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Berliner Abteilung des Lierbadrner Tagblatls: Derstn-Wilmersdors, Lanbacherstratze 35, Fernsprecher: Rhelngan 2186.

Nr. 256.

Dienstag, 13. November 1923:

71. Jahrgang.

Die Rückkehr des Kronprinzen.

Zn aller Stille ist der deutsche Kronprinz dem drohenden Einspruch der Entente und einem Ausreise­verbot der holländischen Regierung zuvorgekommen und hat die Welt vor die vollendete Tatsache gestellt, daß der nächste Prätendent der deutschen Kaiserkrone und der älteste Erbe der hohenzollernschen Ansprüche sich aus dem Boden der deutschen Republik, und zwar auf seinem Besitztum Oeltz in Schlesien befindet.

Die Bemühungen, dem Kronprinzen die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen, wurden nicht nur von seinen persönlichen Anhängern seit längerer Zeit betrieben, sondern sie fanden auch in weiteren politi­schen Kreisen eine günstige Aufnahme. Der Aus­gangspunkt dieser Bemühungen war weniger ein poli­tischer als ein menschlicher. Das Kabinett Stresemann beschäftigte sich gleich zu Beginn seines Amtsantritts mit der Frage der Rückkehr und entschied sie dahin, daß dem Kronprinzen unter bestimmten Bedingungen die Rückkehr und der Aufenthalt in Deutschland nicht verwehrt werden solle. Man erinnert sich dabei, daß Dr. Stresemann selbst vor zwei Jahren den Kronprin­zen aus Wieringen besuchte und man geht wohl in der Annahme nicht fehl, -aß in jener Unterredung der Anstotz zu einer politischen Lösung dieser Frage ge­geben wurde.

Wenn Deutschland in normaler ruhiger Entwicke­lung stünde, wenn die Frage der Staatsform lediglich eine solche theoretischer oder parlamentarischer Kämpfe wäre und wenn nicht die innere Lage Deutschlands für das Ausland der Gradmesser seines Verhaltens zu uns wäre, so würde sich wohl niemand, weder in Deutschland noch im Ausland au der Rückkehr des Kronprinzen stoßen, und das menschliche Gefühl vor politische Bedenken stellen. Zwischen dem Beschluß der Reichsregierung, die Rückkehr zu gestatten, und die Ausführung dieses Beschlusses haben sich jedoch Ereig­nisse einaeschoben, welche die Lage grundlegend ver- i . ändern können. Die deutlichen Anstrengungen der I Rechten, über den Weg einer nationalen Diktatur die Monarchie in Deutschland wieder aufzurichten, und der aus dieser Bewegung hervorgegangene Münchener Putsch haben die Entente veranlaßt, die Rückkehr des Kronprinzen als eine politische Bedrohung anzusehen und sowohl bei Deutschland als bei der niederländi­schen Rasterung entsprechende Schritte zu tun. Die Tatsache. daß diese Schritte zu spät kamen und daß sich der Kronprinz bereits in Deutschland befindet, schafft die politischen Schwierigkeiten durchaus Nicht aus dem Wege, sondern ist geeignet, sie zu verschärfen und für die deutsche Regierung zu einer unange­nehmen Belastungsprobe ihrer ohnehin kritischen außenpolitischen Lage zu machen. Das Kabinett Strese­mann Hai sich der Anfrage der Entente gegenüber vor­läufig aus den rein juristischen Standpunkt gestellt, daß die deutsche Regierung aus Grund der Gesetze n-cht in der Lage sei, dem Kronprinzen als deutschen Staatsangehörigen den Aufenthalt in Deutschland zu verbieten. Dieser Standpunkt ist rechtlich unanfecht­bar, aber wir misten, daß in der Politik die juristische Rechtslage nicht entscheidend ist, wenn Erwägungen politischer Zweckmäßigkeit in die Wagfchale geworfen werden. Zn französischen Zeitungen ist bereits der Gedankengang vertreten worden, der Kronprinz stehe auf der Liste der nach dem Derfailler Friedensvsrtrag auszuliefernden deutschen Militärs und Politiker. Deshalb müste von Deutschland ecneut seine Ausliefe­rung verlangt werden. Sollte diese Forderung tat­sächlich gestellt werden, so könnten sich daraus unab- sehlmre Konsequenzen ergeben.

Schon aus diesem Grunde wäre es sowohl im Zntereste der deutschen Politik als auch rm wohlver­standenen Zntereste des Kronprinzen selbst klüger ge­wesen, die Rückkehr auf eine ruhigere Zeit zu ver­schieben. Wenn es wirklich richtig ist, daß der Kron­prinz keinerlei politische Aspirationen hat. daß er der monarchistischen Bewegung in Deutschland nicht als Prätendent dienen will, sondern nur den Wunsch hat, als Privatmann und Familienvater in Deutschland mit seiner Familie vereint zu leben, so wäre dieser Wunsch wahrscheinlich in wenigen Wochen nach Be­ruhigung der politischen Atmosphäre ohne Gefährdung der deutschen Außenpolitik zu erreichen gewesen. Heute wird es schwer sein, dem Ausland klar zu machen, daß zwisch^r der inneren monaichischen Bewegung in Deutschland und der Rückkehr des Kronprinzen keiner­lei Zusammenhang besteht, und es ist mich nicht zu vermeiden, baß die Anhänger der Republik in Deutsch­land selbst mit Sorge und Ilnrube der Möglichkeit ent- gvgensehen, daß die zersplitterte monarchische Be- weaung in Deutschland sich um die Person des Kron- prj/"rn einigt und kristallisiert. Wir bedauern es, *“* ' >er Kronprinz sich nicht selbst rm Zntereste

Deutschlands das verhältnismäßig kleine Opfer einer kurzen Verlängerung seines Exils auferlegt hat. Roch mehr aber ist zu bedauern, daß die verantwortlichen Leiter der Reichspolitik der Entente Gelegenheit ge­geben haben, eine neue Klage über Deutschland einzu­bringen. Die Schäden, welche daraus in der außen­politischen Lage Deutschlands entstehen können, sind unübersehbar. Aber sie fallen ganz zu Lasten der Re­gierung, die es nicht verstand, eine an sich verständliche und zu billigende Maßregel den Forderungen der Stunde anzupasten!

Die Ansicht der englischen Presse.

London. 13. Noo. Nach einer Meldung der Preß Astociation behebt Grund zu der Annahm?, daß die brr- rische Regierung mit der Ansicht der holländischen Regierung überein stimmt, daß es dem vormaligen deutschen Kronprinzen sreistönde. Holland zu verlassen. Man sei der Meinung, daß seine Abreise nach Deutschland keinen Bruch des Neriailler Vertrages bedeute, .

Der diolomatischc Berichterstatter der „Westminster Gazette" schreibt, die Rückkehr des früheren deutschen Kron­prinzen nach Deutschland habe anscheinend in gut. unter­richteten Kreisen in London wenig Beunruhigung hervorgerusen, Die deutsche Regierung hätte ihn nickt nach Deutschland zurückgelassen, wenn sie Grund zu der Annahme gehabt hätte, daß er Schwierigkeiten Hervorrufen werde. Stresemann habe sich entschlossen gezeigt seine Autorität aufrecht zu erhalten, und wenn er den ehemaligen Kron­prinzen habe zurückkebren lassen, io r«i es sicher nicht des­halb geschehen, um einen Sammelvunkt für einen monar­chischen Putsch zu schassen. Die Frage bleibe bestehen ob sich die britische Regierung den Alliierten bei der For­derung nach Au s'lfi ef e rtt n g des ehemaliger, Kronrrinzen als Kriegsschuldigen, anschließen werde. Wenn die Dentisten ibn ausliefern sollten, würden ne ihn damit möglicherweise zum Rationalhercs machen. Die Botschaftrrkonferenz werde vielleicht einen Protest er­beben. doch werde die Angelegenheit dann fallen gelassen werden. __

Hitler verhaftet.

München, 12. Rov. Der Führer der Natrsnal- svziallstrn Hitler ist am Staffelsee ohne Wider­stand verhaftet worden.

München, 12. Rov. Wie der „Bayerischen Staats­zeitung" amtlich mitgeteilt wird, bestätigt es sich, daß der Führer der Nationalsozialisten. Hitler, am Sonntagabend in einer Billa in Uffing am Staffel- See verhaftet worden ist. Wie zu erfahren war, er­folgte die Verhaftung durch Landespolizei in der Villa Hanfstängl. Sodann wurde Hitler rm Auto unter Bewachung abtransportiert. Er hatte nur eine Brennung an der Schulter.

Die Lage in München.

München. 1?. Rov , (Ei« Drahtbericht.) Von gestern obend ab ist die Polizeistunde auf 9 30 Uhr sestge- sitzt worden. Die Straßenbahnen verkehren bis 9.30 Uhr. Die Tlcater und Lichtioie!« dürfen voraussichtlich beute wieder ihre Pforten öffnen.

Sondergerichte in Bayern.

München. 13 Rov, Das bayerische Staatsministerium hat den General st aatskommissar ermächtigt. Vergehen gegen seine Verfügungen durch bestehende oder einzuführende Sonders«richte aburteilen zu lasten.

Nationalsozialistische Demonstrationen.

Berlin. 13. Rov. Ein eigener Drahtbericht des „Vor­wärts" aus Dresden besagt, daß in Hof am ^amstag eine Demonstration von etwa 2000 Natronalsozia- listcn und Mitgliedern des Bundes Oberland stattgefunden bat. Die Plakate mit dem Kahr Verbot der nationalisti­schen Arbeiterpartei und des Bundes Oberland wurden von den Plakatsäulen abgerissen. . .

In Zwickau draug die Polizei in eine Sitzung von Mitgliedern der nationalsozialistischen Anbeitervortck ein und brachte die Anweienden nach Feststellung ihrer Namen nach der Polizeiwache. Das bei ihnen Vorgefundene Material wurde beichlamiabmt. ,

In Wurzen wurde am Samstag ein sog. Deutscher Abend veranstaltet. Als dabei die Stahlhelme das Ebrhardt- Lied sargen, kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, die cinzugreisen versuchte.

Der lärr-Ausschritz des besetzten Gebiets beim R^ichstanzl r.

Berlin, 13. Rov. Infolge des Buckdruckerftreiks ist beute morgcn nur der „Vorwärts" erschienen. Wie das Blatt meldet empfing gestern der Reichskanzler den l 5 e r - A u s s ch ii ß des besetzten Gebietes, um ni't ihm über die Lage an Rhein und Ruhr zu beraten. Um 5 Uhr nachmittags sind die Parteiführer zu Dr. Stresemann gebeten worden, der ihnen von dem Er- gebnis der Beivrechungen mit dem 15er-Aussstniß berichtete und ihre Zustimmung zu den vielleicht zu fassenden Be­schlüssen einbolen wollte. Bereits am Montagabend be­faßte sich ein« Kabinettssttzuna mehrere Stunden mit den heute zu erörternden Fragen.

Wiedereröffnung der Aachener Hochschule.

Aachen, 12. Rov. Di« Rheinlandkommistion hat die Wiedereröffnung der Technischen Hochschule vom lg November ab im alten Umfang gestattet. Die Wieder- einieise der Studierenden kann vom 14. November ab erfolgen.

Die Lage noch immer verworren und undurchsichtig.

»8. Berlin, 13. Nov. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Verworren und undurchsichtig. das bleibt nach wie vor das Kennzeichen der imnerpolitifchen Situation, und zwar sowohl im Hmblick aus Bayern wie auf die Regierungskrise im Reich. Auch die heute vorliegenden Nachrichten aus München zeigen, daß v. Kahr mit einer sehr starken Gegenströmung zu rechnen hat. wenn es auch nicht den Tatsachen entspricht, daß stch die ver­einigten vaterländischen Verbände von ihm losgesagt haben. Diese Verbände haben ihm lediglich einige Forderungen unterbreitet. So verlangen sie u. a.

Beseitigung des Ministeriums Knillins.

Amnestie für die am Putsch Beteiligten sowie Aufhebuns des Verbots der aufgelösten Verbände. Eine Antwort Kabrs auf diese Forderungen ist noch nicht erfolgt und auch kaum in Kürze zu erwarten. Letzten Endes wird wohl auch Herr v, Kahr abwarten. wie stch schließlich die Bäuerisch« Volksvcrlei zu ihm stellen wird. In den letzten Mü--chener Meldungen taucht nun auch wieder der Name Ehrhardts auf. der merkwürdigerweise bei dem Putsch nicht genannt wurde. Und wenn nicht alles täuscht, so glaubt Ehrhardt, daß er der Mann sei. der die nationalisti­sche Bewegung auffangen kann,, und es scheint nicht un­wahrscheinlich. daß.er jetzt bemüht sein wird, stch zum Führer der ja augenblicklich führerlosen Bewegung zu machen. Sein Verhältnis zu Kahr ist im Augenblick noch nicht ganz geklärt jedoch glaubt man in unterrichteten Kreisen damit rechnen zu können, daß

Ehrhardt eine feste Stütze der Diktatur Kahr wird. — Die Reichsrcgierun« scheint nicht entschlossen, von sich aus etwas z»r Klärung der Lage in München zu tun. Dr Stresemann hat ja in seiner Sonntagsrede in Halle der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß das Strertbeil zwischen Bauern und dem Reich möglichst bald begraben werde, und dem will offenbar

eine Aussprache

iv'ener. zu der der bayerische Ministervräsident von Knillins heute in Berlin erwartet wird. Ob es ge­lingen wird, wirklich zu einer Verständigung zu gelangen, darf man heute wohl noch bezweifeln. Auf reden Fall bat aber di« Politik der Nachgiebigkeit Bayern gegeuüber dabin geführt, daß die Sozialdemokratie stch in die Ovvoiitionsstellung gedrängt fühlt. Es kann brüte keine Rede mehr davon sein, daß das Kabinett Strese­mann im Parlament etwa auf eine wohlwollende Duldung der Sozialdemokratie rechnen kann. Die Angriffe des „Vorwärts" gegen das Kabinett verstärken stch und auch d'« jetzt vollzogene Ernennung des früheren Oberbürger­meisters Dr. I a r r e s zum Reichsinnenminister bat den lebhaftesten Unwillen des sozialdemokratischen Organs her­vorgerufen. „Dr. Jarres". so meint der „Vorwärts", „kann den Entschluß zur Annahme des Amtes nur gefaßt haben, wenn er gewillt ist. die voraussichtlich nur noch kurze Frist, die dem Kabinett Stresemann gesteckt ist. zü überleben und stch für ein Recktskabinett bereit zu halten. Mit dem Eintritt des durchaus alldeutsch gerich­teten Herrn Dr. Jarres ist das Rumvfkabinett noch weiter nach rechts geraten." Das Blatt erinnert daran, daß bei Abbruch des passiven Widerstandes Dr. Jarres auf einem wesentlich anderen Standpunkt gestanden habe ass Dr, Streiemann. und meint, daß über

die Haltung der Sozialdemokratie gegenüber dem Kabinett jetzt kein Zweifel mehr bestehen könnte. Die Aus­sichten für das Kabinett stnd alles andere als glänzend, wenn nicht der Kanzler es doch noch versuchen wird. Hilfs- trurven auf der Rechten ru suchen. Der Kampf gegen eine derart starke Gegnerschaft von rechts und links dürfte eine Aufgabe 'ein, die auch die Kräfte Dr. Streiemamns übersteigt.

Erwähnt sei in diesem Zusammenhang noch, daß der „Vorwärts" den

Reichswehrminister Dr. Erßler als amtsmüdr bezcichvet. Der Fall Lostow und die Übertragung der voll­ziehenden Gewalt an General v. Seeckt hätten ihn in eine unleidliche Situation gebracht, so daß er bei der jetzigen Regierungskrise ausickeiden dürfte. Ehe jedoch über die weitere Entwicklung nicht Klarheit besteht, dürfte «auch Dr. Geßler keinen endgültigen Beschluß fassen!

Einberufung des Reichstags.

Berlin. 13. Rov. (Erg. Drahtbericht.) Die sozial­demokratische lNeickstagsfraktion bat einen A n i r a a auf sofortige Einberufung des Reichstags aus- gearbritet. der voraussichtlich am Dienstag dem Haufe zu- geben wird. Präsident L ö b e dürfte in diesem Falle ohne nochmalige Befragnng des Ältestenrates eine Plenar­sitzung de - Reichstags für Ende dieser Woche, frühestens aber für Donnerstag, anberaumen. Rach der Bcrialsung muß er dies tun. wenn ein Drittel des Reick»' tags diese Forderung stellt.