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Schweigen und Hoffen!
Ist es nur die Reaktion auf die Trostlosigkeit vieler Monate. wenn heute, am Ende des Jahres J923, beim schüchternsten, dünnen Sonnenstrahl schon Gegenwarts- Glaube und Zukunftshoffnung üppig ins Krallt schießen- Ist es ein Zeichen des leichtfertigen Optimismus, wenn in weiten Kressen des deutschen Volkes sich jetzt so etwas wie ein Gefühl der Erleichterung geltend .nacht? Das Jahr des Unheils 1923 ist zu Ende. Dürfen wir an seinem Ende die Hoffnung aufpflanzen mit mehr Be- rechligung als dem Schillerschen Gefühl, daß wir „zu was Besserem geboren" sind und daß die innere Stimme „die hoffende Seele nicht täuschen" kann?
Wie unendlich Schweres ist in den letzten 12 Mona» ten über uns hereingebrochen! Wer hätte geglaubt, dah der einzelne und die Gemeinschaft ein solches Übermaß von Unglück und Schicksalsschlägen überstehen könne? Es war fast zuviel für ein 30.1)1, )uviel für die Nerven eines schon fast ein Dezennium nicht n>ehr zur Ruhe kommenden Volkes. Und doch — mir leben noch! And doch: wir bilden noch eine Volksgemeinschaft! Gibt uns nicht dieses eine schon das Recht zur HoN- n u n ß : Daß das Deutsche Reich, das deutsche Voll allen unerhörten Belastungen zum Trotz noch aufrecht steht? Ein weniger junges, ein weniger starkes Volk hätte zerbrechen müssen an all dem Entsetzlichen. Der Ansturm gegen die deutsche Einheit, gegen die deutsche Republik war furchtbar: Dennoch ist er abgeschlossen. Er war io gefährlich, nicht wegen der inneren Kraft der partikularistisch-völkischen Kreise, sondern deshalb, weil alle reichstreuen republikanischen Kreise gleichsam gelähmt waren durch wirtschaftliche Rot und Hoffnungslosigkeit. Und dennoch bat das Deutsche Reich auf der allein möglichen demokratisch-republikanischeuGrund- laae allen Stöhen standgehalten! Die deutsche Republik ist stärker als ihre Feinde, sie ist auch stärker, als ihre Anhänger glauben und wisien.
Die deutsche Republik hat im Jahre 1923 einen Zu- starrd überdauert, in dem ihr politischer Bestand durch die crufgezwungenen Unsicherheiten ihres Verhältnisses zu annähernd einem Viertel des Deutschen Reiches, z» Rheinland und Bayern, fragwürdig und proülematssch war. Sie hat einen.Zustand überdauert, in dem sie unter Außerkraftsetzung fundamentalster Grundrechte und Grundsätze der Verfassung eine Reichoexekution mit allen Beschwernissen einer Militärherrschaft gegen -trotze Länder ins Werk setzte und dadurch grotze Massen ihrer Anhänaer mit Zorn und Abmehrwillen gegen sich erfüllen mutzte. Die deutsche Republik hat endlich in diesem Jahre des Unbeils einen Zustand überdauert, in dem- der unerfreulichste aller deutschen Nachkricgs» minister, Hermes, die deutschen Finanzen. und damit die deutsche Währung planlos oder planmäßig verfallen ließ und so die wirtschaftliche Grundlage alles deuftchcn
h'kurjcyEd unu wi ucui|u^u
der bet schrankenlose Egoismus hochkaprtarjsttpher Kresse ebensoviel Schuld trägt wie die schwäche degt- scher Regierungen und der Parteien, die Grundlagen d»s neuen deutschen Staates bat vernichten .onnea. Und als sich endlick die Reichsregieruna zur Neufundw- rung des wirtschaftlichen Lebens entschloß, da zeigte sich erst wie viel Kraft, wie viel Lebenswillen, wie viel Zukunftsmöolichkeiten auch heute noch in Deutschland vorhanden sind.
Die deutsche Republik hat rm »verflossenen Iabre alle Anariffe abgemehrt. Wenn sie fest bleibt im Willen zur Selbstbehauptung, wenn sie den Glauben an sich selbst nickt verliert, dann kann sie mt Jahre 1324 das Ungebei!''e vollbringen: die Stabilisierung oer deutschen Finanzen, die Herstellung der Reichsauroritat in Bayern die Be"einigun<z des Verhältnisses^ vj. (yT.in,= reich Die Probleme, die das verganaene ^abr amac- w»rfen bot sind mbllos und schicksalsschwer. Mage die straft »i, jbi-er Lösung, die uns in den letztenWochen veu gewachsen ist. nicht erlabmen! 'Möge ge ihre Nabruna zieben aus den Zwei starken WurgS n Hoft- vung undS^ille. wie es der alteSpruch am oitsriestschon Emdener Rathaus sagt: ln s T >* ot silentio tormudo tiostra - in stiller Hoffnung liegt unsere sta»«e!
FL- Aufhebung des militärischen Ausnahmezustandes.
Berlin II Der „Montag" teilt mit. daß in der
"«ckücn. am 3 Januar itattsintzonden Sitzung be«8 J ^ ebner. Auslchusirs des Reichstags ein soZiavemo, wiilchcr Antrag aus Ausbebung des Military 4tn Ausnabmetultandes acsteut werden wu .
Montag, 31. Dezember 1923.
MsMec wr An die BepataÜonsitB3e.
Paris, 31. Dez. Reichskanzler Marx hat'.den Sonderberichterstatter des Brüsseler demokratischen Blattes „Derniötze Heute" empfangen Er erklärte ihm: die jüngst erfolgte D e m a r ch e sei in dem gleichen Geiste unternommen worden, der durch die Roten seiner Vorgänger vom 2. Mai und 18. Juni ziehe, aus die keinerlei Antwort erfolgt sei. Deutschland werde alles tun, was es könne, um feine Repaca- tionsverpflichtung, en zu erfüllen. Es werde auch fein Möglichstes tun, um die Arbeiten der von der Repko eingesetzten Ausschüsse zu unterstützen, um Deutschlands Zahlungsfähigkeit seil» stellen zu können und um feststellen zu können, ob eine beträchtliche Kapitalflucht stattgesunden habe. Man werde auch gern die Mittel prüfen, die verwendet werden können, damit Deutschland seine Verpslichruu- gen erfülle. Man werde den Mitgliedern des Komitees die Bücher vorlegen, denn Deutschland habe nichts zu verbergen und nichts zu verschweig en. Der Reichskanzler erklärte, die Frage von Rhein und Ruhr sei eng verknüpft mit der Revarations- frage. Wie solle Deutschland Reparationen zahlen können, wenn es von den besetzten Gebieten getrennt bleibe, die ihm das liefern müßten, was es an Kohlen und Eisen nötig habe. Der Hauptgrund, weshalb man nach Paris gegangen fei. sei der, mit den Mächten in Verhandlungen einzutreten, die die Macht in den besetzten Gebieten in Händen hätten, um das Elend des Volkes zu mildern und um den wirtschaftlichen Verkehr zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Deutschland wieder aufzurtchten._
A. Wer net w MMm örs Beltes.
Köln. 30. Dez. In einer eingehenden Unterredung m:r dem Berliner Vertreter der „Köln. 3ta.“. erklärte Re'.chs- sinanzmln'ster Dr. Lut der u. a.. daß 'eit dem Tage, an welchem die Rcntenbank mit der Ausgabe van Neutenmarkickeinen begannen bat. dem 15. November, Sckatzanwi'ilungen des Reiches nickt mebr diskontiert rver- -den durften und nickt mebr diskontiert wurden, und daß dansst die Nctenareise für die Zwecke des Reiches bei der Reicksbcink st i l l g e l e a t war. Die Steigerung des Nctenumlauis der Neichsbank nach dem 15. November sst auf private Bedürfnisse zurückzufübren. Demgegenüber gingen die Sckatzcmrveilungsbestände der Rsicksbank von 189.8 Trillionen Mark am 15. November auf 90.5 Trillionen am 30 November zurück. Die Steigerung des Notenumlaufs bat nur iniowe't mit den Bedürfnissen des Reiches etwas zu tun. als in den Ausweisen vom 23. November und 30. November noch nickt abierrchnete Rentenmarkver- feiufe erscheinen, welche die Reichsbank für Rechnung des Reiches aus dessen verzinslichen Krediten ausfubrte. wofür sie den Gegenwert in Nolenform dem Reiche bereits zufübren mutzte. Übrigens verminderten sich die Scham:-,- ivessiivgsbcstonde inzwUcken weiter erbeblich und dürfleu in Kürze ganz abgedecki sein. , „ , , , . .
Au' die Frage des Berrckterstatters. ob stck durch dre Mnksamkeit der Rentenbank eine neue Jnslations- auelle eröstne antwortete der Minister verneinend. Auch die Frage ob durch das Sinzutreten der Rentenmarkbeträge zu dem b'sberiaen Notenumlauf nickt d:e Gefahr einer in- ftationisli'chen Wirkung eutstebe. verneinte der Minister, indem er hierzu aussührte. doch durch den Umtausch von Vaviermcrk gegen Rcntenbankicheine sich enllv'echend der Umlauf an Pavkermark verringere. Aber selbst wenn das volle Kontingent in Umlauf käme und zu den gegenwärtig im Berkebr befindlichen Geldzeichen binzntrete. würde die Summe aller Zablunasmittel m Gold umgere-cknet gegenüber den Vorkriegsziffern. nickt als grah erscheinen. Während gegenwärtig an RentenbanOcheinen. Reicksbanknoten. kleineren Goldauleckeftücken und Notgeld etwa 2400 Millionen Goldgeld im Verkehr seien beliefe stch der gesamte Zablungsmitteluurloiif 1923 in Deutschland aus 5.85 Milliarden. Man »könne also keineswegs von einer Uber- sättigung des Verkehrs mit Zahlungsmitteln lorecken. Für der zulünfi'gen Umlauf der Rentenmark und seine Beurteilung sei es wichtig zu willen, d.atz für die Rentenmark Äufchugunaen und Anlagemöglichkeiten geschaffen sind, dw dellatienistüch wirken mühten, und zwar seien das über 3>'0 Rentenmark lautende Rentenbriefe der Rentcnbank. Nack einer Umwandlung in diele verlören die Renkenbank- tchcine ibrcn Charakter als Zabliinasmtttel Ferner würde das Re'ch auf Rentenmark lautende unverzinsliche Sckatz- tuwoisunaen ousgeben die eine "v'zügliche Anlage für Reutenmarkdevollten bilden. Schließlich erklärte der Mii.üter dah selbst im Falle äuherst dringender smamzieller Sv'gen e've Iuslationsvolilik unter seiner Amtstätigkeit ai r-grichlollen sein werde
71. ZahrüKNg.
Wnterzahlung der Bdsatzungskost'n.
Berlin, 29. Dez. Llbglcich di« für den Übergangsbaus- halt zu - erwartenden Steuere:ngänge trotz der äuseriten Beickräniung der Ausgaben die'Deckung für die Beiatzungs- lciten nickt cinschliehen dem Reich bekanntlich alle, inländischen Kreditauellen verlchloiten sind und oüwovl beionders für den Januar mit autzerordeutlicken Kallenickwierigketten gerechnet werden muh. bat das R e ! ch s k a b i n c 11 angesichts der gerade jetzt schwebe nden auhenool l tischen Derbandlungen beschlestcn dr« Be-satzungs- kostev. im engsten Unifang unter der Voraussetzung dar; Zablungsmiltel überbauot zur Verfügung sieben., auf be- schränkle Zeit weiter zu zahlen. GleichzciNg wurde beschlallen die hierüber im Gangs befindlicken dwlomaü- scheii Verhandlungen mit gröbrer Veichleuntguna rum Ab- schtus »u bringen.
rsmn roinraün krr'Millr.
ap. BerliN, 31. Dez. (Drahtmeldmrg 'unserer Berliner Abteilung.) Das alte Jahr schließt zwar rn politischer Hinsicht sehr ruhig, aber die kommenden Ereignisse werfen schon ihre Schatten voraus. Da ist außen» politisch zunächst auf
die Antwort Frankreichs und Belgiens aus das deutsche Memorandum
zu verweisen. Nachdem der französische Oberkornmissar T i r a r d sich bereits gutachtlich geäußert hatte, ist nunmehr auch das Gutachten des Generals Degoutte bei der französischen Regierung eingegangen. Sowoyl Tiravd wie Degoutte haben sich dabei, wenn der ..Biatin" richtig informiert ist. gegen die von der deutschen Negierung gewünschte Abänderung des Regimes an der Ruhr ausaesprochen. Auch die technischen Sachverständigen der belgischen und französischen Regierung sollen schwere Bedenken geäußert haben und Etvile Delge" will denn a-uch bereits wissen, daß stch die französische und belgische Regierung schon einig seien, welche Antwort auf die deutsche Note erteilt wer- den soll Sicher sei, daß die Antwort gegenüber mehre» ren in dem deutschen Memorandum enthaltenen Vunk- lcn Vorbehalte machen werde, die die Vorbedin» gung ftir jede weitere Verhandlungen sein dürften. Es scheint also, daß der Skeptizismus, den offizielle Berliner Kreise hinsichtlich der kommenden Verbandlungen an den Tag legten, nicht unberechtigt ist. Man erwartet die Antwort Frankreichs und Belgiens in Berlin etwa fürMitts dieser Woche. Zu diesem Zeitpunkt durfte denn auch Dr. S t r e s e m a n n von seinem kurzen Urlaub, den er in Lugano verbringt, nach Berlin zurückkehren. .
Ist der außenpolitische Himmel also keineswegs wolkenlos, so kündigen stch auch innerpolitisck kommende Ereignisse an. Vor allem
die Reichstagswahlcn,
die sa mit oder ohne Rcichstagsauflösung im Frühjahr stattfinden dürften. . Die Sozialdemokratie glaubt offenbar, die besten Geschäfte machen zu können, wenn sie den Wahlkampf als ausgesprochene Oppositionspartei führt. Der „Vorwärts" läßt denn auch jetzt wieder keinen Tag ohne Angriffe auf die bleichsregie- rting vergehen, wobei das Haupto-bjekt der Angriffe der Reichsfustizminister Dr^ Emminger ist, da man wegen der früheren Dundesgenossenfchaft den Reichskanzler selbst offenbar nicht gern allzu hart anfassen möchte. Daneben kämpft die Partei weiter sehr energisch für
die Aushebung des militärischen Dclagerungs» zustandcs.
Wie der gestrige „Vorwärts" dazu mitteilt, haben Der- treter'der Partei gelegentlich einer am Freitag abgehaltenen Besprechung mit dem Reichskanzler n a ch- d r ü ck l i ch die Aufhebung des militärischen Ausnahmezustandes verlangt und insbesondere gegen das Vorgehen des Rerchsjuftizministers. der seine Notverordnung auf den Artikel 48 der Verfassung stützte, Einspruch erhoben. Don einer Antwort des Kanzlers weiß der „Vorwärts" nichts zu berichten. Er kündigt aber an, daß sich der Parteivorstand mit dieser Frage demnächst befassen werde. Zur Unterstreichung seines Vergehens gegen den Ausnahmezustand druckt der „Vorwärts" an leitender Stelle einen in die gleiche Korbs schlagenden Artikel ab, der in der ..Königsberaer Polks- zeituna" veröffentlicht war und auf Grund dessen dieses Blatt' verboten wurde. Der „Vorwärts" scheint also ein 5Berbot provozieren zu wollen. 'Man sseht, daß er in seinen Kampfmitteln nicht gerade wählerisch ist.
Nickt ganz einfach scheint sich auch
die Formulierung der dritten Steuernotverordnung
zu gestalten. Dr. Luther hat bekanntlich mit den süddeutschen Regierungen über die Neuverteilung der Lasten und der' Steuereinnahmen zwischen Reich und Landern verhandelt. Aus dieser Aussprache Huben, sich, wie es heißt, neue Gesichtspunkte ergeben, die eine Vertagung der Verabschiedung der dritten Steuer» Notverordnung durch das Kabinett notwendig machen, d. h. affo, daß sich anscheinend gegen die Pläne des Reichs Widerspruch bei den Ländern erhoben hat. Das Kabinett wird sich erst nach Neujahr mir dieser Frage befassen. Auf joden Fall stehen wir also vor folgen» schweren Entscheidungen und das neue Jahr wird fo!» genschwere innerpolitische Kämpfe bringen!
Dr. Stresemunn in Lugano.
Lugano. 31. Dez. sEig. Drahtbericht.) Reichs- Minister des Äußern Dr. S t r e s e m a n n ist hier ein- getrofjen.
