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Nr. 290.

Montag, 24. Dezember 1923.

71. Jahrgang.

Wegen des Weihnachtsfestes erscheint die nächste ^agvlatt"-Ausgabe am Dounerstagnachmittag.

Das zehnte Nicht-Weihnachten?

Von Pfarrer Fritz Philiovi lWiesbaden).

Das ist nun das zehnte Lvcihnachten, das anders kommt, als wir es feiern möchten. Und unbekümmert mi die Zeitläufte, ob's den Menschenohren genehm ist -der nicht — klingt das Weihnachtslied: „Vom Himmel hoch, da komm' ich her." Ein heiliger Eigensinn klingt aus dem töricht seligen Lied, auch wenn's keiner mit­sänge. Es ist. als ob ein Unterton zuversichtlich mit- schwingt: man wird es schon einmal mitsingen. Das Lied kann warten, bis seine „Zeit erfüllet ward".

Ob wir heule, bei der zehnjährigen Wiederkehr der Nicht-Weihnachten etwas davon wahruehmen, daß "u-Ä ki« weihnachtliche Erundmelodie vom Frieden auf Erden - dazu vcrbestimmt ist, die Rettung aus dem Chaos des Kampfes aller gegen alle zu bringen? Das Weih- nachtslied. als menschheitliche — oder vorläufig doch europäische Nationalhymne' bedeutete die Rettung der Welt.

Das sind natürlich Phantastereien für den Alltag--- Menschen, der nur das Materielle als Wirklichkeit gel­ten lasten will. Aber hinter der Maske des hochmüti­gen Unglaubens verbirgt sich nur noch notdürftig die Ratlosigkeit: Wie foll's denn endlich anders werden? Die zehn Nicht-Weihnachten bedeuten eine Summe der Erwartung und der wachsenden Aufklärung, daß eine Welt rhne Gowisten und ohne Ehrfurcht und ohne Menschlichkeit reif ist für den Untergang, wenn nicht ron innen aus ein neuer Anfang wird. Erst wenn Ver- trauen cinkehrt, kann Friede werden. Ein Aufschrei nach seelischer Auferstehung geht durch die Welt! Tod der frivolen Vermessenheit der Leiber, der Mägen und der Trieboigane, ohne Seele auskommeä zu wollen!

Das furchtbare Jahrzehnt, das wir durchwandert heben, hat uns wie Morgengrauen auf dein Schlacht­feld den Zusammenbruch der materiellen Unkultur ge­bracht. Zumal in diesem Jahr hat sich das Dasein zu einem Zerrbild des Lebens gesteigert. In den Mauen des Eeldteufels wurde die Maste von einer Panik der Dafeinr-angst in die andere gehetzt. Alle bösen Geister der Niedertracht betriebm mit fanatischer Eier das Deufelswerk der menschlichen Selbstzerfleischung. Ge­spenster gingen um am Hellen Tag.

Ob die Menschheit reif ist für die Erkenntnis, daß «ir uns selber die Gespenster heraufbeschworen haben? Zst nicht der leise Anfang einer Wendung zum Bestern vahrnehmbar? Macht sich nicht doch endlich in der Zeitlage ein Wille zur Verständigung spürbar? Wir Mitten nichts gelernt und wären selbst durch Schaden unverbesserlich, wenn wir nicht endlich be- ßtiffen, wie unser Einzelschicksal mit dem Gesamtschicksal Nseres Volkes unlösbar verbunden ist. Und ebenso Ps mit der Verbundenheit des einzelnen Lolkvichick- ftls mit dem europäischen Schicksal. Das ergibt die Appelle Folgerung: wer auf seine Selbsterhaltung

ßlint. muß national denken; und wer richtig natio­nal gesinnt sein will, muß europäisch denken. Neal- politiisch ausgedrückt, ist da das Nächstliegende, daß mir ipr Verständigung kommen müsten mit unserem west­licher! Nachbar. Wir können nicht rheinische Politik beiden, die nicht zugleich deutsche Politik wäre. Aber putsche Politik muß zielbewußt «ms ein europäisches Weihnachten zusteuern.

Es heißt' nicht ohne Grund in der Weihnachtsbot- üaft von „der großen Freude, die allem Volk wider- Hren wird". Freude, nicht in der Einzahl, sondern in °er Mehrzahl, das ist die große Freude. — Wird sie Mich kommen? Wir hoffen wiÄ>er. Wenn wenig-

ß bns der seelische Tiefpunkt überwunden ist! Welches lfatmen hat schon die Wertbeständrgkeit in den letzten ochen gebracht! Und das Ernstnehmen unserer fnrcht- unc! baren Tage durch Stillegen der Notenpreste, io hart und das Hftrheischend seine Folgen sein mögen. Und die ver-

big-i- ° Produktionswilligkeit!

ssseil.,il Während wir dies schreiben, sinkt leise vom Himmel ßn«r. Pech Jllt dunklen Erde ein linnenweißes Weihnachts- b'd. — O, wir sind so müde unseres Unglaubens! möchten gerne wieder glauben: Weihnachten!

Beschlüsse des Reichskabinetts.

22. Der. Das R eich skabi net t hat die Ordnung zur Änderung des Mieterschutzsefctzes und des ^nrnnrmanaekgesetzcs genehmigt. Ferner wurde u. a. fl Entwurf einer Verordnung zur V e.rei n,fachung ßiL,S trafrcchtsvflege unter Berücksichtigung der des Fünfzehner-AusiÄustes des Reichstags zu-

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RLichsbankpräsidsnt Schacht.

Berlin. 21. Dez. Der Reichspräsident bat ent­sprechend dem Vorschlag des Reichsrats den Währungs kommiisar und bisherigen Dankdirektor Dr. Schacht zum Reichsbankprästdenten ernannt. Dr. Schacht behält seme Stellung als Reichswähnmüskommistar bei.

Der zum Nachfolger Havensteins ernannte Relchs- währungskommistar Dr. Hialmar Schacht ist am 22. Januar 1877 geboren, sieht also jetzt im 47. Lebensjahr. Von 1903 bis 1915 war er Archivar und stellvertretender Direktor der Dresdner Bank, im Jahre 1916 übernahm er die Lei­tung der No.tionalbank für Deutschland. Es gelang ihm zu­sammen mit seinen Mitarbeitern, diese mit Fehlern der Vergangenheit belastete Bank zu neuer günstiger Entwick­lung zu führen. Seit längerer Zeit beschäftigte er sich mit Wiitschaftsverhandluiiigen politischen Einschlages. Als Politiker gehört er zur Deutschen demokratischen Partei. Im Währungsstreit des letzten Jahres trat er mit einem eigenen Projekt hervor das als Hauptpunkt die Errichtung einer Coldnotenbank vorsah. während bis zur Balancierung des Reichsbaushalts die damals schon teilweise ausgegebene Goldanleihe weiterhin zur Zwischenlösung fruchtbar gemacht werden sollte Schacht legte in seinen Vorschlägen das richtige Gewicht auf die entscheidende Frage der Staats­finanzierung. Das Rentenmarkvrojekt Helfferichs lehnte er ab: nachdem cs aber einmal eingesührt war. suchte er. zum Währungskommistar berusen. das Beste aus ihm zu machen.

Eine Reichs-Sparkommifsion.

Berlin, 22. Dez. Durch eine Verordnung vom 18. De­zember hat der Reichspräsident auf Vorschlag der Reichsregierung unter dem Vorsitz des Spar- kommistars a. D. Saemifch einedreigliedrige Kommission eingesetzt, der es obliegt, eine Ver­einfachung' der Verwaltung und eine Verringerung der Ausgaben des Reiches durchzuführen. Die näheren Richtlinien über die Befugniste der Kommistion werden von der Reichsregierung ausgestellt. Zu Mrtgliedern der Kommistion sind vom Reichspräsidenten Staars- fekretär z. D. Tr. Felix Busch und Wirklicher Eelleim- ratStaatssekretär z. D Dr. Theodor L e w a l o berufen worden. ' ' * ’ s

Die rheinisch-westfälische Notenbank.

Berlin. 22. Dcz. Die im Laufe der vergangenen Woche in Be-lin zwischen der Reichsregierung und Vertretern der rbeinisch-westsälvchen Bankwelt und Industrie geführten Verhandlungen über die Anerkennung der Rbeinisch-West- fäl'kchen Bank, welche zur Ausgabe von in Devisen ein- lüsbaren Jnhaberscheinen berechtigt sein soll, haben einen erfolgversprechenden Verlauf genommen. Der Reichskanzler legte dem Fübrer der rheinisch-westfälischen Gruppe, Geheimrat Louis Hagen, in einem ausführ­lichen Schreiben die Voraussetzungen und Bedingungen dar. unter denen die Reichsregierung eine gesetzliche Anerkennung der Bank in Aussicht nimmt. Das Ziel dieser Bedingun­gen ist dahin gerichtet, die Währungseinheit des Deutschen Reiches und den wirtschaftlichen Verkehr zwilchen dem besetzten und unbesetzten Gebiet zu erhallen und dafür zu sorgen, daß der Zahlungsverkehr in dem be- sttzten Gebiet, auch so weit er nicht durch die seitens der Bank auszugebenden Scheine erfolgt, wiederum in geord­nete Bahnen gelenkt wird. Letzten Endes mutz die zu gründende Bank alsbald so eingerichtet werden, daß ihr« Ubeile'tnna in das deutsche Zentralnoteninstitut, sobald dieses wiederum eine vollwertige Eoldnote ausaibt. rei­bungslos möglich ist.

Die staatliche Grundsteuer km besetzten Gebiet.

Berlin, 23. Dez. Wie dem amtlichen preußischen Pressedienst mitgeteilt wird, hat sich die preußische Finanzoerwaltung entschlosten, von der im oeictzten Ge­biet bis zum 31. Januar kommenden Jahres eingehen­den staatlichen Grundsteuer die Hälfte den Kommunen des besetzten Gebietes als Kastenoor- schnß vorläufig zu überlasten. Die Frage, ob auch für Februar ein ähnliches Verfahren eingeschlagen werden soll, wird rm Laufe des Monats Januar zu entscheiden sein. Bereits früher war die vorläufige Überlastung des Landesanteils an. der Körperschaftssteuer als Kastenvorschub angenommen worden. Maßnahmen sind getroffen, um den Gemeinden des besetzten Ge­bietes das Hinwegkommen über die außer­ordentlichen Schwierigkeiten zu ermög­lichen und sie in den Stand zu setzen, die ihnen ob­liegende Fürsorge für die Bevölkerung, auch in den kommenden Wochen, wenigstens in eingeschränktem Umfang durchzuführen.

Borläusig keine Fachausschüsse.

Berlin, 22. Dez. Wie wir von maßgebender Seite er­fahren. wird der R e i ck s w i r t s cki a f t s m i n i st e r die Vorlage über die V:ldung von Fachausschüssen im vor- lämig'N Reibswirtschaftsrat vorerst nicht weiter verfolgen, nachdem der Verfaffungsausschuh des vorläufigen Relchs- wirtichastsrats die Vorlage abgelebnt bat.

Weimar als Garnison.

Weimar. 23. Dez. lEig. Dralltbericht.1 Wie wir von zuverlüstrger Seite erfahren, finden zurzeit Verhandlungen bebuis dauernder Belegung der Landeshauptstadt Weimar mit Reichswehr statt. Die Verhandlungen sollen so weil gediehen sein, daß zum nächsten Frühjahr mit einer Reichswehrgarnhon für Wenmar zu rechnen ist.

Politische Weihnachten 1923.

Von Professor Walter Schücking, M. d. R.

Die Twditlon des Weihnachtsfestes ist älter als das Christentum. Die christlichen Müsionare, die zunächst bis zu den heidnischen Stämmen Deutschlands vovdrangen und ste lehrten, um die Weihnachtszeit die Geburt des Erlösers zu feiern, konnten anknüpfen an den uralten heidnischen Brauch des großenWintsrfestes. das die Germanen von der Rächt der Sbintersonnenwende bis zum Dreikönigsabend feierten. Das war eine erkleckliche Spanne Zeit, die mir gut deutscher Zähigkeit und Ausdauer auf das Fest ver­wandt wurde. Aber es war ja auch das ..Julfest. da» große Jubel und Freudenfest, daß der Höhepunkt der Wintersnot überschritten war. Als wir noch ein reiches Volk waren und jeder in Deutschland ohne Schwierigkeiten im Winter Licht und Wärme hatte, da war es schwer, sich in d'e Fcstesstimmuna unserer Vorfahren aus Anlaß der Wintersonnenwende bineinzuversetzen. Mählich haben wir schon während des Krieges gelernt, welch Geschenk dar natürliche Licht des Tages ist. als die Stoffe zur künst­lichen Beleuchtung knapper und knapper wurden. Heute sind die Stoff« wieder vorhanden, aber unzählige Volks­genossen haben nicht mehr die Mittel, sie zu bezahlen, dar­unter solche die früher in behaglichem Wohlstand gelebt haben Millionen Deutscher sitzen da in Not und in Elend.

Wintersnacht ist über das deutsche Volk gekommen seit bald zehn Jahren:, seit 1914 haben wir kein rechtes Weih­nachten mehr feiern können. Damals fehlten zum ersten­mal liehe Gesichter unter dem Tannenbaum. und ihr Fehlen ließ die rechte Freude nicht aufkomrnen. Aber in den felgenden Jahren wurden der Fehlenden mehr und mehr und batte man anfangs von den meisten noch hoffen können, bei dem Weibnachtsfest würden sie wieder dahcim sein. ach. iiir beinahe 2 Millionen deutscher Gatten. Söhne und Brüder gab cs dann keine Heimkehr mehr. Wo ist ein Haus in Deutschland, in dem man am heiligen Abend nichr eines lieben Toten gedenkt, der einst mit uns unter dem Tannenbaum gestanden hat? Dann kam der Friede und riß Mlllionen deutscher Brüder und Schwestern vom deutschen Baterland los. die nunmehr das deutsche Weih­nachten nicht mehr auf deutscher Erde mit uns feiern können. Das war die bittere Empfindung, das war der große Schmerz, den wir Weihnachten 1919 zuerst gefichlt. Und dann kam der Abstieg in immer tieferes wirtfchaft- Inbes E'end bis zu dem grenzenlosen Jammer von heute. Allein in Berlin sind mehr als 400 000 Arbeitslose: denken /wir an 'bre Frauen und Kinder, welch eine tlnsnmme von

und Entbehrung steckt in dieser einen Zahl. Welche Sorge lastet aus Hundertkansenden von Beamten im Reicht, die für ästen müssen in solchen Zeiten durch den notwen­digen Abbau auf die Straße geworfen zu werden, die nicht wisten. wie sie mit den herabgesetzten Eeöältecn auskomme« sollen! Wie sollen wir da Weihnachten feiern? Wir können es nur. wenn wir uns an das altdeutsche Sprichwort halte». „Ist die Not am größten, ist Gottes Hilfe cu« nächsten.

Dieses gläubige Hoffen in unserer Brust wird für de«, der die 3eüe von Ursache und Wirkung -m oolitifcheß Leben zu liberschauen vermag, gestärkt durch Erwägunge« des Verstandes. Jahrelang glaubten unzählige Deutsche, nach dem Kriege unser ständiges wirtschaftliches Hinab­gleiten. wie es am klarsten in der sinkenden Valuta zu« Ausdruck kam. sei die Folge einer ausgesprochenen Dliß- regiening der demokratischen Republik, und leider haben alle diese Wähler daraus bei den Reichstagswahlen 182S eine ^onseauenz gezogen, die sich für eine ruhige und stetige Politik des Wiederaufbaues als höchst verhängnisvoll er­wiesen bat. Heute gibt es keinen ehrlichen Menschen mehr in Deutschland, der sich nicht zur Erkenntnis durchgerunge» hätte, daß. mögen die Fehler und Unterlassungen der repu­blikanischen Regierungen seit Versailles noch so groß sei«, uns nicht die eigenen Regierungen so namenlos elend ge­macht haben Trotzdem muß die Frage, können wir irgend­welche Hoffnungen auf eine baldige Besterung unserer Not­lage begen. bejaht werden.

Man hat den Eindruck, der Tiefpunkt der außeupoliti- schen Situation ist überwunden, und damit muß sich all­mählich auch die innervolitische und die wirtschaftliche Lage bestern. Beim zehnten Weihnachten nach dem Kriegsbegin« wird man m wenig freier atmen können. Der beste Weg. die außennelitifche Entwicklung zu fördern, wird der sein, eine gute Innenpolitik zu machen. Dazu gehört, daß wie es jetzt durch- die Stabilisierung des Goldwertes gefcheb««. wir uns f-lbst zu helfen suchen, so weit es möglich ist. „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott." Und noch eines mag zum heiligen Abend gesagt sein: Niemand draußen in der Welt, am wenigsten aber der englische Liberalismus und die eng- lilfche Arbe>:ervarte!. werden Sympathien für uns habe«, wenn wir einen Reranchekrieg vorbereiten. Das Elend der Kriegs- und Nachkriegszeit ist in die Welt ge­kommen durch den Glauben an di« Gewalt. Nur eine Politik des Rechtes kann uns helfen. Was verkündeten die Engel in der Weihnacht den Hirten auf dem Felde als die himmlische Botschaft: „Friede auf Erden!"

Verschärfung der Überwachung Ludentzorffs.

München. 23. Dez. In den letzten Tagen ist ei»c- weientliche Verschärfung der Überwachung Ludendorff, i, seiner Wohnung eingetreten. Eine Anzahl Besucher die den General zu sprechen versuchten, ist von Kriminalbe­amten festgehalten worden. Als Grund der verschärfte« Bewachung wird die neue Wühlarbeit in nsitio- nalse'zialistischen Kreisen angegeben. In den letzten Tagen sind in München. Rosenheim und antzeuen Städten Massenverhaftungen von Hitler- Leuten vorgenommen worden.

Deutsche Gefangene in belgischen Eefaagnisse».

Berlin. 22. Dez. In besonderem Auftrag des Aus- wärvgcn Amts mit Einwilligung der belgischen Regierung besuchte ein höherer Beamter der deutschen Gesandtschaft in Brüssel die im Gefängnis von Low-, befmdl-cken zebn deutschen Staatsangehörigen Von dem Ergebnis des Besuches wurden die Anaebörioen bereits vom Auswärtiaeu Amt verständigt