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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Laubacherstratz« 35, Fernsprecher: Rheiugau 2186.
Nr. 266.
Montag, 26. November 1923.
71. Jahrgang.
E!mWerWlWMlM»eMmMerl?
Berlin, 25. Nov. Naäfldem der Versuch des Rsichs- tagsabs, «ordneten v. Kardorff, ein Kabinett der bürgerlichen Parteien zu bilden, gestern gescheitert ist, hat der Reichspräsident im Laufe des heutigen Tages mit den Reichsministern Dr. Zaires, Dr. Brauns und Dr. Keßler die Frage der Kabinettsbildung besprochen. Die Besprechungen führten zu dem Ergebnis, daß zurzeit die Bildung einer Koalitionsregierung keine Aussicht auf Erfolg bietet. Der Reichspräsident hat deshalb am Nachmittag an den früheren Reichsminister Albert folgendes Schreiben gerichtet:
Nieine bisherigen Besprechungen über die Kabinettsbildung haben mich überzeugt, daß es zurzeit nicht möglich ist, eine Koalitionsregierung auf ausreichender parlamentarischer Grundlage zu -bilden. Die Lage Deutschlands ist aber in jeder Hinsicht überaus ernst, so daß d,e Bildung einer verfassungsmäßigen Regierung keinen Aufschub mehr duldet. Ick sehe nur die eine Möglichkeit, eine Regierung bewährter Männer zu bilden, die entschlossen sind, unter Zurückstellung von persönlichen und parteipolitischen Rücksichten ihre ganze Kraft für die Lebensnotwendigkeit unseres Landes'einzusetzen. In dieser schweren Stunde appelliere ich nochmals dringend an Ihr vaterländisches Pflichtgefühl, Ihre mir geäußerten und auch von mir gewürdigten Bedenken zurückzustellen und die Bildung einer solchen Regierung zu übernehmen. Für eine umgehende Erklärung wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Anschließend hatte der Reichspräsident eine Besprechung mit dem Reichsminister a. D. A l b e r t, in deren Verlauf dieser den Auftrag zur Kabinettsbildung übernahm. • /
Berlin, 26. Rov. Wie die Montagsblätter melden, verhandelte der mit der Kabinettsbildung beauftragte frühere Reichsschatzminister Albert gestern abend bereits mit verschiedenen Persönlichkeiten über die Zusammensetzung einer überparlamentarischen Regierung. Wie man in politischen Kreisen annimmt, wird Albert mehrere Minister der zurückgetretenen Regierung, und zwar den Reichswehrminister Dri Keßler, den Reichs- arbeitsminister Brauns und den Ernährungsminister Graf K a n i tz in sein Kabinett übernehmen. Als Kandidaten für den Posten des Ministers des Äußern werden der frühere Staatssekretär des Äußern v. H i n tz e und der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von Brockdorff-Rantzau, genannt. Die „Montagspost" will wissen, daß sich Herr Albert auch um die Mitarbeit der Sozialdemokraten in seinem Kabinett bemühe. Allerdings sollen die in Aussicht genommenen Männer nicht wegen ihrer politischen Einstellung berufen werden, sondern wegen ihrer fachlichen Eignung für bestimmte Posten. So ist der frühere preußische Finanzminister Dr. Südekum für das Reichsfinanzminifterium auserschen. Wenn Herrn Albert die Kabinettsbildung geling:, so würde er vom Reichstag zunächst ein Vertrauensvotum verlangen. Sollte der Reichstag dem Kabinett das Vertrauen verweigern, so würde ganz sicher die Auflösung des Reichstags erfolgen.
Heinrich Frkedri» Albert wmde am 12. Februar 1874 in Magjdebur, eis Sehn eines Er d?»ufmanns erberen. Er studierte Rechtswissenschaft und trak dann in den Staatsdienst. Hier wurde ei bald in das Reichsamz des Innern berufen, wo er über ein Jahrzehnt als vortraNender Rat tätig war. Im Jahre 1904 leitete er im Aufträge des Reichs die Organisierung der deuikck.en Ausstellung in St. Laui»! 1910 wurde er breiteren Kreisen als Reichskommissar für die Weltausstellung in Brüssel bekannt Später war er als Handelsattache der deutschen Botschaft in Washington zugeteilt, wo er bi, zni Äriegserklärimg Amerika» tätig war und dann mit dem Ercrken Brcnktorfi zuriickkehrte. Nach seiner Rückkehr fand e: Verwendung !m Reiche- Verwertung»-,nt, dessen Präfident rr bi» März 1919 war. Rnnmähl wurde er als Nachfolger Baake» und unter Er» Nennung zum Unterstaatssekzetär Chef der Ncichskanzlei, trat aber zurück, als das Kabinett Wirth ans Ruder kam Im Kabinett Euno übernahm «7 im November 1922 da» Reich-schatzminlsterium. Am 12. August 1923 trn! «I mit dem Kabinett Euno zurück.
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38. Berlin, 26. Rov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Der Samstag, der erste Tag der offenen Regierungskrise, endete damit, daß der erste Versuch, ein neues Kabinett zu bilden, fehlschlug. Dem Zentrum war der, wie es anfangs scheinen wollte, rettende Gedanke gekommen, den Volksparteiler von Kardorff vorzuschieben, da das Zentrum selbst keinerlei Gelüste verspürte, einen Kanzler zu stellen. Herr v Kardorff nahm denn auch nach einer längeren Unterredung mit dem Reichspräsidenten die Verband« kungen mit den Parteien «ms, aber schon am Abend Rußte er erkennen, daß seine Mission geschei- >e r't sei. Er gab den Auftrag zur Bildung des Kabi
netts zurück. Die Deutschnationalen waren nämlich nicht bereit, sich an einem Kabinett Kardorff aktiv zu beteiligen. Ja, sie lehnten es sogar ab, ein solches Kabinett zu tolerieren. Da auch die Volkspartei.nicht geschlossen hinter v. Kardorff stand, war seine Mission fehlgeschlagen. Es ist möglich, daß bei der Ablehnung der Deutschnationalen auch persönliche Gründe mitgespielt haben. Herr v. Kardorff war ja bekanntlich früher Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und trat erst nach dem Kapp-Pntsch, den er scharf verurteilte, zur Volkspartei über. Allem Anschein nach hat man das in den Kreisen der Deutschnationalen Herrn v. Kardorff noch nicht vergessen. Ausschlaggebend war aber doch letzten Endes wohl, daß Herr v. Kardorff den Deutschnationalen nicht weit genug rechts steht. Sie glaubten, in einem Kabinett Kardorff nicht genügend Einfluß zu haben, oder vielmehr sie fürchteten, ein solches Kabinett nicht beherrschen zu können. Rur mit- zuregleren, kann sie nicht reizen. Sie wünschen dem Kabinett ihren Stempel aufzudrücken und ihr Ziel geht noch weiter, d. b, auch in Preußen soll die große Koalition beseitigt werden. Dr. Stresemann siel und Severing muß ihm nach. Das ist
das Streben der Kanzlerftörzer auf der Rechten. "
Mir dem Mißlingen der Mission Kardorff war man also am Abend wieder so weit wie am Morgen. Die Gegensätze zwischen den Parteien, von denen jede etwas anderes will, waren, das ergab sich aus verschiedenen Unterredungen, nicht zu überbrücken. So griff der Reichspräsident auf eine Kombination zurück, die am Samstag, da sie auf den Widerstand der Demokraten und des Zentrums stieß, schon alH erledigt galt, nämlich-auf die Idee des unparteilichen Kabinetts. Der Reichspräsident beauftragte daher den früheren Reichsminister Dr. Albert mit der Kabinettsbildung. Da über diesen Auftrag eine amtliche Meldung ausgogeben wurde, während über die Kar- dorfffche Mission der amtliche Nachrichtenapparat schwieg, so scheint der Reichspräsident zu der Mission Alberts mehr Vertrauen zu haben als zu der von Kardorffs. Worauf sich diese Auffassung gründet, läßt sich freilich nicht sagen. Die Sozialdemokraten dürften nämlich nicht viel Neigung haben, ein solches unparteiliches Kabinett zu unterstützen, und der deutschratio- nale „Lokalanzeiger" läßt heute schon gor keinen Zweifel daran auskommen, daß Herr Albert auf die Unterstützung der Deutschnationalen nicht rechnen kann. „Herr Albert nach Herrn Stresemann". so sagt das Blatt, „das bedeutet genau denselben Faden, nur eine sehr viel weniger durable Qualität. Das bedeutet, daß eine schwache Reichsregierung durch den Schatten einer Reilbsregierung ersetzt würde. Das bedeutet Mangel an jeglichem Vertrauen, Verzweifeln weitester Schichten, auf verfassungsmäßigem Wege vorwärts zu kommen." Man siebt, Herr Albert wird, noch ehe man weiß, wie fein Kabinett bewährter Männer aussieht, alles andere als begrüßt, und in der Tat, so gut das Wort von dem Kabinett bewährter Männer klingt, so berechtigt ist nach den Erfahrungen, die man gemacht hat, das M i ß trauen. Was aber, wenn Herr Albert mit seinem Kabinett im Reichstag kein Vertrauensvotum erzielt? Man versichert, Reichspräsident E b e r t sei dann entschlossen, den Reichstag mrfzulöfen. Das hätte man allerdings schon etwas früher unter Herrn Dr. Stresemann besser und leichter haben können. Zunächst werden nun heute einmal die Fraktionen Wr neugeschaffenen Lage Stellung nehmen?
Die Aussichten der Kandidatur Albert.
Berlin. 26. Rov. (Erg. Drahtbericht.) Der erst gestern abend erfolgte Auftrag an den früheren Schatz- minister Dr. Albert zur Neubildung des Kabinetts hat zur Folge gehabt, daß die politischen Parteien am Sonntagabend sich nichtmehr mit der durch diese Kandidatur geschaffenen Lage befassen konnten. In beWg aus die Beurteilung der Aussichten einer Kandidatur.Albert ist man also auf die Meinungen einzelner im Reichstag anwesender Abgeordneten angewiesen. Die Parteien werden erst heute Montag über die Kandidatur All-ert beraten. Der vom Reichspräsidenten an Albert gerichtete Brief zeigt, daß Dr. Albert kein eigentliches parlamentarisches, sondern eher eine Art Geschäfts- Ministerium W bilden gedenkt. Ob er dabei die Sympathien der Regierungsparteien besitzt, ist noch fraglich Es scheint weder im Zentrum noch in der Deutschen Volkspartei großes Vertrauen zu Dr. Albert zu herrschen. Sehr wesentlich wird auch die Haltung sein, die Dr. Albert in bezug auf die Besetzung des Außenministeriums einnimmt. Ob unter diesen Um- ständen ein Kabinett Albert zustande kommt, hängt von den Beschlüssen der Parteien ab.
Rs SHomui mit de« UMlilMrlelleii.
®oris. 24. Nov. Das ..Echo de Paris" bespricht das Abkommen, das di« dem Bergbaulichen Verein auge- borenden Gruppen mit der belgisch-französischen Jngenieuc- kommission abgeschlossen baten. Der Verein vertritt nach seiner Ansicht 80 Prozent der rheinisch-westfälischen Pro- dnkt'on und w^rd von nun ob 23 Prozent seiner Kohlenförderung und Kohlenproduktion an Frankreich zu liefern baden. Das mit den Industriellen abgeschlossen« Arrangement entspricht dem mit der Gruppe W o l s f abgeschlossenen- zedoch mit einer Ausnahme. In dem Vertrag seien politische Klauseln enthalten. Deutscherseits seien die Anstrengungen daraus verwandt worden. Frankreich zu zwingen, der Reparationskommihion integral die Summe für die Sachlieferungen zu übermitteln. Die französische Aeg'erung Hube nicht versäumt zu behaupten, daß sie im Recht sei «wisse Abzüge zu machen, entsprechend den Kosten der Besetzung des rechten Rheinufers. Die Absicht der Gegner sei darauf ausgegangen, in den Kontrakt eine Klausel einzuführen, di« eine Art Protest gegen die Legalität des Ruhrunternehmens bilde. Gestern vhrmittag - bade P o i n c a r 6 mit General Degouite. Ingenieur Frentzen, dem Minister für öffentliche Arbeiten, dem Finanzminister und dem Kriegsmimster beraten. Es sei beschlossen worden, datz die französische Regierung sich nur das Recht Vorbehalten könne die Angelegenheit direkt mit der Revarationskommiüion zu regeln und daß die französische Regierung dadurch die Freiheit der Reparationskommission in keiner Weise beeinträchtige. Wenn das Problem der Roxarationskommihion unterbreitet werde, werde Bradbury nur rwischen zwei Fragen zu wählen haben.
Ein Abkommen über die Ausstellung von Leder- ausfuhrscherne«.
Paris, 24. Rov. Rach einer „Havas"-M 'ldung «ms Kokienz hat der Ausschuß der Besatzu ngsbebörden für Ne Aufft-Nung von Ausfuhrscheinen am 20. November mit den Vertretern der Leder- und Häutrinduitriellen im besetzren Gebiet ein Abkommen aetrosfen Die Zahl der Arle-ter. die von der genannten Industrie beschäftigt werden, gibt „Har-as" mit 25 000 Mann an.
MlintmaHW der 3nteraIL HeinlanMMsWii.
Bon der Interalliierten Rheinlandkommiüion 9€&t uns nachstehende amtliche Bekanntmachung zur verötient- llchung auf Grund der Verordnung 97 Art. 15 »u:
Bekanntmachung,
Die Bekanntmachung. datiert vom 20. 11. 1922. unterzeichnet Kommandant Dauriat, betreffend das Notgeld, erschienen im ..Wiesbadener Tasblatt" vom 20. Nov. 1923. mutz als null und nichtig betrachtet werden. Matzgebend bezüglich der Gültigkeit des Notgeldes ist lediglich die im ..Wu-kadener Tagblatt" vom 15. November 1923 erschienene Bekanntmachung der Interalliierten Rheinland- kommission. deren Wortlaut in folgendem wiederholt wird.
Wiesbaden, den 26. November 1923.
I.S Commandant Dauriat. vSISau« de la H. C. I. T. R. k Wiesbaden-VAk.
Notgeld.
Die Hohe Interalliierte Rbeinlandkommihion bringt m Erinnerung, datz die Ausgabe von Notgeld in den besetzten Gebieten -durch ihre Beiordnungen Nr. 212 und 220 geregelt wild. Die zwecks Ausführung dieser Verordnung vei«,seher>en Bestimmungen können wie folgt zusammen- gcfatzt weidcn:
Die vor dem 8. Oktober 1923 seitens der zu gelassenen Organisationen ausgegebenen Scheine mühen, um gültig zu sein, vor dem 25. Dezember 1923 mit einem in roter Tinte auf der linken Seite des Scheines von »ben nach unten angebrachten Vermerk versehen sein, der in lateinischer Schrift die Angabe enthält:
„Umlaufsähig im ganzen Regierungsbezirk...
(in der ganzen Provinz . . .)
(in der ganzen Kreisaemeinde... 1 Gültig bis zum. ..."
Dir vom 8. Oktober 1923 vormittags ab ausgegebenen Scheine mühen links vom Klischee in einer besonderen Umrandung die gleiche gedruckte Angabe wie diejenige des oben besprochenen Vermerkes enthalten.
Alle vor dem 8. Oktober 1923 seitens der in der nachstehenden Liste verzeichneten Organisationen ausgegebenen und vor dem 25. Dezember 1923 mit dem roten Vermerk nicht versehenen, sowie alle vor dem 1. Oktober 1923 seitens anderer, in dieser List« nicht angeführter Organisationen ausgegebenen Schein« mühen vor dem 25. Dezember 1923, dem Tage ihrer Ungültigkeitserklärung, zurückgezablt werden ^
Daher behalten nach dem 25. Derember 1923 in den besetzten Gebieten ihre Gültigkeit nur diejenigen Scheine, die seiteras der in der Liste erwähnten (nutzer einigen dort vermerkten Ausnahmen und derjenigen Organisationen, die roch zngelahen und deren Namen in der Prehe veröffentlicht werden, ausgeseben worden hnd. und zwar unter der Bedingung, datz dieselben entweder mit dem Vermerk oder mit dem gedruckten Wortlaut unter Angabe des Um- laufobrzttks und ihrer Gültigkeitsdauer versehen hnd.
Verzeichnis der in den besetzten Gebieten zur Ausgabe von Notgeld zngelahenen Organisationen.
1. Ausgabebezirk Pfalz.
Kreisgrmeinde Pfalz. — Badische Anilin- und Soda- fabnk, — ,Sladt Ludwigsbafen. — Stadt Frankentbal. — Stadt Sveier. — Stadt Kaiserslautern. — Stadt Pirmasens. — ?tabt Neustadt. — Stadt Zweibrücken.
(Diele heben Städte mühen die Ausgabe von Notgeld am 1. Dezember 1923 einstellen. Das von ihnen vor diesem
SÄ»“ om
