lebe,', sür die Zahllosen, die im Felde stehen? Ihr Leben reicht von einem Tag zum anderen, und sie sind bereit, das Leben hinzugeben, wenn nur daniit der Steg errungen wird. Alles Einzellöben ist nur noch ein Stück des großen allgemeinen Ringens. Es verlieren die Menschen ihre besonderen Extra ansprücke an Glück und verlangen nur noch das Gedeihen der Gesamtheit. Zwar nicht alle stehen auf dieser Höhe und auch im Jahre der herrlichsten Opfer gibt es Selbstsucht und Habsucht von allerlei Art, aber die Menge des Volkes ist tatsächlich über sich selbst hinausgehoben. JÄer Tag bringt Beweise für eine ganz ungewöbn- icfte Standhaftigkeit, Hingabe und Treue. Wir ieben die feldgrauen oder kriegsblauen M äniie t, die schon lange nicht mehr an Dienstvklicht dachten, wir sehen die »aend. die noch nicht lange so weit war, und beide marschieren in einem Schritt und Tritt fürs Vaterland. S-sbeim aber halten die F r a u e n'tapfer aus und . .npfen sich von Woche zu Woche durch. Dieses Volk siebt am' Reusabrstag vor uns und ihm bringen wir untere Glückwünsche: Gott erbalte dich, deut- sch es Volk! Er halte dich ausrecht und lasse dich wachsen unter dem gewaltigen Druck!
Es gab vor Kriegsbeginn allerlei Schwarzseher, die sich besonders weile dünkten, wenn sie dom chölen Geist der Zeit sprachen, als seien wir ein schon hach verfaultes. stnk-mides Volk. Wir erinnern uns, wie eindringlich uns die Sünden vorgabalten wurden, und zwar meist so. daß die unteren Kreise über die oberen redeten und nmae^ebrt Das ist min mit cknem Mal vorbei. Di? verschiedenen Teil? des deutschen Volkes haben sich gegenseitig achten gelernt in ihrer Tüchtigkeit. Sie richten nickt ans spätere soziale Kämpfe, aber zu» st wollen ste einmal 'ulammen das Vaterland ver- aen. wollen erst Ell"nbogenfreche>t nach außen len zind den Stockt sickern, in dem und von ldem leben Dieter gemeinsame politische Wille gibt der ganzen Nation etwas Geschlossenes und Ernktbattes. feierliches,. Erhobenes Wir sind ein ewig Volk von Brüdern. Es acht kein" Parteien. Llle.in einwine Entaleistinaen und Rück^äll^ Vorkommen, '0 werden st" 'nrechtgewiesen. Der Volksentschlnß aber, sick dnrck nickt? in der Welt im notwendigen Knmvs ums Datein stören zu lassen, steht fest. .Die Deist scheu sind wie eme Gestalt ans Bronue irOtten im antaereaten Erbteil Sn-möa-'n sie weiter bleiben! Gott erboste kstch. deutsches Volk!
Die Menge unseres 'tapferen Männervolkes ward an die Grenzen aetnbren und Über die Grenzen, hinaus
Morgen» Ausgabe.
Nr. 1 . ♦ 63. Jahrgang.
weitergeschoben. Jeder einzelne ist nur ein Glied in einem ungeheuren Mechanismus, im größten lebendigen Apparat, den Menschen bisher überhaupt fertig gerächt haben. Von jedem wird Lebendigkeit gefordert, Entschluß oder Geduld, aber schließlich sind doch auch die besten Truppen ein Rohstoff in der Hand der Führer. Man lernt im Kriege beides, den Werl der Masse und den Wert der Führung. Des- halb richten sich unsere Nenjahrswünsche zum deutschen Hauptquartier in Ost und West. Auf der Ostseite wissen wir, wem wir unsere Wünsche zu widmen haben:
H i n de n b u r g und Ludendorff! Möge ihnen noch mancher Fisch'ug gelingen, bis das russische Menschenmeer ausgeschöpft ist! Sie sollen unsere Söhne und Brüder führen zu Tod oder Leben, denn wir wissen, daß sie die gefährliche hohe .Kunst der Kriegsmasicn- führung verstehen. Auf der Westseite ist der Krieg unpersönlicher in der Führung, weil er Schanzgrabenkrieg geworden iL, Das neue Jabr aber wird Zeigen, ob dieser lange' Graben' die letzte Kampfesform moderner Völker ist. Doch sei es, wie es sei, so gilt auch hier der Wunsch, daß feste, klare Führung mit Blut und Leben so verfahre, daß aus dem möglichst geringen Einsatz der möglichst große Gewinn erwachse. Wir grüßen die Führer!
Und wir wünschen ein gutes neues Jahr den deut- schen Diplomaten. Sie können es bratschen, denn im alten Jahr haben ne nicht nur Ruhm geerntet und im neuen Jahre wärt«: ihrer die allergrößten und schwersten Ausgaben. Der Friede - hinter diesem Krieg Ist die verantwortungsvollste Arbeit, die man sich denken kann. Noch wird nicht öffentlich über, das verworrene Problem des Friedens geredet, denn noch sind die größten militärischen Entscheidungen nicht gefallen, noch reichert Mars die Stunde. Irgendwann aber muß das Blutvergießen aufbören, wenn auch neue Menschenopfern na .n nicht-- mehr am Ergebnis ändern. Dann erst werden einige neutrale Staaten versuchen, mit geschonten Truppen in letzter Stunde sich einen Anteil miszumachen. Fast die ganze Erdoberfläche bietet dann ein Feld für Spekulationen. Die alten Grenzen wanken. Wer wird dann unseres Volkes Sache führen? AIS die Dent'chcn ihren letzten geschickt- l'cken Kamps ausfochten, sormulü-rt? Bismarck den Frieden, und selbst dieser bismarckische Frieden war, wie wir jetzt nachträglich sehen, an einigen Stellen nicht weitsichtig genug. Wir wünschen zum neuen Jahre unseren Diplomaten b'Smarckische Kraft l> n d K u n st. das wünschen wir von ganzsm Herzen und ganzer Seele.
Und der heimatlichen Wirtschaft stöbt viel-‘ 1 leicht das schwerste Jabr bevor, das sie jemals erlebte. Noch wissen wir mtt, was wir vor uns haben, denn wir vermögen tritt vorbew»lagen, wie lange und mit welcher Energie die englische Seemacht unsere Ab- schl'eßuna vom Weltmarkt durttübren kann. Indem die englische Wirtschaft uns schädigt, verletzt sie sich selber, und unsere Unterseeboote und Kreuzer sind auch noch lebendig. Aber möglich ist es, daß die wirt
schaftlichen Prüfungen sich vermehren, notwendige Arbeitsstoffe knapp werden, Beleuchtungs- und Ncchrungs- ftoffc inangeln, ganze Industriezweige darniederliegev. Wir wollen nicht unnötig uns und andere mit Ängsten plagen, aber einfach ist der deutsche Haushalt in den kommenden Zeiten nicht- Das wissen wir alle und richten uns darauf ein, mit gutem Willen die Härten auszugleichen und das vorhandene Gilt mit Spa - s a m k e i t und Klugheit sür alle zu verwerft«: c. Dabei Hilst uns die Erfahrung der bisherigen fünf Kriegsmonate, in^denen es im Grunde besser ging, als wir von Anfang an voranssehen konnten. Die deutsche Wirtschaft ist in ihrem Kern sehr gesund und hält einige starke Stöße aus. Alle Berufsstände, Gewerbe- Vertretung, Gewerkschasten, Genossenschaften in Stadt und Land fangen an, sich als Glieder eines gemeinsamen Körpers zu fühlen und verteidigen den GeschäM» gang gegen Ausniitzung und Stockung. Auf diesem Gebiete lernen wir alle von Tag zu Tag und wachsen an - Einsicht und ordnendem Willen. Unser Neujahrs- Wunsch aber ist, daß es den Gegnern nicht gelinge, uns wirtschaftlich klein zu kriegen. Sie mögen tun, was sie wollen, aber stärker als aller böser Plan ist der mächtige gute Wille eines Volkes, das arbeiten gelernt hat.und auch im Gedränge den Kaps nicht verliert. Wir wollen Vertrauen haben zu uns selbst und dem, was an Stoffen, Kräften und Ideen in Deutschland vorhanden ist, dann bitten wir nicht vergeblich: Unser täglich Brot gib uns heute!
Und noch einen Wunsch fügen wir an für unsere Bundesgenossen, die mit uns um gleichen Sieg sich bemühen. Seid gegrüßt, ihr Österreicher und Ungarn, ihr Türken und sonstigen Mohammedaner! Das Schicksal hat uns zusammen auf ein Brett geworfen und uns die gleichen Feinde gegeben. Euer Blut und das unsere fließt für denselben Weltgeschichtstag der niitteleuropäffchen» Freiheit. Ihr und wir wollen aushalten zwischen Ost und West, zwilchen Moskau und London. Es ist das ein hartes Stück Aibeit und mancher treue Sohn bei euch und uns wird durch den Kopf geschossen, aber was hilft es? Der Krieg ist da und muß avsgefotten werden. Um unserer Kinder und Enkel willen müssen wir alle unbedingt standbalten im Jahre 1918. Dann wind noch lange nach unsereiii Leben von diesem Jalire erzählt, vom Jabre unseres gemeinsamen Heili- gen Krieges. Euch wünschen wir, ihr Freunde in der kernen Welt, 'euch Würstchen wir, was ihr uns wünscht zum neuen Jahre: den Sieg!
Gin Denetchenwecbsel zwikchet, dem bayerischen und Kcif-r Wilhelm.
W. T.-E Munch'», 31. Dez. (Nichtamtlich.! Anläßlich des Iabreswechiels bat zwischen dem König Ludwig rmd dem deutschen Kaiser folgender Depeschenwechsel stattgefunden:
Seiner Majestät Kaiser Wilhelm. Großes Hauptauaetier. An der Wende des Jahres, in dem Deutschland gegen eine Welt von Feinden zum Schwerte greifen mußte, beseelt uns
Drm nrnrn Slhre 1915!
Auf glühenden Wogen, im Strom der Zeit, Dahin gepeitscht von der Ewigkeit,
Mit klirrenden Klängen, von eiserner Faust Dem Sturme vertraut, der die Welt zerzaust, Durch Greuel und Ewausen und Not und Nacht Und tapfere Treue, die wehrend wacht —
Mit Tod und Trauer am Degenknauf:
So steigst du, ehernes Jahr, heraufl Und wo du wandelst, da wanket die Welt!
An deinem Willen das All zerschellt!
Reiche-zerbersten und Völker vergehen.
Wo deine flammenden Fahnen wehen!
Kaiser und Könige sind dir ein Nichts, Vollstreckertn heiligsten Weltengerichts!
Dich scheret nicht, was da ist und war!
Du bist die Rache, blutiges Jahr!
Deine Stimme von Heldentaten singt!
Dein Blick durch zerstörte Länder dringt!
Was deiner Lippen glühender Odem trifft, Vergehet an deines Herzhaffes Gift!
Und was da morsch ist und müde und zag. Zerschmettern will's deiner Färute Schlag! —
Rur dem,, der ringet für Recht und Licht,
Derne blutige Hand den Lorbeer flicht!
So steige empor nur- ln Flammenpracht,
Du Eisenjahr! — Wir Haffen" die Nacht! ,, Unb deiner Waffen Geklirre und Klang Umbraust uns wie heiliger Heldensang!
Und all deine Not. du grausige Zeit,
ttsere Herzen von Trägheit und Trug befreit!
D-nn was auch sterben und werden mag,
Du bringst unsernr Rechte den Siegestag!
Heillz Gorrenz.
Der Hund unseres Leutnants.
Dem LebM abgelauscht von Lothar Knud Fredrik.
Wir machten seine Bekanntschaft in der Offizier- insttuktionsftunde, die uns Rekruten und Kriegsfreiwilligen immer eine willkommene Unterbrechung des sonstigen, nur aus Exerzieren und wieder Exerzieren bestehenden militärischen Einäplhis war. Er war kein übermäßig großer und strammer Bursche und von feinen Gliedern, ttug aber nichts destoweniger die schmale, spitze Raffenase ebenso keck in der Luft wie die gutgebaute Rute. Sein Rock war ganz und gar schokoladenbraun: nur die Augenbraunen wiesen eine gelbliche Färbung auf. Daß er mit seinen kurzen, krummen Sichelbeinen, an denen reizende, weiche, fleischige Grabepfoten saheii, wie-er verschiedenen hon uns „pfotgreiflich" bewies, — daß er mit diesen kurzen Sichelbeinen einen wahren Sturmschritt anscklagen konnte, das hätte keiner von uns ihm zugetraut. Kurz, er war ein Raffeteckel von echtestem Sä,rot und Korn, der das urgesunde Herz, wie er später glänzend bewies, auf dem rechten Flecks trug.
Als er das erstemal in Begleitung seines Herrn — jeder Teckclbesitzer wird zustimmen, daß ein Teckelbesitzer nie in Begleitung seines Teckels kommt, sondern umgekehrt! — zu uns tam, da trug er Raffeschnauze- und -rute unerhört hochmütig in die Höhe gereckt, sah uns werdeilde Vakerlandsver- teidiger verboten von oben herab an, — und damit waren wir für ihn erledigt. Luft, vollkommen Luft, einfach nicht mehr da.
Das tränkte uns natürlich tief, und es gab sogar einige Bose unter uns, die da meinten, eine solche ntchtachtende Behandlung brauchten sie 'ich nicht gefallen zu lasten, und einige Ganzböse, die ihm zornplühenden Herzens Rache schworen. Doch daraus wurde nichts. Die Verständigeren von u»t3 'wußten alle Rachcpläne zuschanden zu machen. So entging er der vielleicht nicht völlig unverdienten Strafe.
Aber es sollte noch ganz anders kommen, obwohl er die nächsten drei- oder vier Mole, die er sich von seinem Leutnant in die Jnstzruktionsstimde begleiten ließ, sein hosfärtiges Wesen wenig oder gar nicht änderte.
Unser Leutnant nämlich, der uns in die Feinheiten der höhereit Strategie einweihte, ein fast kleiner Mann und ebenso zartgliedrig wie sein Teckel, mit schmalem, blonden, rassigen Gesicht, und obendrein ein wegen eines Lungen- knaxes zmii „Schwamm" kommandierter Fliegeroffizier, dieser Leutnant besaß unsere ganze Liebe. Kaum älter al8 der Durchschnitt von uns- und sicher jünger als die beiden alten Knaben unserer Kompagnie, von denen der eine Dr. juris und Affeffor und ioohlbestallter Shndikus war, wä!>- reiid der andere in Friedenszeiten mit Tinte unbeschriebenes Papier zu entwerten sich^liestrebte, war uns unser Leutnant doch förmlich ein Vater. Mit allen unseren Wünschen, An- liegen und Sorgen kamen wir zu ihm. Er hörte alle und jeden von uns mit einer geradezu himmlischen Geduld an und hat uns nie im Stich gelaffen, wenn es irgendwie in seinen Kräften stand, unsere Bitten durchzusetzen.
Wir wußten, daß auch die anderen Kompagnien in gleicher Weise für den kleinen Fliegerleutnant schwärmiten, der sich mit brennendem Herzen, wie wir alle, hinaus an die Front, vor den Feind sehnte, und als Halbinvalide, als Genesender, seine Kraft in den Dienst des Vaterlandes stellte. Und wrr waren eifersüchtig daraus; ich glaube aber, daß ev unsere Kompagnie doch auch seinerseits am meisten in sein gutes junges Herz geschlossen hatte. ES sprachen dafür allerhand kleine Anzeichen, wie z. V., daß er sich aus den Felddienstübungen oder beim Schießen am häufigsten bei uuS aushielt. Und manches gewiß auch verdiente Donuerwetter aus dem Munde eines unserer Unteroffiziere hat er allein durch seine Gegenwart abgewcndet; er war kein Freund des rauhen Kasernenhoftones, der Straffheit und Energit i« die Glieder zu bringen bezweckt. Nie hat einer von uns chn ein hartes oder heftiges Wort s-zgen hören. Er batte eine ganz
l r.
