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Nr. 289.
Samstag» 22. Dezember 1923.
71. Jahrgang.
Der Mißerfolg der Diktatur.»
Die enge Verbundenheit der Völker, wie sie der moderne Verkehr hervorgebracht Hut, äußert sich auch darin, daß jedes Schlogwort und jede Dummheit ihren raschen Rundgang durch die Welt antritt. Auf die deutsche Faszistenbewegung hat insbesondere die Herrschaft Üjiujfclinis. in Italien anregend gewirkt, und die agitatorische und theatralische Methode Hitlers in München ist ein direkter Abklatsch der großartig inszenierten Künste, mit denen der italienische Diktator seine Herrschaft eingeleitet und befestigt hat. Der Ruf nach politischer Diktatur, den man in den letzten Wochen in Deutschland immer vernehmlicher hörte, wurde oft mit- dem bewundernden Hinweis auf die Leistungen Mussolini- begründet, der es verstanden habe, die Schäden des parlamentarischen Systems und die innere und - äußere Schwäche Italiens mit einem Schlage zu überwinden und Italien wieder zu einem geachteten Staat zu machen. H
Bisher konnte man solchen Argumenten gegenüber nur geltend machen, daß Deutschland nicht Jtälieqe-ist und daß vieles, was dort möalich und vielleicht sogar nützlich war, bei uns undurchführbar ist und bei uns nur zu großen Verwirrungen führen würde. Die Diktatur-Begeisterten in Deutschland wollten natürlrch non solchen Einwendungen nichts wissen und weiten Kreisen hatte es besonders der von Musiolini crfolgrerch geführte Kampf gegen die Sozialdemokraten angetan, den er in der Tat bis zur Zerschlagung der sozialisti- ^chen Partei durchgeführt hat. Das Schlagwort vom Anti-Marxismus hat sich so in Deutschland eingebürgert. wobei natürlich vergessen wurde, daß die italienische Sozialdemokratie nie ein so fest geschloffener lind mächtiger Parteikörper war wie die Sozialdemo- lratische Partei Deutschlands und ihre Gewerkschaften und daß die italienischen Sozialdemokraten ihren vorläufigen Untergang vor allem ihrer staatsfeindlichen Tätigkeit zu verdanken hatten, die jede positive Mitarbeit in der Regierung ablehnte und sich rein revolutionär einstellte, während die sozialdemokratische Mehr- beitspartei in Deutschland seit dem Jahre 1918 sich allen Staatonotwendigkeiten bis zur Grenze des Möglichen verantwortlich zur Verfiigung^tellte. Mehr aber als alle diese politischen Eegengründe werden wohl ans di^ Freunde der Diktatur in Deutschland die Ergebnisse der italienischen Diktatur wirken, die setzt vorlieaen. irinbden, Muffolini über ein Jahr Zeit gehabt hat. sein großes Refcrmvrogramm zu verwirklichen. Diese Bilanz der Muffolinischen Herrschaft wird jetzt in italienischen Zeitungen ausgemacht, da Muffolini durch die Auslösung des Parlaments die Kritik gegen sich ent- seffelt hat, die bisher durch den Führer der sadistischen OrganUatkonan und durch die unbestreitbare Populari- üit Muffolinis zum Schweigen gebracht woroen wax. Sie fällt nichts weniger als günstig für die praktischen Leistungen des Diktators aus. Es zeigt sich eben, daß Aich ein so begabter und mit allen Instinkten der Volksseele vertrauter Mann wie Muffolini mit Master wch-n muß, selbst wenn er noch so gut versteht, Feuer > rHeir. Er hatte, als e.r mit dem Marsch auf Rom , me Herrschaft antrat, dem italienischen Volke ver- Prochen, er werde die italienische Valuta, die damals Miy Pfund Sterling wie eins zu nicht ganz hundert' Zand, auf fünfzig heben. Heute, nach, einem Jahr Ihmer Tätigkeit steht die italienische Lira noch etwas niedriger als damals, und von einer Besserung ist keine Spur zu bemerken. Er hat angekündigt, er werde '«8 Staatsbudget sanieren. Statt deffen hat er nicht mehr Ersparnisse erzielt, als sie auch sein Vorgänger letzten Jahre der Vor-Mussolinischen-Ära aufzu- n>eyen hatte. Die vorsprochene Beseitigung der Korruption in Ämtern und Verwaltungen, die dem Varla- nientarismus zur Last gelegt wurde, hat der Faszis- *»3 lediglich dem Parlamentarismus abgenommen und U seine eigenen Anhänger verteilt, wie verschiedene «mndale der letzten Zeit beweisen. Und von der Gütlichen Ordnung, 'die Mussolini wieder herzustellen ^sprach, wissen die Gegner des Faszismus ein Lied singen, die schutzlos dem Terror der faszistischen fanden ausgesetzt sind und deren Häuser, wie das des ^maligen Ministerpräsidenten Nitti irr Nom, von Mimischem Pöbel zerstört Werdens ohne daß die ftaat- « Polizei einen Finger zu rühren wagt.
Ron wird in Deutschland gut daran tun, das Rezept »er Diktatur in anderen Ländern sorgfältig zu studieren das deutsche Volk auf dem lausenden zu erhalten, v a ? es zu erwarten hat, wenn es diesen aus dem Aus
war blutige Revolution und überschlagen.des Pen- • ls nach der anderen Seite, die nun mit denselben
Mitteln des Terrors unh,' der Vergewaltigung, die ehemals herrschende Bauernpartei unter der Knute hält. Me die Ergebnisse des spanischen militärischen Staatsstreiches sein werden, der ebenfalls von deutschen Prosefforen, die aus Spanien zurückkehren, als nachahmenswertes Beispiel angepriesen würde, wollen wir abwarten. Auch die Ereigniffe in Griechenland, das vor längerer Zeit eine Diktator-Regierung halte und das jetzt in den tiefsten inneren LPirren steckt, können kein Vertrauen begründen. Daß es einzelnen Männern, und mögen sie noch so tüchtig sein, wenn sie sich nur. auf einen kleinen Teil des Volkes stützen und Andersdenkende mit Gewalt zu ihren Ansichten bekehren, gelingen kann, einen Staat in Ordnung zu halten, ist auf die Dauer nicht möglich. Selbst wenn Deutschland einen Muffolini hätte — aber es hat keinen, sondern nur komödienhafte Nachahmer, wie der Münchener November-Putsch gezeigt hat —, könnten uns doch die mangelhaften Erfolge dieser fremden Diktatoren nicht ermutigen, bei ihren Methoden die -Rettung Deutsch- '' lanhs zu suchen!
M einem neuen dem sittllf ln Ms.
Berlin 22. Dez. 1 Ein. Drabibericbt.) Wie das ..B. T." kört. be jfciW'lbqt die Reicbs'-mierting. in den nächsten Tagm in Paris einen neuen Schritt zu unternehmen. Dabei würde der d e,u t i * e Geschäftsträger dem französischen Mniistervräsidenteif ein MemMrandum überreichen. in dem eine präzise Formulierung der Fragen enthalten ist. die sich auf das kürzlich gestellte Ersuchen nach direkten Verhandlungen über die Rhein- und Ruhrfrage itlit Frankreich beziehen.
Die Rheinische Goldnotenbank.
Köln, 22 Dez. (Eig. Drahtbericht.) Geheimrat Hagen berichtete in der gestrigen Sitzung der Handelskammer über den Stand der rheinischen Goldnatenbank- Angelegenheit Es fei eine g r u nd s ä tz-l i ch e Einigung mü de/ Reichsregierung erzielt worden. Die Regierung habe^eme Reihe von Bedingungen gestellt und Bedenken geäußert, die nur in neuen Verhandlungen mit den französischen und belgischen Vertretern erledigt bezw. beseitigt werden können. Die Bedingungen seien größtenteils crfiillbar Die Verhandlungen über die Eoldnoten- bank hätten einen erfreulichen politischen Erfolg gehabt dadurch, daß die Vertreter Frankreichs und Belgiens die Zulage gegeben hätten. Zug um Zug mit der Fcrt'ckritten der Goldnotenbank auch das Rentenbankgesetz für das ganze besetzte Gebiet zu zu lassen. Dadurch würde die bisher zurückgehaltene Rentenmark in be- licblgem Umfang in das besetzte Gebiet eingeführt werden können.- Eehcimrat Hagen gab der Hoffnung Ausdruck, daü nach der Errichtung der Goldnotenbank die für die Wiederaufrichtung der Wirtschaft dringend nötigen g r o h en international.en Kredite leichter gewährt werden nürdcn.
Die Rückwirkung der Finanzlage des Reiches auf das besetzte Gebiet.
Berlin, 22. Dez. Wie die „Voffische Zeitung" aus Köln meldet, haben sich die Vorsitzenden der rheinischen politischen Parteien auf Einladung der Reichs- regierung nach Berlin begeben, um über die Rückwirkungen der Finanzlage des Reiches auf das besetzte Gebiet mit der R e i ch s r e g i e r u n g in. B e- s p r e ch u n g e n einzutreten. Es soll sich — dem Blatt zufolge — vor allem, um die Frage der Vorschüsse für 4 id Be satzungskosten handeln.
W WEM «ff im SeK»WU»zttr in Samt.
Hannover. 22. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Gestern abend gegen 5 Uhr wurde auf das Regierungsgebaude. in dem auch Oberpräsident Roste wohnt, ein verbrecherischer Andon nenivl. In einem der Treppenaufgänge wurde eine sehr starke Sprengladung zur Explosion gebracht. deren Detonation in der ganzen Stadt gehört.wurde. Die Fensterscheiben und Türen der ganzen Häuserfront wurden eingedrückt. Menschenleben kamen nicht zu Schaden Nähere Nachrichten über den Vorfall fehlen noch.
Eine Einigung zwischen Ärzten und Krankeukasjen.
-Berlin. 21 . Dez. Nach der Verständigung über die Bildung des Reichsausschufles erörterten unter dem Vorsitz des Reichsarbeitsministers die Sp'.tzenverbände der Krankenkassen und der Ärzte eingehend und sachlich die Vorauslctzungen zur B e an d i g u n g des Vertrags- losen Zustandes. Dabei wurde eine Einigung über die folgenden Punkte erzielt: Beiderseitiger Derz.cht auf Matzregelurgen. Wegen der anhängig gemachten Streitigkeiten in dem vertraglosen Zustand wegen Überschreitung der Mii'destgebiibren ist eine Verständigung in Aussicht gestellt. Die Vertreter der Krankenkassen werden snäiestens bis zum 30 Dezember die Entscheidung ihrer Mitglieder wegen Wiederherstellung der früheren, Ärzteverträge bei- bringen. Bis dahin werden die Versicherten in besonders schwierigen Wirt'chaftsverhältnissen bei Bemessung der Gebühren angemessen berücksichtigt. Beide Teile unterlassen auch die Maßnahmen. die auf Verschärfung der Lage hin- auslanfen' insbesondere soll dies für Erörterungen in der Presse oder in Druckschriften gelten.
Noch keine weihnachtliche Ruhe in der großen Politik.
Imer Abteilung.) Auf dem Gebiet der großen Politik stt noch nicht die weihnachtliche Ruhe eingetrelen, die ^ ll & ^ ntien ^ 0 ^^ ^ es ^kiches scheinbar entschlummern
Griechenland
besonders ist von einer solchen Ruhe weit entfernt.
■ - C 'l um die Staatsform wird dort mit südlän
dischem Temperament durchgefcchten, wobei wenigstens nach den letzten Nachrichten mit einem Sieg der R e p u b l i k a n e r zu rechnen ist. Aus dem vorläufigen Außerlandgehen des Königs kann nur. allzu leicht eine dauernde Verbannung werden. Zunächst sind lsoenfalls die Republikaner eifrig am Werk, für die Republik Stimmung zu machen. Aus den verschiedensten Teilen des Landes kommen Nachrichten über Kundgebungen für die Republik, wobei bei dem dürftigen Nachrichtendienst allerdings schwer sestzustellen ist, wieviel hier auf Konto einer geschickten Mache zu setzen ist. Wieder wird bei dieser Umwälzung der Name Venizelos genannt. Das Offizrerkorps» beschloß, oit ihn eine Einladung zur Rückkehr zu richten, ooch bleibt es zweifelhaft, ob der schlaue, zurzeit in Paris weilende Kreter jetzt schon seine Stunde für gekommen, erachtet? Bei der Wichtigkeit der Gruppierung der Mächte am Mittelmeer für die allgemeine europäische Politik wird man der weiteren Entwickelung in Griechenland jedenfalls Aufmerksamkeit schenken muffen.
Ätauche Politiker glauben heute schon, d r o he n- des Gewölk sich über dem Mittelmeer zusammen- ballen zu sehen Die italienisch-spanische Annäherung, die.Regelung der Tanaerfrage ohne Hinzuziehung Italiens sowie die scharfen Preffkommentare hierzu scheinen diese Bedenken zu begründen. Sicher ist auch, daß
die Erledigung der Tangerfrage
die italienisch-französische Freundschaft nicht gerade vertieft hat. obwcbl offiziöse Preffeäußerungen ausdrücklich erklären» daß Italien aus der Tangerfrage keine Haupt- und Staatsfrage für sein Verhalten zu Frankreich machen wird.
Anscheinend jauchen aber an einer anderen Stelle Wetterwolken aus, die freilich mäglicherw.eise auch wieder durch einen Windstoß vertrieben werden können. Das gilt besonders für
den englischen Vorstoß gegen Afghanistan, der auf die bisher wahrscheinlich Kuf Moskau gestützte Weigerung des Emii-s zurückgebt, die Mörder verschiedener/- englischer Offiziere gerichtlich zu bestrafen und dem analo-indischen Militär auszuliefern. Der Anlaß ist freilich nebensächlich für die internationale Laae, bedeutend ist jedoch, daß Enaland wieder gegen Afgba- nistan vorgeht und ihm seine außenpolitische Selbständigkeit zu nebmen trachtet, um es bester als Schutzwall aegen Rußland verwenden zu können. Der Kampf um Asgbanistan dauert zwischen Rußland und England ja bald schon ein Jahrhundert. Der englische Vizekönig in Indien betrachtet das Vordrinaen des Bolschewismus und die gesteigerte bolsck.ewikischr Agitation aks gefährlich und über-,die oleichs Agitation beschwert sich auch neuerdinas die Türkei. Es wird nun wichtig werden, M beobachten, ob
England und die Türkei
bei dieser Gelegenheit gegen Rußland zusammengehen, oder ob sich vielleicht Anzeichen dafür bemerkbar milchen, daß beide schon geheime Abmachungen für ihre Stellungnahme gegenüber den sich anbahnenden Enkfchei- dungen in der internationalen Politik für die nächste Zukunft getroffen haben!
D'e Ab^ustirngs;o^ferr;nz.
Paris, 21. Dez. Rach einer Meldung des „New York Herald" aus Washington bezweifelt Präsident C o o l i d g e, daß die Zeit reif sei für die von dem Blatt angekündigte neue Abrüstungskonferenz für Luftfahrt und ll-Voote. Jedoch glaube er sowohl wie Hughes, daß die Aussichten besser seien, seit die Verständigung über die Sachverständigenenquete der Reparatiouskommission erzielt worden sei.
Der Papst für die Begnadigung der Ruhropser.
Rom, 22. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Die Blätt-r melden, daß der P a p st a n P o i n c a r 6 das Erfuchs'n gerichtet habe, anläßlich des bevorstehenden Weihnachtsfestes dieRuhropferzubegnadigen und den Ausgewiesenen die Heimkehr zu gestatten. Im Vatikan ist man der Ansicht, daß Poin. carä diesen Wunsch des. Papstes erfüllen werde
