Samstag, 24. November 1923.
Sette 13.
Untevßaftungö Beilage
öc6 QVieäßabener 'Zagßfottä. _
Totensonntag 1925.
Von "Franz Dur.
Dieser Tag gehört den Toten, jenen Glücklichen, d-e den Berg. den vir alle hinan müssen, bereits erklommen, di«, längst erreicht und frei von den Mühseligkeiten dieser Welt, den helleren Teil erwählt haben. Kern Mibton stott den ew'gen schlaf, den wir Lebenden beneiden : .kein schriller Klang rerstimmter Instrumente weckt die in Seligk-.t
An den Pforten des Paradieses heischten sre Emlas! und begehrten sie dem Frieden der, Ewigkeit. Und der Himmelsr-ater hat segnend seine gutige band aus dle bleichen und kühlen Stirnen d-eser um Einlab Bittend-;,, gelegt und hat ihnen Ewigen Frieden geschenkt. .
Aber die irdische Sülle liegt begraben in dieser feuchten Novembererde Ein pciar Fuh tief.
Und die Menschen pilgern heute zu dreien Gräbern und beten dort und schmücken die lebte Ruhestätte die ohne Seele ist. Millionen Wünsche' „Weshalb hast du uns. Pater im -Himmel. nicht jenen folgen lallen, weshalb nahm» du sie von uns und liebest uns zurück rn dieses Daseins Elend und Qual?"
Die Zeiten die grausam erregten und seveitschten geben kein« Rübe und Andacht zur stillen Beschaulichkeit. Nicht wie in früheren Jahren stehen wir an den Gräbern der Entschlafenen, hingegeben nur dem stillen Gedanken der Erinnerung, des Dankes, der Anbetung. Nunmehr wieder Irinnen wir den einen Gedanken, dah jene den helleren Tod sich gewählt haben, immer wieder schreit es ankloeend aus «ns: „Weshalb nur üe und nicht auch uns?
So kann es. so darf es nicht bleiben!
Der Totensonntag im kahlen November soll künftig wieder andere Gedanken uns geben . . .soll - den Toten ganz gehören und dem Lebenden sagen: „Erfabt das Leben mit der Wärme eures ganzen Wollen?, freut euch der Erdentage. auf dab der letzte Schlaf, derernst nur des Lebens Folge und Fortsetzung sei für die Zeiten des Jen- seirs und des Paradieses!' , .. . . _ ,,
Dab diese Worte ln Zukunft mögen wieder Geltung haben dah Totensonnrag uns nicht mehr neiderfüllt an den Gräbern der Lieben stehen sehe, das fei der Wunsch »um Totensonntag 1923 __
Tod und Begräbnis in Volksglauben und Sitte.
Seit den ältesten Zeiten hat man mit dem Sterben und Begraben eines Menschen zahlreiche Brauche und mancherlei Aberglauben verk"üpft. Vieles davon stammt aus heidnischer Zeit, namentlich die Vorzeichen und Vor- abnungkn. welche mit dem Tode in Zusammenhang stehen sollen. Bei den alten Germanen glaubte man. da« die weissagenden Pferde, die in heiligen Harnen unterhalten wurden, jeden Sterbefall Vorhersagen konnten. S,e erblickten angeblich auch den Geist des Verstorbenen, so lange sein Leib noch nicht im Grabe ruhte. Hieran erinnert der heute noch weitverbreitete Aberglaube, da« man zwischen den Lehren eines Schimmels hindurch, der plötzlich scheut und nicht weiter will Unglück und Tod sehen kann. Sehr alt ist der Glaube, dab der Rus des Käuzchens auch wohl Leichbubn genannt, den Tod eines Menschen bedeute. Am Nicderrbein legi man dem Eesckrei der Elster dieselbe Bedeutung bei. Vcn den Hunden glaubt man ebenralls. da« ste durch anhaltendes Geheul den Tod eines Menschen verkünden. ' Blickt man solch einern beulenden Hunde über die llmke Schulter, so siebt man die Person, welche bald it-rben »mb Dah Menschen manchmal Vorahnungen haben, ist ein weitverbreiteter Glaub«. Diese Fähigkeit, wie man in katholischen Gegenden Westtalens sagt, bekommt niemand, der als kleines Kind zwei Freitage ungetanst gelegen hat. Mengen mit Vorgesichien sehen, hören oder suhlen angeblich den Tod einer Person voraus. Sie erblicken z. B. einen Leichenzug vor einem Hause, vernehmen das Fallen von Brettern das Zunageln eines Sarges uiw. Auch me Träume 'vielen eine Rolle: von Fischen träumen oder im Traum eine Feuersbrunst ohne Flammen sehen soll den Tod einer nahestehenden Person bedeuten. Bleibt eine Uhr ohne Grund stehen füllt ein Bild von der Wand, v'ckt der Holzwurm. Totenwurm genannt, krachen die Model nachts, bekommt ein Baum im Winter Blitten findet man im Garten ungewöhnlich viele oder grobe Maulwurfshügel, singen die Kruder vor einem Sause ernste Lieder. >o itirot bald jemand Findet die Wäscherin auf der Leiowa'che einer Perion kleine rötliche Kreuze. (Rostflecken). io lebt dieselbe n-cht mehr lange: fliegen krachzmde. Raben über dem Kops e'nes Menschen dabin. so sind sein.: Tage gezählt. ein Abeiglaube den schon bte alten Germanen rannten. Weiterhin bedeutet das E»v.,rnten eines Grab-
bügels de» Tod eines anderen Familienmitgliedes. Um weiteres Unglück zu verhüten, beobachtet man heut« no« vielfach allerlei abergläubische Vorschriften Ist der Th» enicretrelen. sc öffnet m-an baufrq dre Fenster des sterNe zimmers. damit sie nicht zerspringen und die e-eel« oen Leichnam verlassen kann, auch entternt nvan all« Blumen, weil ste sonst eingehen. Im Eegenlatz daru weiden die Fenster manchmal sosort Mchlollen und die Lougel im Stcrbo,-mmer verhängt. In der Grafschaft Bentbe.m blcibei- üe meist bis nach der Beerdigung ge-Älosten In Weiifalc wurde das Ableben eines Menschen früher sofort dem nächsten Nachbar angezeigt, der dre Kunde werter^ab. Wer als Letzter die Nachricht erhielt..und üe iom't nicht wcttcrgeben konnte, ging zu ernem Eichbaum oder einem Zaun und erzählte diesem die Trauerkund«, Tal er o e- nicht, sc'blieb der Tod an seinem Hause bangen, d. h.. es starb bald jemand darin. Der Tod des, Sausherrn wurde früher auk dem Lande sofort allem V-.eb anserergt de Bäume des Gartens muhten ebenfalls benachrrckt^t »erden. Das geschah, indem man sie schüttelte und dabei riex „Der Wirt ist tot! sonst gingen sie angeblich ein. Früher war es allgemein bräuchlick. bei Verstorbenen Totenwache zu halten, und zwar muhten aus dem Lande »ei einer ledigen Person die übrigen Ledigen des Dorfes a^ mechselnd wachen Zur Stärkung reichte man. ihnen Erfrischungen. (Hlliz s Um sich die Zeit zu verkürzen und nickt.vom Grauen, das die Anwesenheit des Toten wältig'n zu lasten. 'nulte man allerhand Svrele u nd e r. zählte einander Geschichten: zwischendurch wurde gebetet. Diese Sitte artete mehr in Larmen und Unfug aus des- halb wurde sie von der Geistlichkett, bekämpft und.schlreblich verboten. Vor dem Begräbnis öffnete man früher b.n Sarg bisweilen noch einmal, damit Freunde und Bekannte sich durch Händedruck vom Toten verabichredcn konnten, wie es ». B. in der Lüneburger Heide noch vor Jahrzehnten geschah. Ehemals war es. vielfach üblich, den Toten nicht früher zu begraben, als bis er wahrend e,ne» Sonntagsgottesdienstes in der Kirche gestanden und wie man sagte eine Predigt mitanaebort hatte. Der Lerche goh man e'nen Eimer klaren Masters nach, wenn sie da- Hau« verlieh, weil der Verstarbene..sonst, wie man in Westfalen glaubte, »'s Gefpenst Niruckkebre. Zu demselben Zweck verbrannte man das Sttoh, welches dem Toten als Unterlage gedient hatte. Die. Schünel, aus der er gewaschen worden war. trug man an einen Ort. wohin weder Sonne, not, Mond schien, oder man legte sie mit in den Sarg. Sobald dieser das Haus verlosten batte, kehrte man ö-e Stühle tezw. die Bank um. auf welcher er gestanden batte und lieh ste so einige Zeit stehen. Begegnete her ernem Leichenbegängnis zuerst ein Mann idem Zuge. so starb an- a-ülich zuerst eine männliche Person, im anderen Falle, erm. we-bl-ck-e tvar». Stendal nsw.l. Webte beim Begräbnis der Wind dem Zuge entgegen, io blreb das Gluck der Fa'mili- des Verstorbenen erhalten, hatte das befolg« ihn aber im Rücken- io galt das iur ein schlechtes Zeichen (Ste' dal usw.i. Gegen den Luxus bei Begräbnissen wurde-, frühzeitig Verfügung^ erlasten und gewisse Normen ausgostclll. Wie es erne Kleiderordnung gab. kannte man auch eine Trauerordnuns. di« den Schmuck an ben Hausetn usw die Kleidung der Leidtragenden dem Stande „des Verstorbenen gemäh bestimmte: für dre Lerchenichmause
gab es ebenfalls bestimmt« Vorschriften, auf deren Ubec- trctuna Strafen standen. Überreste der alten Lerchen schmäu'e finden wir beute noch hier und da auf dem Land«. Einzeln findet eine Bewirtung mit Kasse«. Kucken. Buttec- bratea und Scknavs nach der Trauerierer statt. Häuf g gehen die Trauergäste vorher nach Haus und vertuschen die ickv-arze Kleidung mit ihrem Sonntagsstaat. In der Ge«nd von Eelle wird gegenwärtig, noch nach dem Be- arnbni« rn der Dorfkirche e:n Gottesdienst mrt Predigt ab- «ebalten Die Sitte. d«m Toten einen Kranz zu spenden, mar früher lange nickt so verbreitet wie beute, auf dem Land- kannte man sie fast gar nicht. Meist wurde der Sarg nur mit einer Buchsbaumgirlande geschmückt. Zum Eedäcklni« des Toten hing man brs. auf unsere Zeit bauilg ,n der Kircke einen. Kranz mit WlMnungs'chleine auf. der jahrelang hängen blieb. __ ^
Die Toten.
Sic werden von Vergänglichkeit bedroht.
Sekt ste den Menschen nicht , mehr greifbar sind.
Und werden doch lebendig durch den Tod.
Mett ibre Seel« Führerschaft sewi-imt.
Sie werden eins mit Gottes Wesenheit
Durch ihres Daseins ausgereifte Frucht
Und füllen mit erschauter Ewrgkett
Der Menschheitsstunden atemlos« Flucht.
Lotte Tiedemann.
Gang?u den Toten.
Von Edith Lindner.
Aus der Wirrnis unserer Tage rette ich mich in eure sriedensreiche Gemeinde, spät, wenn die Lichter auf euren Gräbern zur Neige geben. . _ , ... , . . ....
Der Lärm der hastenden Straben ist noch in mir und die Trostlosigkeit dieser letzten irren Wochen und me Sorgen um das Morgen. _ . . _ _ .
Bei euch aber, ihr Toten, ist Frrede. Eure Seelen, an der Stätte eurer Grablegung uns doppelt nab. sprechen von der Kleinheit unseres armen Lebens.
Aus der Ebene eurer Kindbett, tastend und forschend, seid ihr alle einmal durch das Aiü>ante eines slublings- zarten Lebenslenzes hinangestiegen zu der Hohe des Daseins. Unler dem Gewölbe eines sonnigen Sommers, unter oen Schauern wilder Gewitter, vorbei an Abgründen, durch Schluchten.und durch Dornen. _ v n ., ,,
Unruhe und Sehnsucht. Eitelkeit und Leidenschaften, die in euren 3ldern brannten, hetzten euch »u unbekanntem Ziel
Und oock hat euch alle, die ihr hier ruht, das Lebens- schiif at, dieser stillen Küste gelandet.
Eine Zufallsgemeinde, die auf tausend verschwdenen Meeren des Lebens das Segel setzte zuni fernen Z«l. Und nun vereint an einer Stätte gemeinsam den ewigen Schiar
tüt ' ?pät wenn die Lichter aus euren Gräbern längst schon eclcichcn sind, kehre ich zurück in die Wirren der Gegenwart. Trost und Frieden im Herzen. Denn dre Meere dieses armen Lebens haben nur eine grotze aanwniwm« Kuit«. an der alle Wellen oerebben.
Euphorie.
(Das Wohlbefinden vor dem Tode.)
Der nachstehende Aufsatz ist ein Probestück aus dem bei Frans Deuttcke. (Leipzig und , Wien) jn zweiter, neubearbeiteter Auflage erscheinenden gelehrten Werke von Wilhelm Flieh: „Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie"
Euphorie heiht Wohlbefinden. Aber nicht das Wohlbefinden schlechthin wild damit bezeichnet, sondern lenes gesteigerte Wohlzefühl. das der Vorbote eines stäken Umschlages ist. Ein deutsche« Wort haben wrr dafür nicht.
' Wer Artur Schnitzlers „Professor Bernhardi kenm. weih von der Euphorie, jenern rätselhaften Uberwobllein vor dem Verlöschen. Ein armes Mädchen lMt in Bernhardts KUnik. rettungslos an Vauchfellentsunduim.. erkrankt Plötzlich kören seine Qualen aus. Der Körper wird von wunderbarer Leichtigkeit durckstromt. Da hofft es aus Geneiung. Und diesen Genesungsglauben will ihm der Arzt nicht durch den Priester rauben lasten, der mit den Sterbesakramenten kommt. Da« lost den Konflikt des
Schnitzler, d-r selbst Arzt ist., bat hier fienü* Krankheit gewählt, bei bei Me. Steigerung dos Befindens rcr dem Ende allgemein und seit langem bekannt 'ft. Vielleicht noch bei der Lungenschwindsucht ist die letzte Schein- besteruv« den Medizinern geläufig. Dah aber der „euphorische Sluftaki" ganz allgemein dem natürlichen Tod voranseht. davon steht in keinem Lehrbuch auch nur em — Sterbenswörtchen. Shakeioeare freilich weih das bester. „Me oit sind Menschen, schon des Todes Raub noch fröhlich worden! Ihre Wärter nennen s den letzten Lebensblitz . . ." (Romeo und Julia. V. 3,)
Tberese Derriertt erzählt in ihren ..Iugenderinnerun- gen" mit der ganzen Anschaulichkeit ihres Stils, wie besonders wohl und aufgeräumt ihr Schwiegervater amÄberid »or dem Tode war. Ebenso wohl wie dieser ..liebe alte Herr" nruh sich auch der Ebirurg Dieffenbach befunden haben, als er. aus dem KutscherLock sitzend, mrt Pettschen- gclnall beim Opeiattonss>aal in. der Ziegelstratze vorfuhr, den er lebend nicht mehr verlassen sollte. Er sank mitten im angeregten Vortrag in dre Arme semes Astistenten Langenbeck. Oder Thorwaldien, der im Theater sein Haupt auf die Schulter seines Lieblings neigte, um für immer auszuruben. Richard Wasner. bat am Vorabend fernes Todes dem Arzt in hetterster Laune Anekdoten erzählt, ganz ähnlich wie Luther, der. noch an seinem Todestag, so iVubelnfc bei der Mittagstafel sah. dah er durch seine Scki'urren alle »um Lachen brachte.
Aber nabt bloh am letzten Lebenstag s,bt es diese Sttioening des Befindens Die Euphorie vor dem Tod ist nur das krasseste Deiivlel. Auch rm Verlauf des Lebens besteht ste. Sie erscheint vor dem Ausbruch von Krankheiten. wenn auch in verfchiedsm-er Starke. Ich habe K«««r
^ern vom Alltag.
Erft wenn wir fern vom Alltag schretten lernen
Und von den lauten Freudenfesten scheiden.
Wenn unser Glaube greift nach fernen Sternen
Und wir nickt lachen mehr und nicht mehr leiden.
Wenn wir vor allen und vor uns tief schweigen
Und un« um ein Warum nicht mehr »eraualen.
Wenn wir wie Türm« sind und uns nie neigen:
Sind wir — wenn wir vor Menschen auch nicht zahlen.
_ Franz Mahlke.
Zerrissene Karten.
Skizze von Joseph Wenzler.
Er sab in dem Zimmer seiner Jugend. Das war fast mmer fein Aufenthalt in den wenigen Tagen, di« er wah- end le-nes Urlaubs dabem verweilte. Er hatte sich auf -icstn Tag vrireut. aber die Freude war - wie oft im -'eben - gröber als das Ereignis, Es war ihm doch alles remd geworden. Wo waren all dre bekannten Gesichter einer Juaendzeit? Wahrscheinlich in alle Welt ver'tteut. ieimattlüchtig wie er. Muitec u?d .V°ter woren tot Da rar nur nock' der Onkel, dreier/ barbeihme Alte, der rn rbm Pnier noch den Jungen iah. den er ^ lebr«n
mtte. Das war auch einer von lenen, dre glauben, wenn ie jemanden -in Streichholz leiben, c'nem sagen zu 'nusien ^..inan dre Pferfe derm Anstecken so und nr^t so halten
Er kina N 7 ! sich ru langweilen. Da gewahrte er auf 3 «m alten Kleiderschrank seinen Piolinkniten. Er grifs »anach und öffnete Da lag die Geige — wie es schien.
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immer noch iremd durch den Raum uud schkugen nicht an sein Herr Die Geige hatte keinen Ton- mehr, und sein
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'hm doch nft gewesen, als .feien er und se.ne Eerse «INS. Sind ihm nicht oft di« Trane« über die »r^en gelaufe«. als seine Violine sang, schöner als menschlich« Stimmen < Hatte er nicht oft das Gefühls gehabt, als seren dem Instrument zu Zeiten die Empfindungen seiner Seele en.-
"n^Und nun klang sie so kalt und iremd und spröde. Fast ärgerte er fich über sie. Wollte sie ihm zu verstehen geben, dab er ibr in den langen Jahren untreu geworden, dab er
ste festen? tzxhuisam wieder in den Kastor und empfand etwas wie Schuld. Er fchloh den Kasten und stellte ihn wieder auf den Sckrank. In diesem Augenblick batte er das Gefühl, als wurde er nie mehr dre Violine üm den Hals fasten. Er batte em« Abneigung gegen hi.
Er stand am Fenster und schaute tn die Nacht. Nebel dunsteten dranben und glitten kreisend über den Sims. Und in dem Giebel stand sein Schatten. Riesenhaft, korperhafr. Stand nein, schwebte in der Luft, ohne Grund unter den
^^Er scklvb das Fenster und zog, den Vorhang.»u.. Ein „naewiiles Gefüb! bemächtigte sich seiner. Auf einmal sitrak er zusammen. Ein tönender Ritz hatte ihn aus ernem Ä bet m Träumerei geweckt. Das war ieme Ee,se. Das Reiben einer Saite. Sie war knallend «egen den
Kasten gttchrungen.^ ^ in den Kopf und nur e i n
Gedanke ein Bild stand minutenlang in seinem G«hi«i. so wie dranben der Schatten seiner eigenen Gestalt m den
^^ Da^^Bild^enes Forsthauses, das da drauben vor der ^tattt Zwischen Gärten und Bäumen anmutig rm.Walde D^s altmodische, überladene und doch'so ..hermelig- a/L^.i mit h!>m alten Flügel. Der dunkle Madchenkopf und di« seinen Finger, di« lautlos über die Tasten glitten.
Der «arme Blick, der ans diesen Augen ftromtt. Rn »«Ir hatte er solche Augen gesehen. Diese Augen waren sein« Welt. So wähnte er. Sie silnd es nie geworden.
Dos war der letzte Abend Als sw Handels La«e chielte» und mitten im Spiele ihm die Sartze ivvana. Da ward das Spiel f«r immer zerristen.
Einige Tose später war des Mädchens Vater an Herz- !chlas gestorben Sie war f-ortgegangen. Unter fremd« Mer scher.. In der ersten Zeit hatte sie geschrieben. Und ihr Bild stand noch immer lebhaft vor ihm — io lebhaft wie in diesen Minuten. Da waren die Briefe seltener und nichtssagender geworden. Und waren .gam au-geblieben. Als er dann von iIrrer Verheiratung mit einem Kaufmann erfuhr, als er sie in feiner Vorstellung hinter dem Laden- tifch und am Stehpult lab. da war ihm. als habe., man ihm den letzten Farbenrest von dem schonen Ölgemälde w«a-
ßefr Tsci’tf;. er hatte ihr nichts vorzuwerfen! Was war denn aus dem jungen, schwärmerischen Studenten geworden? Hatte über ibn nicht der Kleinkram des Alltags den w«, davongetragcn? War er nicht ebenso unterlegen wie sie? Hätte er damals nicht wie über einen dummen Spott gelacht. wenn man ihm erzählte, was aus »hm werden wurde? Dak- iein Kopf zu einer lebenden Rechenmaschine werden, se-n Denken m nüchternem ASwägen und in Prozentsätzen 'erstarren sollte? Dab auch er ein Omer unserer Zeit sein
In der Tat. die Flügel waren ihm schmerzlos beschnitten worden Und doch brennt die Schmerzlosigkeit zuweilen in den Augen wie in dieser Stund«. Tut in den Flügeln auf einmal web. und wie man hingreift nach der schmerzenden Stelle, da erst wird man gewahr, dab man keine Flügel mehr bat
Er rafft lick auf. Was waren dreke Erinnerungen anderes als ein Träumen. Der flüchtige Traum einer vergangenen Welt, das Nachträumen eines Traumes, der n»e wiederkehien würde.
Morgen würde er abreifen. In der neuen Heimat wieder vergosten. Das Spiel war aus.
