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Montags 12. November 1923.
71. Jahrgang.
Eötzendammerung.
Der Hitler-Ludendorff-Putsch hat eine schnelle und «erhaltnismätzig schmerzlose Erledigung gesunden Das Gespenst der nationalsozialistischen Aktionen yar seine Drohungen verloren. Dennoch mutz vor einer leichtfertig optimistischen Beurteilung der gegenivarlt- gen Situation dringend gewarnt werden. Datz ras aanze Umerfangen auf das Ausmatz einer jämmerlichen l^iisode beschränkt geblieben ist, bedeutet für die deutschen Republikaner keine Befreiung vlM der Pflicht, sich über das, was geschah, wie über das, was nun zu tim ist, unzweideutig Rechenschaft abzulegen.
Herr Hitler hätte nie die Rolle des verbrecherischen Deniagogen spielen können, wenn der Kreis um Ludendorff die nach Bayern ausgewanderten .preuglichen Offiziere, ihn nicht in seinem Erötzenwahn grog-. depäppelt hätten. Er wäre nie zu irgendeiner Bedeutung gelangt, wenn Herr v. Kahr ihn nicht als Ministerpräsident liebevoll gefördert hätte. Dabei ist Hitler geborener Österreicher. Im Jahre 1889 zu Braunau als der Sohn eines Zollbeamten geboren, verdiente er sich nach dem Tode seiner Eltern sein Brot durch Landarbeit und trieb daneben in Wien Arch'tei- tur- und Malerstudien. 1913 kam er nach München, um sick> als Kunstgewerbler'auszubilden, machte dann den Krieg als Freiwilliger mit und trat hierauf in die bayerische Reichswehr ein, schied jedoch bald aus, da er sick zu Höherem berufen fühlte. Dies Höhere war die Gründung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei im Jahre 1919. Der internationale Eharakter der Nationalsozialistischen Partei wurde dadurch gekenn- »zeichnet, dah iw August'1920 auf einer Tagung in Salzburg die Vereinigung aller Nationcrlsoziallsten Österreichs. Deutschlands und der Tscheche: beschlossen wurde. Aber das nationalsozialistische Programm enthält nichts Originales, sondern ist eine Zusammen- stoppelung demagogischer Forderungen aus allen möglichen, auch aus'dem sozialistischen Programm. Zur Durchführung ihrer Forderungen verlangen die Hitler-Leute „die Schaffung einer starken Zentral- gewalt des Reiches". Dies ist der Hauptpunkt, wo sich die Wege Hitlers von denen der bäuerischen Föderalisten scheiden. Äls Grundlage seiner Macht schuf sich Hitler seine Sturmtrupps, auf die gestützt er seit Jahr und Tag den frechsten Kampf gegen die Reichsregierung und ihre Organe getrieben hat. Beispielsweise schleuderte er am 8, April 1923 in einer Versymmlung im Löwenbräukeller zn München die Worte ins Volk: „Wir wollen regiert sein mit der besten Auslese des Volkes, jetzt aber werden wir von dessen Auswurf regiert." Und om 19. April 1923 kennzeichnele er seine Hetziätiakcit selbst in einer Zirkusversammlung zu München, indem er sagte: „Ich werde nun. nacheinander acht Massenversammlungen halten, und.,wenn so fortgesetzt Öl ins Feuer gegossen wird, mützt« ein Wunder aeschehen, wenn es nicht zur Erploston kommt." In seinen Kundaebnngen und mich in seinen zahlreichen Interviews, die der eitle Patron auländischen Aus- fragern gewährte, stellte sich Hitler immer vor als den Hort wahrer nationaler Gesinnung. Wie wenig d'es aber zutrifft, zeiate sich darin, daß er sich in einer nationalsozialistischen Verlvauensmännerversammlung im Februar 1923 als Gegner der nationalen Einheitsfront. die er^eine „stinkende Jauche" nannte, bekannte.
Der nationalsozialistischen Bewegung gestalteten die bayerischen Ministerpräsidenten von Kahr bis Knilling eine Bewegungsfreiheit, die ungesetzlich und vernunftwidrig war. Man Hetz einen Staat im Staate. eine > illeaale Armee im Innern entstehen. Dunkle politische Spekulationen.und Fetabeit verknüpften sich hier, und immer höber stieg die Gefahr.
Alle Illusionen sind fetzt über Nacht grausam ver- ftoaen. Die Götzendämmerung ist einaetreten. Herr Hitler erwies sich als Hanswurst und Ludendorff zeigt der Mitwelt, datz alle die recht hatten, die in ihm einen politisch vollkommen unfähigen Mann sahen.
Die Schuld und die Schuldioen der Vergangenheit stehen fest Aher es märe verfehlt, wollte man über dem karnevalistischen Auszug der Münchener, Hans- wurstiade die ungeheure Gefahr verpesten, rn der Deutschland geschwebt hat und noch schwebt?
Dr. Iarres Reichsinnenminifter.
Berlin. 1» Nov. (Eia Drabtberickt,) Der Reichs- v r ä. >: b e nt ernannte den Oberbürgermeister Dr. Iarres »um Rc'chsminister des Innern.
Karl Iarres wurde am 21 . Sevtember 187« in Rem- bbeid geboren Er stud-erte in Bonn Berlin London und Barj? Nehtswist-nichaiten und trat 1991 in dZt Dienst der Stadt Düren. Von dort kam er 1907 als. Beigeordneter , nach Köln. Im Jahre 1910 wurde er Bürgermeister in ieiner Vaterstadt Remscheid und im Juli 1914 kam er als Obcrbiiigcrmeister nach Duisburg.
Vor einem neuen Putsch in München?
München. 12. Nov. (Eig. Drahtbericht.) »»«»$««*•
Abteilungen verstärken sich mit Maschinengewehren, und er
halten von allen Seiten Zuzug. Anschmmend mtt ma«i einen neuen Putsch vorbererte«. Der Haltung »es Herrn - v. Kahr gegenüber dieser Bewegung ist noch »n- gellärt > r /
Studentische Kundgebungen in München.
München. 12. Nov. (Eig Drahtbericht.) . Am Samo- tagabead verstärkten stch die Demonftrationszuge. die aus den Fenstern vieler Hauser mit Henrufen uns Tücherlchwenken beruht wurden. In den waten Abendstunden sperrte di« Reichswehr die Straßen und Platze de^ inuereu Stadt ab. Trotzdem gelang es einem Demom stwtionszug. der nationale Lieder sang und Hochrufel au- Hiller und Lndendorff ausbrachte, bis arn den Max- Joseph-Platz zu kommen. Als d'e Reichswehr sich anscknckte den Platz zu säubern und Maschinengewehre in Stellung brachte, ltob die Menge auseinander. GZien 10 Uvr abends beruhigte sich das Stadtbild. Die Nacht zum S o n n t a g i st r u h i g ,v e r l a u k e n, Gestern Sonntag- rormittag Hand aut dem Königsplatz eine grobe Kuno- g e b u n g der Slvdenten statt, rn der wiederum gegen Kabr und für Hitler Stellung genommen wurt«. Verschiedentlich kam es auch zu Ansammlungen auf verschiedenen Platten Da aus dem E h r e m s e e g a u beunruhigende Nachrichten . vorliezen. ist eine i eld- marschmöbig ausgerüstete Abteilung Reichswehr dorthin
abge^mige». Todesopfer in München.
München. 12. Nor. (Eig. DrahtÄricht.) Es ist ein weiteres Todescsier des Zusammenstoßes zu beklagen. nämlich der 18iährige Klaus v. Tage Damit ha' stch die Zahl der Todesopfer auf 19 erhobt. Im Per- lackcr Forst bat die Polize, ein nationallozialistisches Waiienlo.ger aufgehoben, das anscheinend am FriitNg eingerichtet worden war.
Falsche Gerüchte,
München.. 12. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Die Beer d i g a n g der Opfer des Putsche« vom 9. November wird mcigeu staiiünden. Die Gerüchte, daß. di« vaterlandi- schcn Verbände ein Ultimatum an den Generalstaats- kornmiffar gerietet hätten. bewahrheiten «lch urcht.
Kein Selbstmord Ludendorffs.
München. 12. Nov. (Eia Drahtbericht.) Entgegen anderslautenden Mellungen über einen Selbstmord des Generals Lndendorff sind wir in der Laae mitzuteilen dau alle diese Nachrichten unwahr stnd. Ludendorff befindet stch wohlbehalten in Ludwigsbobe. *
Das Verfahren Lndendorff vor dem Ersten Staatsanwalt ist im Gange.
Münchener Pressestimmen.
MLnche«. 19. Nov. Die Münchener Morgenvress« nimmt ru den Ereignüsen des gestrigen ereianisvollen 5ages eingehenb Stelluna. Sre ill einmütig ln oer Der- urteilung des Hitler-Puttzbes.
Die ..Münckrner Neuesten Nachrichten" ivreche-n von einem Wortbruch Hitlers, der zur Freude aller iuncidculschen Feinde Deutichlands ein« der größten. Der- lätereicn am denffcken Dolle und an der d^tlchen Einhell begangen habe. Am schmerzlichsten ist der Gedanke an die Tausenden ron jungen Leuten. d,e begeistert dem vergötterten Führer folgten, ohne, zu ahnen, welüxs.Eotel mit ihnen getrieben wurde. C,e setzten mutig ihr Wirges > Leben in dem Glauben ein damit dem Vaterland zubienen. Und dieses Verbrechen Hitlers ,st sein größtes. Er erreichte. zur Freude Ux Feinde und Verräter Deutschlands, daß Brüder gegen Brüder iind Vater gegen Sohne schießen mußten Das Blatt glaubt, daß auch Ludendorii von Hitlers Anschlag überrascht wurde.
Der .Bayerische Kurier" bezeichnet das Vorgehen als einen Tag der Schmach und der Trauer. Es könnte kein Wort hart genug sein. d,e Haltung derienigen zu brandmarken, die nicht davor ruruckschreckten. am fünften Jahrestag der Revolution das bayerische und das deutsche Volk zum zweitenmal tn den Abgrund des Bürgerkrieges zu stürzen. ,
Der „Bölkifche Beobachter" verboten.
München. 19. Nov. Das EMetnea des Völkischen Bei-bachters" und des „Heimatlandes" ist verboten worden.
Die Stellungnahme der Reichsregierung.
Berlin 12 Nov. Zu den letzten Nachrichten aus Ravern erfährt der „Vorwärts", daß nach Auffassung der RpiF,8reaieruna die Lage in Bayern noch nicht ge- nüaM geklärt sei. Die Haiteittlallung Ludendorffs bebe in Berlin überraickt und sei ohne Fühlungnahme mit der Reichsregierung erfolgt. Die Reichsregierung mulle stch ihre Stellungnahme dazu Vorbehalten, bis ste über die Met-ve der Haftentlassung unterrichtet sei.
Die Botschafterkonferenz zu de» Münchentlr Ereignissen.
Daris 11. No«. Die Morgenyreste meldet, daß D o > »- cars in feiner Eigenschaft als Vorsitzender der. Dokschafter- konteren, vorgestern nachm'ttag 5 Uhr die Mitglieder der Konferenz angesichts der Ereignisse in München zu einer S'tzung zulammenberufen hatte. Inzwischen hatlln aber so lchreibt der „Petit Parisien". die Ereignisse in Deuffchsand eine andere Wendung genommen. Angesichts der Unmälichkeit. stch auf unkontrollierbare und. ävvder-
inrechend! Meldungen zu stützen, hätten daher d,e Mit- wreweiroe T>eto^, t , ni-i.-n VeriuL aufgegeben.
ÄN-vrien ailtaenammen woroen ,ein. UNI. iuu= ««»tlonärer Beffuck in Deutschland unternommen werden tollte sofort gegen das Wiederaufleben des tnilitar'- schcn 'oder eines°größeren monarchistischon Putsche? ein-
Heß! im« (eine Sliimg.
as. Berlin, 12. Nov. (Drahtmekdung unserer Berliner Abteilung.) Zn einem Augenblick, in dem e? vor allem darauf ankommt, die große Masse politisch einwandfrei zu unterrichten, haben wieder einmal
die Berliner Buchdrucker den Streik beschlossen,
La ihnen der Schiedsspruch des Reichsarbeitsministeriums nicht die Erfüllung aller ihrer Forderungen brachte. Offenbar wollen sie. solange die sstotenpresie noch mit. Hochdruck arbeiten muh — und das Ende dieser Woche dürfte ja auch das Ende dieser Periode bedeuten' —' iljr« Position ausnutzen und zu -erreichen versuchen, was noch erreicht werden kann. Wie weit bei diesem von den Gewerkschaften nicht anerkannten wilden Streik noch politische Machenschaften mitspielen. ist im Augenblick noch nicht einwandfrei festzustellen. Der Inhaber der vollziehenden Gewalt, General von Seeckt, hat sofort eine Verordnung erlassen, nach der eine Arbeitsniederlegung in lebenswichtigen Betriebe,« — zu denen ja bekanntlilch auch die Notendruckereien gehören — verboten wird, doch bleibt der Erfolg einer solchen Matznabme natürlich abzuwarten. Das nachrichtenbunqrige Berliner Publikum bleibt Mo zunächst auf den „Vorwärts" und die rechtsradikale „Deutsche Zeitung" angewiesen, während bis auf das Blatt Stsaerwalds „Der Deutsche" — die christlichen Gewerkschaften lehnen den Streik ab — die Buchdrucker aller anderen Blätter in den Streik getreten sind Freilich genügen auch diese - Blätter, um ' feststellen zrl können, datz die Lage noch i m M e r r e ch t e r n st ist.
5)errn v. Kahrs Eharakterbild schwankt freilich nach der Freilassung Ludendorffs kaum noch. Aus Äutzerunaen. die er Presievertretern gegenüber tat, geht mit aller Deutlichkeit hervor, dah ibm weniger e»ue tiefompfundeue AbneiWno gegen den Hochverrat- Hitlers und Ludendorffs zum Abrücken von diesem Putsch veranlatzte. als vielmehr die Erkenntnis, datz dieses Unternehmen
von vornherein zum Scheitern verurteilt
war. Er erklärte nämlich u. a.:
„Uns dreien. Lossow. Seiher und mir, war bereits nn Augenblick des Überfalls völlig klar, dah. das von Hitler und Ludendorff eingeleitete Unternehmen in wenig Tagen vollständig zusammen- brcchen mutzte, politisch und wirtschaftlich. Ich wußte auf Grund meiner vorangogangenen weitgehenden und eingehenden Erkundigungen, von denen ich auch den Führern der vaterländischen Verbände Kenntnis gegeben hatte, datz bei allen maßgebenden Ver- hMicn in Deutschland die Dinge nicht so liegen, w,e Hitler und die Seinen sich das vorgestellt haben. Und dann wußte ich auch, datz Ludendorff in Norddeutsch- lcmd von großen Teilen der vaterländischen Verbände abnelehnt wird, schon.wegen der außenpolitischen Wirkungen. Ich wußte weiter, datz Hitler in Norddeutschland einen kaum nennenswerten Anhang besitzt und fast einhellig nickt bloß- abgelehnt, sondern direkt bekämpft wird. Es war . mir auch bekannt, datz in den norddeutschen vater- ländischen Kreisen über die Führung und die Wege noch große Uneinigkeit herrscht."
Dies Bekenntnis einer schönen Seele ist gewiß nicht uninteressant. Zn M u n ch e n scheint es ' allerdings weniger. -Eindruck he-- vörgerufen zu haben, und es bleibt abzuwarten, ob die B a yer i sch e V o l k spar t e i Herrn von Kahr auch fernerhin ihr Vertrauen aussprechen wird. Allem Anschein nach machen sich nämlich innerhalb der .Partei
Strömungen gegen o. Kahr
bemerkbar, die es vielleicht der Regierung Knilling er- möalichen können, sich dieses unbeguemen Generol- staatskommissars zu entledigen Vorerst sind ,edoch dre Dinge noch nicht so weit gediehen.
Auch in der Frage der
Regierungsumbildung
im Reich ist man keinen Schritt weiter gekommen. Selbst den Sozialdemokraten scheint das jetzt beliebte Verfahren allzu langweilig. Sie dringen nämlich auf eine Klärung, und der „Vorwärts" weitz M melden, daß die Reichstagsfraktion der Sozialdemokratie, die am Dienstag zusammentritt, voraussichtlich die Einberufung des Reichstags fordern wird. Die Fassung des Artikels läßt dabei den Schluß zu, datz das Minderheitskabinett Stresemann nicht gerade auf eine wohlwollende Aufnahme bei» den Sozialdemo- 4 traten rechnen kann.
